{"id":218725,"date":"2026-07-22T12:28:08","date_gmt":"2026-07-22T12:28:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/218725\/"},"modified":"2026-07-22T12:28:08","modified_gmt":"2026-07-22T12:28:08","slug":"radioteleskop-wird-weltraumradar-netzwerk-erfasst-objekte-in-36-000-km-hoehe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/218725\/","title":{"rendered":"Radioteleskop wird Weltraumradar: Netzwerk erfasst Objekte in 36.000 km H\u00f6he"},"content":{"rendered":"<p>Ein internationales Forschungsteam schaltet Gro\u00dfantennen zu einem Weltraumradar zusammen. Das System soll mehr als zehnmal empfindlicher sein.<\/p>\n<p>        <img width=\"1200\" height=\"600\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/308923151-scaled-e1784720430773-1200x600.jpg\" class=\"single__post-image wp-post-image\" alt=\"Das Mark-II-Teleskop und das 76 m gro\u00dfe Lovell-Teleskop am Jodrell Bank Observatory im Abendlicht\" decoding=\"async\" fetchpriority=\"high\"  \/><\/p>\n<p>Das Mark-II-Teleskop und das 76 m gro\u00dfe Lovell-Teleskop am Jodrell Bank Observatory im Abendlicht. Im LBMR-Projekt dienen solche radioastronomischen Gro\u00dfantennen als empfindliche Empf\u00e4nger f\u00fcr Radarechos aus dem geostation\u00e4ren Orbit. <\/p>\n<p class=\"wp-caption-source\">Foto: picture alliance \/ robertharding | Ed Rhodes<\/p>\n<p>Radioteleskope sollen k\u00fcnftig nicht nur Signale ferner Sterne und Galaxien auffangen. Ein internationales Forschungsteam hat mehrere Gro\u00dfantennen zu Empf\u00e4ngern eines verteilten Radarsystems umfunktioniert. Bei einer Live-Demonstration lie\u00dfen sich damit Satelliten und andere Objekte im geostation\u00e4ren Orbit erfassen und die Messdaten in Echtzeit verarbeiten.<\/p>\n<p>Hinter dem Projekt steht ein Team unter Leitung der University of Birmingham. Beteiligt sind au\u00dferdem die University of Manchester, die Goonhilly Earth Station, das Lincoln Laboratory des Massachusetts Institute of Technology und die australische Forschungsorganisation CSIRO. Finanziert wird das Vorhaben von der britischen Raumfahrtagentur UK Space Agency.<\/p>\n<p>Schwache Radarechos aus 36.000 km Entfernung<\/p>\n<p>Die \u00dcberwachung des geostation\u00e4ren Orbits stellt Radarsysteme vor besondere Herausforderungen. GEO-Satelliten bewegen sich in rund 35.786 km H\u00f6he \u00fcber dem \u00c4quator mit derselben Winkelgeschwindigkeit wie die Erde. Von einem festen Punkt am Boden aus betrachtet scheinen sie deshalb am Himmel stillzustehen.<\/p>\n<p>In diesem Orbit befinden sich zahlreiche Kommunikations-, Wetter- und milit\u00e4risch genutzte Satelliten. Zugleich kreisen dort au\u00dfer Betrieb genommene Raumfahrzeuge, ausgebrannte Raketenstufen und kleinere Tr\u00fcmmerteile. Aufgrund der gro\u00dfen Entfernung erreichen deren Radarechos die Erde jedoch nur stark abgeschw\u00e4cht.<\/p>\n<p>Konventionelle Radaranlagen ben\u00f6tigen deshalb leistungsstarke Sender und gro\u00dfe Empfangsantennen. Das Projekt Long Baseline Multistatic Radar, kurz LBMR, verteilt diese Aufgaben auf r\u00e4umlich voneinander entfernte Anlagen: Ein Radar beleuchtet das Zielobjekt, w\u00e4hrend mehrere Radioteleskope und Kommunikationsantennen die reflektierten Signale auffangen.<\/p>\n<p>Lovell-Teleskop dient als empfindliches Radar-Ohr<\/p>\n<p>F\u00fcr die Vorf\u00fchrung nutzte das Forschungsteam unter anderem das Lovell-Teleskop am Jodrell Bank Observatory. Seine vollst\u00e4ndig bewegliche Parabolantenne besitzt einen Durchmesser von 76 m. Hinzu kamen Antennen des britischen Radioteleskopverbunds e-MERLIN sowie eine 30-m-Kommunikationsantenne der Goonhilly Earth Station in Cornwall.<\/p>\n<p>Diese Anlagen sind normalerweise darauf ausgelegt, extrem schwache Radiosignale aus dem Weltall zu empfangen. Genau diese hohe Empfindlichkeit macht sie auch f\u00fcr Radarmessungen interessant. Nach Angaben des Projektteams kann die Einbindung der Gro\u00dfantennen die Empfindlichkeit bestehender Radarsysteme um mehr als den Faktor zehn erh\u00f6hen. Dadurch sollen sich kleinere Objekte \u00fcber gr\u00f6\u00dfere Entfernungen erkennen lassen.<\/p>\n<p>Die Radioteleskope senden dabei selbst keine Radarstrahlung aus. Sie arbeiten als passive Empf\u00e4nger und registrieren die Echos eines getrennten Senders. Weil Sender und Empf\u00e4nger an unterschiedlichen Standorten stehen, handelt es sich um ein bistatisches beziehungsweise \u2013 bei mehreren Empf\u00e4ngern \u2013 multistatisches Radar.<\/p>\n<p>Messstationen m\u00fcssen exakt synchronisiert sein<\/p>\n<p>Die weiten Entfernungen zwischen den Antennen verbessern die Beobachtungsm\u00f6glichkeiten, erh\u00f6hen aber zugleich den technischen Aufwand. Die empfangenen Signale m\u00fcssen pr\u00e4zise zeitlich synchronisiert, zusammengef\u00fchrt und dem richtigen Objekt zugeordnet werden. Schon kleine Zeitfehler k\u00f6nnen die berechnete Position oder Geschwindigkeit verf\u00e4lschen.<\/p>\n<p>Bei der Demonstration wurden die Signale der r\u00e4umlich verteilten Anlagen in Echtzeit verarbeitet. Vertreter aus Beh\u00f6rden, Verteidigung und Industrie konnten die erfassten Radarsignale und daraus gewonnenen Messwerte live am ESA-Standort ECSAT im britischen Harwell verfolgen. Nach Darstellung der beteiligten Universit\u00e4ten war dies die erste Echtzeitvorf\u00fchrung eines solchen Radarsystems mit langen Basislinien und mehreren verteilten Empf\u00e4ngern.<\/p>\n<p>Fr\u00fchere Versuche hatten bereits gezeigt, dass weit voneinander entfernte Radarsender und Radioteleskope gemeinsam Satelliten erfassen k\u00f6nnen. In einer 2023 ver\u00f6ffentlichten Arbeit wurden unter anderem das US-Radar Millstone Hill und mehrere europ\u00e4ische Radioteleskope miteinander gekoppelt. Dabei lie\u00dfen sich mehrere Ziele erkennen und verfolgen sowie die Bewegung rotierender Objekte aus den Radardaten rekonstruieren.<\/p>\n<p>Vorhandene Infrastruktur statt neuer Radarstationen<\/p>\n<p>Der wesentliche Vorteil des LBMR-Konzepts liegt in der Nutzung bestehender Anlagen. Anstatt ausschlie\u00dflich neue, speziell errichtete Weltraumradare aufzubauen, k\u00f6nnten wissenschaftliche Radioteleskope und kommerzielle Satellitenantennen zeitweise in ein gemeinsames \u00dcberwachungsnetz eingebunden werden.<\/p>\n<p>Die UK Space Agency f\u00f6rderte das Projekt mit 452.000 \u00a3. Als m\u00f6gliche Sender nannte sie bei der Projektvergabe unter anderem das Millstone-Hill-Radar in den USA sowie eine Radaranlage auf dem Kwajalein-Atoll im Pazifik. Ziel war eine Live-Demonstration, mit der das Konzept als skalierbare und vergleichsweise kosteng\u00fcnstige L\u00f6sung f\u00fcr die Weltraum\u00fcberwachung \u00fcberpr\u00fcft werden sollte.<\/p>\n<p>Das Netzwerk besitzt zugleich eine deutliche Dual-Use-Komponente. Es kann Daten f\u00fcr die zivile Kollisionsvermeidung und den nachhaltigen Betrieb von Satelliten liefern. Gleichzeitig lassen sich damit m\u00f6glicherweise Man\u00f6ver, Ann\u00e4herungen und andere Aktivit\u00e4ten fremder Raumfahrzeuge beobachten.<\/p>\n<p>Noch fehlen konkrete Leistungsdaten<\/p>\n<p>Die erfolgreiche Vorf\u00fchrung bedeutet noch nicht, dass bereits ein dauerhaft arbeitendes \u00dcberwachungsnetz zur Verf\u00fcgung steht. In den ver\u00f6ffentlichten Angaben fehlen zudem zentrale Leistungswerte. Das Projektteam nennt weder die Gr\u00f6\u00dfe und Radarreflexionsfl\u00e4che der erfassten Objekte noch die erreichte Positionsgenauigkeit oder die kleinste zuverl\u00e4ssig erkennbare Objektgr\u00f6\u00dfe.<\/p>\n<p>Die Demonstration zeigt jedoch, dass gro\u00dfe wissenschaftliche Antennen in ein Echtzeit-Radarsystem eingebunden werden k\u00f6nnen. Im n\u00e4chsten Schritt m\u00fcsste daraus ein dauerhaft verf\u00fcgbares Netzwerk entstehen, das unterschiedliche Sender und Empf\u00e4nger koordiniert und seine Messdaten in bestehende Systeme zur \u00dcberwachung des erdnahen Weltraums einspeist.<\/p>\n<p>Quellen<\/p>\n<p> University of Birmingham: \u201eScientists turn radio telescopes into space scanners\u201c<br \/>Prim\u00e4rquelle zur aktuellen LBMR-Demonstration. Enth\u00e4lt Angaben zur Echtzeitverarbeitung, zu den Projektpartnern, den beteiligten britischen Antennen und zur laut Projektteam mehr als zehnfach h\u00f6heren Empfindlichkeit.<br \/><a href=\"https:\/\/www.birmingham.ac.uk\/news\/2026\/scientists-turn-radio-telescopes-into-space-scanners-sharpening-view-of-hidden-orbital-threats\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\"> Zur Mitteilung der University of Birmingham <\/a><br \/>\n University of Manchester: \u201eJodrell Bank demonstrates live radar observations of satellites and space debris\u201c<br \/>Erg\u00e4nzende Prim\u00e4rquelle mit technischen Details zum 76-m-Lovell-Teleskop, zum e-MERLIN-Netz und zum australischen Mopra-Radioteleskop. Die Quelle bezeichnet die Echtzeitvorf\u00fchrung als Weltpremiere f\u00fcr diese Form der Radartechnik.<br \/><a href=\"https:\/\/www.manchester.ac.uk\/about\/news\/jodrell-bank-demonstrates-live-radar-observations-of-satellites-and-space-debris\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\"> Zur Mitteilung der University of Manchester <\/a><br \/>\n UK Space Agency: \u201eUK Space Agency goes global with 23 new projects\u201c<br \/>Offizielle F\u00f6rdermitteilung vom 30. September 2025. Sie nennt die F\u00f6rderung von 452.000\u00a0\u00a3, die beteiligten Einrichtungen sowie Millstone Hill und Kwajalein als m\u00f6gliche leistungsstarke Radarsender des LBMR-Konzepts.<br \/><a href=\"https:\/\/www.gov.uk\/government\/news\/uk-space-agency-goes-global-with-23-new-projects\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\"> Zur F\u00f6rdermitteilung der UK Space Agency <\/a><br \/>\n Uysal et al.: \u201eLarge Baseline Bistatic Radar Imaging for Space Domain Awareness\u201c<br \/>Wissenschaftliche Ver\u00f6ffentlichung zu fr\u00fcheren Langbasis-Radarmessungen. Beschrieben werden die Kopplung des Millstone-Hill-Radars mit e-MERLIN und dem Westerbork-Radioteleskop sowie die Erfassung, Identifikation und Charakterisierung realer Weltraumobjekte.<br \/><a href=\"https:\/\/research.birmingham.ac.uk\/en\/publications\/large-baseline-bistatic-radar-imaging-for-space-domain-awareness\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\"> Zur Publikation bei der University of Birmingham <\/a><br \/>\n Serrano et al.: \u201eLong baseline bistatic radar imaging of tumbling space objects for enhancing space domain awareness\u201c<br \/>Open-Access-Fachaufsatz zu fr\u00fcheren Versuchen mit Millstone Hill, dem deutschen TIRA-Radar, e-MERLIN und dem Westerbork-Radioteleskop. Untersucht wurden taumelnde Raketenoberstufen in ann\u00e4hernd geosynchronen Umlaufbahnen.<br \/><a href=\"https:\/\/publica.fraunhofer.de\/entities\/publication\/2699ae29-4cf5-4575-97a5-85bf69da67fc\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\"> Zur Ver\u00f6ffentlichung im Fraunhofer-Publica-Repository <\/a><br \/>\n European Space Agency: \u201eTypes of orbits\u201c<br \/>Offizielle Hintergrundquelle zur H\u00f6he und Funktionsweise des geostation\u00e4ren Orbits. Die ESA nennt eine H\u00f6he von 35.786\u00a0km und eine Umlaufzeit von 23\u00a0Stunden, 56\u00a0Minuten und 4\u00a0Sekunden.<br \/><a href=\"https:\/\/www.esa.int\/Enabling_Support\/Space_Transportation\/Types_of_orbits\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\"> Zur Orbit\u00fcbersicht der ESA <\/a> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein internationales Forschungsteam schaltet Gro\u00dfantennen zu einem Weltraumradar zusammen. Das System soll mehr als zehnmal empfindlicher sein. 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