{"id":223264,"date":"2026-07-26T07:13:06","date_gmt":"2026-07-26T07:13:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/223264\/"},"modified":"2026-07-26T07:13:06","modified_gmt":"2026-07-26T07:13:06","slug":"co2-inhalation-aktiviert-im-wachen-gehirn-den-modus-des-tiefschlafs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/223264\/","title":{"rendered":"CO2-Inhalation aktiviert im wachen Gehirn den Modus des Tiefschlafs"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\tGlymphatisches System<\/p>\n<p class=\"timeinfo\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\u00a026. Juli 2026  08:15<br \/>\n\t\t\t\t\t\u00a0<a href=\"https:\/\/www.forschung-und-wissen.de\/autor\/Dennis-Lenz\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Dennis Lenz<\/a>\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"article-image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/co2-inhalation-aktiviert-im-wachen-gehirn-den-modus-des-tiefschlafs.jpg\"   alt=\"CO2-Inhalation aktiviert im wachen Gehirn den Modus des Tiefschlafs\" fetchpriority=\"high\"\/><\/p>\n<p>\n\t\t\t\t\t\t\t(Symbolbild). Eine Atemmaske, zwei wechselnde Gasgemische und ein Takt von 35 Sekunden bilden den \u00fcberraschend simplen Versuchsaufbau. Damit haben Forscher aus New Mexico gepr\u00fcft, ob sich das Reinigungssystem des Gehirns auch im Wachzustand ansto\u00dfen l\u00e4sst. Die CO2-Inhalation soll jene langsamen Gef\u00e4\u00dfbewegungen nachahmen, die sonst nur im Tiefschlaf auftreten. Gemessen wurden die Effekte mit Hirnscans und mit Blutproben vor und nach der halben Stunde.<\/p>\n<p>\t\t\t\t\t\t\t\t(Foto: \u00a9\u00a0Forschung und Wissen)<\/p>\n<p>Das Gehirn besitzt ein eigenes Sp\u00fclsystem, das vor allem im Tiefschlaf arbeitet und dabei Eiwei\u00dfe abtransportiert, die mit Alzheimer in Verbindung stehen. Ein Forscherteam aus New Mexico hat nun getestet, ob sich dieser Vorgang auch im wachen Zustand ansto\u00dfen l\u00e4sst. Zw\u00f6lf Probanden atmeten daf\u00fcr \u00fcber eine Maske 30 Minuten lang im Wechsel Luft mit 0,05 und mit 5 Prozent Kohlendioxid. Die begleitenden Hirnscans und Blutproben zeigten anschlie\u00dfend ein Muster, das die Forscher selbst f\u00fcr erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig halten.<\/p>\n<p>Albuquerque (U.S.A.). Lange galt das Gehirn als das einzige Organ ohne eigenes Lymphsystem. Erst seit gut einem Jahrzehnt ist bekannt, dass es einen eigenen Entsorgungsweg besitzt, den die Forschung als glymphatisches System bezeichnet. Ein gut arbeitendes glymphatisches System transportiert Stoffwechselabf\u00e4lle entlang der Blutgef\u00e4\u00dfe aus dem Nervengewebe ab, indem Hirnwasser durch die schmalen R\u00e4ume zwischen den Zellen gepresst wird. Angetrieben wird dieser Fluss durch die Vasomotion, also das rhythmische Weiten und Verengen der Arterien im Abstand von etwa 30 Sekunden. Dieser Rhythmus wirkt wie eine langsame Pumpe. Am st\u00e4rksten l\u00e4uft er im Non-REM-Schlaf, wenn langsame Hirnwellen und Gef\u00e4\u00dfbewegungen synchron verlaufen. Genau dieser Zusammenhang macht den Tiefschlaf f\u00fcr die Hirngesundheit so bedeutsam und erkl\u00e4rt, warum chronischer Schlafmangel seit Jahren als Risikofaktor f\u00fcr neurodegenerative Erkrankungen diskutiert wird.<\/p>\n<p>Diese Reinigung ist nicht nur eine Randnotiz der Schlafforschung. Zu den Stoffen, die dabei abtransportiert werden, z\u00e4hlen Beta-Amyloid und Tau-Protein. Beide Eiwei\u00dfe kommen auch in gesunden Gehirnen vor, lagern sich bei der Alzheimer-Krankheit jedoch als Plaques und Fibrillen ab und gelten als zentrale Kennzeichen der Erkrankung. In Deutschland leben nach Berechnungen der Deutschen Alzheimer Gesellschaft rund 1,84 Millionen Menschen mit einer Demenz, die Mehrzahl davon mit Alzheimer. Bis 2050 k\u00f6nnten es je nach Szenario 2,3 bis 2,7 Millionen sein. Entsprechend gro\u00df ist das Interesse an Ans\u00e4tzen, die den Abtransport dieser Proteine verbessern, ohne in den Stoffwechsel einzugreifen. Bislang setzte die Forschung dabei vor allem auf besseren Schlaf und auf Bewegung. Ob sich die n\u00e4chtliche Hirnreinigung auch gezielt am wachen Menschen ansto\u00dfen l\u00e4sst, war lange offen, und Ans\u00e4tze wie eine <a href=\"https:\/\/www.forschung-und-wissen.de\/nachrichten\/medizin\/regenerative-wirkung-des-schlafs-in-wachen-gehirnregionen-aktiviert-133711256\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">im Wachzustand erzeugte Schlafaktivit\u00e4t in einzelnen Hirnregionen<\/a> zeigen, wie unterschiedlich die Forschung dieses Ziel derzeit angeht.<\/p>\n<p>\t\t\t\t\t\tWechselnde CO2-St\u00f6\u00dfe alle 35 Sekunden<\/p>\n<p>Ein Team um die Neuropsychologin Sephira Ryman vom Mind Research Network und der University of New Mexico hat auf der <a target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\" href=\"https:\/\/aaic.alz.org\/\">Alzheimer&#8217;s Association International Conference<\/a> in London Daten zu einem ungew\u00f6hnlichen Ansatz vorgestellt. Statt den Schlaf zu verl\u00e4ngern oder Medikamente einzusetzen, nutzten die Forscher ein Gas, das der K\u00f6rper ohnehin permanent produziert. Zw\u00f6lf Probanden trugen daf\u00fcr 30 Minuten lang eine Atemmaske, die alle 35 Sekunden zwischen zwei Gemischen umschaltete. Das eine enthielt rund 0,05 Prozent Kohlendioxid und entsprach damit ungef\u00e4hr der Konzentration der Umgebungsluft. Das andere enthielt 5 Prozent Kohlendioxid, also das Hundertfache. Eine solche kontrollierte Hyperkapnie weitet die Hirngef\u00e4\u00dfe messbar, weil der K\u00f6rper auf steigende CO2-Werte im Blut mit einer Erweiterung der Arterien reagiert. Durch das st\u00e4ndige Umschalten entstand ein k\u00fcnstlicher Rhythmus aus Weitung und Verengung, der dem langsamen Takt der Vasomotion im Tiefschlaf nachempfunden ist. Acht der zw\u00f6lf Teilnehmer hatten unauff\u00e4llige Tau-Werte im Blut, vier zeigten erh\u00f6hte Werte, drei von ihnen zus\u00e4tzlich eine leichte kognitive Beeintr\u00e4chtigung.<\/p>\n<p>Was die Hirnscans und die Blutproben zeigten<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Sitzung liefen Magnetresonanzaufnahmen mit. Sie zeigten, dass die intermittierende CO2-Belastung im wachen Gehirn Bewegungsmuster des Hirnwassers ausl\u00f6ste, wie sie sonst vor allem im Non-REM-Schlaf auftreten. Das Prinzip hatte die Gruppe zuvor bereits an Parkinsonpatienten gepr\u00fcft und in einer <a target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\" href=\"https:\/\/www.nature.com\/articles\/s41531-025-01179-6\">Untersuchung zum Liquorfluss unter intermittierender Hyperkapnie<\/a> beschrieben, in der bereits drei Sitzungen von je zehn Minuten den Einstrom von Hirnwasser erh\u00f6hten. Entscheidend sind bei diesem Ansatz jedoch die Blutwerte. Bei allen zw\u00f6lf Teilnehmern stieg nach der halben Stunde die Konzentration von Beta-Amyloid im Blut an. Das klingt zun\u00e4chst ung\u00fcnstig, spricht aus Sicht der Forscher aber daf\u00fcr, dass das Protein aus dem Gehirn heraus in den Kreislauf gelangte. Bei den drei Probanden mit eingeschr\u00e4nkter kognitiver Leistungsf\u00e4higkeit lie\u00df sich zus\u00e4tzlich ein verst\u00e4rkter Abtransport der Tau-Proteine nachweisen, vermutlich weil bei ihnen von vornherein deutlich mehr davon im Gewebe vorhanden war.<\/p>\n<p>\t\t\t\t\t\tEin Effekt der nach einer Stunde wieder verschwindet<\/p>\n<p>So bemerkenswert der Befund ist, so klar sind seine Grenzen. Weitere Blutproben zeigten, dass die Werte f\u00fcr Amyloid und Tau bereits eine Stunde nach der Behandlung wieder auf das Ausgangsniveau zur\u00fcckgefallen waren. Die CO2-Inhalation erzeugt also ein kurzes Zeitfenster verst\u00e4rkter Reinigung und keinen dauerhaften Zustand. Ob sich daraus ein messbarer Nutzen f\u00fcr das Ged\u00e4chtnis ergibt, ist damit noch nicht beantwortet. Mit zw\u00f6lf Teilnehmern ist die Stichprobe zudem sehr klein, und auch zur Sicherheit l\u00e4sst sich aus ihr wenig ableiten, selbst wenn keine Nebenwirkungen auftraten. Geplante klinische Studien sollen kl\u00e4ren, wie oft eine solche Sitzung n\u00f6tig w\u00e4re und ob wiederholte Anwendungen unbedenklich sind. Parallel arbeitet die Forschung an Verfahren, die einen kognitiven Abbau fr\u00fcher sichtbar machen, etwa an <a href=\"https:\/\/www.forschung-und-wissen.de\/nachrichten\/medizin\/smartphone-tests-zeigen-fruehe-alzheimer-veraenderungen-133711276\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Smartphone-Tests f\u00fcr fr\u00fche Alzheimer-Ver\u00e4nderungen<\/a>, mit denen sich Verl\u00e4ufe engmaschig beobachten lassen.<\/p>\n<p>Warum der Ansatz \u00fcber Alzheimer hinausreicht<\/p>\n<p>Der Reiz des Verfahrens liegt f\u00fcr die beteiligten Forscher darin, dass es nicht auf ein einzelnes Molek\u00fcl zielt. Wird der Abtransport insgesamt beschleunigt, betrifft das ebenso Alpha-Synuclein, das bei Parkinson eine Rolle spielt, wie entz\u00fcndungsf\u00f6rdernde Botenstoffe. Der Neurowissenschaftler Jeff Iliff, der die Arbeit einordnet, sieht darin einen m\u00f6glichen Anwendungsbereich, der weit \u00fcber die Alzheimer-Krankheit hinausgeht. Zugleich bleibt offen, ob eine gesteigerte Reinigung tats\u00e4chlich den kognitiven Abbau bremst, denn Ablagerungen gelten zwar als Kennzeichen, aber nicht als alleinige Ursache der Erkrankung. Wie komplex das Zusammenspiel ist, zeigen Arbeiten zur Frage, ob eine <a href=\"https:\/\/www.forschung-und-wissen.de\/nachrichten\/medizin\/ist-eine-teilweise-regeneration-des-gedaechtnisses-bei-alzheimer-moeglich-133711130\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">teilweise Regeneration des Ged\u00e4chtnisses bei Alzheimer<\/a> \u00fcberhaupt erreichbar ist. Sollte sich der Ansatz als sicher und wirksam erweisen, k\u00f6nnten Betroffene das Verfahren nach Vorstellung der Forscher eines Tages mit einem kleinen Ger\u00e4t zu Hause anwenden, um die Reinigung ihres Gehirns anzusto\u00dfen.<\/p>\n<p>npj Parkinson&#8217;s Disease, The influence of intermittent hypercapnia on cerebrospinal fluid flow and clearance in Parkinson&#8217;s disease and healthy older adults; doi:10.1038\/s41531-025-01179-6<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Glymphatisches System \u00a026. Juli 2026 08:15 \u00a0Dennis Lenz (Symbolbild). 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