{"id":23360,"date":"2026-02-27T19:44:07","date_gmt":"2026-02-27T19:44:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/23360\/"},"modified":"2026-02-27T19:44:07","modified_gmt":"2026-02-27T19:44:07","slug":"nationalgalerie-der-gegenwart-zur-glamourbude-wird-der-hamburger-bahnhof-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/23360\/","title":{"rendered":"Nationalgalerie der Gegenwart: Zur Glamourbude wird der Hamburger Bahnhof nicht"},"content":{"rendered":"<p>2026 wird Berlins Museum f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Kunst 30 Jahre alt. Der Hamburger Bahnhof b\u00fcndelt aber eine viel l\u00e4ngere Geschichte. Vor dem Aus stand er auch schon mal. Jetzt werden neue Finanzierungsmodelle ausprobiert.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Es soll ein rauschender Abend werden. Am 14. M\u00e4rz 2026 wird das kulturelle Berlin in der Haupthalle des Kunstmuseums Hamburger Bahnhof dessen drei\u00dfigstes Jubil\u00e4um feiern. Es ist der Auftakt zu einem Jahr voller Veranstaltungen, die in einem 30 Stunden offenen Haus im November m\u00fcnden. Bei \u201eA Night in Berlin\u201c wird sich die Hauptstadt pr\u00e4sentieren, wie sie gerne gesehen werden will: kulturell hochkar\u00e4tig, international, relevant, gegenw\u00e4rtig und klassisch zugleich.<\/p>\n<p>Eigens geschaffen wird daf\u00fcr eine Rauminstallation vom K\u00fcnstlerduo Elmgreen &amp; Dragset. Gastgebende sind unter anderem die Schauspielerin Cate Blanchett und der amtierende Berlinale-Juryvorsitzende Wim Wenders, K\u00fcnstlerstars wie Mark Bradford, Wolfgang Tillmans und Anne Imhof. Die Berlinale, die Berliner Philharmoniker und die Staatsoper Unter den Linden werden bei der Gala vertreten sein. Ihre Mitglieder treten auf, ebenso die Techno-Gr\u00f6\u00dfe Ellen Allien. Ausgedacht haben sich das <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kunst\/article233732028\/Hamburger-Bahnhof-Ein-Duo-soll-Berlins-Nationalmuseum-retten.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kunst\/article233732028\/Hamburger-Bahnhof-Ein-Duo-soll-Berlins-Nationalmuseum-retten.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Sam Bardaouil und Till Fellrath<\/a>, die seit 2022 gleichberechtigte Direktoren sind.<\/p>\n<p>Es ist m\u00e4chtig viel Wirbel f\u00fcr ein Haus, das um ein Haar f\u00fcr immer im Spreewasser versunken w\u00e4re. Gegen Ende der Weimarer Republik sollte der Schifffahrtskanal neben dem Komplex verbreitert und verlegt werden. Auf einem handgezeichneten Plan von 1932 f\u00fchrt er mitten durch den Hamburger Bahnhof, \u201ewomit leider ein gutes St\u00fcck Berliner Geschichte verschwinden w\u00fcrde\u201c, wie die Reichsbahndirektion auf diese Zumutung antwortete. \u201eWir bedauern daher, zu dem Entwurfe unsere grunds\u00e4tzliche Zustimmung nicht geben zu k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Der Hamburger Bahnhof \u00fcberlebte. Fertiggestellt f\u00fcr die Berlin-Hamburger Bahn im Jahr 1847. Geschlossen wurde der Bahnhof 1884 und diente als Verkehrs- und Baumuseum. Dann passiert, was nur in Berlin denkbar ist. Durch die Teilung liegt der klassizistische Bau unmittelbar an der Grenze zwischen britischem und sowjetischem Sektor. Er wird organisatorisch der DDR-Reichsbahn zugeschlagen, ist aber kein Bahnhof. Ein Museum wiederum darf die DDR in West-Berlin nicht betreiben, auch keines mit Loks und Gleisen darin. Und so bleibt das Haus vierzig Jahre lang geschlossen, kostet 200.000 Westmark im Jahr.<\/p>\n<p>Die Sanierungskosten sch\u00e4tzt die Stasi in einem Gutachten auf f\u00fcnf Millionen D-Mark. Entnervt \u00fcbergibt die DDR den br\u00f6ckelnden Ex-Bahnhof 1984 an West-Berlin. Damit beginnt die Geschichte des Hamburger Bahnhofs als Kunststandort. Der Umbau zum Museum durch Josef Paul Kleihues wird noch vor der Wende beschlossen und 1996 vollendet. Die W\u00e4nde sind nun wei\u00df, die Vergangenheit unsichtbar. Weil Berlin das Haus aber noch unter Bedingungen des Kalten Krieges \u00fcbernommen hatte, bleibt es Eigentum der Bahn \u2013 die Nationalgalerie hat jahrzehntelang nicht einmal einen ordentlichen Mietvertrag. Gemeinsam mit den Fl\u00e4chen ringsum wird der Hamburger Bahnhof in den fr\u00fchen Nullerjahren an einen Immobilienkonzern verkauft. Wie <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kunst\/article210552681\/Tragoedie-um-den-Hamburger-Bahnhof-Die-letzte-Chance-zur-Rettung.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kunst\/article210552681\/Tragoedie-um-den-Hamburger-Bahnhof-Die-letzte-Chance-zur-Rettung.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">WELT-Recherchen 2020<\/a> zeigten, stand Berlin damals ein Vorkaufsrecht zu. Die Stadt machte keinen Gebrauch davon. Ein teurer Fehler.<\/p>\n<p>Als der Bau erneut sanierungsbed\u00fcrftig wird, beginnt ein jahrelanges Ringen mit dem Investor, das Museum ist in seiner Existenz bedroht \u2013 und muss nun ordentlich Miete zahlen. 2022 kauft die Bundesrepublik Deutschland das Geb\u00e4ude f\u00fcr 66 Millionen Euro an, Berlin die angeschlossenen Rieckhallen. Insgesamt 30.000 Quadratmeter hat das Gel\u00e4nde nahe dem Hauptbahnhof. Die Zukunft ist gesichert.<\/p>\n<p>Gro\u00dfe Ambitionen \u2013 sehr begrenzte Mittel<\/p>\n<p>Im Hamburger Bahnhof b\u00fcndelt sich Berlin. Das K\u00f6nigreich Preu\u00dfen, das ihn erbaut hat, das Kaiserreich, das ein Museum daraus machte, die Weimarer Republik und der Nationalsozialismus, die geteilte Stadt, die Wiedervereinigung, die Privatisierungswelle der 2000er und all die kleinen und gro\u00dfen Vergesslichkeiten, die eine so bewegte Geschichte im Kopf einer Stadt erzeugen kann. Was im Hamburger Bahnhof passiert, verr\u00e4t einem immer auch etwas \u00fcber die Hauptstadt. Und \u00fcber das Berlin von 2026 verr\u00e4t es einem, dass die Kunst noch immer einer der Hauptmotoren ist f\u00fcr das kulturelle Selbstverst\u00e4ndnis. <\/p>\n<p>Die Kunsthauptstadt hat gro\u00dfe Ambitionen \u2013 aber sehr begrenzte Mittel. Es ist nicht alles Gala, Stars und Feiern. Der Ausstellungsetat der Nationalgalerie ist winzig, einen Gro\u00dfteil der Gelder f\u00fcr das Programm muss man selbst einwerben. F\u00fcr Ank\u00e4ufe hat der deutsche Staat kein festes Budget vorgesehen. Mit der Unterst\u00fctzung Dritter konnte der Hamburger Bahnhof in den vergangenen drei Jahren immerhin Kunst f\u00fcr insgesamt 150.000 Euro kaufen. Das ist so viel, wie die Dienstlimousine eines Politikers kostet. Verglichen mit einer Tate Modern oder amerikanischen Museen ist es nicht konkurrenzf\u00e4hig.<\/p>\n<p>Eins ist klar: Wenn der Hamburger Bahnhof das Gegenwartsmuseum sein soll, das die Nation verdient, dann braucht er mehr Geld. Die Benefizveranstaltung im M\u00e4rz gibt die Richtung vor. Von einem \u201eganz neuen Format\u201c spricht die Direktion. Aber dieses Modell sorgt auch f\u00fcr Verstimmung in der Szene. Von Berliner Galeristen erf\u00e4hrt man, dass ihnen Tische bei der Gala am 14. M\u00e4rz gezielt angeboten wurden \u2013 f\u00fcr 50.000 oder f\u00fcr 100.000 Euro, je nach Gr\u00f6\u00dfe und Teilnehmerzahl. Nicht allen Berliner Galerien, sondern nur einigen. Sowohl der sehr hohe Preis als auch das Prozedere selbst sorgt f\u00fcr Irritationen, die Zusagen sollen sich in Grenzen halten.<\/p>\n<p>Das Museum schreibt WELT dazu: \u201eEs wurden verschiedene internationale F\u00f6rderer, darunter auch Galerien in Berlin, im Vorfeld angesprochen, das Jubil\u00e4umsprogramm zu f\u00f6rdern. Es handelt sich nicht um ein klassisches Modell wie bei kommerziellen Fundraising-Dinners mit dem Verkauf von Tickets f\u00fcr Tische oder eine Auktion von Kunstwerken, sondern um ein ganz neues Format.\u201c Am Ende bedeutet es dennoch, dass man Pl\u00e4tze gegen Spenden bekommt. Aber das ist international \u00fcblich. Und soll man sich beschweren, wenn nun ernsthaftes Fundraising f\u00fcr das klamme staatliche Museum betrieben wird? Es ist ja begr\u00fc\u00dfenswert, wenn sich der Hamburger Bahnhof angesichts schrumpfender Etats unabh\u00e4ngiger machen kann und F\u00f6rderer findet. Das passiert bereits. Seit 2025 besteht eine <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article256293414\/Chanel-in-der-Nationalgalerie-Die-Sparmassnahmen-erzwingen-neue-Partnerschaften.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article256293414\/Chanel-in-der-Nationalgalerie-Die-Sparmassnahmen-erzwingen-neue-Partnerschaften.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Zusammenarbeit mit Chanel<\/a>. Das Pariser Modehaus finanziert j\u00e4hrlich eine gro\u00df angelegte Auftragsarbeit in der Haupthalle, dieses Jahr von Lina Lapelyt\u0117.<\/p>\n<p>Eine Glamourbude wird das Haus deshalb nicht. Im Saal neben dem Buchladen gibt es nach Norden ein gro\u00dfes Fenster, aus dem man, im Klappstuhl ruhend, in einen wild zugewachsenen Hof blicken kann. Man sieht dort Gr\u00e4ser, Wespennester und von au\u00dfen auf die unsanierten Backsteinw\u00e4nde der historischen Halle. Es ist ein Verdienst, dass unter Bardaouil und Fellrath die Geschichte des Hauses wieder sichtbar geworden ist, mit Fotos, Pl\u00e4nen, alten Fahrkarten. Eine preu\u00dfische Miniaturlok steht vor einem Foto der Installation \u201eSoma\u201c von Carsten H\u00f6ller, bei der 2010 lebende Rentiere und ihr vom Fliegenpilzverzehr halluzinogen gemachter Urin eine Rolle spielten. Unvergessen ist diese Schau des vorherigen Direktors Udo Kittelmann, wie auch die Performance \u201eAngst II\u201c der noch wenig bekannten Anne Imhof vor zehn Jahren. 1999 waren mit \u201eSensation\u201c Damien Hirst und die Young British Artists aus der Saatchi-Sammlung zu sehen, Retrospektiven von Sigmar Polke bis Brice Marden.<\/p>\n<p>Die Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof hat in drei\u00dfig Jahren Kunstgeschichte geschrieben, zweifellos. Sie hat ein riesiges Potenzial und viele junge Besucher. Doch was man unter der neuen Leitung an Ausstellungen bisher gesehen hat, ist weniger grundst\u00fcrzend. Manches wirkt lieblos kuratiert. Die st\u00e4ndige Sammlung ist in eine Art postmoderne Boutiquearchitektur gesteckt worden. \u201eBereits heute zeigen wir fast ausschlie\u00dflich Werke, die seit 1990 entstanden sind\u201c, schreiben die Direktoren auf die Frage nach ihrem Programm. \u201eAuftragsarbeiten und Neuproduktionen \u2026 bilden den Ausgangspunkt unserer Programme und der weiter wachsenden Sammlung.\u201c Das bedeutet auch: Die Titanen des vergangenen Jahrhunderts stehen auf dem Abstellgleis. <\/p>\n<p>Voraussichtlich 2029 wandern Warhol, Beuys und <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/anselm-kiefer\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/anselm-kiefer\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Anselm Kiefer<\/a> ohnehin ins gerade f\u00fcr mehr als eine halbe Milliarde Euro neu entstehende Berlin Modern, das Museum des 20. Jahrhunderts am Kulturforum. So war es immer gedacht. \u201eDie Neue Nationalgalerie wird die Klassische Moderne aufnehmen; im Hamburger Bahnhof wird die aktuelle Kunst ab Josef Beuys ausgestellt sein\u201c, hei\u00dft es 1990 in einer Denkschrift der Chefs der Staatlichen Museen. Damals, in der Wendezeit, als man den Hamburger Bahnhof zum ersten Mal als Museums-Vision skizzierte. Mit drei\u00dfig sollte man so langsam auf eigenen Beinen stehen. Das tut das Museum. Wohin es aber geht, das bleibt vorerst offen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"2026 wird Berlins Museum f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Kunst 30 Jahre alt. 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