{"id":239171,"date":"2026-08-06T13:38:11","date_gmt":"2026-08-06T13:38:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/239171\/"},"modified":"2026-08-06T13:38:11","modified_gmt":"2026-08-06T13:38:11","slug":"ausstellung-in-wien-so-schafft-der-fotograf-thomas-demand-eine-neue-kunst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/239171\/","title":{"rendered":"Ausstellung in Wien: So schafft der Fotograf Thomas Demand eine neue Kunst"},"content":{"rendered":"<p>Dem Fotografen Thomas Demand sind in Wien gleich zwei Ausstellungen gewidmet. F\u00fcr eine w\u00e4hlt er Bilder von Kollegen aus und zeigt sie in ganz neuer Weise. In der anderen schafft er mit jahrhundertealten Entw\u00fcrfen auf bemaltem Papier etwas Neues.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">In eigens angefertigten Kisten, streng bewacht und geh\u00fctet, lagern sie seit Jahrhunderten im sch\u00fctzenden Dunkel: Grotten und Felsenk\u00e4mme, Blumengirlanden und Palmenwedel, sorgsam ausgeschnitten und mit der Feder bemalt. Alle diese Kulissenentw\u00fcrfe sind aus bemaltem Papier und Pappe. Keiner von ihnen war je f\u00fcr ein Publikum gedacht. Die Zuschauer sollten nur die reale Illusion sehen, in Lebensgr\u00f6\u00dfe \u2013 die ja selbst oft keine war, denn auf den B\u00fchnen der Opernh\u00e4user z\u00e4hlt die Perspektive aus dem Publikum, nicht das reale Gr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnis. Es ist eine fl\u00fcchtige Kunst: Auff\u00fchrungen existieren nur im Moment, und die Kulissen selbst, so sch\u00f6n sie sind, werden im Opernbetrieb meist irgendwann entsorgt. <\/p>\n<p>Nur ein Bruchteil der Entw\u00fcrfe \u00fcberlebt die Zeiten. Wer sie aus dem Dunkel hervorholen und inszenieren will, muss sich etwas einfallen lassen. Der in Berlin und Los Angeles arbeitende K\u00fcnstler Thomas Demand hat mit einer speziellen Kamera um die zwanzig Modelle f\u00fcr Opern- und Theaterinszenierungen aus ihrem D\u00e4mmer gerissen. Seine Aufnahmen d\u00fcrfen den Papiermodellen so nahe kommen, weil er ein Periskop verwendet.<\/p>\n<p>Thomas Demand baut seit den 1990ern Modelle von R\u00e4umen und Gegenst\u00e4nden aus Papier und Pappe und fotografiert sie dann. So kann man die Welt besser verstehen, meint er: indem man die vielen Details auch einmal wegl\u00e4sst. F\u00fcr die Schau \u201e<a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.mak.at\/programm\/ausstellungen\/thomas_demand\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.mak.at\/programm\/ausstellungen\/thomas_demand&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">R\u00e4ume, die von gestern tr\u00e4umen<\/a>\u201c im Wiener Museum f\u00fcr angewandte Kunst (MAK) sind es nun ausgerechnet die Details, die am meisten interessieren. Unter der geschickt angebrachten Beleuchtung werden sie wieder zu jenen B\u00fchnen, f\u00fcr die sie einst als Vorbilder dienen sollten.<\/p>\n<p>Der Ausstellungsraum selbst wird von einer raumgreifenden Wandinstallation bestimmt, vor deren Hintergrund die gerahmten Fotografien wie Fenster in unerreichbare Traumwelten wirken \u2013 Archiv und Gegenwart fallen ineinander. Bei den gezeigten B\u00fchnenentw\u00fcrfen handelt es sich ausdr\u00fccklich um Arbeitsmodelle und nicht um Schaust\u00fccke, die je f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit gedacht waren. Demand nennt sie kleine Illusionsmaschinen \u2013 und zeigt sich erstaunt, wie gut sie heute noch funktionieren.<\/p>\n<p>Nun ist Demand in Wien parallel auch als Kurator pr\u00e4sent: Im Kunstraum fjk3 zeigt er die Gruppenausstellung \u201e<a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/fjk3.com\/en\/exhibitions\/passantes-parmi-les-pierres\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/fjk3.com\/en\/exhibitions\/passantes-parmi-les-pierres&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Passants parmi les pierres<\/a>\u201c. Auch hier sind Entdeckungen zu machen. Die Arbeit \u201eKreuzung alte Hauptstra\u00dfe, Yamaguchi\u201c des Fotok\u00fcnstlers Thomas Struth etwa entstand bereits 1986, wurde aber bislang nie gezeigt \u2013 auch f\u00fcr den K\u00fcnstler selbst nicht, denn abgezogen wurde sie erst 2026. Die Ausstellung rief sie gewisserma\u00dfen erst ins Leben, genauer: die Nachfrage seines K\u00fcnstlerkollegen Demand, ob Struth nicht etwas zum Thema habe.<\/p>\n<p>Die Stra\u00dfenszene ist kompositorisch komplex und zeitlich schwer einzuordnen. Zwei Jungen auf Fahrr\u00e4dern, von hinten gezeigt, nehmen an einer Stra\u00dfengabelung unterschiedliche Abzweigungen und verst\u00e4ndigen sich mit Gesten. Die Mischung aus traditioneller Architektur und einem Netz aus zeitgen\u00f6ssischen Antennen und Reklameschildern wird vom Signalrot einer Laterne, eines Funkturms im Hintergrund und der Hose des rechts fahrenden Jungen zusammengehalten. Im Vordergrund ragt ein aufgebocktes Boot \u00fcber einen Kanal, der in den Bildhintergrund f\u00fchrt und die beiden Jungen trennt. Vor dem gro\u00dfformatigen Abzug kann man lange stehen, ohne dass sich das in Sekundenbruchteilen entstandene Bild ersch\u00f6pfen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Dieses Schwebende, Fragende, zugleich auch Dokumentarische der gezeigten Bilder ist eine besondere Qualit\u00e4t der Schau \u2013 unterstrichen von den knappen, wenige S\u00e4tze umfassenden Texten des B\u00fcchnerpreistr\u00e4gers Clemens Setz. In Setz&#8216; Vignetten wird nicht erkl\u00e4rt, was man sieht oder welche Theorie der Schau zugrunde liegt; dazu sind die gezeigten Arbeiten historisch und geografisch zu weit voneinander entfernt. Aber der Titel passt erstaunlich gut: Inmitten der Steine, die sie selbst aufgerichtet haben, suchen die Menschen ihren Ort.<\/p>\n<p>Und finden ihn \u2013 etwa auf einer zugefrorenen Wasserfl\u00e4che, \u00fcber die sie, den Blick zu Boden gerichtet, wie holl\u00e4ndische Bauern flanieren, umgeben von den frisch aus der aufgeworfenen Erde gestampften Plattenbauten von Berlin-Fennpfuhl. Das Bild von Sibylle Bergemann stammt aus dem Jahr 1980 und korrespondiert mit einer weiteren Eisfl\u00e4che, aufgenommen vom ukrainischen Fotografen Boris Mikhailov. So schreitet man durch die Passage des Ausstellungsraums, der zwei Eing\u00e4nge hat und auf zwei Stra\u00dfen hinausgeht \u2013 die Aufmerksamkeit schwebt, l\u00f6st sich, flaniert.<\/p>\n<p>Das \u201eBurning Building\u201c des japanischen Bildjournalisten Akihiko Okamura entstand 1969 in Derry, Nordirland: M\u00e4nner in Stra\u00dfenanz\u00fcgen betrachten ein lichterloh brennendes Reihenhaus. Die Allt\u00e4glichkeit des gewaltt\u00e4tigen Dauerkonflikts ist in der Aufnahme gebannt. W\u00e4hrend die Einzelausstellung im MAK aus den Illusionsmaschinen der Vergangenheit neue bildnerische Funken schl\u00e4gt, versammelt die von Demand kuratierte Gruppenschau Momente, die aus der Flut der Ereignisse herausragen. Bei aller Disparit\u00e4t haben sie einen gemeinsamen Ausgangspunkt.<\/p>\n<p>Vor den Holzbaracken des Konzentrationslagers Auschwitz hat sich eine Gruppe H\u00e4ftlinge mit gelben Judensternen zum Gruppenfoto eingefunden. Alles wirkt, wie man es aus Dokumentationen kennt \u2013 doch dann fallen die lockeren Haltungen auf, die ins Bild eingeschriebenen Digitalziffern und vor allem die Farbigkeit, die man aus Bilddokumenten des Holocaust kaum kennt.<\/p>\n<p>Die Aufnahme entstand 1993 bei den Dreharbeiten zu \u201eSchindlers Liste\u201c und zeigt Statisten in der Arbeitspause. Es handelt sich, wie man erf\u00e4hrt, um ein Geschenk des israelischen K\u00fcnstlers Omer Fast an Thomas Demand. Fast war 2003 an den Drehort gereist und hatte mit Einheimischen gesprochen, die als bezahlte Komparsen an der Produktion des Hollywoodfilms mitgewirkt hatten. Viele von ihnen vermischten in ihren Erz\u00e4hlungen die eigenen Erinnerungen mit den inszenierten Schrecken des Holocaust und den filmischen Rekonstruktionen, an denen sie selbst beteiligt gewesen waren. Die Fotografie ist keine L\u00fcge und keine Fiktion, sondern zeigt genau das, was die Kamera einfing: das Entstehen eines fiktiven Films \u00fcber historische Ereignisse an einem realen Drehort.<\/p>\n<p>Was genau sehen wir, wenn wir Fotografien betrachten? Die beiden Wiener Ausstellungen von Thomas Demand f\u00fcgen dieser uralten Frage zwei neue, kluge Facetten hinzu.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Dem Fotografen Thomas Demand sind in Wien gleich zwei Ausstellungen gewidmet. 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