{"id":241779,"date":"2026-08-08T08:45:12","date_gmt":"2026-08-08T08:45:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/241779\/"},"modified":"2026-08-08T08:45:12","modified_gmt":"2026-08-08T08:45:12","slug":"ein-giftstoff-des-eisenhuts-entsteht-jetzt-in-tabakpflanzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/241779\/","title":{"rendered":"Ein Giftstoff des Eisenhuts entsteht jetzt in Tabakpflanzen"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" class=\"article-image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/ein-giftstoff-des-eisenhuts-entsteht-jetzt-in-tabakpflanzen.jpg\"   alt=\"Ein Giftstoff des Eisenhuts entsteht jetzt in Tabakpflanzen\" fetchpriority=\"high\"\/><\/p>\n<p>\n\t\t\t\t\t\t\t(Symbolbild) Der Blaue Eisenhut z\u00e4hlt zu den giftigsten Pflanzen Europas, sein Hauptalkaloid Aconitin wirkt bereits in Milligrammmengen t\u00f6dlich. Dieselbe Stoffklasse gilt zugleich als vielversprechend gegen Schmerzen, Malaria und Tumoren. Ein internationales Team hat nun die ersten Schritte des Biosynthesewegs aufgekl\u00e4rt und in einer anderen Pflanzenart nachgebaut. Damit lassen sich die Substanzen erstmals au\u00dferhalb der Wildbest\u00e4nde gewinnen.<\/p>\n<p>\t\t\t\t\t\t\t\t(Foto: \u00a9\u00a0Forschung und Wissen)<\/p>\n<p>Ein internationales Forscherteam hat die Einstiegsschritte jenes Stoffwechselwegs entschl\u00fcsselt, \u00fcber den Eisenhut und Rittersporn ihre hochwirksamen Alkaloide aufbauen. Sechs Enzyme gen\u00fcgen, um daraus die Verbindung Atisinium herzustellen. Nach dem Einbau der zugeh\u00f6rigen Gene produzierten gew\u00f6hnliche Tabakpflanzen den Stoff eigenst\u00e4ndig. \u00dcberraschend war zudem die Herkunft des eingebauten Stickstoffs, die bislang niemand auf dem Zettel hatte. Damit r\u00fcckt eine Stoffklasse in Reichweite, die sich seit fast zwei Jahrhunderten jeder vollst\u00e4ndigen chemischen Synthese entzieht.<\/p>\n<p>Der Blaue Eisenhut w\u00e4chst in feuchten Bergw\u00e4ldern, an Bachl\u00e4ufen und in zahlreichen G\u00e4rten. Kaum eine andere Giftpflanze Mitteleuropas besitzt einen derart \u00fcblen Ruf, und das zu Recht. Sein Hauptwirkstoff Aconitin greift die Natriumkan\u00e4le von Nerven- und Muskelzellen an, h\u00e4lt sie dauerhaft ge\u00f6ffnet und f\u00fchrt in Mengen von wenigen Milligramm zu Herzrhythmusst\u00f6rungen und Ateml\u00e4hmung. Bereits der Hautkontakt mit dem Saft der Wurzel kann Taubheitsgef\u00fchle ausl\u00f6sen. Der nah verwandte Rittersporn aus derselben Familie der Hahnenfu\u00dfgew\u00e4chse enth\u00e4lt \u00e4hnliche Substanzen und ist f\u00fcr Weidevieh in Nordamerika ein bedeutender Verlustfaktor. Beide Gattungen wurden in der traditionellen Medizin Ostasiens und Europas dennoch \u00fcber Jahrhunderte eingesetzt, weil dieselben Stoffe in stark verd\u00fcnnter Form schmerzstillend wirken. Die Grenze zwischen Heilmittel und t\u00f6dlicher Dosis verl\u00e4uft dabei au\u00dferordentlich schmal.<\/p>\n<p>Chemisch handelt es sich um Diterpen-Alkaloide, eine Gruppe an der Schnittstelle der beiden gr\u00f6\u00dften und \u00e4ltesten Stoffklassen des Pflanzenreichs. Ihre Molek\u00fclger\u00fcste sind vielfach verschachtelt und tragen zahlreiche r\u00e4umlich festgelegte Verkn\u00fcpfungen. Genau diese Komplexit\u00e4t macht sie interessant und gleichzeitig praktisch unzug\u00e4nglich. Aconitin wurde bereits vor rund 200 Jahren isoliert, eine vollst\u00e4ndige Totalsynthese im Labor ist bis heute nicht gelungen. Wer solche Verbindungen untersuchen will, muss sie deshalb aus Wurzelmaterial gewinnen, was langsam, aufwendig und f\u00fcr die Wildbest\u00e4nde belastend ist. Untersucht werden diese <a href=\"https:\/\/www.forschung-und-wissen.de\/thema\/pflanzen\/\" title=\"Forschung zu Pflanzen und ihren Inhaltsstoffen\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Inhaltsstoffe unter anderem<\/a> wegen ihrer Wirkung gegen chronische Schmerzen, gegen Malariaerreger, gegen bestimmte Tumorzellen und als nat\u00fcrliche Mittel gegen Schadinsekten.<\/p>\n<p>\t\t\t\t\t\tWarum der Eisenhut seinen Bauplan so lange geheim hielt<\/p>\n<p>Um den Stoffwechselweg zu finden, verglichen die Teams von Michigan State University und Tschechischer Akademie der Wissenschaften die Genaktivit\u00e4t in verschiedenen Geweben mehrerer Arten beider Gattungen. Untersucht wurden unter anderem der Sibirische Rittersporn und der Gefaltete Eisenhut sowie sechs weitere Aconitum-Arten. Die Suche glich einer molekularen Schnitzeljagd, denn von Tausenden abgelesenen Genen kommen nur wenige zur richtigen Zeit im richtigen Gewebe zum Einsatz. Aus diesem Abgleich sch\u00e4lte sich ein Satz von sechs Enzymen heraus: zwei Terpensynthasen, drei Cytochrome der P450-Familie und eine Reduktase, die kaum \u00c4hnlichkeit mit bereits bekannten Enzymen aufweist. Die Ergebnisse sind im Fachjournal <a target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\" href=\"https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.molp.2026.05.022\" title=\"Studie in Molecular Plant zur Aufkl\u00e4rung der Biosynthese von Diterpen-Alkaloiden\">Molecular Plant ver\u00f6ffentlicht<\/a> und beschreiben die bislang unbekannten Einstiegsschritte des Wegs.<\/p>\n<p>Tabak als lebendes Reagenzglas<\/p>\n<p>F\u00fcr den Nachweis \u00fcbertrugen die Forscher die betreffenden Gene in Tabakpflanzen, die in der Pflanzenforschung als bew\u00e4hrte Produktionsplattform dienen. Die Analyse der so umgebauten Bl\u00e4tter zeigte, dass die eingeschleuste Enzymkette tats\u00e4chlich funktioniert und Atisinium hervorbringt. Dieses Alkaloid ist selbst biologisch aktiv und gilt zugleich als m\u00f6gliche Zwischenstufe auf dem Weg zu komplexeren Vertretern der Gruppe. F\u00fcr eine \u00dcberraschung sorgte die Frage, woher das Molek\u00fcl seinen Stickstoff bezieht. Markierungsversuche an Zellkulturen des Eisenhuts wiesen auf Ethanolamin hin, einen einfachen Baustein des Fettstoffwechsels, den zuvor niemand als bevorzugte Quelle vermutet hatte. Dass ein derart allt\u00e4glicher Stoff am Anfang einer der giftigsten Substanzklassen der Pflanzenwelt steht, war der eigentliche Aha-Moment der Arbeit.<\/p>\n<p>\t\t\t\t\t\tWas sich daraus f\u00fcr Wirkstoffe gewinnen l\u00e4sst<\/p>\n<p>Von diesem Befund bis zu einem Medikament ist der Weg allerdings weit. Aufgekl\u00e4rt sind ausschlie\u00dflich die ersten Schritte, w\u00e4hrend die zahlreichen weiteren Enzymreaktionen zu hochkomplexen Vertretern wie Aconitin unbekannt bleiben. Solange diese L\u00fccke besteht, l\u00e4sst sich das eigentliche Hauptgift nicht biotechnisch nachbauen. Der praktische Nutzen liegt vorerst woanders. Wer die einleitenden Reaktionen kennt, kann Zwischenprodukte in gr\u00f6\u00dferer Menge herstellen und daran testen, welche Molek\u00fclteile f\u00fcr welche Wirkung verantwortlich sind. Genau daran scheiterte die Erforschung dieser Stoffklasse bisher, weil die verf\u00fcgbaren Mengen aus Wurzelmaterial f\u00fcr systematische Reihenversuche nie ausreichten. Werden die fehlenden Schritte erg\u00e4nzt, lie\u00dfen sich Hefen oder <a href=\"https:\/\/www.forschung-und-wissen.de\/thema\/gene\/\" title=\"Meldungen zu Genen, Genaktivit\u00e4t und Genetik\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Bakterien mit dem Bauplan ausstatten<\/a> und als Produktionssysteme nutzen.<\/p>\n<p>Molecular Plant, Characterization of the entry steps in diterpenoid alkaloid biosynthesis; doi:10.1016\/j.molp.2026.05.022<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"(Symbolbild) Der Blaue Eisenhut z\u00e4hlt zu den giftigsten Pflanzen Europas, sein Hauptalkaloid Aconitin wirkt bereits in Milligrammmengen t\u00f6dlich.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":241780,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[17],"tags":[52153,52156,46,52155,52151,67,52154,66,52152,45,44,52157,16656],"class_list":["post-241779","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-gesundheit","tag-aconitin","tag-atisinium","tag-ch","tag-diterpen-alkaloide","tag-eisenhut","tag-gesundheit","tag-giftpflanze","tag-health","tag-rittersporn","tag-schweiz","tag-switzerland","tag-tabakpflanzen","tag-wirkstoff"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@ch_de\/117059008142880563","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/241779","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=241779"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/241779\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/241780"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=241779"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=241779"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=241779"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}