{"id":242649,"date":"2026-08-09T00:56:27","date_gmt":"2026-08-09T00:56:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/242649\/"},"modified":"2026-08-09T00:56:27","modified_gmt":"2026-08-09T00:56:27","slug":"neandertaler-gen-macht-menschen-bis-heute-muskuloeser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/242649\/","title":{"rendered":"Neandertaler-Gen macht Menschen bis heute muskul\u00f6ser"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" class=\"article-image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/neandertaler-gen-macht-menschen-bis-heute-muskuloeser.jpg\"   alt=\"Neandertaler-Gen macht Menschen bis heute muskul\u00f6ser\" fetchpriority=\"high\"\/><\/p>\n<p>\n\t\t\t\t\t\t\t(Symbolbild) Vor rund 40.000 Jahren verschwanden die Neandertaler, doch Teile ihres Erbguts leben in Milliarden Menschen weiter. Ein Neandertaler-Gen greift dabei offenbar bis heute in den K\u00f6rperbau ein und verschiebt ihn messbar in Richtung der robusten Statur unserer ausgestorbenen Verwandten. Wie stark der Effekt in Zellversuchen ausf\u00e4llt und in welchen Weltregionen die Variante besonders h\u00e4ufig vorkommt, \u00fcberrascht selbst Fachleute.<\/p>\n<p>\t\t\t\t\t\t\t\t(Foto: \u00a9\u00a0Forschung und Wissen)<\/p>\n<p>Neandertaler waren deutlich kr\u00e4ftiger gebaut als der moderne Mensch, mit breitem Brustkorb und massiven Knochen. Ein internationales Team um Forscher des Karolinska-Instituts und des Max-Planck-Instituts f\u00fcr evolution\u00e4re Anthropologie hat nun ein Neandertaler-Gen identifiziert, das diesen K\u00f6rperbau bis in die Gegenwart weitertr\u00e4gt. In Zellversuchen entfaltete die Variante eine um 40 Prozent st\u00e4rkere Wirkung als die heute \u00fcbliche Form. Besonders h\u00e4ufig ist das Erbe ausgerechnet in Weltregionen, in denen kaum jemand an Neandertaler denkt.<\/p>\n<p>Neandertaler besiedelten Europa und Westasien \u00fcber Hunderttausende von Jahren, bevor sie vor rund 40.000 Jahren verschwanden. Ihre Skelette zeugen von einem massiven K\u00f6rperbau mit breitem Brustkorb, dicken Knochen und kr\u00e4ftigen Muskelans\u00e4tzen. Ganz verschwunden sind sie jedoch nie, denn moderne Menschen au\u00dferhalb Afrikas tragen bis heute etwa ein bis zwei Prozent Neandertaler-DNA in ihrem Erbgut, ein Erbe der Vermischung beider Menschenformen vor etwa 47.000 Jahren. Dass ein einzelnes Neandertaler-Gen dabei bis heute den K\u00f6rperbau mitbestimmen k\u00f6nnte, galt lange als Spekulation. Bekannt war bislang vor allem, dass archaische Genvarianten das Immunsystem, Haut und Haare, das Schmerzempfinden und sogar den Schlafrhythmus beeinflussen k\u00f6nnen. Ein direkter, messbarer Einfluss auf Muskeln und Statur heutiger Menschen fehlte in dieser Liste bisher.<\/p>\n<p>Im Zentrum der neuen Untersuchung steht das Wachstumshormon, einer der wichtigsten Botenstoffe der k\u00f6rperlichen Entwicklung. Die Hirnanhangsdr\u00fcse sch\u00fcttet es ins Blut aus, wo es an einen speziellen Rezeptor auf Muskel- und Knochenzellen bindet und diese zum Wachsen anregt. Ger\u00e4t dieses System aus dem Gleichgewicht, drohen St\u00f6rungen wie Riesenwuchs oder Kleinwuchs. Ein Team um Hugo Zeberg vom Karolinska-Institut in Stockholm, dem auch Nobelpreistr\u00e4ger Svante P\u00e4\u00e4bo vom Max-Planck-Institut f\u00fcr evolution\u00e4re Anthropologie angeh\u00f6rt, durchsuchte f\u00fcnf Neandertaler-Genome gezielt nach Besonderheiten in genau diesem Signalweg. Dabei stie\u00dfen die Forscher auf zwei Aminos\u00e4ure-Ver\u00e4nderungen im Rezeptor f\u00fcr das Wachstumshormon, die es in dieser Form nur bei Neandertalern gab, wie das <a target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\" href=\"https:\/\/news.ki.se\/neanderthal-gene-variant-may-increase-muscle-mass-in-people-living-today-today\" title=\"Pressemitteilung des Karolinska Institutet zur Neandertaler-Genvariante und Muskelmasse\">Karolinska Institutet in einer Mitteilung<\/a> zur Studie berichtet.<\/p>\n<p>\t\t\t\t\t\tZellen reagieren 40 Prozent st\u00e4rker<\/p>\n<p>Um die Wirkung der archaischen Variante zu pr\u00fcfen, statteten die Forscher Mauszellen im Labor entweder mit der Neandertaler-Version oder mit der heute \u00fcblichen Form des Rezeptors aus. Das Ergebnis fiel eindeutig aus. Unter dem Einfluss von Wachstumshormon wuchsen die Zellen mit dem Neandertaler-Rezeptor um 40 Prozent st\u00e4rker als jene mit der modernen Variante. Der Gro\u00dfteil dieses Effekts lie\u00df sich dabei auf eine einzige der beiden Ver\u00e4nderungen zur\u00fcckf\u00fchren. Die Genvariante macht den Rezeptor demnach empfindlicher, sodass dieselbe Hormonmenge ein deutlich st\u00e4rkeres Wachstumssignal an Muskel- und Knochenzellen sendet, wie die <a target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\" href=\"https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.cub.2026.07.025\" title=\"Studie in Current Biology zum Neandertaler-Wachstumshormonrezeptor\">Studie in Current Biology<\/a> im Detail beschreibt. Ein solcher molekularer Verst\u00e4rker passt auffallend gut zu der bulligen Erscheinung, die Fossilien f\u00fcr die Eiszeitmenschen dokumentieren.<\/p>\n<p>Was das Neandertaler-Gen im K\u00f6rper bewirkt<\/p>\n<p>Dass der Effekt nicht auf die Zellkultur beschr\u00e4nkt bleibt, zeigen Auswertungen gro\u00dfer Biobanken. Erwachsene Tr\u00e4ger der Variante besitzen im Schnitt rund 270 Gramm mehr Muskelmasse und sind geringf\u00fcgig gr\u00f6\u00dfer als Nichttr\u00e4ger. Vor dem elften Lebensjahr war dagegen kein Unterschied messbar, der Effekt entfaltet sich also offenbar erst mit dem hormongesteuerten Wachstumsschub der Pubert\u00e4t. Auch im Gesicht hinterl\u00e4sst das Erbe Spuren, denn Tr\u00e4ger haben tendenziell einen k\u00fcrzeren hinteren Unterkieferast, h\u00e4ufiger einen \u00dcberbiss und k\u00fcrzere Zahnwurzeln. Das Erbgut heutiger Menschen erweist sich damit erneut als Archiv der Menschheitsgeschichte, in dem Forscher zuletzt sogar <a href=\"https:\/\/www.forschung-und-wissen.de\/nachrichten\/biologie\/zwei-unbekannte-menschenarten-stecken-in-jeder-menschlichen-dna-133711952\" title=\"Zwei unbekannte Menschenarten stecken in jeder menschlichen DNA\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">zwei v\u00f6llig unbekannte Menschenarten<\/a> nachweisen konnten. Die Neandertaler-Variante ist dabei nach Angaben der Autoren nur einer von vielen Faktoren, die Gr\u00f6\u00dfe und Statur eines Menschen beeinflussen.<\/p>\n<p>\t\t\t\t\t\tBis zu 24 Prozent Tr\u00e4ger in Asien<\/p>\n<p>\u00dcberraschend ist die heutige Verbreitung der Genvariante. In Europa, wo Neandertaler einst lebten, tragen sie nur etwa 0,5 Prozent der Menschen, in Afrika s\u00fcdlich der Sahara fehlt sie ganz. In S\u00fcdasien findet sie sich dagegen bei rund 20 Prozent und in Ostasien bei etwa 15 Prozent der Bev\u00f6lkerung, in einzelnen Populationen sogar bei bis zu 24 Prozent. Warum sich das Erbe gerade dort hielt, ob durch Zufall oder durch einen einstigen \u00dcberlebensvorteil, ist bislang offen. Unabh\u00e4ngige Fachleute mahnen zudem, den Befund nicht zu \u00fcberh\u00f6hen, da niemand durch eine einzelne Variante zum Neandertaler wird. Wie viel Information selbst Jahrhunderte alte Proben preisgeben k\u00f6nnen, demonstrierte k\u00fcrzlich auch Erbgut, das <a href=\"https:\/\/www.forschung-und-wissen.de\/nachrichten\/archaeologie\/zwei-mumien-aus-chile-verraten-wer-die-pocken-nach-amerika-brachte-133711900\" title=\"Zwei Mumien aus Chile verraten wer die Pocken nach Amerika brachte\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">zwei Mumien aus Chile<\/a> entnommen wurde und die Ausbreitung der Pocken nach Amerika nachzeichnete.<\/p>\n<p>Current Biology, Increased signaling of the Neanderthal growth hormone receptor; doi:10.1016\/j.cub.2026.07.025<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"(Symbolbild) Vor rund 40.000 Jahren verschwanden die Neandertaler, doch Teile ihres Erbguts leben in Milliarden Menschen weiter. 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