{"id":245798,"date":"2026-08-11T08:52:40","date_gmt":"2026-08-11T08:52:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/245798\/"},"modified":"2026-08-11T08:52:40","modified_gmt":"2026-08-11T08:52:40","slug":"david-kaufmann-lassen-sich-staedte-klimafit-machen-ohne-zu-gentrifizieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/245798\/","title":{"rendered":"David Kaufmann, lassen sich St\u00e4dte klimafit machen ohne zu gentrifizieren?"},"content":{"rendered":"<p>Stadtentwicklung war schon immer mit Aufwertung verbunden, von der nicht die gesamte Bev\u00f6lkerung gleich stark profitiert. Mit dem Klimawandel versch\u00e4rft sich dieses Problem weiter. Klimaschutz und Klimaanpassung sind Faktoren, die den Wert von Wohnlagen bestimmen. Wer \u00fcber ausreichend finanzielle Mittel verf\u00fcgt, kann auch k\u00fcnftig f\u00fcr eine begr\u00fcnte Umgebung, k\u00fchlere Wohnungen oder hitzeangepasste Quartiere bezahlen. Dadurch nimmt die soziale Ungleichheit in St\u00e4dten weiter zu.\u00a0<\/p>\n<p>Deshalb auf klimaorientierte Stadtentwicklung zu verzichten, w\u00e4re jedoch zynisch. \u00dcberhitzte Wohnungen, mangelnde Beschattung oder hohe L\u00e4rmbelastungen sind echte Gesundheitsrisiken. Gerade Menschen mit tiefen Einkommen sind diesen besonders stark ausgesetzt. Klimaanpassung ist keine Luxusaufgabe f\u00fcr Wohlhabende, sondern eine soziale Notwendigkeit.\u00a0<\/p>\n<p>Ebenso zynisch w\u00e4re allerdings zu akzeptieren, dass Gentrifizierung ein nat\u00fcrlicher Stadtentwicklungsprozess ist. Wenn g\u00fcnstige Wohnungen abgerissen werden und an ihrer Stelle energieeffiziente Neubauten f\u00fcr die obere Mittelschicht entstehen, dann ist dies ungerecht.\u00a0<\/p>\n<p>Deshalb sprechen wir heute von sozial-\u00f6kologischer Stadtentwicklung. Sie will, dass \u00f6kologische und soziale Ziele nicht gegeneinander ausgespielt, sondern zusammen verfolgt werden. Die Bev\u00f6lkerung unterst\u00fctzt das, wie <a href=\"https:\/\/ethz.ch\/de\/news-und-veranstaltungen\/eth-news\/news\/2024\/04\/was-staedte-tun-koennen-damit-ihre-verdichtung-akzeptiert-wird.html\" class=\"eth-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Befragungen<\/a> zeigen. Verdichtung wird von den meisten Stadtbewohner:innen eher akzeptiert, wenn sie mit Klimaschutz und Klimaanpassungen verbunden ist. Interessant ist dabei, dass die Zustimmung zur Verdichtung besonders hoch ausf\u00e4llt, wenn g\u00fcnstige Wohnungen und Gr\u00fcnr\u00e4ume Teil des Projekts sind. Die Bev\u00f6lkerung w\u00fcnscht sich also nicht einfach mehr Wohnungsbau, sondern eine Entwicklung, die \u00f6kologisch und sozial ausgewogen ist.\u00a0<\/p>\n<p>Bei der Innenentwicklung von St\u00e4dten setzen wir jedoch im Moment oft auf Ersatzneubauten. Aus \u00f6kologischer und sozialer Sicht ist der Abriss bestehender Geb\u00e4ude f\u00fcr zus\u00e4tzliche Wohnungen oft die schlechteste Variante. Ersatzneubauten verursachen hohe graue Emissionen, und die Mieten steigen. Davon sind besonders Haushalte mit tiefen Einkommen, \u00e4ltere Menschen sowie weitere sozial benachteiligte Gruppen betroffen.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Eine nachhaltigere Alternative ist Weiterbauen im Bestand. Energetische Sanierungen, Aufstockungen und Anbauten erm\u00f6glichen zus\u00e4tzliche Wohnungen, ohne bestehende Geb\u00e4ude abzureissen. Dadurch lassen sich sowohl CO\u2082-Emissionen als auch Verdr\u00e4ngungseffekte reduzieren.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Auch bei der Klimaanpassung selbst kommt es auf die Umsetzung an. Forschung zeigt, dass neue Parks, verkehrsberuhigte Strassen oder grossfl\u00e4chige Begr\u00fcnung den Wert von Wohnlagen erh\u00f6ht. Eine m\u00f6gliche Antwort darauf sind Strategien wie \u00abGreening in Place\u00bb und \u00abJust Green Enough\u00bb: Statt wenige grosse Prestigeprojekte werden viele kleinere Massnahmen dezentral im Stadtgebiet realisiert.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Eine solche Stadtentwicklung braucht geeignete Strategien und Instrumente. Und eine strategische Stadtentwicklung integriert \u00f6kologische und soziale Ziele, anstatt diese einzeln zu betrachten oder gegeneinander auszuspielen. Auf der Ebene von konkreten Projekten besteht in der Raumplanung mit der Interessenabw\u00e4gung bereits ein wichtiges Werkzeug, das dabei hilft, unterschiedliche Ziele \u2013 etwa Klimaschutz, Biodiversit\u00e4t, Mobilit\u00e4t oder soziale Gerechtigkeit \u2013 sichtbar zu machen und gegeneinander abzuw\u00e4gen.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Hinzu kommen wohnpolitische Massnahmen gegen Verdr\u00e4ngung: Mietrechtlicher Schutz f\u00fcr vulnerable Gruppen, Vorgaben f\u00fcr bezahlbaren Wohnraum, aktive Bodenpolitik oder die F\u00f6rderung gemeinn\u00fctziger Wohnbautr\u00e4ger. Internationale Beispiele zeigen, dass solche Instrumente wirksam sind.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Die Klimakrise wird die Stadtentwicklung stark pr\u00e4gen. Wir m\u00fcssen deshalb Klimaanpassung, Wohnungsbau und soziale Gerechtigkeit gemeinsam denken. Klimafitte St\u00e4dte ohne Gentrifizierung sind m\u00f6glich \u2013 aber nur, wenn wir die soziale und \u00f6kologische Stadtentwicklung als gemeinsamen Auftrag verstehen.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Stadtentwicklung war schon immer mit Aufwertung verbunden, von der nicht die gesamte Bev\u00f6lkerung gleich stark profitiert. 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