{"id":246651,"date":"2026-08-11T19:43:16","date_gmt":"2026-08-11T19:43:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/246651\/"},"modified":"2026-08-11T19:43:16","modified_gmt":"2026-08-11T19:43:16","slug":"carola-zirzow-ich-werde-niemals-begreifen-was-mir-widerfahren-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/246651\/","title":{"rendered":"Carola Zirzow: \u201eIch werde niemals begreifen, was mir widerfahren ist\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Mit 21 Jahren stand Carola Zirzow am Beginn einer verhei\u00dfungsvollen Karriere. Doch weil sie bei den Sommerspielen 1976 mit einem Italiener spazieren ging, zerst\u00f6rten die DDR-Machthaber die Karriere der Kanu-Olympiasiegerin.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Es ist ein Drama, das es nur einmal im deutschen Sport gab \u2013 und das es ganz sicher nicht noch einmal geben wird. Lange \u00fcberlegte die leidgepr\u00fcfte Protagonistin auch, ob sie ihre Erinnerungen noch einmal aufleben lassen sollte. Schlie\u00dflich hatte sie Jahrzehnte gebraucht, um das folgenschwere Drama zu verarbeiten, das sie einst zu akzeptieren hatte, ohne sich dagegen wehren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Am 30. Juli war es ein halbes Jahrhundert her, dass Carola Drechsler unter ihrem M\u00e4dchennamen Zirzow bei den Sommerspielen 1976 in Montreal <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/sport\/olympia\/\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/sport\/olympia\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">olympische Geschichte<\/a> schrieb. Auf der Regattastrecke der Insel Notre Dame im St.-Lorenz-Strom gewann die Neubrandenburgerin als erste deutsche <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/kanu\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/kanu\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kanutin<\/a> das Einzelrennen \u00fcber 500 Meter. Mu\u00dfe, sich ausgelassen zu freuen, blieb ihr im Moment des Triumphes aber kaum. Der Siegerehrung folgte umgehend die Vorbereitung auf den 90 Minuten sp\u00e4ter angesetzten Endlauf im Kajakzweier mit ihrer Klubkameradin B\u00e4rbel K\u00f6ster, mit der sie im Jahr zuvor den Weltmeistertitel erpaddelt hatte. Die n\u00e4chste Goldmedaille sollte gewonnen werden. Als favorisiertes Duo gestartet, musste sich der Zweier aus der DDR allerdings mit dem Bronzerang begn\u00fcgen.<\/p>\n<p>Auch wenn sich die insgeheime Hoffnung der Olympiadeb\u00fctantin vom Doppelsieg nicht erf\u00fcllte, so war sie dennoch \u00fcbergl\u00fccklich mit dem, was sie bei ihrer Premiere unter den f\u00fcnf Ringen erreicht hatte. Mit 21 Jahren stand Carola Zirzow am Beginn einer verhei\u00dfungsvollen Laufbahn. Weitere Glanzleistungen, prognostizierten Experten, w\u00fcrden angesichts ihres au\u00dfergew\u00f6hnlichen Talents folgen. Die Fachm\u00e4nner irrten jedoch genauso wie die bis zu ihrem gr\u00f6\u00dften Triumph viel gepriesene Athletin.<\/p>\n<p>Zirzow: Eine \u201eItalia\u201c-Jacke \u00fcber ihren Schultern <\/p>\n<p>Das Drama begann am Tag nach dem Wettkampf. An jenem Samstagabend hatte der Veranstalter die Sportler aller L\u00e4nder zu einem Abschlussbankett geladen. Auch Carola Zirzow sa\u00df an einem der reich gedeckten Tische. Noch vor Mitternacht verabschiedete sie sich jedoch auf Gehei\u00df der DDR-Sportf\u00fchrung. Auf dem Weg zu ihrem Apartment in einem 23-geschossigen Hochhaus begegnete sie zuf\u00e4llig Oreste Perri. Der Kanute aus Italien gratulierte erst, dann fragte er h\u00f6flich, ob sie nicht noch einmal runterkommen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>\u201eIch habe kurz \u00fcberlegt und ja gesagt, weil ich mir nichts B\u00f6ses dachte\u201c, erz\u00e4hlt die Olympionikin WELT AM SONNTAG ein halbes Jahrhundert sp\u00e4ter beim Gespr\u00e4ch in ihrer mecklenburgischen Heimat. Sie wusste nat\u00fcrlich, dass DDR-Athleten keinerlei Kontakte zu den Aktiven aus dem nicht-sozialistischen Ausland, wie es im DDR-Jargon hie\u00df, haben durften und mit drakonischen Strafen rechnen mussten, wenn sie sich \u00fcber die strikte Anweisung hinwegsetzten. Doch dessen war sie sich im Hochgef\u00fchl ihres sportlichen Gl\u00fccks nicht bewusst. \u201eIch bin in mein Zimmer, sagte meiner Zimmerpartnerin, mit wem ich mich jetzt noch treffen m\u00f6chte, und bin wieder gegangen.\u201c<\/p>\n<p>Den drei Jahre \u00e4lteren S\u00fcdeurop\u00e4er kannte die gro\u00dfgewachsene Blondine nur vom fl\u00fcchtigen Sehen. \u201eWir sind uns gelegentlich bei Regatten begegnet, haben \u201aHallo\u2018 gesagt, das war\u2018s.\u201c Viel mehr reden konnten sie ohnehin nicht miteinander. Perri war des Deutschen nicht m\u00e4chtig, Zirzow sprach weder Italienisch noch Englisch. \u201eIch wusste auch nichts \u00fcber ihn, au\u00dfer, dass er ein recht guter Kanute war.\u201c Perri war bereits vier Jahre zuvor bei den Sommerspielen in M\u00fcnchen gestartet und auch noch 1980 in Moskau am Start. Ein Medaillengewinn war dem viermaligen Weltmeister jedoch nicht verg\u00f6nnt.<\/p>\n<p>Zirzow und Perri schlenderten im Mondschein durch das olympische Dorf. \u201eWir stie\u00dfen mit einem Glas Sekt auf meinen Erfolg an\u201c, wei\u00df Drechsler noch und f\u00fcgt gr\u00fcbelnd hinzu: \u201eVielleicht haben wir uns auch geknutscht, aber auf gar keinen Fall war da mehr. Nach einer guten Stunde war ich wieder zur\u00fcck im Zimmer.\u201c<\/p>\n<p>Das Fatale sei gewesen, dass Perri seine mit \u201eItalia\u201c beflockte Jacke \u00fcber ihre Schulter gelegt hatte, weil sie ein wenig gefroren habe. Ausgerechnet in diesem Moment kreuzte Manfred Ewald ihren Weg. Zirzow sagte dem m\u00e4chtigsten Funktion\u00e4r des DDR-Sports freundlich \u201eGuten Abend\u201c, woraufhin er sie erkannte, aber gru\u00dflos weiterzog. Ihr trauriges Schicksal war von jetzt an besiegelt. Noch in Montreal beschloss Ewald in der ihm eigenen diktatorischen Art die Bestrafung von Zirzow.<\/p>\n<p>Kaltgestellt, aber in Sicherheit gewogen<\/p>\n<p>An den letzten beiden Tagen bis zum R\u00fcckflug sp\u00fcrte die hinter den Kulissen bereits Kaltgestellte noch nichts von dem, was ihr nach der Heimkehr bl\u00fchen w\u00fcrde. Ewald hatte sie neben drei weiteren mit Medaillen dekorierten DDR-Sportlern sogar noch f\u00fcr Interviews im kanadischen Fernsehen auserkoren. Jegliches Misstrauen der dreimaligen Weltmeisterin sollte verhindert werden, nicht dass sie sich noch in Nordamerika von der Mannschaft absetzt. Die Sportgewaltigen aus dem Arbeiter-und-Bauern-Staat glaubten, ihr Problemfall h\u00e4tte ein Verh\u00e4ltnis mit Perri und w\u00fcrde deshalb m\u00f6glicherweise das Land verlassen wollen.<\/p>\n<p>Die Machthaber empfanden es als schlimmste Schmach, wenn ihnen jemand den R\u00fccken kehrte \u2013 zumal, wenn er sportlich erfolgreich war, weil dadurch die schadenfrohen Schlagzeilen der politischen Gegner umso gr\u00f6\u00dfer ausfielen. Die \u201eDiplomaten im Trainingsanzug\u201c galten nun einmal als Garant f\u00fcr das internationale Renommee der DDR. Wer floh, wurde als \u201eVerr\u00e4ter\u201c diffamiert, Namen wurden aus Statistiken gel\u00f6scht und Fotos retuschiert. Dennoch verlie\u00dfen zwischen 1952 und 1989 mehr als 615 Sportler, Trainer und \u00c4rzte die DDR.<\/p>\n<p>\u201eNie und nimmer\u201c, beteuert Zirzow, \u201ehabe ich jemals daran gedacht, aus der DDR zu fliehen. Ich kannte im Westen niemanden, wo sollte ich denn hin?\u201c<\/p>\n<p>Als Zirzow eiskalt abserviert wurde: \u201eDu bist nicht w\u00fcrdig\u201c<\/p>\n<p>Als Einzelkind aufgewachsen, liebte sie den Kanurennsport. Seit ihrem elften Lebensjahr \u00fcbte sie ihn aus, erst in ihrer Geburtsstadt Prenzlau, dann an der Sportschule in Neubrandenburg. Der Staat bot perfekte M\u00f6glichkeiten f\u00fcr die Entwicklung zu einer Weltklasseathletin. Alles passte bis zu jenem Tag, als sie kurz nach der R\u00fcckkehr aus Kanada in das Trainerzimmer des Sportclubs Neubrandenburg zitiert wurde. Nichtsahnend nahm sie Platz, im Raum sa\u00dfen noch ihr Trainer Horst Kautzke und Klubleiter Erich Kr\u00fcger.<\/p>\n<p>Ohne viele Worte zu verlieren, wurde sie von Kautzke vor vollendete Tatsachen gestellt. Eiskalt sagte er: \u201eDu musst mit dem Leistungssport aufh\u00f6ren. Und nach Kuba f\u00e4hrst du auch nicht mit. Du bist nicht w\u00fcrdig daf\u00fcr, du k\u00f6nntest \u00fcber Bord gehen.\u201c Die Auszeichnungsreise in die Karibik durfte antreten, wer in Montreal eine Podestplatzierung erreicht hatte. Mit 40 Gold- sowie jeweils 25 Silber- und Bronzeplaketten belegte die DDR hinter der Sowjetunion erstmals Rang zwei in der prestigetr\u00e4chtigen Medaillenwertung.<\/p>\n<p>Die \u00c4chtung der erfolgreichsten DDR-Kanutin war unumst\u00f6\u00dflich. Auch ein pers\u00f6nliches Gespr\u00e4ch mit Ewald in Berlin \u00e4nderte nichts an ihrer Verdammung. Er gestand ihr lediglich noch die Erfolgspr\u00e4mie von 20.000 DDR-Mark und die Ehrung mit dem Vaterl\u00e4ndischen Verdienstorden in Silber zu. \u201eNiemand kann sich vorstellen, wie tief ich von einem Augenblick auf den anderen gefallen bin. Es war schrecklich\u201c, sagt Drechsler r\u00fcckblickend. Dass dieser harmlose Nachtbummel mit Perri, mit dem sie nie wieder Kontakt hatte, ihr noch junges Leben vollkommen auf den Kopf stellen w\u00fcrde, h\u00e4tte sie nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehalten. Es ist eines der dunkelsten Kapitel des DDR-Sports.<\/p>\n<p>\u201eDie Narben\u201c, sagt Carola Drechsler, \u201ebleiben f\u00fcr immer\u201c<\/p>\n<p>Als Zirzows Ausbootung publik wurde, wandten sich im Sportclub alle von ihr ab. Aufgefangen wurde sie von den Eltern. Sie gaben ihrer Tochter das Vertrauen, was sie brauchte, um wieder zu sich selbst zu finden. Auch der Berufswunsch, als Physiotherapeutin im Sportklub zu arbeiten, wurde ihr versagt. Als gelernte Wirtschaftskauffrau reparierte sie fortan Z\u00e4hler im Elektrokombinat, ehe sie als Ingenieur\u00f6konomin andere Aufgaben \u00fcbertragen bekam. Nach dem Mauerfall war sie ein Jahr arbeitslos. 1993 begann sie als Arzthelferin in der HNO-Praxis ihres Mannes, den sie 1979 geheiratet hatte. Inzwischen genie\u00dfen sie gemeinsam ihr Rentnerdasein.<\/p>\n<p>\u201eIch werde niemals begreifen, was mir widerfahren ist, weil es so unwirklich ist\u201c, betont Carola Drechsler. Ihre Lebensfreude ist jedoch wieder sp\u00fcrbar. Mit Radfahren, Wandern und Joggen h\u00e4lt sich die 71-J\u00e4hrige fit. Von ihrem sportlichen Ruhm k\u00fcndet seit 2022 eine Bronzeplatte auf dem Neubrandenburger Walk of Sports. \u201eDie Schmerzen von einst sind geheilt\u201c, sagt die Ehrenb\u00fcrgerin der Stadt. \u201eAber die Narben bleiben f\u00fcr immer.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Mit 21 Jahren stand Carola Zirzow am Beginn einer verhei\u00dfungsvollen Karriere. 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