{"id":250650,"date":"2026-08-14T09:31:13","date_gmt":"2026-08-14T09:31:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/250650\/"},"modified":"2026-08-14T09:31:13","modified_gmt":"2026-08-14T09:31:13","slug":"russlands-glaubenskrieg-wir-sind-in-einen-kampf-eingetreten-der-nicht-physische-sondern-metaphysische-bedeutung-hat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/250650\/","title":{"rendered":"Russlands Glaubenskrieg: \u201eWir sind in einen Kampf eingetreten, der nicht physische, sondern metaphysische Bedeutung hat\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Das geistliche Oberhaupt Russlands hat ein Buch \u00fcber den Krieg geschrieben \u2013 im Westen zu bekommen ist es nicht. Wer dennoch ein Exemplar ergattert, erf\u00e4hrt, was f\u00fcr eine Art Krieg Russland begonnen hat. Und welche russischen Grenzen auf keiner Karte stehen.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Das Buch ist schmal und unscheinbar. Grauer Pappband, kein Schutzumschlag, ein n\u00fcchterner R\u00fccken\u00a0\u2013 man k\u00f6nnte es f\u00fcr ein Gebetsbuch halten. Auf dem hinteren Deckel prangt ein Signet: eine kleine Kirche, \u00fcberragt von einem aufgerichteten Schwert. Dar\u00fcber steht, in schlichter Antiqua, der Satz: \u201eDa alles in der Welt aus der Ber\u00fchrung von Gut und B\u00f6se hervorgeht, wird der Ausgang des Krieges von Gott bestimmt, und es siegt derjenige, der auf der Seite des Lichts steht. Unsere irdische Berufung ist es, Krieger des Herrn zu sein.\u201c<\/p>\n<p>Der Titel kennt keine Umschweife: \u201eDer Krieg. Jenseits der sichtbaren Ursachen und Folgen\u201c. Sein Autor ist <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/plus237591457\/Russisch-orthodoxe-Kirche-Putins-Gotteskrieger.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/plus237591457\/Russisch-orthodoxe-Kirche-Putins-Gotteskrieger.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Patriarch Kyrill<\/a>, das Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche; offiziell erschienen ist der Band am 28. Juli 2026, dem Fest der Taufe der Rus.<\/p>\n<p>Zu bekommen ist er kaum. Er erscheint allein im Verlag des Moskauer Patriarchats, verkauft wird er \u00fcber dessen eigenen Onlineshop\u00a0\u2013 750\u00a0Rubel (knapp acht Euro), Alterskennzeichnung \u201e12+\u201c\u00a0\u2013 in keiner regul\u00e4ren Buchhandlung, in keinem westlichen Versand. Wer ihn lesen will, muss ihn sich beschaffen wollen; schon das geh\u00f6rt zur Botschaft. Dieses Buch sucht keine Zweifler. Es spricht zur eigenen Gemeinde, und es spricht deren Sprache.<\/p>\n<p>Kirche und Schwert, ineinander gepr\u00e4gt\u00a0\u2013 das Signet nimmt vorweg, was die mehr als zweihundert Seiten ausbuchstabieren. Der Kulturwissenschaftler Jan Lewtschenko hat auf den logischen Bruch im Deckelsatz hingewiesen: Das vermeintlich kausale \u201eda\u201c behauptet einen Grund, wo keiner ist. Warum sollte aus der \u201eBer\u00fchrung von Gut und B\u00f6se\u201c folgen, dass Gott den Kriegsausgang bestimmt? Der Satz ist blo\u00dfe Beschw\u00f6rung, das Verfahren des ganzen Buches.<\/p>\n<p>Die zentrale These steht bereits auf Seite f\u00fcnf. Denn das erste Kapitel, \u201eDer metaphysische Kampf\u201c, ist Wort f\u00fcr Wort die Predigt, die Kyrill am 6. M\u00e4rz 2022 in der Moskauer Christ-Erl\u00f6ser-Kathedrale hielt, elf Tage nach Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine: \u201eEs geht nicht um Politik, sondern um etwas anderes und weit Wichtigeres. Es geht um das Heil des Menschen.\u201c Und dann der Satz, aus dem der Titel erw\u00e4chst: \u201eWir sind in einen Kampf eingetreten, der nicht physische, sondern metaphysische Bedeutung hat.\u201c<\/p>\n<p>Worin diese \u201emetaphysische\u201c Bedeutung besteht? Im Kulturkampf. Kyrill nannte schon in der Christ-Erl\u00f6ser-Kathedrale einen konkreten Pr\u00fcfstein westlicher Zumutung: \u201eDer Test ist sehr einfach und zugleich schrecklich\u00a0\u2013 es ist die Gay-Pride-Parade.\u201c Ausgerechnet am Vergebungssonntag predigte er: \u201eVergebung ohne Gerechtigkeit ist Kapitulation und Schw\u00e4che.\u201c<\/p>\n<p>Kyrills Prosa ist die der Kanzel: kreisend, wiederholend, jede Behauptung mit einem Schriftvers besiegelt. \u201eAuf dass sie Dich erkennen, den wahren Gott\u201c setzt die Pr\u00e4misse, die alles Weitere tr\u00e4gt: \u201eMit dem Ende des physischen Lebens endet das menschliche Leben nicht.\u201c Wenn der Tod nicht das Ende ist, verliert das Sterben sein Gewicht\u00a0\u2013 eine Bemerkung, die harmlos klingt, bis man sie neben die Rekrutierungsplakate h\u00e4lt, auf denen dieselben \u201eKrieger des Herrn\u201c f\u00fcr den Kriegsdienst werben.<\/p>\n<p>Das Kapitel \u201eDas geistliche Wesen des Patriotismus\u201c definiert die Vaterlandsliebe nach Kyrill. Sie sei \u201evor allem Treue zum g\u00f6ttlichen Plan \u00fcber dein Land und dein Volk\u201c\u00a0\u2013 ein Volk k\u00f6nne n\u00e4mlich \u201esowohl sein Land als auch seine eigene Seele verraten\u201c. Dann wird der Opfermythos des Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieges bruchlos in die Gegenwart verl\u00e4ngert: \u201eDie ungeheuren Opfer, die wir gebracht haben, retteten die Welt\u201c, hei\u00dft es im Kapitel \u201eDer Sieg am Rande des Unm\u00f6glichen\u201c.<\/p>\n<p>Im Kapitel \u201eDer Krieg gegen das ins menschliche Leben eingelassene B\u00f6se\u201c ruft der Patriarch dann den Erzengel Michael als Zeugen auf, denn der habe \u201eden ersten Sieg \u00fcber das B\u00f6se\u201c errungen\u00a0\u2013 wonach sich f\u00fcr Kyrill jede Verhandlung theologisch verbietet: \u201eEin Kompromiss\u201c zwischen Gut und B\u00f6se sei \u201eunm\u00f6glich\u201c. Wo der Gegner das B\u00f6se verk\u00f6rpert, wird Frieden zum Verrat.<\/p>\n<p>Am meisten Aufmerksamkeit hat ein Kapitel auf sich gezogen, das schon der Klappentext nennt: \u201eDer rassische Aspekt des Krieges\u201c. Man erwartet das Schlimmste\u00a0\u2013 und liegt falsch, jedenfalls im Text. Kyrill rahmt den \u201erassischen Aspekt\u201c antirassistisch: Die Katastrophen des 20. Jahrhunderts h\u00e4tten die Menschheit gezwungen, \u201edie Probleme des Rassismus und des Kolonialismus\u201c neu zu sehen. Gegen Ende des Bandes kehrt dieses Motiv wieder: \u201eEs gibt auf Erden keine \u201ah\u00f6heren Rassen\u2018, denn wir alle sind Kinder Gottes\u201c, die \u201evollst\u00e4ndige \u00dcberwindung des Nazismus und Neonazismus\u201c sei eine \u201ewahrhaft universale\u201c Aufgabe. Das ist die russische Entnazifizierungs-Erz\u00e4hlung in geistlichem Gewand: Russland als antifaschistische Macht.<\/p>\n<p>Daneben ist eine von Swetlana Schtschibljowas geschaffene Ikone zu sehen, die unter der schwebenden Gottesmutter die gefallenen Donbass-Milizf\u00fchrer \u201eGiwi\u201c (Michail Tolstych) und \u201eMotorola\u201c (Arsen Pawlow) mit ihren K\u00e4mpfern zeigt. Neben der Absage an \u201eh\u00f6here Rassen\u201c prangt die Heiligsprechung zweier Separatistenf\u00fchrer.<\/p>\n<p>Wohin die Reise geht, sagt das Kapitel \u201eDie metaphysischen Grenzen Russlands\u201c am deutlichsten. \u201eRusslands Grenzen sind nicht nur seine geografischen Grenzen\u201c, schreibt Kyrill; gemeint seien \u201esittliche Schranken, hinter die wir nicht zur\u00fcckweichen k\u00f6nnen und d\u00fcrfen\u201c. Grenzen, die nicht auf der Karte stehen, enden nirgends, \u201egerade die Kirche\u201c sei \u201ein irdischer Perspektive die Br\u00fccke\u201c.<\/p>\n<p>Wohlgemerkt: Schon im Titel seiner Schrift hat der Patriarch versprochen, den Krieg \u201ejenseits des Sichtbaren\u201c zu erkl\u00e4ren. Zwei Tage bevor das Buch erschien, hat <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article6a64c9922d42c378bab76849\/ukraine-krieg-eine-schande-junge-menschen-sterben-putin-verbuendeter-fordert-ploetzlich-stopp-der-kaempfe.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article6a64c9922d42c378bab76849\/ukraine-krieg-eine-schande-junge-menschen-sterben-putin-verbuendeter-fordert-ploetzlich-stopp-der-kaempfe.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kasachstans Pr\u00e4sident Tokajew<\/a> Wladimir Putin in Omsk ins Gesicht gesagt, die Natur des Krieges gegen die Ukraine sei \u201enicht ganz verst\u00e4ndlich f\u00fcr viele, uns eingeschlossen\u201c. Genau hier ist Kyrill willens, auszuhelfen: Sichtbare Gr\u00fcnde gebe es nicht, weil die wahren im Metaphysischen l\u00e4gen. So wird die Sinnlosigkeit des T\u00f6tens zum Gottesbeweis umgem\u00fcnzt\u00a0\u2013 und die Kirche zur einzigen Instanz, die diesen Krieg noch zu deuten wei\u00df.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Das geistliche Oberhaupt Russlands hat ein Buch \u00fcber den Krieg geschrieben \u2013 im Westen zu bekommen ist es&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":250651,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[9],"tags":[42,53893,53894,5163,1633,8908,40,103,49,8907,48,47],"class_list":["post-250650","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-welt","tag-nachrichten","tag-orthodoxe-kirchen","tag-patriarchat-ks","tag-putin","tag-russland","tag-russland-ukraine-krieg-24-2-2022","tag-schlagzeilen","tag-texttospeech","tag-welt","tag-wladimir","tag-world","tag-world-news"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@ch_de\/117093162925102832","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/250650","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=250650"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/250650\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/250651"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=250650"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=250650"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=250650"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}