{"id":258531,"date":"2026-08-19T20:14:12","date_gmt":"2026-08-19T20:14:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/258531\/"},"modified":"2026-08-19T20:14:12","modified_gmt":"2026-08-19T20:14:12","slug":"im-kino-spaziergang-nach-syrakus-mit-charly-huebner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/258531\/","title":{"rendered":"Im Kino: &#171;Spaziergang nach Syrakus&#187; mit Charly H\u00fcbner"},"content":{"rendered":"<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">\u201eMir fehlte ja nichts au\u00dfer der \u00fcbrigen Welt\u201c, sagt Paul (Charly H\u00fcbner) \u00fcber sein Leben in der DDR der 1980er-Jahre. Aber Fernweh kann sich zu einer schwelenden, dr\u00e4ngenden Kraft entwickeln, die sich irgendwann nicht l\u00e4nger unterdr\u00fccken l\u00e4sst. Schon als Kind, wenn der Vater ihm Stubenarrest verordnet hat, ist Paul immer wieder aus dem Fenster gesprungen, weil der Wille, hinaus in die Welt zu gehen, gr\u00f6\u00dfer war als die Autorit\u00e4t seines Erziehungsberechtigten. Nun hat er Johann Gottfried Seumes \u201eSpaziergang nach Syrakus\u201c in die Hand bekommen. Und bei der Lekt\u00fcre setzt sich in seinem Kopf der Plan fest, selbst einmal \u00fcber die Alpen durch <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/italien\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Italien<\/a> nach <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/sizilien\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Sizilien<\/a> zu wandern \u2013 als DDR-B\u00fcrger ein nahezu unm\u00f6gliches Unterfangen.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Mit \u201eSpaziergang nach Syrakus\u201c verfilmt Regisseur Lars Jessen Motive der Erz\u00e4hlung von F.C. Delius aus dem Jahre 1995, welche sich wiederum auf die reale, abenteuerliche Reise des Klaus M\u00fcller von <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/rostock\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Rostock<\/a> nach Sizilien bezieht. Die Republikflucht wurde im <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/kino\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kino<\/a> und Fernsehen schon oft in Szene gesetzt. Das Spektrum reicht von \u201eDer Tunnel\u201c (2001) \u00fcber \u201eWir wollten aufs Meer\u201c (2012) bis zu Michael \u201eBully\u201c Herbigs \u201eDer Ballon\u201c (2018). Jessen und sein Hauptdarsteller und Koproduzent Charly H\u00fcbner schlagen in ihrem Film einen grunds\u00e4tzlich anderen Weg ein. Denn dieser Paul wird hier nicht als Heldenfigur aufgebaut, die sich tapfer den Weg in die Freiheit bahnt.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Der Grenz\u00fcbertritt, der Paul schlie\u00dflich mit einer Segeljolle bei st\u00fcrmischem Nordostwind gelingt, ist nicht der H\u00f6hepunkt der Handlung, sondern eher eine Zwischenetappe. Paul erk\u00e4mpft sich zwar die ersehnte Reisefreiheit und wandert mit Rucksack und Reisetasche \u00fcber die Alpen ins Traumland Italien, wo er zum ersten Mal Pasta mit echtem Parmesan isst. Aber er muss bald feststellen, dass das Reisen zwar ein Grundbed\u00fcrfnis, aber kein Selbstzweck ist. Die Freude \u00fcber das Erleben einer anderen Kultur bleibt ein halbherziger Genuss, den er mit niemandem \u2013 und vor allem nicht mit der Frau, die er liebt \u2013 teilen kann.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Wer ist nun dieser Paul? Eigentlich hatte er Abitur machen und studieren wollen. Aber nun schippert er als Kellner auf einem Ausflugsdampfer auf dem Greifswalder Bodden hin und her. Am Wochenende geht es mit Freundin Anne (Lina Beckmann), die in Rostock als \u00c4rztin arbeitet, raus auf die Datscha unweit des sch\u00f6nen Ostseestrandes.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Das Leben des Paares ist von einer tiefen Vertrautheit gepr\u00e4gt, die dem Alltag eine verl\u00e4ssliche Grundw\u00e4rme verleiht. Aber genau diese Liebe droht Paul mit seinen Pl\u00e4nen aufs Spiel zu setzen. Um Anne nicht als Mitwisserin in Gefahr zu bringen, verschweigt er ihr sein Vorhaben, das er mit erstaunlicher Beharrlichkeit hinter verschlossenen T\u00fcren verfolgt. Zuerst naiv auf offiziellem Wege, doch der Antrag auf Besuch zum 50. Geburtstag der Tante in Bochum wird abgelehnt. Mit dem Ansinnen \u00fcber die \u201eLiga f\u00fcr V\u00f6lkerfreundschaft\u201c die italienische Kultur n\u00e4her kennenzulernen, macht er sich verd\u00e4chtig. Und so bleibt nur der illegale Grenz\u00fcbertritt ins nichtsozialistische Ausland.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Von Hiddensee aus sind es etwa 60 Kilometer \u00fcbers Meer nach D\u00e4nemark \u2013 eine Route, auf der schon viele Republikfl\u00fcchtige ihr Leben gelassen haben. Aber davon wei\u00df Paul nichts. Mit Geduld und Akribie arbeitet er sieben Jahre lang an seinem Plan, den er nicht als Flucht-, sondern als Reisevorbereitung versteht. Denn danach will er wieder zur\u00fcck in das \u201ekleine Deutschland\u201c und zur\u00fcck zu Anne, der Liebe seines Lebens.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Jessens Film wird getragen von der wunderbar differenzierten Performance Charly H\u00fcbners, der die widerspr\u00fcchlichen Gef\u00fchle seiner Figur mit feinem Gesp\u00fcr herausarbeitet. Das Interessante an \u201eSpaziergang nach Syrakus\u201c ist, dass der Film sein Sujet von zwei Seiten hinterfragt. Zum einen zeichnet er im Zuge der ausf\u00fchrlich beschriebenen Reisevorbereitungen ein deutliches Bild davon, wie sehr das DDR-System seinen B\u00fcrgern misstraute. Lekt\u00fcre \u00fcber Nautik und Radar-Technik sind nur unter der Vorlage des Personalausweises in der Buchhandlung erh\u00e4ltlich. Ein unverheirateter Mittvierziger, der einem Segelverein beitreten will, macht sich schon per se verd\u00e4chtig.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">In Paul verst\u00e4rkt das staatliche Misstrauen den Wunsch, aus dem engen Regelwerk auszubrechen. Aber die Beharrlichkeit, mit der er diesen Ausbruch vorbereitet, ist Ausdruck einer Sturheit, die den eigenen Egotrip \u00fcber die Liebesbeziehung stellt. Auch wenn am Ende die Mauer f\u00e4llt, f\u00fchrt das nicht zwangsl\u00e4ufig zum Happy End, sondern zu der Erkenntnis, dass das repressive politische System auch \u00fcber sein Bestehen hinaus Pauls pers\u00f6nliches Gl\u00fcck entscheidend besch\u00e4digt hat.<\/p>\n<p class=\"italic richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">\u201eSpaziergang nach Syrakus\u201c, Deutschland 2026\u2005\u2013 Regie: Lars Jessen; mit Charly H\u00fcbner, Lina Beckmann, Thorsten Merten; 97\u2005Minuten<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u201eMir fehlte ja nichts au\u00dfer der \u00fcbrigen Welt\u201c, sagt Paul (Charly H\u00fcbner) \u00fcber sein Leben in der DDR&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":258532,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[19],"tags":[1677,55099,46,45762,71,391,68,498,1323,3645,72,55098,70,38083,45,36781,44,55097,69,55100],"class_list":["post-258531","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-kino","tag-alpen","tag-anne","tag-ch","tag-charly-huebner","tag-cinema","tag-ddr","tag-entertainment","tag-film","tag-italien","tag-italienische","tag-kino","tag-lektuere","tag-movie","tag-paul","tag-schweiz","tag-spaziergang","tag-switzerland","tag-syrakus","tag-unterhaltung","tag-verfilmt"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@ch_de\/117124002827290789","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/258531","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=258531"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/258531\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/258532"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=258531"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=258531"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=258531"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}