{"id":259001,"date":"2026-08-20T05:41:26","date_gmt":"2026-08-20T05:41:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/259001\/"},"modified":"2026-08-20T05:41:26","modified_gmt":"2026-08-20T05:41:26","slug":"25-000-km-s-s301-schiesst-durch-das-zentrum-der-milchstrasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/259001\/","title":{"rendered":"25.000 km\/s: S301 schie\u00dft durch das Zentrum der Milchstra\u00dfe"},"content":{"rendered":"<p>S301 kommt Sagittarius A n\u00e4her als jeder bekannte Stern und erreicht rund 25.000 km\/s. Seine Bahn k\u00f6nnte den Spin des Schwarzen Lochs verraten.<\/p>\n<p>        <img width=\"1200\" height=\"600\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/very-large-telescop-1200x600.jpg\" class=\"single__post-image wp-post-image\" alt=\"Das Very Large Telescope (VLT) der ESO vor dem Zentrum der Milchstra\u00dfe\" decoding=\"async\" fetchpriority=\"high\"  \/><\/p>\n<p>Das Very Large Telescope (VLT) der ESO vor dem Zentrum der Milchstra\u00dfe. Vier Laser des Laser Guide Star Systems korrigieren atmosph\u00e4rische St\u00f6rungen und sind Teil des GRAVITY+-Upgrades, mit dem sich Sterne nahe Sagittarius A* noch pr\u00e4ziser vermessen lassen. <\/p>\n<p class=\"wp-caption-source\">Foto: A. Berdeu\/ESO<\/p>\n<p>                <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/554cf60c0cf54ea9a7f524c69443e3d8.gif\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"\" class=\"vg-wort-pixel\" style=\"position: absolute;\" loading=\"eager\" data-no-lazy=\"1\" data-skip-lazy=\"1\"\/><\/p>\n<p>Ein neu entdeckter Stern kommt dem supermassereichen Schwarzen Loch im Zentrum unserer Galaxie so nahe wie kein anderer zuvor. Bei seiner gr\u00f6\u00dften Ann\u00e4herung erreicht S301 mehr als 8 % der Lichtgeschwindigkeit. F\u00fcr die Astrophysik ist das mehr als ein Rekord: Der Stern k\u00f6nnte erstmals helfen zu bestimmen, wie schnell sich das Schwarze Loch dreht.<\/p>\n<p>Im Zentrum unserer Milchstra\u00dfe geht es extrem zu: Um das supermassereiche Schwarze Loch Sagittarius A* \u2013 ein Objekt mit rund 4,3 Millionen Sonnenmassen in etwa 26.000 Lichtjahren Entfernung \u2013 kreist eine ganze Gruppe von sogenannten S-Sternen. Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung des Max-Planck-Instituts f\u00fcr extraterrestrische Physik (MPE) hat nun einen neuen Spitzenreiter identifiziert: den Stern S301.<\/p>\n<p>Wie das Team im <a href=\"https:\/\/www.nature.com\/articles\/s41586-026-10894-w\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Fachmagazin Nature (Ausgabe vom 19. August 2026)<\/a> berichtet, bewegt sich S301 auf einer exzentrischen Umlaufbahn, die ihn extrem nah an das Schwarze Loch heranf\u00fchrt.<\/p>\n<p>Nur 8,7 Jahre f\u00fcr einen Umlauf<\/p>\n<p>Die Bahn von S301 ist in mehrfacher Hinsicht au\u00dfergew\u00f6hnlich:<\/p>\n<p>Kurze Umlaufzeit: F\u00fcr eine vollst\u00e4ndige Runde um Sagittarius A* ben\u00f6tigt S301 lediglich 8,7 Jahre. Damit l\u00f6st er den bisherigen Rekordhalter S55 (auch bekannt als S0-102) ab, der etwa zw\u00f6lf Jahre f\u00fcr einen Umlauf braucht.<br \/>\nExtrem gestreckter Orbit: Die Exzentrizit\u00e4t der Bahn liegt bei 0,98. Der Stern entfernt sich auf seiner Ellipse also weit vom Zentrum, bevor er in einem extrem engen Vorbeiflug wieder auf das Schwarze Loch zusteuert.<br \/>\nGeringer Abstand: Am Punkt seiner gr\u00f6\u00dften Ann\u00e4herung erreicht S301 einen Abstand von nur 136 bis 142 Schwarzschildradien. Das entspricht etwa zw\u00f6lf Astronomischen Einheiten (AE) \u2013 also dem zw\u00f6lffachen Abstand zwischen Erde und Sonne. Zum Vergleich: Der ber\u00fchmte Teststern S2 bleibt bei seiner gr\u00f6\u00dften Ann\u00e4herung rund zehnmal weiter entfernt.<br \/>\nImmens hohes Tempo: In unmittelbarer N\u00e4he zu Sagittarius A* beschleunigt S301 rechnerisch auf 25.000 bis 25.600 km\/s. Das entspricht etwa 8,3 bis 8,5 % der Lichtgeschwindigkeit.<\/p>\n<p>Entdeckt wurde S301 im Fr\u00fchjahr 2023 mit dem Instrument GRAVITY am Very Large Telescope Interferometer (VLTI) der Europ\u00e4ischen S\u00fcdsternwarte (ESO) in Chile. GRAVITY schaltet das Licht von vier Gro\u00dfteleskopen zusammen und erreicht so eine extrem hohe Winkelaufl\u00f6sung.<\/p>\n<p>Nach der Erstbeobachtung verfolgten die Forschenden den Stern in den Jahren 2024 und 2025 weiter und suchten gezielt in \u00e4lteren Archivdaten. Sie wurden f\u00fcndig: S301 lie\u00df sich in Messungen bis zur\u00fcck ins Jahr 2017 nachweisen. Aus insgesamt 19 Positionsbestimmungen \u00fcber mehr als acht Jahre rekonstruierte das Team den Orbit. Der j\u00fcngste Punkt der gr\u00f6\u00dften Ann\u00e4herung lag Anfang 2023.<\/p>\n<p>Testk\u00f6rper f\u00fcr Einsteins Relativit\u00e4tstheorie<\/p>\n<p>Aufgrund seiner extremen N\u00e4he zu Sagittarius A* dient S301 den Astrophysikern als Pr\u00e4zisionswerkzeug zur \u00dcberpr\u00fcfung der Allgemeinen Relativit\u00e4tstheorie.<\/p>\n<p>Nach der klassischen Newtonschen Mechanik w\u00fcrde ein Stern das Schwarze Loch auf einer geschlossenen, ortsfesten Ellipse umkreisen. Albert Einsteins Theorie sagt jedoch voraus, dass sich die Ausrichtung dieser Ellipse im Raum bei jedem Umlauf leicht dreht.<\/p>\n<p>Bei S301 verschiebt sich die Richtung des Perizentrums \u2013 also des Punktes der gr\u00f6\u00dften Ann\u00e4herung \u2013 nach den Berechnungen bei jedem Umlauf um rund 1,9 bis 2,0 Grad. Diese sogenannte Schwarzschild-Pr\u00e4zession wurde beim Stern S2 bereits nachgewiesen \u2013 bei S301 f\u00e4llt der Effekt durch die geringere Distanz jedoch noch deutlich st\u00e4rker aus.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" width=\"1920\" height=\"1080\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Sagittarius.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-73772\"\/>Bekannte Sterne im Zentrum der Milchstra\u00dfe auf ihren Bahnen um das supermassereiche Schwarze Loch Sagittarius A*. Besonders nah kommt ihm der k\u00fchlere Stern S301: Sein geringster Abstand entspricht ungef\u00e4hr der Entfernung zwischen Sonne und Saturn. Das Licht des hei\u00dfen Plasmas um Sagittarius A* wird durch die starke Gravitation des Schwarzen Lochs verzerrt. Foto: MPE<br \/>\nVerr\u00e4t S301 die Rotation des Schwarzen Lochs?<\/p>\n<p>\u00dcber die Schwarzschild-Pr\u00e4zession hinaus erhoffen sich die Forschenden Antworten auf eine fundamentale Frage: Wie schnell dreht sich Sagittarius A* um die eigene Achse?<\/p>\n<p>Ein rotierendes supermassereiches Schwarzes Loch kr\u00fcmmt nicht nur die Raumzeit durch seine Masse, sondern zieht sie durch seine Eigenrotation mit \u2013 ein Ph\u00e4nomen, das als Lense-Thirring-Effekt oder Frame Dragging bekannt ist. Dieser Effekt beeinflusst die Bahn von Himmelsk\u00f6rpern in der unmittelbaren Umgebung.<\/p>\n<p>Bei allen bisher beobachteten S-Sternen war dieser Einfluss zu gering, um verl\u00e4sslich gemessen zu werden. S301 kommt der zentralen Masse jedoch so nahe, dass seine Bahn deutlich empfindlicher auf den Spin von Sagittarius A* reagieren sollte. Nachgewiesen wurde dieser Effekt bislang noch nicht. Modellrechnungen des Teams zeigen: Unter g\u00fcnstigen Bedingungen k\u00f6nnte der Spin des Schwarzen Lochs innerhalb von etwa zehn Jahren aus den Messdaten abgeleitet werden.<\/p>\n<p>Eine entscheidende Messgr\u00f6\u00dfe fehlt noch<\/p>\n<p>Noch ist die Rekonstruktion der Flugbahn allerdings nicht vollst\u00e4ndig. Bislang basieren die Daten prim\u00e4r auf Positionsbestimmungen an der Himmelsebene. Es fehlt die Messung der Radialgeschwindigkeit \u2013 also der Information, wie schnell sich der Stern entlang der Sichtlinie direkt auf die Erde zu oder von ihr weg bewegt. Ohne diesen Wert verbleiben derzeit zwei m\u00f6gliche r\u00e4umliche Orientierungen der Bahn.<\/p>\n<p>Hier sollen k\u00fcnftige Beobachtungsinstrumente Abhilfe schaffen:<\/p>\n<p>MICADO am Extremely Large Telescope (ELT) der ESO soll Spektren des Sterns aufnehmen, um die Radialgeschwindigkeit pr\u00e4zise zu messen.<br \/>\nGRAVITY+ wird noch genauere Positionsdaten liefern.<\/p>\n<p>Simulationen legen nahe, dass bis etwa 2035 gen\u00fcgend Daten vorliegen k\u00f6nnten, um den Spin von Sagittarius A* mithilfe der Bewegung von S301 klar einzugrenzen.<\/p>\n<p>Wie kam S301 auf diese extreme Bahn?<\/p>\n<p>Auch die Natur des Sterns selbst besch\u00e4ftigt die Astronomie. Mit maximal 1,5 Sonnenmassen handelt es sich bei S301 voraussichtlich um einen gew\u00f6hnlichen Hauptreihenstern. Eine Entstehung so nah an Sagittarius A* gilt jedoch als schwierig zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Als m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung diskutieren die Forschenden daher den sogenannten Hills-Mechanismus: S301 war urspr\u00fcnglich Teil eines Doppelsternsystems. Als dieses System dem zentralen Schwarzen Loch zu nahe kam, rissen die Gezeitenkr\u00e4fte das Paar auseinander. W\u00e4hrend ein Stern mit hoher Geschwindigkeit aus dem System katapultiert wurde, geriet der andere \u2013 S301 \u2013 auf eine sehr enge, stark elliptische Bahn um Sagittarius A*. Die extrem hohe Exzentrizit\u00e4t von 0,98 ist mit diesem Entstehungsszenario vereinbar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"S301 kommt Sagittarius A n\u00e4her als jeder bekannte Stern und erreicht rund 25.000 km\/s. 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