{"id":261559,"date":"2026-08-21T17:44:14","date_gmt":"2026-08-21T17:44:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/261559\/"},"modified":"2026-08-21T17:44:14","modified_gmt":"2026-08-21T17:44:14","slug":"dieser-see-toetete-in-einer-nacht-mehr-als-1-700-menschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/261559\/","title":{"rendered":"Dieser See t\u00f6tete in einer Nacht mehr als 1.700 Menschen"},"content":{"rendered":"<p>\n40 Jahre Lake-Nyos-Katastrophe\n<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/s.uicdn.com\/uimag\/7.12090.0\/assets\/_sn_\/module_assets\/article\/readtime.svg\" alt=\"Lesezeit\" width=\"14\" height=\"14\"\/><\/p>\n<p>Lesezeit 5 Min.<\/p>\n<p>Aktualisiert am 21.08.2026, 18:09 Uhr<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/i0.gmx.ch\/image\/932\/42630932,pd=2\/lake-nyos-along-the-bamenda-ring-road-northwest-ca.jpg\" data-brain-zone=\".42630474.content.lead.1\" data-component-path=\"content.lead.1\" data-component-name=\"article-image\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"> <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/1787334254_698_lake-nyos-along-the-bamenda-ring-road-northwest-ca.jpg\" alt=\"Lake Nyos along the Bamenda Ring Road, Northwest, Cameroun\" width=\"950\" height=\"534\"\/><\/p>\n<p><\/a> <\/p>\n<p>\nHier ist der Lake Nyos im Jahr 2013 zu sehen. 27 Jahre zuvor ereignete sich hier eine Naturkatastrophe, die viele Menschen und Tiere t\u00f6tete. (Archivbild)<br \/>\n\u00a9\u00a0picture alliance \/ Visually\/jbdodane\n<\/p>\n<p class=\"content__description\" data-speakable=\"\">Am 21. August 1986 stieg eine unsichtbare Gaswolke aus einem Kratersee in Kamerun auf. Innerhalb weniger Stunden erstickten mehr als 1.700 Menschen und Tausende Tiere. Die Katastrophe am Lake Nyos gilt als eine der r\u00e4tselhaftesten Naturkatastrophen der Geschichte.<\/p>\n<p data-speakable=\"\">Es war ein Donnerstagabend, Markttag im Dorf Nyos im Westen von Kamerun. Die Maisernte war gut ausgefallen, Tausende Menschen hatten sich zum Handeln versammelt. Nur drei Kilometer entfernt liegt der Lake Nyos, ein malerischer Kratersee inmitten sattgr\u00fcner H\u00fcgel. Rinderbauern hatten schon Tage zuvor seltsame Blasen auf der Wasseroberfl\u00e4che bemerkt \u2013 doch sie verliessen die Gegend, ohne jemanden zu informieren, schreibt <a target=\"_blank\" data-brain-zone=\".42630474.content.textlink_1\" data-component-path=\"content.textlink_1\" data-component-name=\"link.external\" rel=\"noopener nofollow\" href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/geschichte\/lake-nyos-katastrophe-a-947305.html\">der &#171;Spiegel&#187;<\/a>.<\/p>\n<p data-speakable=\"\">Am sp\u00e4ten Abend begann der See zu grollen. Das dumpfe Brummen dauerte nur 10 bis 20 Sekunden. Menschen rannten aus ihren H\u00fctten und blickten zum Wasser \u2013 dort schoss eine gewaltige Font\u00e4ne in den Himmel, gefolgt von einer riesigen weissen Wolke. Was wie ein faszinierendes Naturschauspiel wirkte, war in Wahrheit eine Todesfalle: Die Wolke bestand aus hochkonzentriertem Kohlendioxid (CO2), das sich \u00fcber Jahrhunderte im Tiefenwasser des Sees angesammelt hatte.<\/p>\n<p data-speakable=\"\">Das Gas \u2013 schwerer als Luft, unsichtbar und geruchlos \u2013 str\u00f6mte mit enormer Geschwindigkeit die T\u00e4ler hinab. Wer davon eingeh\u00fcllt wurde, verlor das Bewusstsein. Mehr als 1.700 Menschen erstickten in dieser Nacht, dazu kamen Tausende Rinder und unz\u00e4hlige Wildtiere. Selbst in 25 Kilometern Entfernung fielen Menschen dem Gas zum Opfer, wie <a target=\"_blank\" data-brain-zone=\".42630474.content.textlink_2\" data-component-path=\"content.textlink_2\" data-component-name=\"link.external\" rel=\"noopener nofollow\" href=\"https:\/\/www.slate.com\/blogs\/atlas_obscura\/2013\/07\/26\/lake_nyos_killed_1746_when_it_released_a_huge_pocket_of_co2.html\">das US-Magazin &#171;Slate&#187;<\/a> berichtet. Von den rund 800 Einwohnern des Dorfes Nyos \u00fcberlebten demnach gerade einmal sechs.<\/p>\n<p>Wie ein friedlicher See zur t\u00f6dlichen Falle wurde<\/p>\n<p data-speakable=\"\">Die Erkl\u00e4rung f\u00fcr das Grauen liegt tief unter der Wasseroberfl\u00e4che und in der Geologie der Region. Der Lake Nyos ist ein sogenannter Maarsee, entstanden durch eine vulkanische Explosion vor rund 400 Jahren. Er geh\u00f6rt zur Kamerun-Vulkanlinie, einer Kette vulkanischer Erscheinungen, die sich vom Festland bis zu den Atlantikinseln S\u00e3o Tom\u00e9 und Pr\u00edncipe erstreckt, wie der Geologe Gunnar Ries im Wissenschaftsmagazin <a target=\"_blank\" data-brain-zone=\".42630474.content.textlink_3\" data-component-path=\"content.textlink_3\" data-component-name=\"link.external\" rel=\"noopener nofollow\" href=\"https:\/\/scilogs.spektrum.de\/mente-et-malleo\/csi-geology-2\/\">&#171;Spektrum&#187;<\/a> erl\u00e4utert. Obwohl das Vulkangebiet als erloschen gilt, befindet sich in etwa 80 Kilometern Tiefe nach wie vor eine Magmakammer. Aus ihr steigt best\u00e4ndig CO2 auf und gelangt durch geologische St\u00f6rungen in den See.<\/p>\n<p data-speakable=\"\">Der entscheidende Faktor: Der Lake Nyos ist mit 208 Metern ungew\u00f6hnlich tief f\u00fcr seine Gr\u00f6sse. Warmes Oberfl\u00e4chenwasser liegt wie ein Deckel \u00fcber dem kalten Tiefenwasser \u2013 die Schichten vermischen sich nicht. In der Tiefe herrscht ein Druck von rund 20 bar, unter dem das Wasser etwa 200-mal mehr CO2 speichern kann als an der Oberfl\u00e4che.<\/p>\n<p data-speakable=\"\">Man kann es mit einer verschlossenen Sprudelflasche vergleichen: Solange der Verschluss h\u00e4lt, bleibt alles ruhig. Doch sobald etwas die Schichtung st\u00f6rt, wie ein Erdrutsch oder ein leichtes Beben, beginnt CO2-ges\u00e4ttigtes Tiefenwasser aufzusteigen. Dabei sinkt der Druck, das Gas perlt aus, reisst weiteres Wasser mit nach oben \u2013 und eine Kettenreaktion setzt ein.<\/p>\n<p>Was l\u00f6ste die Katastrophe aus?<\/p>\n<p data-speakable=\"\">Genau das soll in jener Augustnacht 1986 geschehen sein. Rund 1,6 bis 1,7 Millionen Tonnen CO2 entwichen dem See binnen k\u00fcrzester Zeit. Die Gaswolke erreichte offenbar eine H\u00f6he von etwa 50 Metern und floss mit mindestens 50 Kilometern pro Stunde die T\u00e4ler entlang. Bereits eine CO2-Konzentration von f\u00fcnf Prozent in der Atemluft f\u00fchrt zur Bewusstlosigkeit \u2013 die Menschen hatten keine Chance, weil sie die Gefahr weder sehen noch riechen konnten.<\/p>\n<p data-speakable=\"\">Was genau die Kettenreaktion im See ausl\u00f6ste, besch\u00e4ftigte Forschende noch Jahre nach der <a data-component-name=\"link.semantic\" data-brain-zone=\".42630474.content.textlink_4\" data-component-path=\"content.textlink_4\" href=\"https:\/\/www.gmx.ch\/magazine\/panorama\/thema\/katastrophe\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Katastrophe<\/a>. Eine Gruppe von Expertinnen und Experten vertrat die These, eine unterirdische vulkanische Eruption habe das Gas nach oben gedr\u00fcckt. Einige Geologen gingen jedoch davon aus, dass ein Erdrutsch oder ein anderes vergleichsweise geringf\u00fcgiges Ereignis die Wasserschichten durcheinanderwirbelte und so die sogenannte limnische Eruption in Gang setzte.<\/p>\n<p data-speakable=\"\">Eine limnische Eruption war ein bis dahin unbekannter Typ von Naturkatastrophe, bei dem gel\u00f6stes CO2 schlagartig aus einem See entweicht. Wie das Wissenschaftsportal <a target=\"_blank\" data-brain-zone=\".42630474.content.textlink_5\" data-component-path=\"content.textlink_5\" data-component-name=\"link.external\" rel=\"noopener nofollow\" href=\"https:\/\/eos.org\/science-updates\/cameroons-lake-nyos-gas-burst-30-years-later\">&#171;Eos&#187; berichtet<\/a>, setzte sich diese Hypothese durch, als Messungen zeigten, dass sich das Tiefenwasser des Sees in den Folgejahren auf nat\u00fcrliche Weise erneut mit CO2 auflud.<\/p>\n<p>Wie die Gefahr im See gebannt wurde<\/p>\n<p data-speakable=\"\">Wie aber konnte verhindert werden, dass der See erneut zur Todesfalle wird? Die Antwort lieferte ein Team um den franz\u00f6sischen Wissenschaftler Michel Halbwachs. Sein Konzept war verbl\u00fcffend einfach: Ein Rohr wurde in die Tiefe des Sees gef\u00fchrt, eine Pumpe bef\u00f6rderte CO2-ges\u00e4ttigtes Wasser nach oben. Beim Aufstieg perlte das Gas aus, das Wasser-Gas-Gemisch wurde leichter und stieg von selbst weiter. An der Oberfl\u00e4che schoss das Gemisch als Font\u00e4ne empor, wie eine <a target=\"_blank\" data-brain-zone=\".42630474.content.textlink_6\" data-component-path=\"content.textlink_6\" data-component-name=\"link.external\" rel=\"noopener nofollow\" href=\"https:\/\/www.sciencedirect.com\/science\/article\/abs\/pii\/S1464343X19302286\">Studie im Fachjournal &#171;Journal of African Earth Sciences&#187;<\/a> beschreibt.<\/p>\n<p data-speakable=\"\">Die Umsetzung zog sich \u00fcber Jahrzehnte. Erste Experimente fanden 1990 statt, ein erfolgreicher Testlauf am Lake Nyos gelang 1995. Im Januar 2001 ging das erste permanente Entgasungsrohr in Betrieb \u2013 es erzeugte eine 46 Meter hohe Font\u00e4ne. Zwei weitere, gr\u00f6ssere Rohre folgten 2011. Parallel dazu wurde auch der benachbarte Lake Monoun entgast, an dem 1984 bei einer \u00e4hnlichen Katastrophe 37 Menschen ums Leben gekommen waren. Laut der Studie war der Lake Monoun 2009 entgast, am Lake Nyos dauerte es bis 2019, bis die CO2-Vorr\u00e4te auf ungef\u00e4hrliche Werte gesunken waren.<\/p>\n<p data-speakable=\"\">Die Wasserfont\u00e4ne diente dabei zugleich als Signal \u2013 solange sie sprudelte, funktionierte das System. Laut &#171;Slate&#187; sollte zus\u00e4tzlich ein solarbetriebenes Alarmsystem den Kohlendioxidgehalt \u00fcberwachen und sicherstellen, dass es eine Warnung gibt, sollte der See erneut explodieren.<\/p>\n<p>Die zweite Gefahr: Ein br\u00fcchiger Damm<\/p>\n<p data-speakable=\"\">Das CO2 war jedoch nicht die einzige Gefahr. Wissenschaftliche Untersuchungen nach der Katastrophe offenbarten ein weiteres Risiko: Der nat\u00fcrliche Damm am Abfluss des Sees besteht aus lockerem vulkanischen Gestein und drohte einzust\u00fcrzen.<\/p>\n<p data-speakable=\"\">Ein Bruch h\u00e4tte gesch\u00e4tzte 50 Millionen Kubikmeter Wasser freigesetzt \u2013 mit verheerenden \u00dcberschwemmungen bis zur nigerianischen Grenze, wie eine <a target=\"_blank\" data-brain-zone=\".42630474.content.textlink_7\" data-component-path=\"content.textlink_7\" data-component-name=\"link.external\" rel=\"noopener nofollow\" href=\"https:\/\/www.sciencedirect.com\/science\/article\/abs\/pii\/S1464343X18303637\">Studie im &#171;Journal of African Earth Sciences&#187;<\/a> darlegt. Die Vereinten Nationen hatten 2005 in einem Bericht eindringlich vor diesem Szenario gewarnt, heisst es auf <a target=\"_blank\" data-brain-zone=\".42630474.content.textlink_8\" data-component-path=\"content.textlink_8\" data-component-name=\"link.external\" rel=\"noopener nofollow\" href=\"https:\/\/waterjournalistsafrica.com\/2015\/02\/cameroon-26-years-after-lake-nyos-disaster-memories-still-fresh\/\">&#171;Water Journalists Africa&#187;<\/a>.<\/p>\n<p data-speakable=\"\">Inzwischen wurde auch diese Gefahr gebannt. Mithilfe der sogenannten Jet-Grouting-Technik \u2013 dabei wird verst\u00e4rkter Beton tief in das Gestein injiziert \u2013 konnte der Damm stabilisiert werden.<\/p>\n<p>Das Leid der \u00dcberlebenden<\/p>\n<p data-speakable=\"\">Das Schicksal der \u00dcberlebenden blieb lange unbeachtet. Die kamerunische Regierung hatte nach der Katastrophe die umliegenden D\u00f6rfer evakuiert und die H\u00e4user abreissen lassen. Tausende Menschen wurden in Camps umgesiedelt, die teils 25 Kilometer vom See entfernt liegen. Dort f\u00fchlten sich viele im Stich gelassen. Versprochene Entsch\u00e4digungen, neue H\u00e4user und finanzielle Hilfe blieben weitgehend aus. Es fehlte an Schulen, Gesundheitseinrichtungen, Strom und sanit\u00e4rer Versorgung.<\/p>\n<p>Empfehlungen der Redaktion<\/p>\n<p data-speakable=\"\">Heute, 40 Jahre nach der Trag\u00f6die, gilt der Lake Nyos dank der jahrzehntelangen Entgasungsarbeit und der Dammverst\u00e4rkung als weitgehend sicher. (red)<\/p>\n<p>Verwendete Quellen <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"40 Jahre Lake-Nyos-Katastrophe Lesezeit 5 Min. 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