{"id":264556,"date":"2026-08-24T08:13:11","date_gmt":"2026-08-24T08:13:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/264556\/"},"modified":"2026-08-24T08:13:11","modified_gmt":"2026-08-24T08:13:11","slug":"wie-das-elsass-die-stadt-basel-reich-gemacht-hat-infosperber","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/264556\/","title":{"rendered":"Wie das Elsass die Stadt Basel reich gemacht hat \u2013 infosperber"},"content":{"rendered":"<p class=\"author-meta\">J\u00fcrg-Peter Lienhard \/ 24.08.2026\t\t\t\t\u00a0In Basel stechen die weissen Roche-T\u00fcrme ins Auge. Kaum jemand ahnt, dass die Geschichte des Basler Reichtums anderswo begann.\n\t\t\t<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Schl\u00fcsselrolle spielte der 18-j\u00e4hrige Chemiestudent William Henry Perkin in London. Er experimentierte 1856 in einem kleinen Labor in seinem Elternhaus, als er bei Versuchen mit Anilin einen violetten Niederschlag beobachtete. Dieser liess sich nicht mehr auswaschen und f\u00e4rbte Stoffe in einem leuchtenden Violett. Voil\u00e0: Der erste kommerziell erfolgreiche synthetische Textilfarbstoff war entdeckt.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer sich noch an den zeitweise verf\u00e4rbten Rhein der sechziger und siebziger Jahre erinnert, denkt an Ciba, Geigy oder Sandoz. Sp\u00e4ter wurden daraus Novartis und andere Weltkonzerne. Doch wie die Basler Chemie \u00fcberhaupt entstand, wissen heute nur noch wenige.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Ursprung im Elsass<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Ursprung dieser spannenden und buchst\u00e4blich weltbewegenden Geschichte, gewissermassen das Fundament der weissen Roche-T\u00fcrme, liegt im nahen Elsass. Genauer im Thurtal am Fusse der Vogesen. Schon das Thanner M\u00fcnster erinnert an die alten Verbindungen nach Basel: Sein Turm tr\u00e4gt die Handschrift des Basler M\u00fcnsterbaumeisters Remigius Faesch. Die aufbl\u00fchende Bourgeoisie aus dem protestantischen M\u00fclhausen nutzte hier nach der Franz\u00f6sischen Revolution das viele Wasser der Vogesenb\u00e4che sowie das grosse Potential von Arbeitskr\u00e4ften der armen Bergbev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es begann eine beispiellose technische Entwicklung, die gewissermassen an einem Faden hing: n\u00e4mlich der Textilfabrikation, auf die alles zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, auch in Basel. Schon in k\u00f6niglicher Zeit wurden im els\u00e4ssischen Wesserling T\u00fccher gewoben und gef\u00e4rbt. Dazumal und bis in die nachrevolution\u00e4re Zeit zur Mitte des 19. Jahrhunderts f\u00e4rbte man die f\u00fcr die grossen Modeh\u00e4user in Paris bestimmten Stoffe vorwiegend mit Naturfarben \u2013 auch mit Kuhfladen \u2026 Viele davon waren zwar bew\u00e4hrt, aber die neuen synthetischen Farbstoffe versprachen leuchtendere, einheitlichere und neuartige Farbt\u00f6ne.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Probleme mit dem Patent<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bis \u2013 wir erinnern uns an den untilgbaren Fleck \u2013 in England das Perkin-Violett, auch Anilinpurpur genannt, in Produktion ging. Nur hatten Wesserling und vor allem M\u00fclhausen keine Chance, diese lichtechten und stark leuchtenden Teerfarben, die vor allem f\u00fcr die blauen Milit\u00e4runiformen ben\u00f6tigt wurden, selber zu produzieren \u2013 aus patentrechtlichen Gr\u00fcnden. Das schien in eine Katastrophe zu m\u00fcnden. Denn in M\u00fclhausen und bis zuhinterst ins Thurtal bei Wesserling rauchten weit \u00fcber 100 Kamine. Fast jeder Kamin stand f\u00fcr eine Textilfabrik. So sprach man damals vom \u00abManchester des Festlandes\u00bb. Zumal \u2013 die Angeh\u00f6rigen eingerechnet \u2013 ein grosser Teil der els\u00e4ssischen Bev\u00f6lkerung buchst\u00e4blich am \u00abFaden\u00bb hing.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Patentrecht galt nicht in der Schweiz<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch die gewitzten els\u00e4ssischen Industriegr\u00fcnder aus dem protestantischen M\u00fclhausen erinnerten sich an ihre Beziehungen nach Basel zu den dortigen Seidenfabrikanten. Und weil die Eidgenossenschaft eben nicht dem englischen Patentrecht unterstand, begann bald einmal die chemische Farbproduktion in Basel. Das Problem war allerdings der Transport dieser Farbstoffe. Daf\u00fcr brauchte es eine Eisenbahn. Die Eidgenossen besassen bis kurz vor Mitte des 19. Jahrhunderts keine Eisenbahn, w\u00e4hrend halb Europa schon durch ein dichtes Eisenbahnnetz erschlossen war.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sogar das hinterste Thurtal bis Kruth bei Wildenstein war schon mit einer Bahnlinie mit M\u00fclhausen verbunden, und bald folgte auch die Eisenbahnstrecke von Strassburg nach Basel. Als dann die Els\u00e4sserbahn 1845 Basel erreichte, war sie nicht nur eine der ersten internationalen Eisenbahnverbindungen auf dem Kontinent, sondern auch die erste Eisenbahn auf dem Gebiet der heutigen Schweiz \u2013 drei Jahre vor der ber\u00fchmten Spanisch-Br\u00f6tli-Bahn zwischen Z\u00fcrich und Baden.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es dauerte dann allerdings bis 1859, bis in Basel die Mauer geschleift wurde und die Stadt \u00fcber ihren mittelalterlichen Kern hinauswachsen konnte. Aus heutiger Sicht erscheint die damalige Haltung Basels, die Eisenbahn nur durch ein bewachtes Loch in der Stadtmauer einfahren zu lassen, seltsam und in einem gewissen Sinne \u00abecht baslerisch\u00bb: Man wollte die alte Stadt noch nicht aufgeben, aber von den Chancen der Moderne gleichwohl profitieren.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Festes Mauerwerk und Industrie-Landschaft<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer heute mit der Bahn ins Thurtal reist oder zum Beispiel in das Ski- und Wandergebiet bei Wildenstein, erwartet vielleicht typische els\u00e4ssische Landschaften mit Riegelh\u00e4usern und Weinbergen sowie kulinarische H\u00f6hepunkte. Doch am \u00absteinreichen\u00bb Vogesenfuss wurde mit festem Mauerwerk statt mit Fachwerk gebaut und vielerorts entdeckt man eine Industrielandschaft, die nicht minder bemerkenswert ist:<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So ist in H\u00fcsseren auf dem ehemaligen Industriegel\u00e4nde Wesserling gewissermassen die \u00abWiege des Basler Reichtums\u00bb angesiedelt: Das Jagdschl\u00f6sslein aus dem 17. Jahrhundert des F\u00fcrstabtes von Murbach thront auf einem Mor\u00e4nenh\u00fcgel und beherbergt heute das Textilmuseum. Es ist zugleich Ausgangspunkt eines faszinierenden Entdeckungserlebnisses, das in einen riesigen botanischen Park und in begehbare Industrie-Anlagen f\u00fchrt.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Weg zur industriellen Produktion<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Museum erz\u00e4hlt die Geschichte der Textilindustrie im Thurtal mit originalem Mobiliar, historischen Druckwerkst\u00e4tten und eindr\u00fccklichen Beispielen der ber\u00fchmten bedruckten Stoffe, \u00abIndiennes\u00bb genannt. Besucher erleben, wie aus handwerklichem Textildruck eine industrielle Produktion entstand, die das Elsass und indirekt auch Basel pr\u00e4gte.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/IMG_7451-2-1024x576.png\" alt=\"IMG_7451-2\" class=\"wp-image-721735\"  \/>Das originale Farblabor im Geb\u00e4ude mit der Heizzentrale.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer heute den Parc de Wesserling besucht, entdeckt nicht nur einen ungew\u00f6hnlichen Park und die Ruinen einer einst weltber\u00fchmten Textilindustrie. Er begegnet auch einem fast vergessenen Kapitel Basler Geschichte. Denn ein Teil jener Entwicklung, die \u00fcber Ciba, Geigy und Sandoz schliesslich zu den weissen Roche-T\u00fcrmen f\u00fchrte, begann nicht am Rhein, sondern am Fusse der Vogesen.<\/p>\n<p>Ausstellung \u00abDie G\u00e4rten des Odysseus\u00bb<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">jpl. Unter dem Titel \u00abDie G\u00e4rten des Odysseus\u00bb findet in Wesserling noch bis am 30. August das 24. \u00abFestival der gemischten G\u00e4rten\u00bb (Les jardins m\u00e9tiss\u00e9s) statt. Zu sehen sind \u00fcbergrosse Figuren aus der \u00abOdyssee des Ulysses\u00bb wie das trojanische Pferd (begehbar), der Kopf des Zyklopen oder die Hexe Circe. Der Garten des Jagdschl\u00f6sschens ist unterteilt in die thematischen Skulpturen aus der Odyssee, den geometrisch angelegten Lustgarten mit den Mammutb\u00e4umen aus der royalen Zeit und den Nutzgarten mit vergessenen oder unbekannten Gem\u00fcse- und Blumensorten. Ein Sektor belegt einen landwirtschaftlichen Schaubetrieb mit dem b\u00e4uerlichen Vieh, das einstmals die Kuhfladen zum F\u00e4rben der Stoffe lieferte, bis sie die Anilinfarbstoffe aus der Basler Chemie verdr\u00e4ngten.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Informationen: Parc de Wesserling F-68470 H\u00fcsseren-Wesserling, t\u00e4glich ge\u00f6ffnet von 10 bis 18 Uhr, Eintritt f\u00fcr Erwachsene 14 \u20ac (online 13 \u20ac), f\u00fcr Kinder von 4 bis 17 Jahren: 9 \u20ac (8 \u20ac online).<\/p>\n<p>Weiterf\u00fchrende Informationen<\/p>\n<p>Themenbezogene Interessenbindung der Autorin\/des Autors<\/p>\n<p>Keine<br \/>_____________________<br \/>\u2794 Solche Artikel sind nur dank Ihren <a href=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/spenden\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">SPENDEN<\/a> m\u00f6glich. 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