{"id":265221,"date":"2026-08-24T16:42:11","date_gmt":"2026-08-24T16:42:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/265221\/"},"modified":"2026-08-24T16:42:11","modified_gmt":"2026-08-24T16:42:11","slug":"die-urahnen-von-google-maps","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/265221\/","title":{"rendered":"Die Urahnen von Google Maps"},"content":{"rendered":"<p>Heute sind Karten vor allem als digitale Wegweiser auf dem Handy pr\u00e4sent. Dabei hat dieses Medium eine reiche Kultur- und Kunstgeschichte. Eine Ausstellung in Venedig zeigt nun, wie die Welt zum Bild wird<\/p>\n<p>Karten sind faszinierende Denkmaschinen. Sie verwandeln drei in zwei Dimensionen und die Komplexit\u00e4t der Welt in ein System aus Linien und Fl\u00e4chen. Sie trainieren das Gehirn, sie lehren, vom lebendigen Detail zu abstrahieren und befeuern umgekehrt die Fantasie, wenn sie uns in fremde Welten entf\u00fchren.<\/p>\n<p>&#171;A Necessary Fiction&#187;, eine notwendige Fiktion, hei\u00dft eine Ausstellung, die sich gerade in Venedig kulturhistorisch wie k\u00fcnstlerisch dem Thema Karten widmet. Kuratiert wurde sie von Sara Almutlaq aus Riad, gemeinsam mit der Italienerin Aurora Fonda. Der Ausstellungsort, die Abbazia di San Gregorio, ist ein ehemaliges Benediktinerkloster mit Wurzeln im zehnten Jahrhundert. Bei der vom saudischen Kulturministerium initiierten Schau geht es auch um Karten als Katalysatoren des kulturellen Austauschs und der Auseinandersetzung mit dem Fremden. Die Botschaft: Man kommt in freundlicher Absicht.<\/p>\n<p>Es beginnt mit einem fr\u00fchen Beispiel \u00f6stlich-westlicher Zusammenarbeit, der &#171;Tabula Rogeriana&#187;, mit der der arabischst\u00e4mmige Gelehrte Muhammad al-Idrisi 1154 f\u00fcr den sizilianischen K\u00f6nig Roger II. das geografische Wissen seiner Zeit in einer Zeichnung zusammenfasste, basierend auf den Zeugnissen von Reisenden und der islamischen Wissenstradition. Blau strahlt das Meer auf der Karte, die Bergketten auf dem namenlosen Riesenkontinent im Norden sehen aus wie fr\u00f6hliche Sonnenschirme. &#171;Das Buch der angenehmen Reisen in ferne L\u00e4nder&#187; hat al-Idrisi sein Werk betitelt \u2013 ein fr\u00fches Monument des lustvollen Fernwehs.<\/p>\n<p>Das Paradies dahinter<\/p>\n<p>Zum Teppich vergr\u00f6\u00dfert, komplettiert eine zweite Karte den historischen Auftakt: Ein monumentales Werk der Benediktinernonnen aus Ebstorf, gefertigt um 1300, versammelt \u00fcber 2300 gezeichnete Elemente, die mal realer Geografie, mal Fantasie und Spiritualismus entstammen. Und nat\u00fcrlich geh\u00f6rt neben einigen wertvollen historischen B\u00fcchern aus der arabischen Welt und fr\u00fchen Globen auch eine Karte in diese Ausstellung, die in der Seefahrernation Venedig gezeichnet wurde. Die &#171;Mappa Mundi&#187; von Giovanni Lardo, entstanden 1448 in der Lagunenstadt, ist auf Jerusalem zentriert und zeigt neben den damals bekannten Kontinenten Asien, Europa und Afrika auch ein Paradies dahinter.<\/p>\n<p>Mithilfe von Karten erz\u00e4hlt sich eine Kultur die Welt \u2013 und bei diesem halb fiktionalen, halb faktischen Unterfangen kommt auch die zeitgen\u00f6ssische Kunst ins Spiel. Wenn K\u00fcnstler Karten erstellen, untergraben sie nicht selten ihre eigenen Kategorien. Ahmed Mater beispielsweise verzeichnet in seiner Karte der 100 gefundenen Objekte nicht nur die Kaaba als wichtigstes Fundst\u00fcck Saudi-Arabiens, sondern auch das erste Handy von 1973, eine 1930 entdeckte Taschenuhr oder den Mord an K\u00f6nig Faisal im Jahr 1975.<\/p>\n<p>Der s\u00fcdafrikanische K\u00fcnstler Nolan Oswald Dennis zieht in seiner skizzenhaften Karte der blackness Verbindungen zwischen der Sklaverei, der Unterwerfung des Planeten unter die Gesetze der Ware, der Angst vor einem schwarzen Planeten und der Genesis: &#171;Im Anfang war die Erde w\u00fcst und leer, und Finsternis lag \u00fcber der Tiefe.&#187; Wie wenig die reale Kartografie eines Staates mit den Vorstellungen seiner Bewohner zu tun hat, zeigt dagegen die Arbeit <a href=\"https:\/\/www.monopol-magazin.de\/shilpa-gupta-der-geteilte-himmel\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">der indischen K\u00fcnstlerin Shilpa Gupta<\/a>. Sie hat Italienerinnen und Italiener gebeten, die Umrisse ihres Landes zu zeichnen \u2013 das Ergebnis zeigt, dass offenbar jeder in einem etwas anderen Territorium zu Hause ist.<\/p>\n<p>Die Erde als Donut<\/p>\n<p>Poetisch-konzeptionell arbeitet auch die US-Amerikanerin Agnes Denes, die in ihrer Serie &#171;Map Projections&#187; in den sp\u00e4ten 70er-Jahren die Kontinente der Erde in feinen Zeichnungen auf andere Formen als die Kugel projizierte: unser Heimatplanet als Donut. Und <a href=\"https:\/\/www.monopol-magazin.de\/dossiers\/kuenstler\/yoko-ono\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Yoko Ono<\/a> hatte 1964 bereits die perfekte Karte gefunden: &#171;Draw a map to get lost&#187; hei\u00dft es in ihrer Textarbeit &#171;Map Piece&#187;.<\/p>\n<p>\u00dcber zwei Etagen und den gro\u00dfz\u00fcgigen Innenhof der Klosteranlage erstreckt sich die Ausstellung, die ihr Thema fein und assoziativ abschreitet. Drau\u00dfen, zum Canal Grande, gr\u00fc\u00dfen Figuren von Monira Al Qadiri die Vaporetto-Passagiere. Sie zeigen wundersame Tierfiguren, wie sie arabische Gelehrte des Mittelalters auf ihre Karten malten.<\/p>\n<p>Die Begegnung mit anderen Kulturen ist von Anfang an von Projektionen und viel Fantasie gepr\u00e4gt. Das wei\u00df man gerade in den verwinkelten Gassen Venedigs nur zu gut, wo seit der Erfindung von Google Maps jedes Ziel erreichbar scheint \u2013 und man sich doch immer noch verl\u00e4uft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Heute sind Karten vor allem als digitale Wegweiser auf dem Handy pr\u00e4sent. 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