{"id":268602,"date":"2026-08-26T21:19:11","date_gmt":"2026-08-26T21:19:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/268602\/"},"modified":"2026-08-26T21:19:11","modified_gmt":"2026-08-26T21:19:11","slug":"rassistische-polizeigewalt-kosmetik-statt-kontrolle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/268602\/","title":{"rendered":"Rassistische Polizeigewalt: Kosmetik statt Kontrolle"},"content":{"rendered":"<p class=\"article-header__date\">\n<a class=\"article-header-date\" href=\"https:\/\/www.woz.ch\/2635\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Nr.\u00a035 \u2013 27. August 2026<br \/>\n<\/a>      <\/p>\n<p class=\"article-header__lead\">Seit vor einem Jahr in Lausanne rassistische Polizeichats publik wurden, hat sich wenig getan. Helfen k\u00f6nnten spezialisierte Staatsanwaltschaften, nicht nur in der Waadt.<\/p>\n<p class=\"article-header__byline\">        <a href=\"https:\/\/www.woz.ch\/p\/sarah-schmalz\" rel=\"author nofollow noopener\" hreflang=\"de\" target=\"_blank\">Sarah Schmalz<\/a>\n      <\/p>\n<p>  Teilen<\/p>\n<p>                  <img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" loading=\"eager\" width=\"960\" height=\"697\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/2635_13_Polizeigewalt_tb.jpg\" alt=\"eine Person l\u00e4uft an einem Poster mit Roger \u00abNzoy\u00bb Wilhelm vorbei\"\/><\/p>\n<p>          Die Umst\u00e4nde des Todes von Roger \u00abNzoy\u00bb Wilhelm sind bis heute nicht gekl\u00e4rt. Zum Gedenken an ihn und als Zeichen gegen Polizeigewalt finden auch dieses Jahr Protestm\u00e4rsche statt.<br \/>\n              Gabriel Monnet, Keystone<\/p>\n<p>Es war ein denkw\u00fcrdiger Auftritt des Lausanner SP-Stadtpr\u00e4sidenten Gr\u00e9goire Junod: Am 25.\u00a0August letzten Jahres r\u00e4umte dieser an einer Pressekonferenz ein, dass die Lausanner Stadtpolizei ein \u00abschwerwiegendes systemisches Diskriminierungsproblem\u00bb habe.<\/p>\n<p>Kurz vor der Pressekonferenz waren zwei Whatsapp-Chats der Stadtpolizei publik geworden\u00a0\u2013 Chats, in denen rund f\u00fcnfzig\u00a0Polizist:innen w\u00e4hrend fast zehn\u00a0Jahren abscheuliche rassistische, antisemitische, homophobe und sexistische Inhalte geteilt hatten. Sie warfen ein neues, d\u00fcsteres Licht auf die t\u00f6dlichen Polizeieins\u00e4tze in der Waadt, bei denen seit\u00a02016 f\u00fcnf\u00a0Schwarze M\u00e4nner get\u00f6tet wurden. Ihre Namen: Lamin Fatty, Herv\u00e9 Mandundu, Mike Ben Peter, Roger \u00abNzoy\u00bb Wilhelm, Michael Kenechukwu.<\/p>\n<p>Der Lausanner Rassismusskandal bewegte die Schweiz weit \u00fcber die Waadt hinaus\u00a0\u2013 und lancierte die Debatte um institutionellen Rassismus und Polizeigewalt neu. Doch was ist im letzten Jahr tats\u00e4chlich an Reformen passiert?<\/p>\n<p>Schwammige Ank\u00fcndigungen<\/p>\n<p>In Lausanne wird seit dem Skandal Gestaltungswille ausgestrahlt: Stadtpr\u00e4sident Junod versprach eine \u00abtiefgreifende Reform\u00bb der Stadtpolizei. Deren Kommandant Olivier Botteron musste den Hut nehmen. Letztes Jahr hat die Stadtregierung zwei externe Gutachten in Auftrag gegeben, die die Missst\u00e4nde best\u00e4tigen: Es gebe in der Lausanner Polizei rassistische Netzwerke. Beleidigungen und Diskriminierungen w\u00fcrden teilweise als normal angesehen, M\u00e4ngel in der F\u00fchrung und der Organisation eine Aufarbeitung dieser Zust\u00e4nde verhindern.<\/p>\n<p>Die Stadtregierung hat angek\u00fcndigt, diese Missst\u00e4nde bis\u00a02031 zu beheben, bleibt dabei jedoch schwammig: F\u00fchrung und Organisationsstruktur sollen verbessert, die Ausbildung angepasst werden. Dazu hat die Stadt eine externe Meldestelle eingerichtet, um internen Vorw\u00fcrfen von Rassismus, Sexismus und Diskriminierung nachzugehen.<\/p>\n<p>Tarek Naguib, Jurist und Experte f\u00fcr Diskriminierungsfragen, betont: Die interne Betriebskultur zu verbessern, sei zwar wichtig, doch gen\u00fcgten solche Reformen bei weitem nicht. Echte strukturelle Reformen zielten vielmehr auf eine Rechenschaftspflicht und bessere Kontrolle der Polizei sowie auf die F\u00f6rderung einer Kultur der Nichtdiskriminierung ab. \u00abDoch genau das wird weiterhin nicht auf den Weg gebracht.\u00bb<\/p>\n<p>Die Waadt ist l\u00e4ngst nicht der einzige Schweizer Kanton, in dem die Polizei in den letzten Jahren durch Rassismus aufgefallen ist: In Basel-Stadt etwa verurteilte das Strafgericht im vergangenen Fr\u00fchling einen Polizisten wegen Misshandlung einer migrantischen Person zu \u00fcber drei Jahren Haft. Im Kanton Jura wurden im M\u00e4rz ebenfalls rassistische Polizeichats \u00f6ffentlich, in Z\u00fcrich wurden mehrere F\u00e4lle von Racial Profiling und Polizeigewalt verhandelt. Doch im Westschweizer Kanton zeigen sich die strukturellen Probleme wie unter dem Brennglas: Gutachten attestierten der Lausanner Stadtpolizei schon vor zwanzig Jahren einen ausgepr\u00e4gten Korpsgeist.<\/p>\n<p>Wie der Waadtl\u00e4nder Rassismusexperte Chancel Soki letztes Jahr im Interview mit der WOZ erkl\u00e4rte, gab es in der Polizeiarbeit zudem einen starken Fokus auf den Strassenhandel mit Drogen. \u00abDie Jagd auf Schwarze Dealer\u00bb habe die Ressentiments gegen\u00fcber rassifizierten Menschen noch verst\u00e4rkt. Laut der Rechercheagentur Border Forensics, die in der Schweiz von\u00a01992 bis\u00a02025 insgesamt 83\u00a0Todesf\u00e4lle im Zusammenhang mit Polizeieins\u00e4tzen untersuchte, war der Kanton Waadt in dieser Zeit mit 14\u00a0F\u00e4llen der t\u00f6dlichste. Ein grosser Teil der Get\u00f6teten waren Men of Colour oder Migranten.<\/p>\n<p>Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International Schweiz oder humanrights.ch sind sich einig, dass f\u00fcr eine bessere Kontrolle der Polizei zwei grundlegende Reformen n\u00f6tig sind. \u00abEs braucht einerseits gute gesetzliche Bestimmungen gegen Diskriminierung sowie konkrete Verpflichtungen zu ihrer Um- und Durchsetzung\u00bb, sagt auch Tarek Naguib, \u00abund damit verbunden wirksame Mechanismen zur Pr\u00e4vention von Diskriminierung.\u00bb Denkbar sei etwa ein Monitoringsystem, um mehr Transparenz zu schaffen. \u00abAm wichtigsten w\u00e4re aber eine externe Beschwerdestelle f\u00fcr Betroffene von Racial Profiling und Polizeigewalt.\u00bb<\/p>\n<p>Die zweite und zentrale Forderung von Menschenrechtsorganisationen: die Schaffung von kantonalen Spezialstaatsanwaltschaften, um strafrechtlich relevante Vorw\u00fcrfe gegen Polizist:innen zu untersuchen.<\/p>\n<p>Dass die Schweiz nicht genug tut, um Diskriminierung zu verhindern, ist auch gerichtlich festgehalten: Der Europ\u00e4ische Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte\u00a0(EGMR) r\u00fcgte die Schweiz 2024 im Fall Wa Baile. Mohamed Wa Baile, ein Schweizer mit kenianischen Wurzeln, war 2015 am Hauptbahnhof Z\u00fcrich ohne nachvollziehbaren Grund kontrolliert worden. Der EGMR massregelte die Schweiz einerseits, weil sie nicht genug getan habe, um Wa Bailes Diskriminierungsvorwurf zu untersuchen. Andererseits stellte das Gericht eine Verletzung des Diskriminierungsverbots fest und kehrte dabei die Beweislast um\u00a0\u2013 ein Umdenken, das Naguib auch f\u00fcr Schweizer Gerichte fordert: \u00abBei einem ausreichend plausiblen Verdacht muss die Polizei den Entlastungsbeweis erbringen, dass eine Kontrolle nicht diskriminierend ist und sie alle Vorkehrungen getroffen hat, um Diskriminierungen zu verhindern. Das gilt bei einer willk\u00fcrlichen Kontrolle genauso wie im schlimmsten Fall bei einer T\u00f6tung\u00a0\u2013 wobei hier die Beweislast am gr\u00f6ssten sein muss.\u00bb<\/p>\n<p>\u00abKein Handlungsbedarf\u00bb<\/p>\n<p>Der EGMR verpflichtete die offizielle Schweiz, strukturelle Massnahmen zu ergreifen, um das Urteil umzusetzen. Nachgekommen ist das Bundesamt f\u00fcr Justiz\u00a0(EJPD) dieser Verpflichtung bislang nicht: In seiner Stellungnahme sah es keinen gesetzgeberischen Handlungsbedarf und schob die Verantwortung auf die Kantone. Dabei k\u00f6nnte SP-Justizminister Beat Jans diese mit einer Revision der Strafprozessordnung dazu verpflichten, unabh\u00e4ngige Untersuchungsinstanzen zu schaffen.<\/p>\n<p>Weil das Ministerkomitee des Europarats mit den Ausf\u00fchrungen des EJPD nicht zufrieden war, muss das Departement bis Ende Jahr erneut Stellung beziehen. Auf Nachfrage der WOZ will es zum Stand der Arbeiten und den Forderungen nach mehr Kontrolle keine Auskunft geben. Tarek Naguib wiederum hat bei einer Umfrage mitgearbeitet, die bei allen Kantonen abgekl\u00e4rt hat, ob sie zur Umsetzung des Wa-Baile-Urteils strukturelle Reformen im Sinne einer besseren Kontrolle der Polizei planten. \u00abDie kurze Antwort lautet: Nein\u00bb, so Naguib.<\/p>\n<p>Im Kanton Waadt ist immerhin ein Teil der Legislative wach geworden: Der Gr\u00fcne David Raedler reichte diese Woche einen Vorstoss ein, der vom Regierungsrat die Schaffung einer Spezialstaatsanwaltschaft fordert. Vertreter:innen fast aller Parteien von ganz links bis zur FDP haben das Anliegen unterschrieben. \u00abIch bin deshalb optimistisch, dass der Vorstoss auch im Parlament durchkommt\u00bb, sagt Raedler.<\/p>\n<p>Dass die Staatsanwaltschaften ihre Arbeit h\u00e4ufig nicht gr\u00fcndlich machen, wenn Schwarze Menschen durch Polizist:innen verletzt oder gar get\u00f6tet werden\u00a0\u2013 auch das zeigt sich im Kanton Waadt exemplarisch. Verfahren werden schlampig gef\u00fchrt und verschleppt. Keiner der an den t\u00f6dlichen Eins\u00e4tzen beteiligten Polizisten wurde bisher verurteilt. Aktivist:innen und Angeh\u00f6rige von Roger \u00abNzoy\u00bb Wilhelm rufen deshalb f\u00fcr den 29.\u00a0August in Lausanne und den 12.\u00a0September in Z\u00fcrich zu Protesten auf. Nzoy wurde am 30.\u00a0August\u00a02021 am Bahnhof von Morges get\u00f6tet, nachdem sich der psychisch angeschlagene Mann verwirrt auf den Gleisen aufgehalten hatte. Ein unabh\u00e4ngiges Gutachten, das Border Forensics letztes Jahr ver\u00f6ffentlichte, f\u00fchrt die Notwehrtheorie der Polizei ad absurdum (siehe <a href=\"https:\/\/www.woz.ch\/2535\/roger-nzoy-wilhelm\/alles-ganz-anders\/!P8DCBEZXK9HC\" data-entity-type=\"node\" data-entity-uuid=\"d9ff8687-4c64-4764-aef3-8f19d3106aa2\" data-entity-substitution=\"canonical\" title=\"Roger \u00abNzoy\u00bb Wilhelm : Alles ganz anders\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">WOZ Nr.\u00a035\/25<\/a>).<\/p>\n<p>Der verantwortliche Staatsanwalt Laurent Maye war im Verfahren immer wieder mit Vers\u00e4umnissen und Manipulationsversuchen aufgefallen. Im November\u00a02024 stellte er das Verfahren ein\u00a0\u2013 das Waadtl\u00e4nder Kantonsgericht zwang ihn im Mai\u00a02025 aber zur Wiederaufnahme. \u00dcber ein Jahr sp\u00e4ter warten die Angeh\u00f6rigen noch immer auf einen Prozess. \u00abWir m\u00fcssen f\u00fcr jeden Untersuchungsschritt k\u00e4mpfen\u00bb, sagt Nzoys Schwester Evelyn Wilhelm. Das sei zerm\u00fcrbend. \u00abMit den Demonstrationen k\u00e4mpfen wir dagegen an, dass der Tod meines Bruders wegen der ewigen Verz\u00f6gerung einer Verhandlung vergessen wird.\u00bb<\/p>\n<p>Kaum personelle Konsequenzen<\/p>\n<p>In der Stadt Lausanne indes ist das Vertrauen in die Polizei trotz Reformversprechen l\u00e4ngst nicht wieder hergestellt: Anfang dieser Woche meldete sich der Bruder von Marvin Manzila zu Wort. Der damals Siebzehnj\u00e4hrige kam in der Nacht vor der Ver\u00f6ffentlichung der Polizeichats bei einer Verfolgungsjagd durch die Polizei ums Leben. Sein Tod l\u00f6ste Ausschreitungen und riesige Solidarit\u00e4tsdemos aus. Jugendliche aus Manzilas Viertel glaubten nicht, dass die Verfolgungsjagd, an deren Ende der Teenager in eine Mauer prallte, begr\u00fcndet und angemessen war. Die Untersuchung des Vorfalls soll gem\u00e4ss Beh\u00f6rden noch diesen Herbst abgeschlossen werden. Die Polizei hatte ausserdem versprochen, ein besseres Vertrauensverh\u00e4ltnis mit den Jugendlichen im Viertel aufzubauen. Doch die Situation habe sich nicht ge\u00e4ndert, sagt nun Manzilas Bruder gegen\u00fcber dem Westschweizer Fernsehen\u00a0RTS.<\/p>\n<p>Das Vertrauen kaum st\u00e4rken d\u00fcrfte die Tatsache, dass von den f\u00fcnfzig in den rassistischen Chats aktiven Polizist:innen bis heute gerade einmal acht suspendiert wurden. Die fristlose K\u00fcndigung der zwei Hauptbeschuldigten hat das Kantonsgericht k\u00fcrzlich wegen formaler Fehler aufgehoben, die Stadt geht nun vor Bundesgericht. Louis Schild, Koordinator der unabh\u00e4ngigen Nzoy Commission zur Aufkl\u00e4rung der Umst\u00e4nde des Todes von Roger Wilhelm, sagt: \u00abEs ist unfassbar, dass der Grossteil der fehlbaren Beamten keinerlei Konsequenzen zu sp\u00fcren bekommt. Diese Straflosigkeit bereitet den Boden f\u00fcr weitere Taten.\u00bb\u00a0\u25cf<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Nr.\u00a035 \u2013 27. 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