{"id":27133,"date":"2026-03-02T23:39:18","date_gmt":"2026-03-02T23:39:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/27133\/"},"modified":"2026-03-02T23:39:18","modified_gmt":"2026-03-02T23:39:18","slug":"maja-iskra-beschreibt-die-jugend-in-belgrad-sie-wuerde-schon-im-naechsten-augenblick-mit-voller-kraft-mit-ihrer-stirn-gegen-meine-nase-knallen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/27133\/","title":{"rendered":"Maja Iskra beschreibt die Jugend in Belgrad: \u201eSie w\u00fcrde schon im n\u00e4chsten Augenblick mit voller Kraft mit ihrer Stirn gegen meine Nase knallen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>In ihrem Buch \u201eUppercut\u201c erinnert Maja Iskra an das Belgrad der 1990er-Jahre. Auf der Stra\u00dfe und zu Hause \u00fcberlebte nur, wer sich wehren konnte. Besonders galt das f\u00fcr M\u00e4dchen.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Der \u201eUppercut\u201c zielt aufs Kinn. Manchmal auch auf den Solarplexus. So ein Haken ist riskant, <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.danas.rs\/kultura\/maja-iskra-aperkat-je-oda-dorcolu-devedesetih-to-nije-ovaj-dzentrifikovani-luksuzni-dorcol-od-danas\/\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.danas.rs\/kultura\/maja-iskra-aperkat-je-oda-dorcolu-devedesetih-to-nije-ovaj-dzentrifikovani-luksuzni-dorcol-od-danas\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">erkl\u00e4rte<\/a> Maja Iskra 2023 der serbischen Zeitung \u201eDanas\u201c: \u201eSogar Weltmeistern passiert es, dass der f\u00fcr den Gegner bestimmte Aufw\u00e4rtshaken sie selbst trifft.\u201c In Iskras Romandeb\u00fct, das jetzt auf Deutsch erscheint, gesteht die Erz\u00e4hlerin ihrem Freund Faris in einem Wiener Club: \u201eDas war mein spiritueller Schlag.\u201c Faris \u2013 mit <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/jared-leto\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/jared-leto\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Jared-Leto-Frisur <\/a>aus den Nineties \u2013 hat gerade \u00fcber den Krieg gesprochen. Wie die \u201ebeschissenen Waffen\u201c sogar f\u00fcr Kinder zug\u00e4nglich wurden.<\/p>\n<p>Die Jugoslawienkriege sind pr\u00e4sent in <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.hanser-literaturverlage.de\/buch\/maja-iskra-uppercut-9783552076358-t-5955\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.hanser-literaturverlage.de\/buch\/maja-iskra-uppercut-9783552076358-t-5955&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">\u201eUppercut\u201c<\/a>, wenn die Erz\u00e4hlerin ihre einstigen Mitsch\u00fcler in zwei Kategorien einteilt, \u201ediejenigen, die gefl\u00fcchtete Kinder erniedrigten. Und die, die es nicht taten\u201c. Die einen qu\u00e4len aber auch Tiere, w\u00e4hrend die anderen Stra\u00dfenhunden Namen geben. Dass der Vater die Erz\u00e4hlerin \u201eauf dem H\u00f6hepunkt der Nato-Bombardierung Belgrads f\u00fcr immer aus dem Haus\u201c geworfen hat, wird eher en passant erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p>\u201eUppercut\u201c interessiert sich kaum f\u00fcr den Krieg selbst, f\u00fcr die Folgen von Sanktionen, <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/plus250946194\/Belgrad-Serbien-Warum-stellen-die-eine-Statue-dieses-Loser-Zaren-auf.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/plus250946194\/Belgrad-Serbien-Warum-stellen-die-eine-Statue-dieses-Loser-Zaren-auf.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">die nationalistische Ideologie<\/a> von \u201eGro\u00dfserbien\u201c, die auch heute wieder auflebt. Man darf erwarten, dass all das beitrug zur grassierenden Grausamkeit im Belgrader Viertel Dor\u0107ol am Ufer der Donau \u2013 heute einer der schicksten Stadtteile der serbischen Hauptstadt \u2013, von der Iskra erz\u00e4hlt. Eine Kausalit\u00e4t behauptet \u201eUppercut\u201c nicht.<\/p>\n<p>\u201eZwischen zwei Feuern\u201c wird im Sportunterricht das Spiel \u201eV\u00f6lkerball\u201c genannt. Die Erz\u00e4hlerin ist gut darin. Klar: \u201eMeine ganze Kindheit in Dor\u0107ol war zwischen zwei Feuer zusammengepfercht, zwischen zwei Geschossen, die zunehmend n\u00e4her kamen und ineinander \u00fcbergingen. Einerseits, hinter den verschlossenen T\u00fcren unserer Wohnung, Vaters st\u00e4ndige, unerkl\u00e4rliche Wut, und andererseits das t\u00e4gliche Grauen auf der Stra\u00dfe und in der Schule.\u201c<\/p>\n<p>Von beidem erz\u00e4hlt \u201eUppercut\u201c in etlichen \u201eFlashbacks\u201c. Wie Iskra, die in Belgrad aufwuchs und heute als Urbanistin und Medienk\u00fcnstlerin in Wien arbeitet, mit ein paar Z\u00fcgen Szenen vors Leserauge stellt, l\u00e4sst dabei zun\u00e4chst an filmische R\u00fcckblenden denken. Da ist Anna: \u201eIm Kampf war sie flink wie ein Fischotter, hellwach, scharf und blitzschnell. Im allt\u00e4glichen Leben dagegen \u00fcberraschend phlegmatisch. Halb geschlossene Lider, schlaffe Lippen, als k\u00f6nnte sie jeden Moment einschlafen. Sie konnte den Buchstaben \u201ar\u2018 nicht richtig aussprechen.\u201c <\/p>\n<p>Es kommt zum Showdown: \u201eIch wusste, sie w\u00fcrde schon im n\u00e4chsten Augenblick mit voller Kraft mit ihrer Stirn gegen meine Nase knallen. Oder meine Halskette nach unten ziehen und mich damit unbarmherzig w\u00fcrgen. Denn genau das war der Stil von Ana \u017divin.\u201c<\/p>\n<p>Ein feministischer Roman<\/p>\n<p>\u201eFlashback\u201c kann auch die Wiederkehr eines traumatischen Erlebnisses bezeichnen, \u201egetriggert\u201c durch einen Reiz. Diese Bedeutung wird nahegelegt, wenn in \u201eUppercut\u201c das Regime des Vaters \u201epatriarchales Bootcamp\u201c genannt wird. Oder eine alte Fabrik  \u201eSafe Space\u201c f\u00fcr \u201eein Quartett, v\u00f6llig abseits des Mainstreams der Neunziger. Keine von uns trug Nikes, keine drangsalierte die Fl\u00fcchtlingskinder, und keine rauchte cool Zigaretten dort, wo man sich damit inszenieren konnte. Jungs spielten in unserer Welt keine Rolle. Alles drehte sich um unsere Abenteuer, um Mutproben, ums Grenzenverschieben.\u201c Hier wachsen die vier \u201eim Laufe der Jahre zu jungen Frauen heran\u201c.<\/p>\n<p>Dass man \u201eUppercut\u201c  feministisch nennen will, liegt nicht an behutsam eingesetzten Vokabeln wie \u201epatriarchal\u201c oder \u201eSafe Space\u201c. Iskras Roman beschreibt n\u00e4mlich vor allem den Prozess, den M\u00e4dchen im Belgrad der 1990er-Jahre durchlaufen m\u00fcssen, wenn sie bestehen wollen: \u201eIn der Grundschule hatte ich nie Angst vor Buben. Was mir wirklich Schauer \u00fcber den R\u00fccken jagte, waren M\u00e4dchen, die sich pr\u00fcgelten.\u201c Ana \u017divin und die Erz\u00e4hlerin lernen, sich zu respektieren. Von Freundschaft keine Rede. Anders bei den vier aus der Betonfabrik. In einer gl\u00e4nzenden Passage erinnern die ehemaligen Freundinnen sich, von der Erz\u00e4hlerin als Erwachsene kontaktiert, an die Gemeinschaft, die der Ort m\u00f6glich machte.<\/p>\n<p>Mit Faris trifft sich die Erz\u00e4hlerin in der Jetztzeit des Romans immer wieder, in Clubs, beim Konzert einer slowenischen Band. Verlieben will sie sich nicht, f\u00fchlt sich deshalb \u201ewie eine Seilt\u00e4nzerin\u201c. Obwohl \u2013 oder weil? \u2013 man eine Sprache spricht. Ausnahme: \u201eHeute Abend sprechen wir die ganze Zeit Deutsch. Das tun wir sonst nie.\u201c Dass das seine Sprache ist, akzeptiert Faris nicht. \u201eWie ist eigentlich dein Verh\u00e4ltnis zu Jugoslawien? F\u00fchlst du dich zugeh\u00f6rig\u201c, wechselt er scheinbar das Thema. F\u00fcr ihn ist es \u201eein schmerzendes schwarzes Loch\u201c. Was die Erz\u00e4hlerin an den walisischen Ausdruck \u201eHiraeth\u201c erinnert: Sehnsucht, \u201enach einem Zuhause, das es nicht mehr gibt\u201c.<\/p>\n<p>\u201eHiraeth\u201c hie\u00df auch die Short Story, mit der Iskra 2018 einen Preis bei einem Literaturwettbewerb gewann. Diese Keimzelle ihres Romans sp\u00fcrt der Leser beim Einsammeln der Belgrader Erinnerungssplitter, die sich oft zu eigenst\u00e4ndigen Geschichten auswachsen. Gleichzeitig ergeben diese Splitter ein scharfkantiges Ganzes, dessen Gestalt, wie Iskras Heldin, zwischen Trauma und Nostalgie oszilliert.<\/p>\n<p>Maja Iskra: \u201eUppercut\u201c, aus dem Serbischen von Mascha Dabi\u0107 und Maja Iskra, Zsolnay Verlag, 160 S., 23 Euro<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"In ihrem Buch \u201eUppercut\u201c erinnert Maja Iskra an das Belgrad der 1990er-Jahre. 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