{"id":33065,"date":"2026-03-07T07:47:06","date_gmt":"2026-03-07T07:47:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/33065\/"},"modified":"2026-03-07T07:47:06","modified_gmt":"2026-03-07T07:47:06","slug":"architektur-wo-einfachheit-reichtum-schafft-anupama-kundoos-stille-baukunst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/33065\/","title":{"rendered":"Architektur: Wo Einfachheit Reichtum schafft &#8211; Anupama Kundoos stille Baukunst"},"content":{"rendered":"<p>Zwischen \u00f6kologischem Bauen und Konstruktionstechnik geht die Baukunst verloren. Anupama Kundoos naturnahe H\u00e4user f\u00fchren zur\u00fcck zum Elementaren. Und doch stellt sich die Frage: Ist das Architektur?<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Was Architektur tats\u00e4chlich ist, das ist im 20. Jahrhundert immer fraglicher geworden. Etymologisch leitet sich das Wort von Baumeister, griechisch architekton, her, was urspr\u00fcnglich mit \u201eoberster Holzarbeiter\u201c \u00fcbersetzt wurde. N\u00e4her zum heute immer noch in Resten vorhandenen Verst\u00e4ndnis des Wortes f\u00fchrt die griechisch-lateinische Wortwurzel \u201eTektonik\u201c, zu Deutsch \u201eLehre von der Zusammenf\u00fcgung von Bauteilen zu einem Gef\u00fcge\u201c. <\/p>\n<p>Noch pr\u00e4ziser war der noch vor 100 Jahren gebr\u00e4uchliche Begriff von \u201eArchitektur\u201c, der dann gelten sollte, wenn das Geb\u00e4ude \u201enach den Regeln der Baukunst gestaltet\u201c war. Nach dieser Definition gibt es heute Architektur \u00fcberhaupt nicht mehr. Seit die Architekten im 20. Jahrhundert dazu \u00fcbergegangen sind, auch das Verschrauben und Verkleben von Glasplatten und metallischem Gest\u00e4nge als Architektur zu bezeichnen, kann man sich fragen, ob das Wort seinen Inhalt verloren hat.<\/p>\n<p>Es ist die Frage, die niemand stellt. Wer freilich die <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.azw.at\/de\/termin\/reichtum-statt-kapital-anupama-kundoo\/\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.azw.at\/de\/termin\/reichtum-statt-kapital-anupama-kundoo\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Ausstellung des Architekturzentrums Wien<\/a> \u00fcber die indische Architektin Anupama Kundoo besucht, die mit ihrem Werk Grenzbereiche des Architektonischen ausmisst, kommt um sie nicht herum. Kundoo, 59 Jahre alt, geboren in Pune, wurde 2018 auf den Lehrstuhl Entwurf Tragwerk in Potsdam und 2024 auf den Lehrstuhl Architektur und Entwurfsmethoden an der TU Berlin berufen. Sie weitet den Begriff Architektur noch nach einer ganz anderen Seite aus: hin zum \u00f6kologischen Bauen, zum ressourcenschonenden Bauen, zum klimagerechten Bauen. Daf\u00fcr bringt sie den reichen Erfahrungsschatz aus ihrer indischen Heimat mit.<\/p>\n<p>Aber machen das nicht inzwischen alle, den H\u00e4usern Geb\u00e4udeenergiegehorsamkeit anzuerziehen? Anupama Kundoo macht es auf eigene Weise. Ihre H\u00e4user sind Gestelle aus Holz und aus Lochblechen, luftig und nach den Seiten hin offen, durchl\u00e4ssig ummantelte Freir\u00e4ume, durch die \u2013 wichtig speziell f\u00fcr die hei\u00dfen Regionen \u2013 die Luft flie\u00dfen kann. Also das Gegenteil von \u00d6koh\u00e4usern? Jedenfalls das Gegenteil von ged\u00e4mmten H\u00e4usern f\u00fcr Mitteleuropa. <\/p>\n<p>Die H\u00e4user sind frei von dem, was f\u00fcr unsereinen erst Wohnlichkeit ausmacht, frei von M\u00f6beln, B\u00fccherschr\u00e4nken, Nippes. Sie sind Exoten. Sie lassen sich selbst als ein St\u00fcck Natur lesen, so wie sie auch aus Materialien der jeweiligen unmittelbaren Umgebung errichtet sind. Aber die Frage an diese Bauweise ist dieselbe: Ist das noch Architektur?<\/p>\n<p>In Europa, in Deutschland allzumal, hat sich unmerklich ein Wandel des Begriffs Architektur durchgesetzt, den niemand eingestehen will. Was fr\u00fcher einmal Architektur war, ist Bautechnik geworden, Experiment, Baustoffausstellung, abstrakte Konstruktion. Mit den klassischen Architekturlehren, mit Baustilen, Kunstwollen hat das kaum noch etwas zu tun. Die Bauwerke spielen gleichsam in einer anderen Liga. <\/p>\n<p>Und der Trend zu derartigen Tendenzen nimmt zu. Je mehr \u00d6ko, desto schriller die technische Klimaakrobatik, desto gr\u00f6\u00dfer und dominierender der Anteil von Technik am Bau \u00fcberhaupt, desto unauff\u00e4lliger das, was noch als Rest von Architektur durchscheint. <\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich w\u00fcrde kein Architekturprofessor akzeptieren, nicht mehr Bauk\u00fcnstler genannt zu werden, nat\u00fcrlich w\u00fcrde kein Entwerfer mehr an einem Architektenwettbewerb teilnehmen, der als ingenieurtechnischer Wettbewerb ausgeschrieben ist \u2013 die Eitelkeit stirbt zuletzt. Aber neue Baustile gibt es schon seit 100 Jahren nicht mehr. Architektur ist zur reinen Konstruktionspraxis geworden.<\/p>\n<p>Die Architektur folgt dabei nur einer Zeiterscheinung, die alle Bereiche der Zivilisation erfasst. Der Technisierung des Wortes und der Sprache folgt die Technisierung der Politik, der Wirtschaft, des Soziallebens \u2013 und nat\u00fcrlich ebenso der Architektur. Aber technische Standards sagen nun einmal nullkommanichts dar\u00fcber aus, wie wohl sich das Sozialwesen Mensch in einem Bauwerk f\u00fchlt, wie praktisch, kosteng\u00fcnstig, ideenreich oder wie geschmackvoll, \u201esch\u00f6n\u201c oder beispielhaft ein Wohn- oder B\u00fcrogeh\u00e4use gestaltet ist. Und deshalb kann es nicht schnuppe sein, ob es noch Architektur gibt oder nicht.<\/p>\n<p>Gerade in Wien wird man sich vielleicht des Wiener Gro\u00dfarchitekten <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kunst-und-architektur\/article180391864\/Letzter-Baendiger-der-Grossstadt-Otto-Wagner-dem-legendaeren-Architekten-wird-in-Wien-gehuldigt.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kunst-und-architektur\/article180391864\/Letzter-Baendiger-der-Grossstadt-Otto-Wagner-dem-legendaeren-Architekten-wird-in-Wien-gehuldigt.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Otto Wagner<\/a> (1841\u20131918) erinnern, der den Zwiespalt \u00fcber die zu seiner Zeit noch \u201eneue\u201c Ingenieurbaukunst vielleicht am treffendsten ausgedr\u00fcckt hat \u2013 indem er vor ihm kapitulierte. Eines, so hatte er bei den Planungen f\u00fcr die Infrastruktur der k-und-k-Metropole gefordert, m\u00fcsse unbedingt \u201ezur Hauptsache\u201c werden: \u201eKunst und K\u00fcnstler zu Worte kommen zu lassen, den die Sch\u00f6nheit vernichtenden Einfluss des Ingenieurs f\u00fcr immer zu brechen und die Macht des Vampyrs \u201aSpekulation\u2018 (\u2026) auf das Engste einzud\u00e4mmen.\u201c <\/p>\n<p>Dieses ber\u00fchmte Verdikt, das Wagner dem gerade erst anbrechenden 20. Jahrhundert wie einen Bannfluch entgegenschleuderte, hinderte den Sch\u00f6pferarchitekten der Wiener Stadtbahn und der Kirche am Steinhof freilich nicht, die \u201egro\u00dfen baulichen Sch\u00f6pfungen\u201c seiner Zeit (zu denen ja die Ingenieurbauten unzweifelhaft dazugeh\u00f6rten) zu den Dingen zu z\u00e4hlen, \u201edenen weder die Renaissance noch die Antike \u00c4hnliches an die Seite zu stellen vermag\u201c. Wie w\u00fcrde Wagner den Sieg des Ingenieurs \u00fcber den Architekten heute bewerten?<\/p>\n<p>An den Sch\u00f6pfungen von Anupama Kundoo f\u00e4llt die Entspanntheit und Gelassenheit auf, mit der sie sich in die Natur einf\u00fcgen. Sie geben sich als Ingenieurbauwerke erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Sie meiden Gleichf\u00f6rmigkeit und gedankenlose Standardisierung, setzen auf Handarbeit und nat\u00fcrliche Materialien, die den Augen und dem Tastsinn schmeicheln. In ihren gelungensten Beispielen (wie dem immer wieder abgebildeten Wall House im indischen Auroville) \u00fcberraschen sie mit hohen, weiten R\u00e4umen, die Reichtum entfalten, wo Einfachheit ist.  <\/p>\n<p>Die Architekturprofessorin hat zahlreiche Preise bekommen, sie hat an mehreren Hochschulen gelehrt und ihr Wall House 2012 auf der Architekturbiennale Venedig pr\u00e4sentiert. In der aktuellen Architekturszene ist sie voll etabliert. Auch in der Wiener Ausstellung liegt ihr das Publikum zu F\u00fc\u00dfen. Die Besucher lauschen hingegossen in Bambusgest\u00fchl ihren (teilweise sehr pers\u00f6nlichen) Filmvortr\u00e4gen, betasten die ausgestellten (leider nicht beschrifteten) Materialproben, versuchen die wenigen Architekturmodelle zu entschl\u00fcsseln und scheinen in den aufgeh\u00e4ngten Fotos und Informationstexten regelrecht zu versinken. Da sonst nichts zu sehen ist, sind sie auf sich gestellt, den seltsamen Widerspruch aufzukl\u00e4ren, der von diesen Werken ausgeht, die so ungeheuer naturnah und menschlich und doch zugleich befremdlich erscheinen.<\/p>\n<p>Auf kuriose Erkl\u00e4rungsversuche dieses \u0152uvres verfallen die Kuratorinnen Angelika Fitz und Elke Krasny, die im Ausstellungskatalog (Abundance Not Capital, 270 Seiten, 49 Euro, auf Englisch) den Versuch machen, \u201eArchitekturgeschichte der Gegenwart aus antikolonialen und antipatriarchalen Perspektiven zu schreiben\u201c. Dabei gehen sie von der \u00dcberzeugung aus, dass Form nicht der Funktion, sondern \u201edem Geld folgt\u201c. Deshalb habe Architektur eine \u201ebedeutende Rolle bei der Beschleunigung des Kapitalismus\u201c gespielt. Die Architektin muss von derlei Assoziationen freigesprochen werden, und es ist nat\u00fcrlich blanker Humbug, wenn das Portal baukunst.art daraufhin meint, die Arbeiten Kundoos vorschnell als \u201eArchitektur gegen den Kapitalismus\u201c w\u00fcrdigen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Richtig ist etwas ganz anderes: Im Werk der Inderin kommt das Elementare zu einer neuen, heute vernachl\u00e4ssigten Geltung. Wenn der Medientheoretiker Norbert Bolz vor mehr als 30 Jahren voraussagte, dass die \u201eTechnologien der Simulation\u201c im Begriff st\u00fcnden, in unserem Alltag die Herrschaft anzutreten, so findet das Werk von Anupama Kundoo eine Antwort darauf. Indem es das feiert, was unserer Wahrnehmung schon fast entschwunden ist, das Unverf\u00e4lscht-\u201eEchte\u201c, bedient es ein Bed\u00fcrfnis, das es fr\u00fcher in dieser Form nicht gab. In einer Zeit, in der sich \u201edie traditionelle Differenz zwischen Realem und Imagin\u00e4rem\u201c (Bolz) immer mehr zu nivellieren scheint, ist das von fast magischem Reiz. <\/p>\n<p>Sollte sich die Erinnerung an das, was Architektur einmal war, vielleicht doch noch neu beleben lassen? Die bescheiden-leise Wiener Ausstellung gibt ihren Besuchern diese Frage auf.<\/p>\n<p>\u201eReichtum statt Kapital. Anupama Kundoo\u201c, bis 9. M\u00e4rz 2026, Architekturzentrum Wien<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Zwischen \u00f6kologischem Bauen und Konstruktionstechnik geht die Baukunst verloren. Anupama Kundoos naturnahe H\u00e4user f\u00fchren zur\u00fcck zum Elementaren. 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