{"id":348,"date":"2026-02-12T07:52:07","date_gmt":"2026-02-12T07:52:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/348\/"},"modified":"2026-02-12T07:52:07","modified_gmt":"2026-02-12T07:52:07","slug":"fotomuseum-in-rotterdam-die-fotografie-hat-ein-neues-zuhause-jedenfalls-in-den-niederlanden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/348\/","title":{"rendered":"Fotomuseum in Rotterdam: Die Fotografie hat ein neues Zuhause \u2013 jedenfalls in den Niederlanden"},"content":{"rendered":"<p>Ein denkmalgesch\u00fctztes Kaffeelagerhaus wird zum Speichermedium der Fotografie: Das niederl\u00e4ndische Fotomuseum archiviert Hunderte Nachl\u00e4sse und Millionen Bilder. Die Architektur ist wegweisend, typisch Rotterdam \u2013 und sendet auch Impulse nach Deutschland.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Nein, es riecht leider nicht mehr nach Kaffee. Dabei wurde er jahrzehntelang aus der brasilianischen K\u00fcstenstadt Santos nach Rotterdam in den Niederlanden verschifft und auf sechs Ebenen im Santos Pakhuis gelagert, hinter einer Backsteinfassade im Stil der Beaux-Arts. So sch\u00f6ne Lagerh\u00e4user baut man nicht mehr. Der Gegenwart ist die Gebrauchsarchitektur der Jahrhundertwende aber noch gut genug, um ihr ihre kostbarsten G\u00fcter anzuvertrauen: Erinnerungen, Geschichte, Kunst, Identit\u00e4ten.<\/p>\n<p>In der Rijnhaven-Gegend Rotterdams, mittlerweile von gl\u00e4sernen Neubauten dominiert, befand sich fr\u00fcher der Hafen. Die Docks sind inzwischen weiter in Richtung Meer gewandert, aber der Santos-Speicher ist noch da. Er stand lange leer und sollte dann ein Designkaufhaus werden. Nun ist stattdessen das <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/nederlandsfotomuseum.nl\/\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/nederlandsfotomuseum.nl\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Fotomuseum der Niederlande<\/a> dort eingezogen. Der Umbau durch das Hamburger Architekturb\u00fcro Renner Hainke Wirth Zirn und WDJArchitecten aus Rotterdam hat um die 38 Millionen Euro gekostet. <\/p>\n<p>Auf dem Dach sind Mini-Apartments und ein Restaurant entstanden, durch eine senkrechte \u00d6ffnung dringt Licht ins Innere des Speichers. Die originalen Holzbalken und st\u00e4hlernen Tr\u00e4ger wurden sichtbar belassen. Wo fr\u00fcher Kaffee k\u00fchl und dunkel lagerte, ist nun Platz f\u00fcr Ausstellungsfl\u00e4chen und Restaurierungslabore entstanden, in die man zwischen den hintergrundbeleuchteten Bildern aus der Sammlung hineinschauen kann.<\/p>\n<p>Die Sammlung umfasst mehr als 6,5 Millionen Objekte \u2013 Negative, Abz\u00fcge in Schwarz-Wei\u00df und Farbe, Kameras, Alben. Das Haus bewahrt die Nachl\u00e4sse von 175 niederl\u00e4ndischen Fotografen und stellt einen Teil davon st\u00e4ndig aus. In einer \u201eGallery of Honor\u201c sind einhundert Aufnahmen aus der niederl\u00e4ndischen Fotogeschichte versammelt. <\/p>\n<p>Was \u00fcbersetzt als Ehrengalerie ein wenig altbacken klingt, ist eine leichth\u00e4ndig inszenierte Reise durch die Fotogeschichte seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Die fr\u00fchesten Fotografien in der Ausstellung wurden noch auf Glasplatten gebannt, im 20. Jahrhundert wird die Kamera beweglich und kommt mit weniger Licht aus.<\/p>\n<p>Nico Jesse portr\u00e4tiert einen schwarz best\u00e4ubten Kohlehauer, der 1953 in den Oranje-Nassau-Minen arbeitet und dessen Haut die gleiche Farbe angenommen hat wie das Blechrohr der L\u00fcftungsanlage. Die Niederlande haben eine starke Fototradition. Der Rockstar-Portr\u00e4tist Anton Corbijn ist nat\u00fcrlich vertreten, genau wie die international bekannten niederl\u00e4ndischen Fotok\u00fcnstler Rineke Dijkstra und Erwin Olaf. <\/p>\n<p>Bemerkenswert und offensichtlich von L\u00e1szl\u00f3 Moholy-Nagys experimentellem Ansatz inspiriert ist ein Bild des K\u00fcnstlers Paul Schuitema, der auch als Grafiker und M\u00f6beldesigner arbeitete. 1929 hielt Schuitema ein Grammofon fest, dessen Linien durch die Bewegung des Tonabnehmers und der Platte verschwimmen. Die technischen Eigenheiten der Fotografie werden betont, nicht mehr versteckt. Die Fotografie ist nicht die banale Schwester der Malerei.<\/p>\n<p>Beweis f\u00fcr die dokumentarische Kraft der Lichtbildnerei sind die todesmutigen Fotografinnen und Fotografen, die w\u00e4hrend der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg entgegen einem ab 1944 geltenden strengen Verbot weiter Aufnahmen machten. Fritz J. Rotgans war der Einzige, der im besetzten Amsterdam in Farbe fotografierte. Von ihm stammt das Bild eines rot lackierten Treppenaufgangs \u00fcber einem \u201eVolkskoffiehuis\u201c von 1943. Dar\u00fcber h\u00e4ngt ein Holzschild mit der Aufschrift \u201eJudenstra\u00dfe\u201c. <\/p>\n<p>Das aus dem Braungrau der umliegenden H\u00e4user hervorstechende Rot erinnert an das M\u00e4dchen im roten Mantel, das in \u201eSchindlers Liste\u201c mit dem Regisseur Steven Spielberg bewusst aus dem distanzierenden Schwarz-Wei\u00df seines Films bricht. Nur dass das Rot im Bild hier einfach wirklich rot ist, die Signalfarbe einer bewussten Ausgrenzung und grausamen Verfolgung. Drei Viertel aller j\u00fcdischen Niederl\u00e4nder wurden unter der deutschen Besatzung ermordet.<\/p>\n<p>Fotografie fungiert in dieser Kombination aus Museum und Archiv als Speicher von Augenblicken. Es sind buchst\u00e4blich Sekundenbruchteile, in denen Geschichte f\u00fcr die Nachwelt kondensiert wird. Dass diese Bilder fragil sind und aktiv erhalten werden m\u00fcssen, beweisen die unterschiedlichen Klimazonen, in die das Museum unterteilt ist. Farbfotos f\u00fchlen sich bei k\u00fchlen vier Grad am wohlsten, die ideale Luftfeuchtigkeit f\u00fcr Abz\u00fcge ist eine andere als die f\u00fcr Negative, und die wiederum eine andere als bei Dias.<\/p>\n<p>Nun sind die Themen Fotorestaurierung und -archivierung sicher nicht genug, um viele Besucher anzuziehen. Die beiden Sonderausstellungen zur Er\u00f6ffnung besch\u00e4ftigen sich mit der Stadt Rotterdam (\u201eRotterdam in Focus\u201c) und einer besonderen Auspr\u00e4gung der Fotografie, die auch ohne Kamera auskommt: Cyanotypie oder Blaudruckfotografie. <\/p>\n<p>Das Nebeneinander von neuen und uralten Fototechniken ist reizvoll. W\u00e4hrend junge K\u00fcnstler mit der Cyanotypie Bilder auf Stoffe drucken oder die Umrisse von Stra\u00dfenpflanzen auf Kacheln bannen, ersteht in \u201eRotterdam in Focus\u201c der Guckkasten des 19. Jahrhunderts wieder auf. Wer durch zwei \u00d6ffnungen des Stereoskops blickt, sieht Szenen aus der Hafenstadt, bevor die deutsche Luftwaffe sie 1940 dem Erdboden gleichmachte. <\/p>\n<p>Es ist ein sachter 3D-Effekt, der etwas Zartes und Fragiles hat. Zweige und Gel\u00e4nder schieben sich als zittrige Gitter vor Hafenansichten, Passanten lehnen an Mauern und scheinen sich zu bewegen. Sie wissen nicht, dass sie hier f\u00fcr immer festgehalten sind. Die ferne Zeit wirkt im Stereoskop nicht unbedingt lebensn\u00e4her, sondern vergangener, ferner, wie eingeschlossen in eine Kugel aus Glas. Man sp\u00fcrt: Gegenwart und Vergangenheit einer Gesellschaft kommen in der Fotografie ins Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p>Das heutige Rotterdam ist dynamisch-unromantisch, eine Stadt voller ambitionierter Neubauten \u2013 wie etwa dem <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/architektur\/article234702076\/Visionaere-Architektur-Silberne-Salatschuessel-fuer-150-000-Kunstwerke.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/architektur\/article234702076\/Visionaere-Architektur-Silberne-Salatschuessel-fuer-150-000-Kunstwerke.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Schaudepot des Museums Boijmans van Beuningen<\/a>. Da scheint es nur fair, der Hafenstadt auch einmal etwas vom Kuchen der Aufmerksamkeit abzugeben \u2013 und das Fotomuseum nicht in Amsterdam zu bauen. Es ist, als habe die Rotterdamer Emsigkeit auf die Baustelle abgef\u00e4rbt: Die Geschwindigkeit, mit der der Kaffeespeicher f\u00fcr die Fotografie umgebaut wurde, ist beeindruckend. Drei Jahre nach dem Kauf wurde er er\u00f6ffnet. Wobei der Umbau schon vorher begonnen hatte \u2013 nur eben f\u00fcr ein Ladenkonzept.<\/p>\n<p>Kommentatoren haben bereits darauf hingewiesen, wie viel schneller und unkomplizierter die Niederl\u00e4nder ihr neues Fotomuseum errichtet haben, als die Deutschen mit ihrem nationalen <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kunst\/plus209729827\/Warum-das-Deutsche-Fotoinstitut-nach-Duesseldorf-gehoert.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kunst\/plus209729827\/Warum-das-Deutsche-Fotoinstitut-nach-Duesseldorf-gehoert.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Foto-Institut in D\u00fcsseldorf<\/a> vorankommen. Allerdings existiert das Nationale Fotomuseum der Niederlande als Institution bereits seit \u00fcber zwanzig Jahren; es hat in Rotterdam nur ein neues Zuhause bekommen. Das Deutsche Foto-Institut dagegen wird erst noch gegr\u00fcndet. 2019 beschloss der Bundestag, die entsprechenden Gelder bereitzustellen. <\/p>\n<p>In der geplanten Einrichtung in D\u00fcsseldorf soll es allerdings weniger um ber\u00fchmte Motive und museale Ausstellungen gehen als um die <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article693998fdd865906264177f05\/foto-jubilaeum-2026-die-fotografie-wird-200-und-kaempft-um-ihre-identitaet.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article693998fdd865906264177f05\/foto-jubilaeum-2026-die-fotografie-wird-200-und-kaempft-um-ihre-identitaet.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Erforschung des Mediums<\/a> in einer Art Kompetenzzentrum. Doch so richtig voran geht es damit gerade tats\u00e4chlich nicht. Es gibt immer noch kein Gr\u00fcndungsteam, geschweige denn einen Architekturwettbewerb f\u00fcr einen Neubau. Das mag auch am Budget liegen, \u00fcber das Bund, Land und Stadt verhandeln. Die \u00f6ffentlichen Kassen sind \u00fcberall angespannt.<\/p>\n<p>Die Niederl\u00e4nder haben es allerdings von Anfang an geschafft, sich ihr nationales Fotomuseum von privaten Geldgebern kofinanzieren zu lassen. Schon seine Gr\u00fcndung geht auf den Nachlass Hein Wertheimers zur\u00fcck, eines passionierten Amateurfotografen. Der Kauf und Umbau des Santos Pakhuis wurde nun ma\u00dfgeblich durch eine Schenkung der Droom en Daad Foundation erm\u00f6glicht (auf Deutsch: Traum und Tat). Diese wurde vor zehn Jahren gegr\u00fcndet, um Rotterdam kulturell nach vorn zu bringen. Droom en Daad hat auch das neue Migrationsmuseum Fenix errichtet und unterst\u00fctzt die Sanierung des renommierten Kunstmuseums Boijmans Van Beuningen mit 80 Millionen Euro. Hinter Droom en Daad steht die Familie Van der Vorm, die zu den reichsten in den Niederlanden z\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Ob sich eine solche Zusammenarbeit von privatem Engagement und staatlicher F\u00f6rderung auch in Deutschland umsetzen lie\u00dfe \u2013 man wird sehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein denkmalgesch\u00fctztes Kaffeelagerhaus wird zum Speichermedium der Fotografie: Das niederl\u00e4ndische Fotomuseum archiviert Hunderte Nachl\u00e4sse und Millionen Bilder. 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