{"id":45360,"date":"2026-03-16T08:04:08","date_gmt":"2026-03-16T08:04:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/45360\/"},"modified":"2026-03-16T08:04:08","modified_gmt":"2026-03-16T08:04:08","slug":"nicht-jeder-wald-kuehlt-die-erde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/45360\/","title":{"rendered":"Nicht jeder Wald k\u00fchlt die Erde"},"content":{"rendered":"<p>B\u00e4ume sind beliebt und Aufforstung geniesst eine breite Zustimmung in der Gesellschaft, der Politik und teilweise auch in der Wissenschaft. Gigantische Kampagnen, wie die \u00abTrillion Tree Campaign\u00bb, die vom UNO-Umweltprogramm initiiert wurde, versprechen Klimaschutz durch das Pflanzen von Milliarden von B\u00e4umen. Derartige Initiativen zielen darauf ab, die Anzahl B\u00e4ume weltweit so schnell wie m\u00f6glich zu erh\u00f6hen, um klimasch\u00e4dliches Kohlendioxid zu binden. Wie viel Land global tats\u00e4chlich f\u00fcr Aufforstung zur Verf\u00fcgung steht, ist bis heute umstritten. Je nach Studie sind es zwischen 150 und 1000 Millionen Hektar, die zwischen 130 und 750 Gigatonnen Kohlendioxid binden k\u00f6nnten.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Verschiedene Aufforstungsszenarien verglichen\u00a0 <\/p>\n<p>Bisherige Studien untersuchten meist nur einzelne, oft sehr idealisierte Aufforstungsszenarien oder arbeiteten mit vereinfachten Modellen. In einem soeben publizierten Fachartikel haben Forschende unter der Leitung von Robert Jnglin Wills, Professor f\u00fcr Klimadynamik der ETH Z\u00fcrich, erstmals den Klimaeffekt von drei globalen Aufforstungsszenarien in einem komplexen Erdsystemmodell simuliert und verglichen.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr haben sie nicht nur die biochemischen Effekte des Aufforstens, also die Aufnahme von Kohlendioxid durch die Photosynthese der B\u00e4ume, ber\u00fccksichtigt, sondern auch die biophysikalischen Effekte. Dazu z\u00e4hlen die ver\u00e4nderte Albedo, also die F\u00e4higkeit, Sonnenlicht zur\u00fcckzustrahlen, sowie die Auswirkungen auf die Wasserverdunstung und die ver\u00e4nderte Beschaffenheit der Oberfl\u00e4che von aufgeforsteten Gebieten, beispielsweise durch Bl\u00e4tter statt Gr\u00e4ser.\u00a0<\/p>\n<p>F\u00fcr ihre Modellierung haben die Forschenden drei bestehende und in den Klimawissenschaften oft genutzte Aufforstungsszenarien ausgew\u00e4hlt, die unterschiedliche \u00f6konomische und \u00f6kologische Annahmen \u00fcber Aufforstungsm\u00f6glichkeiten treffen. Darunter auch dasjenige eines Teams um Jean-Fran\u00e7ois Bastin, das 2019\u00a0<a href=\"https:\/\/ethz.ch\/de\/news-und-veranstaltungen\/eth-news\/news\/2019\/07\/wie-baeume-das-klima-retten-koennten.html\" class=\"eth-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">an der ETH ausgearbeitet<\/a> wurde, viel Aufmerksamkeit erregte und f\u00fcr Kritik sorgte. Trotzdem wird es von vielen internationalen Organisationen bis heute genutzt, um Aufforstungen zu planen.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Maximale Aufforstung mit K\u00fchleffekt\u00a0\u00a0 <\/p>\n<p>Die Forschenden haben f\u00fcr die drei Szenarien berechnet, welche biochemischen und biophysikalischen Temperatureffekte die Aufforstungen bis im Jahr 2100 h\u00e4tten \u2013 und wie sich diese auf das globale Klimasystem auswirken w\u00fcrden. Dies unter der Annahme, dass f\u00fcr alle drei Szenarien von 2015 bis 2070 W\u00e4lder bis zum maximalen Potenzial aufgeforstet werden und die Waldfl\u00e4che anschliessend 30 Jahre lang konstant bleibt.<\/p>\n<p>Dabei werden weder Siedlungsfl\u00e4chen noch vegetationslose oder eisbedeckte Regionen aufgeforstet, und die Aufforstung auf landwirtschaftlichen Nutzfl\u00e4chen wird auf ein Minimum reduziert, um die globale Nahrungssicherheit nicht zu gef\u00e4hrden.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>F\u00fcr die Simulation nutzten die Forschenden ein Klimamodell, das alle Komponenten des Klimasystems beinhaltet, darunter die Atmosph\u00e4re, Ozeane und Land.<\/p>\n<p>Um sicherzustellen, dass die berechneten Effekte tats\u00e4chlich auf die Aufforstung zur\u00fcckzuf\u00fchren sind und nicht auf zuf\u00e4llige Wetterschwankungen, liessen die Forschenden das Modell f\u00fcnfmal mit leicht unterschiedlichen Startbedingungen auf dem ETH-Supercomputer \u00abEuler\u00bb laufen. Die Simulationen dauerten rund vier Monate und produzierten 300 Terabyte an Daten.\u00a0<\/p>\n<p>Je nach Szenario nur halb so viel Land n\u00f6tig\u00a0 <\/p>\n<p>Die Ergebnisse waren verbl\u00fcffend: Obwohl sich die aufgeforstete Fl\u00e4che um 450 Millionen Hektar unterschied, erzielten zwei der untersuchten Szenarien nahezu die gleiche globale Abk\u00fchlung. Der Unterschied entspricht einer Fl\u00e4che, die etwa so gross ist wie alle EU-Staaten zusammen.<\/p>\n<p>\u00abDass wir den gleichen Klimaeffekt mit signifikant weniger Land erreichen k\u00f6nnen, zeigt, dass es wichtiger ist, wo wir pflanzen, als wie viel wir pflanzen\u00bb, sagt Nora Fahrenbach, Doktorandin in der Gruppe von Jnglin Wills und Erstautorin der Studie.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Der Grund f\u00fcr diese Effizienzsteigerung liegt in der geografischen Platzierung und dem teilweise gegens\u00e4tzlichen Wirken biophysikalischer und biochemischer Prozesse in verschiedenen Breitengraden. W\u00e4hrend das Aufforstungsszenario des Teams um Jean-Fran\u00e7ois Bastin massive Waldfl\u00e4chen in den n\u00f6rdlichen Breiten vorsieht, konzentrieren sich effizientere Ans\u00e4tze auf Regionen, in denen die B\u00e4ume ihre K\u00fchlwirkung besser entfalten k\u00f6nnen.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Das gr\u00f6sste Potenzial f\u00fcr einen k\u00fchlenden Effekt auf das lokale und globale Klima liegt in den Tropen, vor allem im Amazonasbecken und in West- und S\u00fcdostafrika. Die B\u00e4ume speichern dort nicht nur effizient Kohlenstoff (biochemische K\u00fchlung), sondern k\u00fchlen ihre Umgebung auch lokal durch eine hohe Verdunstungsrate (biophysikalische K\u00fchlung). In S\u00fcdostasien sind dieselben Effekte zu beobachten, wenn auch weniger ausgepr\u00e4gt.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>In den hohen n\u00f6rdlichen Breiten hingegen, etwa in Sibirien, Kanada, Alaska und weiten Teilen Nordamerikas, ist grossfl\u00e4chige Aufforstung meist nicht Klima k\u00fchlend. Diese Gebiete sind oft monatelang von Schnee und Eis bedeckt, die das Sonnenlicht stark reflektieren.<\/p>\n<p>Bei Aufforstungen f\u00fchren die dunklen Baumkronen, die aus der Schneedecke herausragen, dazu, dass mehr Sonnenstrahlung absorbiert wird. Dieser Albedo-Effekt f\u00fchrt zu einer lokalen Erw\u00e4rmung, die in Kombination mit Klimaeffekten aus anderen Regionen die K\u00fchlwirkung durch die CO\u2082-Aufnahme der B\u00e4ume teilweise oder sogar ganz aufheben. \u00abIndem wir Aufforstung in n\u00f6rdlichen Regionen meiden und uns stattdessen auf die Tropen konzentrieren, wird die Aufforstung zu einem weitaus effizienteren Instrument f\u00fcr den Klimaschutz\u00bb, erkl\u00e4rt Fahrenbach.\u00a0<\/p>\n<p>Lokale Eingriffe mit globalen Konsequenzen\u00a0 <\/p>\n<p>Mithilfe einer statistischen Methode wiesen die Forschenden zudem nach, dass Aufforstungen die atmosph\u00e4rische und ozeanische Zirkulation beeinflussen. Das bedeutet: Ein neuer Wald kann Temperatur und Niederschl\u00e4ge in Regionen ver\u00e4ndern, die tausende von Kilometern entfernt liegen.<\/p>\n<p>\u00dcberraschenderweise variierten diese nicht-lokalen Effekte drastisch zwischen den drei Szenarien. Ob eine Region w\u00e4rmer oder k\u00fchler wurde, hing nicht nur von den B\u00e4umen vor Ort ab, sondern auch davon, wo andernorts auf der Erde zus\u00e4tzlich W\u00e4lder gepflanzt wurden. Dies macht deutlich, dass Aufforstungen nicht nur lokal wirken, sondern globale Konsequenzen haben.\u00a0<\/p>\n<p>Fahrenbach r\u00e4umt ein, dass sie sich einzig die Auswirkungen der Aufforstungsszenarien auf das Klima angeschaut hat, nicht jedoch diejenigen auf Biodiversit\u00e4t, \u00d6kosysteme und die im Wald lebenden Menschen. Zudem wurden die Auswirkungen der verschiedenen Szenarien bislang nur mit einem Klimamodell berechnet.<\/p>\n<p>Idealerweise w\u00fcrde man Ergebnisse aus verschiedenen Modellen vergleichen, was jedoch zeit- und kostenintensiv ist. Dennoch st\u00fcnden die Erkenntnisse nicht isoliert da, betont Fahrenbach: Ein Vergleich mit bestehenden Beobachtungsdaten und anderen Modellierungen st\u00fctzten die zentralen Ergebnisse der Studie.<\/p>\n<p>\u00abDass tropische W\u00e4lder das Klima effektiver k\u00fchlen als W\u00e4lder in hohen n\u00f6rdlichen Breiten, ist schon l\u00e4nger bekannt\u00bb, erkl\u00e4rt die Forscherin. \u00abMit unserem Vergleich liefern wir der Politik nun aber erstmals eine wissenschaftliche Entscheidungsgrundlage, welche Fl\u00e4chen weltweit das gr\u00f6sste Potenzial f\u00fcr eine effektive Klimak\u00fchlung bieten.\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>Systematisch und mit globaler Perspektive\u00a0 <\/p>\n<p>K\u00fcnftige Aufforstungen m\u00fcssten international koordiniert werden, sagt Fahrenbach. Nur so k\u00f6nnten ineffiziente Aufforstungsprojekte verhindert werden. Zurzeit fehle jedoch eine globale Institution daf\u00fcr. Es sei zudem erstaunlich, dass auch internationale Vereinbarungen wie das Pariser Klimaabkommen oder die UNO-Initiative REED+ W\u00e4lder einzig als Kohlenstoffsenken betrachteten und die biophysikalischen Effekte aufs Klima nicht ber\u00fccksichtigten.<\/p>\n<p>\u00abAuch ich habe gerne B\u00e4ume, aber wenn wir aufforsten, muss das systematisch, wissenschaftlich fundiert und mit einer globalen Perspektive geschehen\u00bb, so Fahrenbach.\u00a0<\/p>\n<p>Sie pl\u00e4diert deshalb f\u00fcr eine \u00abklimasmarte\u00bb Aufforstung und r\u00e4t, nur dort B\u00e4ume zu pflanzen, wo diese tats\u00e4chlich positive Effekte aufs Klimasystem haben \u2013 und niemals in Monokulturen, die besonders anf\u00e4llig f\u00fcr Krankheiten und Br\u00e4nde sind. Zudem betont die Klimawissenschaftlerin, dass sich der Klimawandel durch Aufforsten nicht aufhalten l\u00e4sst.<\/p>\n<p>In den grossen Aufforstungsszenarios liesse sich die globale Durchschnittstemperatur bis zum Jahr 2100 um maximal 0,25 Grad senken. Dieser Beitrag sei zwar wertvoll, aber im Vergleich zur notwendigen K\u00fchlung der Erde begrenzt. \u00abEs f\u00fchrt kein Weg an einer drastischen und schnellen Senkung der fossilen Emissionen vorbei\u00bb, so die Forscherin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"B\u00e4ume sind beliebt und Aufforstung geniesst eine breite Zustimmung in der Gesellschaft, der Politik und teilweise auch in&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":45361,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[25],"tags":[3213,494,4274,43,45,14072,104],"class_list":{"0":"post-45360","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-zuerich","8":"tag-d-usys","9":"tag-international","10":"tag-nachhaltigkeit","11":"tag-news","12":"tag-schweiz","13":"tag-umweltwissenschaften","14":"tag-zuerich"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@ch_de\/116237811690162128","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45360","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=45360"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45360\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/45361"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=45360"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=45360"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=45360"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}