{"id":45380,"date":"2026-03-16T08:22:10","date_gmt":"2026-03-16T08:22:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/45380\/"},"modified":"2026-03-16T08:22:10","modified_gmt":"2026-03-16T08:22:10","slug":"polit-satire-monsters-paradise-von-elfriede-jelinek-und-olga-neuwirth-hatte-in-zuerich-premiere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/45380\/","title":{"rendered":"Polit-Satire \u201eMonster\u2018s Paradise\u201c von Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth hatte in Z\u00fcrich Premiere"},"content":{"rendered":"<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Kermit und Miss Piggy ziehen dem K\u00f6nig-Pr\u00e4sidenten eins \u00fcber. Und noch eins, und noch eins. Immer wieder schlagen sie auf ihn ein. Ohne erkennbare Wirkung. Der Mann r\u00fchrt sich nicht. Mehr noch, er scheint nicht einmal zu bemerken, dass da etwas in Gange ist. Aber so ist er eben, dieser K\u00f6nig-Pr\u00e4sident: er sieht nichts, er h\u00f6rt nichts, er merkt nichts. Er ist mit seiner Wiederwahl besch\u00e4ftigt. &#171;Unser Land ist nicht gro\u00df genug? Millionen von Stimmen! Sie m\u00fcssen sofort mit dem Ausz\u00e4hlen aufh\u00f6ren&#187;, ruft er.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    In der schrillen Groteske &#171;Monster&#8217;s Paradise&#187; von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek, die nun nach der Hamburger Urauff\u00fchrung am Opernhaus Z\u00fcrich ihre Schweizer Erstauff\u00fchrung erlebte, hat der K\u00f6nig-Pr\u00e4sident keinen Namen. Braucht er auch nicht. Es ist eh klar, wer gemeint ist, selbst wenn die Maske dem Darsteller Georg Nigl keine orange F\u00f6hnwelle verpasst hat (Ausstattung: Rainer Sellmaier). Daf\u00fcr tobt der Bariton durch die Register, seine Stimme \u00fcberschl\u00e4gt sich \u2013 w\u00e4hrend hinter ihm in der Ecke eine perfekt gekleidete Dame steht. Reglos, den breitkrempigen Hut tief ins Gesicht gezogen. Keinerlei Mimik verr\u00e4t sie \u2013 und genau deswegen erkennt man sie. Erst als der K\u00f6nig-Pr\u00e4sident ruft &#171;Jetzt sucht mir schnell eine neue Frau, die die Massen noch nicht kennen&#187;, schreckt sie auf.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Es sind kleine Momente wie dieser, die an diesem Abend immer wieder f\u00fcr einen kurzen Lacher sorgen. Dabei hat Regisseur Tobias Kratzer l\u00e4ngst nicht alles szenisch ausbuchstabiert, was in Text und Musik an Anspielungen, Referenzen und Zitaten angelegt ist. Die \u00f6sterreichische Literaturnobelpreistr\u00e4gerin Elfriede Jelinek ist f\u00fcr ihre assoziations- und anspielungsreichen Texte bekannt; \u00e4hnlich verf\u00e4hrt auch ihre Landsfrau Olga Neuwirth in der Musik. In schnellen Schnitten l\u00e4sst sie Welten aufeinanderprallen, kombiniert Banales mit Avantgarde, l\u00e4sst Blaskapellen aufziehen, zitiert Bach-Passion und Schubert ebenso wie amerikanische Folklore, arbeitet mit Stimmverzerrer und baut bedrohliche Filmmusik-Kulissen auf. Es ist ziemlich viel, was die Autorinnen hier zu einem Musiktheaterabend verdichtet haben und in Anlehnung an die fr\u00fche franz\u00f6sische Schock\u00e4sthetik als &#171;Grand Guignol Op\u00e9ra&#187; bezeichnen.\n  <\/p>\n<p>    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/monstersparadisecmonikarittershaus147.jpg\" alt=\"Gorgonzilla (Anna Clementi) mit der Krone des K\u00f6nig-Pr\u00e4sidenten.\" title=\"Gorgonzilla (Anna Clementi) mit der Krone des K\u00f6nig-Pr\u00e4sidenten.\" loading=\"lazy\" class=\"h-full w-full object-cover\"\/><\/p>\n<p>      Icon vergr\u00f6\u00dfern<\/p>\n<p>    Gorgonzilla (Anna Clementi) mit der Krone des K\u00f6nig-Pr\u00e4sidenten.<br \/>\n    Foto: Monika Rittershaus \/ Opernhaus Z\u00fcrich<\/p>\n<p>        Schlie\u00dfen <\/p>\n<p>      Icon Schlie\u00dfen<\/p>\n<p>        Icon vergr\u00f6\u00dfern<\/p>\n<p>        Icon verkleinern<\/p>\n<p>      Icon Pfeil bewegen<\/p>\n<p>    Gorgonzilla (Anna Clementi) mit der Krone des K\u00f6nig-Pr\u00e4sidenten.<br \/>\n    Foto: Monika Rittershaus \/ Opernhaus Z\u00fcrich<\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Und dann sind da noch die Film-Referenzen. Neuwirth hegt eine Vorliebe f\u00fcr filmischen Trash. &#171;Monster&#8217;s Paradise&#187; ist nicht zuletzt eine musiktheatralische Hommage an das Genre der\u00a0Godzilla-Filme. Das aus einem Atom-Ungl\u00fcck geborene Monster hei\u00dft bei Neuwirth\/Jelinek Gorgonzilla und tritt nun gegen den K\u00f6nig-Pr\u00e4sidenten an. Um sich an die Kult gewordene billige Film\u00e4sthetik anzun\u00e4hern, muss die Gorgonzilla-Darstellerin Anna Clementi in einem schweren Gummikost\u00fcm spielen. Die S\u00fcdsee-Insel, auf der das Monster lebt, sieht aus, wie von der Augsburger Puppenkiste erdacht. Das Plastikfolien-Meer wird von Statisten h\u00e4ndisch auf- und abbewegt.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Also Donald\u00a0Trump\u00a0gegen\u00a0Godzilla. Das ist im Grunde genommen der Kern der Handlung. Wobei sich nat\u00fcrlich die Frage stellt, wer hier das gr\u00f6\u00dfere Monster ist. Letztlich wird Gorgonzilla den K\u00f6nig-Pr\u00e4sidenten erledigen \u2013 oder zumindest \u00fcberleben, schlie\u00dflich hat es als strahlendes Atomwesen ja mehr Lebenszeit. Sogar noch mehr Zeit haben Vampi und Bampi, die als Vampirinnen unsterblich sind und seit jeher das Kommen und Gehen jeglicher Machthaber beobachten. Mit ihnen beginnt das St\u00fcck, mit ihnen endet es.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Vampi und Bambi erwarten den Weltuntergang in Form des Klimakollapses. Sie machen sich noch einmal auf in die Welt, treffen auf den K\u00f6nig-Pr\u00e4sidenten und auf Gorgonzilla, sie kommentieren das Weltgeschehen, versuchen sich hier und da einzumischen. Erfolglos freilich, schlie\u00dflich sind sie \u2013 dieser feministische Seitenhieb muss sein \u2013 Frauen und werden als solche nicht geh\u00f6rt; \u00fcberdies sind sie zu alt, um noch gesehen zu werden. Ihre Machtlosigkeit wird nur noch getoppt von &#171;The Goddess&#187;, die immer mal wieder in Gestalt von Charlotte Ramplings Gesicht im Deckengew\u00f6lbe des Opernhauses erscheint, um warnende Worte an die Menschheit zu richten. Auch diese ziehen ungeh\u00f6rt vor\u00fcber.\n  <\/p>\n<p>    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/monstersparadisecmonikarittershaus005.jpg\" alt=\"Bampi (Ruth Rosenfeld) und Vampi (Sylvie Rohrer) alias Neuwirth\/Jelinek\" title=\"Bampi (Ruth Rosenfeld) und Vampi (Sylvie Rohrer) alias Neuwirth\/Jelinek\" loading=\"lazy\" class=\"h-full w-full object-cover\"\/><\/p>\n<p>      Icon vergr\u00f6\u00dfern<\/p>\n<p>    Bampi (Ruth Rosenfeld) und Vampi (Sylvie Rohrer) alias Neuwirth\/Jelinek<br \/>\n    Foto: Monika Rittershaus \/ Opernhaus Z\u00fcrich<\/p>\n<p>        Schlie\u00dfen <\/p>\n<p>      Icon Schlie\u00dfen<\/p>\n<p>        Icon vergr\u00f6\u00dfern<\/p>\n<p>        Icon verkleinern<\/p>\n<p>      Icon Pfeil bewegen<\/p>\n<p>    Bampi (Ruth Rosenfeld) und Vampi (Sylvie Rohrer) alias Neuwirth\/Jelinek<br \/>\n    Foto: Monika Rittershaus \/ Opernhaus Z\u00fcrich<\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Dramaturg Christopher Warmuth bezeichnet Vampi und Bampi als Avatare der beiden Autorinnen. Und Jelinek best\u00e4tigt diese Lesart im Interview: &#171;Ja, wir haben uns selbst hineingeschrieben, zwei Insektenforscherinnen, die sich in diesem System, das nicht ihres ist, orientieren m\u00fcssen.&#187; Konsequenterweise tauchen Vampi und Bampi in Kratzers Inszenierung auch erkennbar als Jelinek und Neuwirth auf: rothaarig die eine, schwarzer Wuschelkopf die andere. Sie werden sogar verdoppelt, in zwei Schauspielerinnen, die auch singen (Sylvie Rohrer und Ruth Rosenfeld), und zwei S\u00e4ngerinnen, die auch schauspielern (Sarah Defrise und Kristina Stanek).\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Auch wenn Vampi und Bampi keinen Einfluss auf das Geschehen nehmen, ihren Zynismus lassen sie sich nicht nehmen. Sie ziehen st\u00e4nkernd und kommentierend durch die Welt und geben mal mehr, mal weniger sinnige und zusammenh\u00e4ngende Dinge von sich. Leider gilt ihr Problem des Nicht-Geh\u00f6rtwerden auch f\u00fcr diese Inszenierung. Vieles von dem Textfluss der beiden Vampirinnen versackt f\u00f6rmlich im B\u00fchnendunkel, bleibt unterbelichtet, zu wenig pointiert, w\u00e4hrend die Regie damit besch\u00e4ftigt ist, die eigentlich uninszenierbaren B\u00fchnenanweisungen des Librettos irgendwie szenisch zu realisieren.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Das gelingt ihr mithilfe von Videos (auch Live-Videos) alles in allem auch sehr gut. Insbesondere die\u00a0Godzilla-Szenen und das abschlie\u00dfende Video, in dem die beiden Vampirinnen auf einem Flo\u00df treibend auf einem verstimmten B\u00f6sendorfer Schubert spielen, machen Eindruck (wobei diese Kulmination \u00f6sterreichischer Kultur in der Schlussszene schon wieder etwas herrlich Ironisches hat).\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Der H\u00f6hepunkt des St\u00fccks sind freilich die Szenen mit dem K\u00f6nig-Pr\u00e4sidenten und seinen zwei unterw\u00fcrfigen Adlaten Mickey und Tuckey, die von den beiden Counterten\u00f6ren Andrew Watts und Eric Jurenas in Szene gesetzt werden. Auch die Zombie-Meute, die den K\u00f6nigsh\u00fcgel st\u00fcrmt, darf nicht fehlen. Der K\u00f6nig-Pr\u00e4sident aber bl\u00e4st sich immer mehr auf, bis er wie eine riesige Gummipuppe seinen goldenen Palast ausf\u00fcllt. Sobald er weg ist, ist allerdings weitgehend die Luft raus aus dem St\u00fcck, auch wenn Dirigent Titus Engel mit dem Orchester der Oper Z\u00fcrich (erg\u00e4nzt um den Schlagzeuger Lucas Niggli und den E-Gitarristen Seth Josel) bis zum Schluss alles gibt. Was bleibt, ist eine gewisse Ratlosigkeit.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Vielleicht aber war genau das das Anliegen. Sie habe, so Olga Neuwirth, ein &#171;\u00fcberdrehtes R\u00e4tsel&#187; schreiben wollen, &#171;weil die realen Verh\u00e4ltnisse die Grenzen der Vernunft bereits \u00fcberstiegen haben.&#187; Dem ist wenig hinzuzuf\u00fcgen.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Weitere Auff\u00fchrungen: 14. und 18. M\u00e4rz; 10. und 12. April. Infos:\u00a0www.opernhaus.ch\n  <\/p>\n<p>    Das Autorinnenduo<\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Die Literaturnobelpreistr\u00e4gerin Elfriede Jelinek (*1946 in der Steiermark) und die Komponistin Olga Neuwirth (*1968 in Graz) verbindet eine langj\u00e4hrige Zusammenarbeit. Ihr erster gemeinsamer Erfolg war das abendf\u00fcllende Musiktheater \u201eB\u00e4hlamms Fest\u201c (1999) nach einem Theaterst\u00fcck von Leonora Carrington. 2003 wurde \u201eLost Highway\u201c uraufgef\u00fchrt. Vorlage war der gleichnamige Film von David Lynch. F\u00fcr \u201eMonster\u2018s Paradise\u201c hat das Autorinnenduo das Libretto gemeinsam verfasst und sich als Vampirinnen \u201eVampi\u201c und \u201eBambi\u201c selbst in den Text hineingeschrieben. Der Regisseur Tobias Kratzer l\u00e4sst sie entsprechend auf der B\u00fchne optisch erkennbar werden. (esd)\n  <\/p>\n<p>    Elisabeth Schwind<\/p>\n<p>      Icon Haken im Kreis gesetzt<\/p>\n<p>      Icon Plus im Kreis<\/p>\n<p>    Elfriede Jelinek<\/p>\n<p>      Icon Haken im Kreis gesetzt<\/p>\n<p>      Icon Plus im Kreis<\/p>\n<p>    Donald Trump<\/p>\n<p>      Icon Haken im Kreis gesetzt<\/p>\n<p>      Icon Plus im Kreis<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Kermit und Miss Piggy ziehen dem K\u00f6nig-Pr\u00e4sidenten eins \u00fcber. Und noch eins, und noch eins. 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