{"id":490,"date":"2026-02-12T09:04:11","date_gmt":"2026-02-12T09:04:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/490\/"},"modified":"2026-02-12T09:04:11","modified_gmt":"2026-02-12T09:04:11","slug":"rijksmuseum-amsterdam-warum-die-ausstellung-metamorphosen-ein-highlight-des-fruehlings-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/490\/","title":{"rendered":"Rijksmuseum Amsterdam: Warum die Ausstellung \u201eMetamorphosen\u201c ein Highlight des Fr\u00fchlings ist"},"content":{"rendered":"<p>Das Rijksmuseum in Amsterdam hat sich mit der Galleria Borghese in Rom zusammengetan, um der Wirkung von Ovids \u201eMetamorphosen\u201c auf die Bildende Kunst nachzusp\u00fcren. Zu bestaunen ist ein hochkar\u00e4tiger Reigen aus Werden und Vergehen.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Am Anfang war das Feuer. In der dramatischen \u201eAllegorie der vier Elemente\u201c des fl\u00e4mischen K\u00fcnstlers Louis Finson ist es der von der Sonne gebr\u00e4unte Mann im roten Umhang, der mit schierer Muskelkraft alles in Gang setzt. Er zwingt das wei\u00dfb\u00e4rtige Wasser in die untere linke Ecke und schiebt die weibliche Luft am bleichen Unterarm von sich. Die faltige alte Erde liegt flach am Boden, wo sie hingeh\u00f6rt. Und doch k\u00f6nnte es jetzt noch weitergehen, merkt man, nichts steht still.<\/p>\n<p>Finsons Bild von 1611 ist aus Houston nach Amsterdam gereist. Es ist nur ein Beispiel f\u00fcr die Inspiration, die K\u00fcnstler aus Ovids \u201eMetamorphosen\u201c \u00fcber die Jahrhunderte gezogen haben. Das Rijksmuseum in Amsterdam hat sich mit der Galleria Borghese in Rom zusammengetan, um diesen Reigen aus Werden und Vergehen erstmals in gro\u00dfem Stil in Szene zu setzen. Tats\u00e4chlich ist die schreckliche Unruhe und schwer vorstellbare Ungestalt der fr\u00fchesten Welt nirgends besser ausgedr\u00fcckt als bei Ovid: \u201eZwar gab es da Erde, Wasser und Luft; doch konnte man auf der Erde nicht stehen, die Woge lie\u00df sich nicht durchschwimmen, und die Luft war ohne Licht. Keinem Ding blieb die eigene Gestalt, im Wege stand eines dem anderen, weil in ein und demselben K\u00f6rper Kaltes k\u00e4mpfte mit Hei\u00dfem, Feuchtes mit Trockenem, Weiches mit Hartem, Schwereloses mit Schwerem.\u201c<\/p>\n<p>Es ist der Lauf der Welt: Formen entstehen aus dem Chaos, Formen wandeln sich. Die \u201eMetamorphosen\u201c des Publius Ovidius Naso, kurz Ovid, entstanden in den ersten Jahren unserer Zeitrechnung, wurden das Mittelalter hindurch abgeschrieben und nie vergessen. Im Gegenteil, die 12.000 Verse helfen Generationen beim Lateinlernen und pr\u00e4gen insbesondere die Kunst der Renaissance. Die erste gedruckte \u00dcbersetzung der \u201eMetamorphosen\u201c ins Italienische erschien 1497. Ein Jahrhundert sp\u00e4ter hatten die Geschichten von leidenschaftsgetriebenen G\u00f6ttern und ihren Verwandlungen auch die Niederlande voll erfasst. In seinem einflussreichen Lehrbuch f\u00fcr K\u00fcnstler, dem \u201eSchilder-Boeck\u201c von 1604, bezeichnet Karel van Mander die \u201eMetamorphosen\u201c als \u201eBibel der K\u00fcnstler\u201c. Und auch im barocken Frankreich wird dem Dichter gehuldigt. Um 1624 herum malt Nicolas Poussin den \u201eTriumph des Ovid\u201c, heute in der Galleria Nazionale d\u2019Arte Antica di Roma. In einem weiten, hellrosa Gewand und feinen blauen Sandalen kniet der R\u00f6mer vor Apoll. Der Gott selbst ist souver\u00e4nerweise nackt. Er hat einen currygelben Umhang auf die Felswand hinter sich gelegt und fl\u00f6\u00dft dem Dichter aus einer flachen goldenen Schale etwas ein, das man nur als verfl\u00fcssigte Inspiration bezeichnen kann.<\/p>\n<p>\u201eWas du siehst, ist nur Schatten\u201c<\/p>\n<p>Nicolas Poussin arbeitet diesen Moment sehr differenziert und lebensnah heraus. Die Harfe hat Apoll kurz auf den Boden gelegt, und es sieht so aus, als habe er in dem goldenen Henkelgef\u00e4\u00df noch literweise Eingebung, doch der eine Schluck reicht offenbar schon aus. Ovids H\u00e4nde sind ge\u00f6ffnet und vom K\u00f6rper weggehalten, er hat sie bewusst von der Schale ferngehalten. Es ist dieser seltsame Moment, den der Katholik vom Abendmahl kennt \u2013 dieser ungewohnte Vorgang, als Erwachsener etwas eingefl\u00f6\u00dft zu bekommen. Apolls Augen sind denn auch genau auf die Dichterlippen und den Trinkvorgang gerichtet, so als achte er darauf, dass Ovid auch wirklich schluckt, was er ihm kredenzt. Am Ende muss man als Gott ja auch auf seine PR achten, und die besorgt Ovid wie kein anderer. Der Lohn daf\u00fcr ist ewiger Ruhm: Zwei Lorbeerkr\u00e4nze h\u00e4lt der schwebende Putto hinter Ovid bereit, weitere Zweige sind bereits im Anflug, wenn auch noch nicht gewunden.<\/p>\n<p>Weltbekannt ist der \u201eNarziss\u201c von<a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article245970104\/Schloesserstiftung-Diesen-Caravaggio-sperrt-Berlin-weg.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article245970104\/Schloesserstiftung-Diesen-Caravaggio-sperrt-Berlin-weg.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"> Caravaggio<\/a>, dessen dramatischem Helldunkel Louis Finson einige Jahre sp\u00e4ter nacheifern wird. Der sch\u00f6ne, aber an allen Verehrern desinteressierte Narziss schaut in eine Quelle und verliebt sich in sich selbst. Der Mythos ist auch ein Gleichnis der Kunst, die Abbild und Wirklichkeit ununterscheidbar macht. Ovids Warnung k\u00f6nnte auch auf die Bildschirms\u00fcchtigen der Gegenwart gem\u00fcnzt sein: \u201eWas greifst du vergeblich nach dem fl\u00fcchtigen Bild! Was du erstrebst, ist nirgends; was du liebst, wirst du verlieren, sobald du dich abwendest. Was du siehst, ist nur Schatten, nur Spiegelbild.\u201c<\/p>\n<p>Um die achtzig Werke sind in Amsterdam zu sehen \u2013 und reisen im Juni weiter nach Rom. Vertreten sind Tizian, Correggio, Cellini, Caravaggio, <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article697b37ecd7ccc21a5b4c6ad1\/besuch-auf-der-brafa-messe-in-bruessel-dann-haengt-der-rubens-wieder-bei-mir-das-dilemma-eines-kunsthaendlers.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article697b37ecd7ccc21a5b4c6ad1\/besuch-auf-der-brafa-messe-in-bruessel-dann-haengt-der-rubens-wieder-bei-mir-das-dilemma-eines-kunsthaendlers.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Rubens<\/a>, Rodin, Constantin Br\u00e2ncu\u0219i, Ren\u00e9 Magritte und Louise Bourgeois. Die Leihgaben sind auff\u00e4llig international. Aus dem Louvre ist, selten genug, der schlafende Hermaphrodit gekommen. Die 1619 ausgegrabene r\u00f6mische Antike liegt auf einer weichen Marmormatratze, die Gian Lorenzo Bernini 1620 eigens f\u00fcr sie geschaffen hat. Die Verwandlung findet hier in der Wahrnehmung der Betrachter statt \u2013 von einer Seite erscheint die Figur als Frau, beim Umkreisen dann als Hermaphrodit mit Br\u00fcsten und Penis. Die Entstehung dieses mythischen Zwitterwesens ist eine Geschichte sexueller Gewalt. Es ist die Frau, genauer, die Nymphe Salmakis, die den unwilligen Hermaphroditos beim Baden nicht mehr loslassen will: \u201eWie wenn einer, der Zweige unter die Rinde pfropft, sie miteinander verschmelzen und gemeinsam heranwachsen sieht, so sind die Glieder durch die feste Umarmung eins geworden, keine zwei Leiber, sondern eine Zwittergestalt, die man weder Frau noch Mann nennen kann.\u201c<\/p>\n<p>Das Rijksmuseum ist in der Lage, von Mythen wie Narziss oder Danae unterschiedliche, jeweils herausragende Versionen zu zeigen. Bei Correggio sieht man Danae im Bett liegen, w\u00e4hrend ein goldener Regen aus einer ebenso goldenen Wolke auf das Laken zwischen ihren Beinen f\u00e4llt (um 1530). Der Engel streckt die Hand aus, wie um diese kleinen Tropfen zu sp\u00fcren: \u201eJa, es passiert wirklich.\u201c Bei Tizian (1551, Wellington Collection, London) ist es die alte Dienerin, die den Goldregen mit einem Tuch einzufangen sucht. Jupiter bricht tr\u00f6pfchenweise aus einer Gewitterwolke heraus, die Danae schmachtend ansieht.<\/p>\n<p>In der Schau wie im Katalog wird auf Ovids Schilderungen als Quelle verwiesen, doch wer dort nachliest (am besten in der famosen \u00dcbersetzung von Michael von Albrecht), wird entt\u00e4uscht. Die Episode, in der Zeus sich in Goldregen verwandelt, wird in den \u201eMetamorphosen\u201c nicht auserz\u00e4hlt. Sie wird beim Leser vorausgesetzt. Ovid schrieb mit den \u201eMetamorphosen\u201c kein Mythologie-Lexikon, sondern ein Verwandlungsepos. Ihn interessierte weniger der Akt als die Folge: dass aus dieser Verbindung Perseus hervorgeht \u2013 der Held, der Medusa enthauptet, Andromeda rettet und mit ihr viele Nachkommen zeugt. Die eigentliche Metamorphose liegt also nicht im Goldregen, sondern im genealogischen Effekt: Aus einem g\u00f6ttlichen Trick entsteht eine Weltver\u00e4nderungsmaschine namens Perseus. Aber das w\u00e4re wohl zu kompliziert f\u00fcr einen Blockbuster.<\/p>\n<p>Das Rijksmuseum f\u00fcgt lieber noch ein Kapitel an, das vor allem das ver\u00e4nderliche Gesicht des Menschen umkreist: anthropomorphe Landschaften, ein Vexierbild aus Papst und Teufel, ein Gesicht aus Phalli. Das alles hat nur sehr indirekt mit den \u201eMetamorphosen\u201c zu tun, ist aber kurios anzusehen. Und dann ist da die auch f\u00fcr Altmeister-Museen immer zwingender notwendig werdende sogenannte Gegenwart. Fotografische Selbstportr\u00e4ts von Roman Opalka, eine Videoarbeit mit lebendigen Schlangen (Medusa!) und die Riesenspinne von Louise Bourgeois docken an die Jetztzeit an. Neben der Dichte und dem Reichtum, mit dem Renaissance und Barock vertreten sind, wirkt das wie drangest\u00fcckt. Aber das sind, zugegeben, Luxusprobleme. Die Ausstellung \u201eMetamorphosen\u201c ist ein Highlight des beginnenden Fr\u00fchlings.<\/p>\n<p>Rijksmuseum Amsterdam, bis 25. Mai<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Das Rijksmuseum in Amsterdam hat sich mit der Galleria Borghese in Rom zusammengetan, um der Wirkung von Ovids&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":491,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[23],"tags":[350,345,347,97,96,349,46,98,68,100,99,346,344,348,45,44,69],"class_list":{"0":"post-490","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kunst-und-design","8":"tag-maler","9":"tag-roem-dichter","10":"tag-amsterdam","11":"tag-art","12":"tag-art-and-design","13":"tag-caravaggio","14":"tag-ch","15":"tag-design","16":"tag-entertainment","17":"tag-kunst","18":"tag-kunst-und-design","19":"tag-malerei","20":"tag-ovid","21":"tag-renaissance-ks","22":"tag-schweiz","23":"tag-switzerland","24":"tag-unterhaltung"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/490","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=490"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/490\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/491"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=490"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=490"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=490"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}