{"id":55710,"date":"2026-03-23T18:06:09","date_gmt":"2026-03-23T18:06:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/55710\/"},"modified":"2026-03-23T18:06:09","modified_gmt":"2026-03-23T18:06:09","slug":"musical-in-hamburg-mit-vollgas-zurueck-in-die-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/55710\/","title":{"rendered":"Musical in Hamburg: Mit Vollgas \u201eZur\u00fcck in die Zukunft\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Das Musical nach dem Filmklassiker mit Michael J. ist eine flotte Zeitreise in die 80er-Jahre. Bei der Premiere im Stage Operettenhaus wuchs Jan Kersjes \u00fcber sich hinaus und riss das Publikum als Doc Brown von den St\u00fchlen.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Schon das B\u00fchnenbild von Tim Hatley nimmt den Besucher im Stage Operettenhaus gefangen und katapultiert ihn in die 80er-Jahre. \u00dcber die B\u00fchne hinaus ragen Leiterbahnen auf Platinen an beiden Seitenw\u00e4nden bis zur elften Reihe in den Saal hinein. Der Bildschirm, der die gesamte B\u00fchne einnimmt, stimmt im Pixel-Look auf die Geschehnisse ein, die im Grunde jedem Zuschauer bekannt sind \u2013 denn wer kennt den Film nicht \u2013 und die er gern noch einmal erleben m\u00f6chte: Die Zeitreise von Marty McFly von 1985 ins Jahr 1955 und zur\u00fcck. <\/p>\n<p>B\u00fchnen-DeLorean: Teurer als das Original<\/p>\n<p>Die B\u00fchnentechnik spielt in der Inszenierung von Regisseur John Rando eine Hauptrolle. Marty unternimmt seine unfreiwillige Tour in einem futuristischen DeLorean DMC12, dem zu Kultstatus gelangten Sportwagen. Es war das einzige Modell, das die DeLorean Motor Company je baute, bevor sie Pleite ging. Ikonische Fl\u00fcgelt\u00fcren und 132 PS verhalfen dem Fahrzeug zu einem zweiten Leben als Zeitmaschine im Filmhit \u201eZur\u00fcck in die Zukunft\u201c, was den Wert der wenigen echten Exemplare in die H\u00f6he trieb. <\/p>\n<p>Das f\u00fcr das Musical in Hamburg gebaute Exemplar kostete 450.000 Euro und ist damit erheblich teurer als das Original, das Anfang der 80erjahre f\u00fcr knapp 30.000 Dollar erh\u00e4ltlich war, was einem heutigen Wert von 100.000 Dollar entspricht. Was die B\u00fchnenversion alles kann, ist erstaunlich.<\/p>\n<p>Wie im Film geht die Geschichte ganz unspektakul\u00e4r los: Marty McFly (Raphael Gro\u00df) findet seine Eltern aus nachvollziehbaren Gr\u00fcnden peinlich: Vater George (herrlich ungelenk, gro\u00dfartig: Terence van der Loo) l\u00e4sst sich seit seiner Schulzeit vom Kraftprotz Biff Tannen (stark schlicht: Florian Sigmund) herumschubsen, Mutter Lorraine (Sandra Leitner: wunderbar wandelbar) h\u00e4ngt an der Flasche. Sein Bruder und seine Schwester sind auch keine gro\u00dfe Hilfe. Doch dann \u00fcberschlagen sich die Ereignisse recht bald.<\/p>\n<p>Zwischen Science Fiction und History Fiction <\/p>\n<p>Au\u00dfenseiter Marty, der gern mit seiner Rockband \u201eThe Pin Heads\u201c (\u201eStecknadelk\u00f6pfe\u201c) gro\u00df rausk\u00e4me, ist mit einem anderen Au\u00dfenseiter befreundet, dem genialen Erfinder Doc Emmett Brown (Jan Kersjes). Dessen wirren, wei\u00dfen Haare stehen im Musical etwas ab, als h\u00e4tte soeben einen Stromschlag erhalten, was von Anfang an plausibel wirkt. Spannung bestimmt sein Leben. Zum Gl\u00fcck kann Marty im weiteren Verlauf seine Probleme in der Vergangenheit l\u00f6sen, seine Eltern in einer Art Family History Fiction auf den richtigen Pfad setzen und seine eigene Existenz ebenso sichern wie den Doc retten. <\/p>\n<p>Die seit 1985 erfolgreiche Film-Retrotopie \u201eZur\u00fcck in die Zukunft\u201c \u2013 einer der wenigen Titel, die auf Deutsch noch sch\u00f6ner klingen, als auf Englisch \u2013 beruht nicht nur in ihrer Handlung auf der speziellsten Relativit\u00e4tstheorie der Welt, sondern auch in ihren Produktionsbedingungen: 100 Millionen Budget f\u00fcr eine Filmtrilogie k\u00f6nnen relativ teuer sein. Oder eben relativ preisg\u00fcnstig, wie im Falle des Wunderwerks aus der Feder von Bob Gale und Regisseur Robert Zemeckis, das weltweit knapp eine Milliarde Dollar einspielte. Seit 2020 rast der Filmhit auf der Erfolgsspur weiter, in seiner zweiten Gestalt als Musical von Bob Gale. Die Produktion im Stage Operettenhaus schlie\u00dft, wie im Falle solcher Transfers \u00fcblich, an Erfolge in London und New York an. <\/p>\n<p>Die speziellste Relativit\u00e4tstheorie, nach der auch Zeitreisen in die Vergangenheit m\u00f6glich sind, kommt im Film selbst wie im Musical zur Anwendung, das die Filmstory nur leicht reduziert nacherz\u00e4hlt. So fallen zum Beispiel die libyschen Terroristen weg, die Doc Brown auf der Suche nach ihrem gestohlenen Plutonium verfolgen, dass er f\u00fcr den Zeitsprung braucht. Ersetzt werden sie durch eine andere Art von Lebensgefahr f\u00fcr den Doc, der hier eine t\u00f6dliche Strahlendosis abbekommt. Marty versucht, Hilfe zu holen und beschleunigt dabei versehentlich auf 88 Meilen pro Stunde, die Geschwindigkeit, die der DeLorean neben den 1.21 Gigawatt aus dem Tank ben\u00f6tigt, um den Zeitsprung ins Jahr 1955 zu bew\u00e4ltigen. <\/p>\n<p>Die B\u00fchnenshow wird in den K\u00f6pfen der Zuschauer den ganzen Abend \u00fcber durch Filmsequenzen aus der pers\u00f6nlichen Erinnerung erg\u00e4nzt, was der Live-Show aber meist keinen Abbruch tut. Denn die Story bleibt stimmig, auch der Zeitsprung von 1985 ins Jahr 2026 wird letztlich m\u00fchelos bew\u00e4ltigt. Und im Stage Operettenhaus brennen die singenden Darsteller zum Live-Orchester unter Leitung von Phillipp Gras ein ganzes Feuerwerk von Hits ab, darunter die aus dem Film bekannten \u201eThe Power of Love\u201c (Huey Lewis &amp; The News), \u201eEarth Angel\u201c (Marvin Berry &amp; The Starlighters) und \u201eJohnny B. Goode\u201c von Chuck Berry. Erg\u00e4nzt wird die Filmmusik durch neue Kompositionen und Songs von Alan Salvestri und Glen Ballard, darunter die wundervolle Ballade \u201eEin Hoch auf alle Tr\u00e4umer\u201c, die Kersjes als Doc angemessen ergreifend vortr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Doc Brown ist der Motor des Musicals<\/p>\n<p>Auch sonst ist Kersjes als Doc Brown der Motor und Hauptdarsteller dieser Musical-Fassung und kann dem Film-Doc Christopher Lloyd das Wasser reichen. Die Figur, angesiedelt irgendwo zwischen Albert Einstein und Daniel D\u00fcsentrieb mit Denkhaube, f\u00fcllt Kersjes in jeder Facette: Von f\u00fcrsorglich \u00fcber enthusiastisch bis irre und schwer kalkulierbar. <\/p>\n<p>Als S\u00e4nger teilt er sich den Platz oben auf dem Podest mit Hope Maine, der als schwarzer B\u00fcrgermeister und Chuck Berrys Cousin Marvin Berry entz\u00fcckt. Raphael Gro\u00df als Marty McFly kann mit seiner Musicalstimme hingegen nicht restlos \u00fcberzeugen, weder verf\u00fcgt er \u00fcber das f\u00fcr Rocksongs n\u00f6tige Volumen, noch reicht er im Ausdruck an seine B\u00fchnenvorg\u00e4nger Olly Dobson (London) und Casy Likes (New York) heran. Der Gesang ist allerdings ausreichend \u2013 und spielerisch wie t\u00e4nzerisch macht Gro\u00df eine sehr gute Figur. <\/p>\n<p>Apropos t\u00e4nzerisch: Die Choreografien von Chris Bailey steigern sich im Verlauf des Abends von funktional zu h\u00f6chst einfallsreich und bilden so ihren eigenen Spannungsbogen. Die Inszenierung von Regisseur Rando legt von Anfang bis Ende ein tolles Tempo vor, flicht locker Anspielungen von Goethe (kurzes Zitat aus \u201eFaust 1\u201c) bis zu Star Wars (Marty mit dem Laserschwert) ein, bricht die Auftritte immer wieder ironisch (\u201eHey Doc, wo kommen die M\u00e4dels her?\u201c \u201eWei\u00df ich auch nicht, die tauchen immer auf, wenn ich singe\u201c) und steigert sich zum spektakul\u00e4ren Ende hin, in dem der DeLorean im Theater wie im Film Unglaubliches, Unfassbares vollbringt: Er klappt die R\u00e4der ein und l\u00e4sst fliegend das Zitat von Doc Brown \u201eStra\u00dfen? Wo wir hinfahren, brauchen wir keine Stra\u00dfen\u201c in neuem Licht erstrahlen. Der Preis f\u00fcr das Neufahrzeug scheint gerechtfertigt. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Das Musical nach dem Filmklassiker mit Michael J. ist eine flotte Zeitreise in die 80er-Jahre. 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