{"id":64601,"date":"2026-03-30T06:51:12","date_gmt":"2026-03-30T06:51:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/64601\/"},"modified":"2026-03-30T06:51:12","modified_gmt":"2026-03-30T06:51:12","slug":"die-erde-entstand-aus-lokalen-bausteinen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/64601\/","title":{"rendered":"Die Erde entstand aus lokalen Bausteinen"},"content":{"rendered":"<p>Planetenforschende streiten sich schon lange dar\u00fcber: Woher stammt das Baumaterial, aus dem sich unsere Erde gebildet hat? Trotz ihrer Lage im inneren Sonnensystem halten sie es f\u00fcr wahrscheinlich, dass dieses Material zu 6 bis 40 Prozent aus dem \u00e4usseren Sonnensystem \u2013 also jenseits von Jupiter \u2013 kommen muss.<\/p>\n<p>Lange Zeit galt Material aus dem \u00e4usseren Sonnensystem als notwendig, um fl\u00fcchtige Komponenten wie Wasser zur Erde zu bringen. Demnach musste es w\u00e4hrend der Entstehung der Erde auch einen Materialaustausch zwischen dem \u00e4usseren und inneren Sonnensystem gegeben haben. Aber stimmt das wirklich?\u00a0<\/p>\n<p>\u00abWir waren wirklich erstaunt\u00bb\u00a0 <\/p>\n<p>Die Planetenforscher Paolo Sossi, Professor f\u00fcr experimentelle Planetologie, und Dan Bower von der ETH Z\u00fcrich haben bestehende Daten \u00fcber die Isotopen-Verh\u00e4ltnisse von verschiedenen\u00a0Meteoriten, darunter solche vom Mars und vom Asteroiden Vesta, mit denjenigen der\u00a0Erde verglichen. Isotopen sind Geschwister-Atome desselben Elements; sie haben die gleiche Anzahl an Protonen, aber eine andere Masse durch unterschiedlich viele Neutronen.<\/p>\n<p>Diese Daten haben die Forscher neu und anders ausgewertet \u2013 und kommen zu einem \u00fcberraschenden Ergebnis: Das Material, aus dem die Erde gemacht ist, stammt vollst\u00e4ndig aus dem inneren Bereich des Sonnensystems.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Material aus dem \u00e4usseren Sonnensystem machte dagegen beim Aufbau der Erde weniger als zwei Prozent aus \u2013 oder lag sogar bei null. Die entsprechende Studie wurde soeben im Fachjournal <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1038\/s41550-026-02824-7\" class=\"icon-after icon-after--call_made eth-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">externe Seite Nature Astronomy<\/a> publiziert.\u00a0<\/p>\n<p>\u00abUnsere Berechnungen machen es deutlich: Das Baumaterial der Erde stammt aus einem einheitlichen Materialreservoir\u00bb, sagt Sossi. Und Kollege Bower erg\u00e4nzt: \u00abWirklich erstaunt waren wir, dass die Erde vollst\u00e4ndig aus Material aus dem inneren Sonnensystem zusammengesetzt ist und sich von allen Kombinationen bekannter Meteoriten klar unterscheidet.\u00bb<\/p>\n<p>Ein datenwissenschaftliches Experiment\u00a0 <\/p>\n<p>F\u00fcr ihre Studie haben die beiden ETH-Forscher bestehende Daten \u00fcber zehn verschiedene Isotopensysteme aus Meteoriten genutzt und mit einem speziellen statistischen Verfahren kombiniert ausgewertet. In bisherigen Studien wurden meist nur zwei Isotopensysteme ber\u00fccksichtigt.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>\u00abUnsere Studie ist eigentlich ein datenwissenschaftliches Experiment\u00bb, sagt Sossi. \u00abWir haben statistische Berechnungen vorgenommen, die in der Geochemie kaum je verwendet werden, obwohl sie ein m\u00e4chtiges Instrument sind\u00bb.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Isotopen-Signatur verr\u00e4t Herkunft\u00a0 <\/p>\n<p>Isotopen in Meteoriten dienen Forschenden schon l\u00e4nger dazu, die Herkunft von Himmelsk\u00f6rpern zu kl\u00e4ren, also aus welchem Bereich des Sonnensystems sie stammen. Lange beschr\u00e4nkte sich die Herkunftsbestimmung aber auf verschiedene Isotope des Elements Sauerstoff.\u00a0<\/p>\n<p>Erst Anfang der 2010-er Jahre entdeckte ein amerikanischer Forscher, dass auch Isotopen andere Elemente, wie etwa Chrom und Titan, daf\u00fcr genutzt werden k\u00f6nnen. Damit gelang es der Forschung, Meteoriten in zwei Klassen einzuteilen: in nicht-kohlige, die ausschliesslich im inneren Sonnensystem gebildet werden, und kohlige, die mehr Wasser und Kohlenstoff enthalten und im \u00e4usseren Sonnensystem entstehen.\u00a0<\/p>\n<p>Die neue Analyse belegt, dass die Erde vollst\u00e4ndig aus nicht-kohligem Material zusammengesetzt ist. Der bisher vermutete Austausch zwischen den beiden Materialreservoiren ist nicht nachweisbar.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Die Erde wuchs also in einem relativ statischen System, indem sie sich w\u00e4hrend ihres Wachstums ihre kleineren Nachbarplaneten einverleibte. Weiter bedeutet dies, dass auch im inneren Sonnensystem die meisten fl\u00fcchtigen Elemente wie Wasser vorhanden waren.\u00a0<\/p>\n<p>Jupiter als Materialschranke\u00a0 <\/p>\n<p>Doch warum gibt es in unserem Sonnensystem zwei unterschiedliche Materialreservoire? Forschende nehmen an, dass sich unser Sonnensystem w\u00e4hrend seiner Entstehung aufgrund von Jupiters schnellem Wachstum und seiner Gr\u00f6sse in zwei Reservoire aufteilte. Die Schwerkraft des Gasriesen riss eine L\u00fccke in die protoplanetare Scheibe, die um die junge Sonne kreiste. Protoplanetare Scheiben sind ringf\u00f6rmig, bestehen aus Gas und Staub und sind der Geburtsort von Planeten.<\/p>\n<p>Jupiter verhinderte, dass Material aus dem \u00e4usseren Sonnensystem ins Innere eindrang. Wie dicht diese Barriere tats\u00e4chlich war, blieb jedoch unklar \u2013 bis jetzt.\u00a0<\/p>\n<p>Mit ihrer Analyse zeigen die beiden ETH-Forscher, dass wohl fast kein Material von jenseits des Jupiters in Richtung Erde floss. \u00abUnsere Berechnungen sind sehr robust und st\u00fctzen sich nur auf die Daten selbst, nicht auf physikalische Annahmen, da diese noch nicht vollst\u00e4ndig verstanden sind\u00bb, betont Bower.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Die Analyse zeigt weiter, dass die Erde von der Materialzusammensetzung her auf einer (verwandtschaftlichen) Linie mit Vesta und dem Mars steht. Auf der gleichen Linie vermuten die Forscher auch Venus und Merkurs. \u00abUnd aufgrund unserer Analyse k\u00f6nnen wir theoretisch auch die Zusammensetzung dieser beiden Planeten vorhersagen\u00bb, sagt Paolo Sossi. <\/p>\n<p>Analytisch \u00fcberpr\u00fcfen kann er seine Aussage allerdings nicht: Von Merkur und Venus, die der Sonne am n\u00e4chsten sind und wie die Erde zum inneren Sonnensystem z\u00e4hlen, stehen den Forschenden bisher keine Gesteinsproben zur Verf\u00fcgung.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Neues Licht auf Entstehungsgeschichte\u00a0 <\/p>\n<p>\u00abUnsere Ergebnisse werfen ein neues Licht auf die Entstehungsgeschichte unserer Erde und die anderen Gesteinsplaneten\u00bb, ist Paolo Sossi \u00fcberzeugt.\u00a0<\/p>\n<p>In einem n\u00e4chsten Schritt m\u00f6chte er unter anderem wissen, warum im heissen inneren Sonnensystem so viel Wasser vorhanden war, um damit die Ozeane der Erde zu bilden. Weiter m\u00f6chten die ETH-Planetenforscher herausfinden, ob sich diese Prozesse auf Exoplaneten-Systeme \u00fcbertragen lassen.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>\u00abBis dahin werden Dan und ich noch viele hitzige Debatten \u00fcber die Materialzusammensetzung der Erde und ihrer Nachbarplaneten f\u00fchren m\u00fcssen, denn die wissenschaftliche Auseinandersetzung \u00fcber die Baustoffe, aus der die Erde besteht, ist trotz der neuen Ergebnisse noch lange nicht zu Ende\u00bb, sagt Sossi.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Planetenforschende streiten sich schon lange dar\u00fcber: Woher stammt das Baumaterial, aus dem sich unsere Erde gebildet hat? 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