{"id":65840,"date":"2026-03-31T04:29:08","date_gmt":"2026-03-31T04:29:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/65840\/"},"modified":"2026-03-31T04:29:08","modified_gmt":"2026-03-31T04:29:08","slug":"oper-im-palais-des-nations-eine-botschaft-des-holocaust-an-eine-welt-im-chaos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/65840\/","title":{"rendered":"Oper im Palais des Nations: Eine Botschaft des Holocaust an eine Welt im Chaos"},"content":{"rendered":"<p>    <img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/ZUSBBohumil-KOSTOHRYZ-0146_HOR.jpg\" width=\"5464\" height=\"3642\" alt=\"Gem\u00e4\u00df \u2026 und Kaiser Overall Michel de Souza\" loading=\"eager\" decoding=\"sync\" fetchpriority=\"high\"\/><\/p>\n<p>                Der brasilianische S\u00e4nger Michel de Souza spielt den Kaiser in einer Szene aus &#171;In Virtue Of&#187;, aufgef\u00fchrt bei den Vereinten Nationen in Genf.            <\/p>\n<p>            Com\u00e9die Geneve \/ Boshua        <\/p>\n<p>        Die Oper Der Kaiser von Atlantis entstand im Konzentrationslager Theresienstadt, kurz bevor ihr Komponist Viktor Ullmann nach Auschwitz deportiert wurde. In Genf ist das Werk nun Teil einer zweigeteilten musikalischen Inszenierung, die eine neue Art des Zusammenlebens entwirft.\n<\/p>\n<p>        Dieser Inhalt wurde am ver\u00f6ffentlicht    <\/p>\n<p>        31. M\u00e4rz 2026 &#8211; 06:00\n<\/p>\n<p>    <img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/dominique-soguel-profileImage-44671379.png\" width=\"800\" height=\"800\" alt=\"\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" fetchpriority=\"auto\"\/><\/p>\n<p>\n                Multimedia-Journalistin, die f\u00fcr den Bereich Internationales Genf berichtet und die redaktionelle Qualit\u00e4tskontrolle in der englischsprachigen Redaktion unterst\u00fctzt.<br \/>\nSchweizerisch-chilenische Multimedia-Journalistin mit zwei Jahrzehnten Erfahrung in der Berichterstattung in den USA, Europa und dem Nahen Osten, mit gelegentlichen Eins\u00e4tzen in S\u00fcdamerika und Afrika. Ich habe Spass an investigativen und langen Geschichten, aber auch an Eilmeldungen und allen dazwischen liegenden Formaten.             <\/p>\n<p>            <a href=\"https:\/\/www.swissinfo.ch\/ger\/author\/dominique-soguel\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><br \/>\n                Mehr von dieser Autorin \/ diesem Autoren            <\/a><\/p>\n<p>            <a href=\"https:\/\/www.swissinfo.ch\/ger\/department\/englischsprachige-redaktion\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><br \/>\n                Englischsprachige Redaktion            <\/a><\/p>\n<p>    <img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/thomas-kern-profileImage-42391183.png\" width=\"998\" height=\"998\" alt=\"\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" fetchpriority=\"auto\"\/><\/p>\n<p>\n                Als Fotoredaktor bin ich verantwortlich f\u00fcr den redaktionellen Einsatz der Fotografie bei SWI swissinfo.ch und die Zusammenarbeit mit Fotografen. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, nehme ich die Kamera in die Hand und begleite einen unserer Journalisten.<br \/>\nIch habe eine Ausbildung als Fotograf in Z\u00fcrich absolviert und arbeite seit 1989 als Fotojournalist. 1990 war ich Mitbegr\u00fcnder der Schweizer Fotografenagentur Lookat Photos. Ich bin zweifacher Gewinner des World Press Award und wurde mit mehreren Schweizer Nationalstipendien ausgezeichnet. Meine Arbeiten wurden vielfach ausgestellt und sind in verschiedenen Sammlungen vertreten.            <\/p>\n<p>            <a href=\"https:\/\/www.swissinfo.ch\/ger\/author\/thomas-kern\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><br \/>\n                Mehr von dieser Autorin \/ diesem Autoren            <\/a><\/p>\n<p>            <a href=\"https:\/\/www.swissinfo.ch\/ger\/department\/multimedia\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><br \/>\n                Multimedia            <\/a><\/p>\n<p>\n        English    <\/p>\n<p>\n        en    <\/p>\n<p>            Opera takes the United Nations: a message from the Holocaust to a world in disarray        <\/p>\n<p>            Original\n            <\/p>\n<p>    <a class=\"article-translations-item__link\" lang=\"en\" href=\"https:\/\/www.swissinfo.ch\/eng\/international-geneva\/opera-takes-the-united-nations-a-message-from-the-holocaust-to-a-world-in-disarray\/91090877\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p>            Mehr Opera takes the United Nations: a message from the Holocaust to a world in disarray<br \/>\n    <\/a><\/p>\n<p>\n        Portugu\u00eas    <\/p>\n<p>\n        pt    <\/p>\n<p>            Montagem em Genebra revisita obra criada em campo nazista\n            <\/p>\n<p>    <a class=\"article-translations-item__link\" lang=\"pt\" href=\"https:\/\/www.swissinfo.ch\/por\/genebra-internacional\/montagem-em-genebra-revisita-obra-criada-em-campo-nazista\/91131328\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p>            Mehr Montagem em Genebra revisita obra criada em campo nazista<br \/>\n    <\/a><\/p>\n<p>Die S\u00e4le des Palais des Nations verwandelten sich im M\u00e4rz von einem Ort streng orchestrierter Verhandlungen zu einer B\u00fchne f\u00fcr die Kl\u00e4nge einer Oper. In einer Zeit, in der die Grundfesten der globalen Ordnung ersch\u00fcttert werden und ein Dritter Weltkrieg nicht ausgeschlossen scheint, h\u00e4lt eine Oper, deren zweiter Teil seinen Ursprung in den tiefsten Abgr\u00fcnden des Holocaust hat, einem implodierenden System den Spiegel vor.<\/p>\n<p>Unter der Regie und nach der Idee des belgisch-luxemburgischen Regisseurs St\u00e9phane Ghislain Roussel und mit Musik des aus Lettland stammenden Eugene Birman verortet die Produktion von In Virtue Of und Der Kaiser von Atlantis dieses Spiegelbild sowohl im zeitgen\u00f6ssischen als auch im historischen Kontext. Der erste Teil greift auf die Europ\u00e4ische Menschenrechtskonvention zur\u00fcck, der zweite, Der Kaiser von Atlantis, wurde von Viktor Ullmann in Theresienstadt, einem nationalsozialistischen Konzentrationslager, komponiert.<\/p>\n<p>    <img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/SWI_CHE_0326_KERN_STEPHANE_GHISLAIN_ROUSSEL_01_M.jpg\" width=\"3000\" height=\"2000\" alt=\"St\u00e9phane Ghislain Roussel\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" fetchpriority=\"auto\"\/><\/p>\n<p>                St\u00e9phane Ghislain Roussels Inszenierung nimmt die Parabel \u00abDer Kaiser von Atlantis\u00bb als Ausgangspunkt f\u00fcr eine opernhafte Reise durch Zeit und Raum.            <\/p>\n<p>            Thomas Kern \/ SWI swissinfo.ch        <\/p>\n<p>Das Genfer Publikum erlebt eine eindringliche Mahnung, was auf dem Spiel steht, wenn Systeme, deren eigentliches Ziel ist, die Menschheit zu sch\u00fctzen, zerbrechen und die Diplomatie versagt. \u00abIch sehe diese Inszenierung definitiv als Spiegel\u00bb, sagt Roussel gegen\u00fcber Swissinfo zwischen den Proben. \u00abIn der Politik geht es derzeit darum, die Sprache zu ver\u00e4ndern, sie zu missbrauchen. Ich bin wirklich entsetzt dar\u00fcber, was gerade passiert.\u00bb<\/p>\n<p>Im Kreis der Tugend wandeln<\/p>\n<p>In Virtue Of spielt in den Vereinten Nationen, das Publikum nimmt die Pl\u00e4tze der Delegierten ein. Der brasilianische Bariton Michel de Souza interpretiert einen Text, der auf einem auf das Minimum reduzierten, neu geordneten und abgeschw\u00e4chten Vertrag basiert. Musiker:innen \u2013 als Richter:innen verkleidet \u2013 begleiten ihn mit einer Partitur, die zwischen Ordnung und Dissonanz changiert. Sprache wandelt sich von einem Instrument der Konsensfindung zu einem Gewirr von Vorbehalten, die Grundrechte untergraben.<\/p>\n<p>    <img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Ullmann_Kaiser_P_K1_150.jpg\" width=\"1471\" height=\"1842\" alt=\"Partitur\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" fetchpriority=\"auto\"\/><\/p>\n<p>                Viktor Ullmanns Originalpartitur, datiert \u00abTheresienstadt 1943\u00bb.            <\/p>\n<p>            Paul Sacher Stiftung        <\/p>\n<p>\u00abWenn man erst einmal damit anf\u00e4ngt (grundlegende Menschenrechte auszuh\u00f6hlen), beginnt man tats\u00e4chlich, die Welt und die Realit\u00e4t zu verzerren\u00bb, sagt er und verweist auf Parallelen zur zunehmenden Normalisierung extremistischer Ideologien, die einst im \u00f6ffentlichen Raum undenkbar gewesen w\u00e4ren, sowie zur Umdefinition von Begriffen wie Rassismus, und dessen Ausweitung auf Rassismus gegen Weisse. \u00abEin Neonazi kann eine Kundgebung auf der Strasse abhalten, und das ist nicht mehr wirklich verboten. Vor zehn Jahren war es das noch, heute ist es fast schon akzeptiert.\u00bb<\/p>\n<p>Roussels Sensibilit\u00e4t f\u00fcr Sprache und deren Bedeutung f\u00fcr die Auslotung gemeinsamer Ansichten und Werte wurzelt in seiner Erziehung. Er wuchs in Luxemburg in einem, wie er es beschreibt, privilegierten, international ausgerichteten Umfeld auf. Dort erlebte er ein europ\u00e4isches, durch die Berufswelt seiner Eltern gepr\u00e4gtes Milieu, in dem grenz\u00fcberschreitender Austausch und Kulturinstitutionen zum Alltag geh\u00f6rten.<\/p>\n<p>\u00abIch h\u00f6rte jeden Tag etwa zehn verschiedene Sprachen, manchmal zw\u00f6lf\u00bb, erinnert er sich an die Tage auf dem Schulhof. \u00abAber eben, weil wir unterschiedliche Sprachen sprachen, teilten wir, ohne es benennen zu k\u00f6nnen, eine Art Vision davon, was es bedeutet, zusammen zu sein.\u00bb<\/p>\n<p>Institutionelle Oper<\/p>\n<p>Roussel, urspr\u00fcnglich als Violinist und Musikwissenschaftler ausgebildet, betrachtet Musik selbst als eine Form von Sprache, wenn auch nicht unbedingt als eine universelle. Sp\u00e4ter wandte er sich der Regie zu und brachte ein ausgepr\u00e4gtes Bewusstsein mit, wie Klang, Text und Bedeutung miteinander interagieren.<\/p>\n<p>    <img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/SACHER_STIFTUNG_KAISER.jpg\" width=\"5576\" height=\"3717\" alt=\"Sacher STiftung\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" fetchpriority=\"auto\"\/><\/p>\n<p>                Heidy Zimmermann, Kuratorin an der Paul-Sacher-Stiftung in Basel, mit einem Manuskript von Viktor Ullmann, das aufgrund von Ullmanns Verbindungen zur anthroposophischen Bewegung in die Schweiz gelangte.             <\/p>\n<p>            Dominique Soguel \/ SWI swissinfo.ch        <\/p>\n<p>Die erste Auff\u00fchrung von In Virtue Of fand vor vier Jahren in Luxemburg statt, unter anderem im ehemaligen Sitz des Europ\u00e4ischen Parlaments. Das St\u00fcck entstand in einer Zeit, die von der Covid-19-Pandemie gepr\u00e4gt war. Das Gef\u00fchl einer gemeinsam erlebten globalen Verwundbarkeit verst\u00e4rkte die Idee einer kollektiven Verantwortung angesichts der Sorgen um einen zunehmenden Autoritarismus.<\/p>\n<p>Seitdem hat Roussel die Inszenierung \u00fcberarbeitet, dabei aber an seinem urspr\u00fcnglichen Konzept festgehalten, sie in institutionellen Kontexten aufzuf\u00fchren. \u00abDas Besondere hier in Genf ist, dass die Vereinten Nationen nicht nur europ\u00e4isch sind\u00bb, sagt er. \u00abEs ist eine globale Vision, eine weltumspannende Vision davon, wie die Gemeinschaft und die L\u00e4nder eine Kommunikation und eine Art gemeinsamen Boden f\u00fcr politische Stabilit\u00e4t schaffen k\u00f6nnen.\u00bb<\/p>\n<p>Vinicius Marignac, Junior-Portfoliomanager bei Gama Asset Management, der die Auff\u00fchrung besuchte, freute sich \u00fcber die seltene Gelegenheit, eine Oper im UN-Geb\u00e4ude selbst zu erleben, und war begeistert von den Inszenierungsentscheidungen, die Grenzen verwischten, wie etwa durch die Platzierung von Darsteller:innen im Publikum. \u00abDavon bin ich wirklich ein Fan\u00bb, sagte er, w\u00e4hrend Sicherheitskr\u00e4fte \u2013 sowohl Schauspieler:innen als auch echte \u2013 das Publikum beim Verlassen des Saals beobachteten.<\/p>\n<p>Eine eindringliche Stimme aus dem Holocaust<\/p>\n<p>F\u00fcr Roussel ist die Zweiteilung des Abends, die Diptychon-Struktur, essenziell, da In Virtue Of den Weg f\u00fcr Der Kaiser von Atlantis ebnet. Die Oper, eine kaum verh\u00fcllte Allegorie auf totalit\u00e4re Macht, wurde zu Ullmanns Lebzeiten nie aufgef\u00fchrt; die Proben wurden von den Nazis gestoppt, bevor er nach Auschwitz deportiert wurde.<\/p>\n<p>    <img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Ullmann_2013.jpg\" width=\"758\" height=\"1200\" alt=\"Viktor Ullmann, Foto ohne Datum.\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" fetchpriority=\"auto\"\/><\/p>\n<p>                Viktor Ullmann auf einem undatierten Foto.            <\/p>\n<p>            Commons, Wikimedia        <\/p>\n<p>Das historische Gewicht von Der Kaiser von Atlantis wird noch verst\u00e4rkt durch die unglaubliche Geschichte, wie die Originalpartitur \u00fcberlebte. Wie Heidy Zimmermann, Kuratorin der Paul-Sacher-Stiftung in Basel, erkl\u00e4rt, blieben die Manuskripte des Komponisten nach dem Krieg durch eine Reihe ungew\u00f6hnlicher \u00dcbergaben erhalten. Sie gelangten aufgrund von Ullmanns Verbindungen zu der anthroposophischen Bewegung, einer von Rudolf Steiner begr\u00fcndeten spirituellen Philosophie, in die Schweiz. Steiner half, das Archivmaterial aus London zu \u00fcberf\u00fchren.<\/p>\n<p>Zimmermann begann 2018 mit der Arbeit an dem Archivmaterial und intensivierte ihre Recherchen im Zuge der globalen Ereignisse, beginnend mit der Covid-19-Pandemie, \u00fcber den Krieg in der Ukraine bis hin zum Konflikt zwischen Israel und der Hamas. \u00abPl\u00f6tzlich wurde es so relevant\u00bb, sagt sie \u00fcber Der Kaiser von Atlantis. Das St\u00fcck wurde als Einakter mit Musik von Ullmann und einem Libretto von Peter Kien konzipiert.<\/p>\n<p>\u00abEs spricht heute ein Publikum und auch eine Gemeinschaft an, die sich aus verschiedenen Blickwinkeln daf\u00fcr interessiert, sowohl aus musikwissenschaftlicher Sicht als auch aus einem breiteren historischen Interesse\u00bb, f\u00fcgt Zimmermann hinzu.<\/p>\n<p>                Ullmann \u2013 trauriges Schicksal, grossartiges Werk            <\/p>\n<p>Ullmann wurde in Cieszyn geboren, das damals zum \u00d6sterreichisch-Ungarischen Reich geh\u00f6rte und heute eine polnische Stadt an der Grenze zur Tschechischen Republik ist. Er war Sch\u00fcler von Arnold Sch\u00f6nberg und erlangte in den 1920er- und 1930er-Jahren kurzzeitig Ber\u00fchmtheit. 1930 wurde er in Z\u00fcrich zum Dirigenten ernannt, wo er sein Interesse an den Theorien des \u00f6sterreichischen Philosophen Rudolf Steiner vertiefte. Obwohl seine Familie noch vor seiner Geburt vom Judentum zum Christentum konvertiert war, wurde Ullmann 1942 nach Theresienstadt und anschliessend nach Auschwitz deportiert, wo er 1944 ermordet wurde. Viele seiner Kompositionen gingen w\u00e4hrend des Krieges verloren, doch sein Manuskript von \u00abDer Kaiser von Atlantis\u00bb blieb erhalten und befindet sich heute in der Schweiz.<\/p>\n<p>Manuskript des Grauens<\/p>\n<p>Anhand von Faksimiles der Quellen verdeutlicht Zimmermann die materiellen Bedingungen, unter denen das Werk entstand. Teile des Librettos wurden auf wiederverwendeten Verwaltungsformularen getippt. Dieses Papier diente urspr\u00fcnglich zur Registrierung der im Ghetto ankommenden Gefangenen und enthielt Namen, Herkunft und in manchen F\u00e4llen auch Sterbedaten. Die Kunst \u00fcberlagert buchst\u00e4blich die b\u00fcrokratischen Aufzeichnungen der Verfolgung.<\/p>\n<p>\u00abDie Parallelen zu aktuellen Ereignissen sind wirklich frappierend\u00bb, sagt Martial Deb\u00e9ly, ein pensionierter Sozialarbeiter. \u00abMan muss den Kontext kennen, um die Kraft dieses Werkes, dieser Komposition, zu erfassen. Das ist die Kraft der Kunst.\u00bb<\/p>\n<p>Die Oper selbst ist Satire und \u00dcberlebenskampf zugleich. Ihr Libretto verspottet autorit\u00e4re Macht und entwirft eine Welt, in der der Tod sich weigert, beim Massenmord mitzuwirken \u2013 daher der Originaltitel Die Tod-Verweigerung. \u00abEs ist eine ziemlich direkte Satire auf Nazi-Deutschland\u00bb, f\u00fcgt sie hinzu.<\/p>\n<p>Der Humor wird bereits in der Er\u00f6ffnungsszene deutlich. Als der Tod Harlekin fragt, welcher Tag sei, antwortet dieser, er verliere den \u00dcberblick, da er ja nicht mehr t\u00e4glich sein Hemd wechsle. Der Tod erwidert scherzhaft, er m\u00fcsse \u00abim letzten Jahr ja tief im Dreck stecken\u00bb, eine deutliche Anspielung auf das Leben im Lager, wo die Gefangenen ihre Kleidung weder waschen noch wechseln durften.<\/p>\n<p>\u00abDas ist die klassische Funktion j\u00fcdischen Humors, j\u00fcdischen Witzes\u00bb, sagt sie. \u00abWie \u00fcbersteht man eine schlimme Situation? Man macht einfach Witze dar\u00fcber.\u00bb<\/p>\n<p>Die Oper, f\u00fcgt sie hinzu, sei auf drei Ebenen bedeutsam. Erstens als Beispiel f\u00fcr diese historische Situation, \u00abKunst in einem NS-Lager zu erschaffen, was das bedeutet, wie es m\u00f6glich ist\u00bb, zweitens als universelles Musik- und Opernwerk, das auch heute noch relevant ist, losgel\u00f6st von seinem Ursprung. Und schliesslich sei es auch ein \u00abfaszinierendes Musikst\u00fcck\u00bb.<\/p>\n<p>Musik, die den Zeitgeist widerspiegelt<\/p>\n<p>Die Partitur greift eine Vielzahl musikalischer Stile auf. Die Zuh\u00f6rer:innen kommen in den Genuss Wagnerschen Opernarien, durchsetzt mit gesprochenen Passagen, volksliedhaften Melodien und musikalischen Zitaten, die dem damaligen Publikum vertraut waren. Wiegenliedmotive wie Schlaf, Kindlein, schlaf tragen zu einer Klangwelt bei, die Hoch- und Popul\u00e4rkultur miteinander verbindet. Die Oper gipfelt in einem Choral, wie er aus der christlichen Tradition bekannt ist.<\/p>\n<p>De Souza verk\u00f6rpert auch den Kaiser von Atlantis. Seine Darstellung bildet das verbindende Element zwischen den beiden Teilen der Diptychon-Oper, die auf getrennten B\u00fchnen aufgef\u00fchrt werden. Die Zuschauer:innen m\u00fcssen vom Palais des Nations zur Com\u00e9die de Gen\u00e8ve wechseln, nur eine kurze Fahrt mit \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln entfernt. Sie lassen die verwirrende, ihrer urspr\u00fcnglichen Ideale und Bedeutungen beraubte zeitgen\u00f6ssische institutionelle Sprache hinter sich und tauchen ein in die d\u00fcstere historische Realit\u00e4t von Ullmanns Werk.<\/p>\n<p>    <img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/SWI_CHE_0326_KERN_LEMPEREUR_ATLANTIS_10_M.jpg\" width=\"3000\" height=\"2000\" alt=\"St\u00e9phane Ghislain mit dem Regieassistenten\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" fetchpriority=\"auto\"\/><\/p>\n<p>                Roussel spricht w\u00e4hrend einer Generalprobe in der Com\u00e9die Gen\u00e8ve mit seinem Assistenten.             <\/p>\n<p>            Thomas Kern \/ SWI swissinfo.ch        <\/p>\n<p>\u00abAllein die Tatsache, dass man das Theater verl\u00e4sst und sich an einen anderen Ort begeben muss, ist an sich schon eine k\u00f6rperliche Anstrengung\u00bb, sagt Roussel. \u00abJe mehr man die Menschen dazu bringt, Dinge zu f\u00fchlen, desto besser kann man ihnen helfen oder sie begleiten, menschlich zu sein, am Leben teilzuhaben.\u00bb<\/p>\n<p>Die universellen Themen der Oper und ihre Aktualit\u00e4t gingen an dem Publikum nicht vorbei. \u00abFrieden ist das H\u00f6chste\u00bb, sagte Tidiane Souare, der aus der Elfenbeink\u00fcste stammt, seit drei Jahren in Genf lebt und eine Ausbildung zum Landschaftsg\u00e4rtner absolviert, nach dem Besuch beider Auff\u00fchrungen. \u00abWenn Frieden herrscht, k\u00f6nnen wir alle erwachsen werden, wir alle gr\u00fcnden Familien. Wenn Krieg herrscht, schaffen wir das nicht. Die Folge ist Migration.\u00bb<\/p>\n<p>Roussel lehnt die Idee ab, dass Kunst die Welt retten kann. Er sagt jedoch: \u00abKunst ist Teil des Prozesses, eine neue Art des Zusammenlebens zu etablieren.\u00bb<\/p>\n<p>Editiert von Eduardo Simantob und Virginie Mangin; \u00dcbertragung aus dem Englischen mit der Hilfe von KI-Tools: Petra Krimphove <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der brasilianische S\u00e4nger Michel de Souza spielt den Kaiser in einer Szene aus &#171;In Virtue Of&#187;, aufgef\u00fchrt bei&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":65841,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[26,27],"tags":[122,17112,1363,17113,18632,115,114,18633,1496,1497,18634,120,45],"class_list":{"0":"post-65840","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-geneve","8":"category-genf","9":"tag-article","10":"tag-beat-culture","11":"tag-beat-international-geneva","12":"tag-culture","13":"tag-film-festival","14":"tag-geneve","15":"tag-genf","16":"tag-human-rights","17":"tag-international-organisation","18":"tag-multi","19":"tag-music-theatre","20":"tag-production-type-adaptation","21":"tag-schweiz"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@ch_de\/116321900923813038","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/65840","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=65840"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/65840\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/65841"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=65840"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=65840"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=65840"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}