{"id":77098,"date":"2026-04-08T23:31:39","date_gmt":"2026-04-08T23:31:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/77098\/"},"modified":"2026-04-08T23:31:39","modified_gmt":"2026-04-08T23:31:39","slug":"demenz-mit-hilfe-von-daten-verhindern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/77098\/","title":{"rendered":"Demenz mit Hilfe von Daten verhindern"},"content":{"rendered":"<p>Im Jahr 2023 waren in Deutschland rund 1,8 Millionen Menschen von Demenzen betroffen, bis 2050 k\u00f6nnte die Zahl auf 2,74 Millionen ansteigen. Risikofaktoren wie Diabetes, hohes LDL-Cholesterin, Bewegungsmangel, Einsamkeit, H\u00f6rverlust, Rauchen, Bluthochdruck und Luftverschmutzung k\u00f6nnen die Entstehung einer Demenz f\u00f6rdern.<\/p>\n<p>Weil eine effektive Behandlung f\u00fcr die meisten Erkrankten nicht m\u00f6glich ist, \u201ebietet die Pr\u00e4vention durch Vermeidung oder Verringerung dieser Risikofaktoren die derzeit beste M\u00f6glichkeit, einer Demenz vorzubeugen\u201c, betonte Prof Dr. Svenja Caspers, Institut f\u00fcr Anatomie I vom Universit\u00e4tsklinikum D\u00fcsseldorf auf einem Press Briefing des Science Media Centers (SMC) [1].<\/p>\n<p>Caspers ist Autorin der gemeinsamen Stellungnahme \u201eDatengetriebene Demenzpr\u00e4vention\u201c der Wissenschaftsakademien Acatech und Leopoldina und der Union der deutschen Akademien [2]. Die Forschenden der Stellungnahme schlagen ein 2-stufiges Demenzrisikoscreening vor, um individuelle Risikoprofile als Werkzeug zur Pr\u00e4vention in den Versorgungsalltag zu integrieren.<\/p>\n<p>Im ersten Schritt sollen Haus\u00e4rzte und Allgemeinmediziner Menschen mit erh\u00f6htem Demenzrisiko mittels eines kosteng\u00fcnstigen, breit anwendbaren Verfahrens identifizieren. Im 2. Schritt sollen die Patienten mit spezifischeren Verfahren auf relevante pathologische Ver\u00e4nderungen im Zusammenhang mit einer Demenz hin beobachtet werden.<\/p>\n<p>Bis zu 45% aller Demenzf\u00e4lle potenziell durch Pr\u00e4vention vermeidbar<\/p>\n<p>Ein relevanter Anteil von Demenzf\u00e4llen w\u00e4re m\u00f6glicherweise verhinderbar, betonte Caspers und verwies auf den <a href=\"https:\/\/pubmed.ncbi.nlm.nih.gov\/39096926\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Bericht<\/a> der Lancet Commission aus dem Jahr 2024, nach dem bis zu 45% aller Demenzf\u00e4lle potenziell durch Pr\u00e4vention vermeidbar w\u00e4ren. Eine <a href=\"https:\/\/alz-journals.onlinelibrary.wiley.com\/doi\/10.1002\/dad2.70225\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Studie<\/a> des Deutschen Zentrums f\u00fcr Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) und der Harvard Medical School legt nahe, dass ein Drittel aller Demenzf\u00e4lle vermeidbar sein k\u00f6nnte, denn 36% der F\u00e4lle h\u00e4ngen mit Risikofaktoren zusammen, die sich grunds\u00e4tzlich beeinflussen lassen.<\/p>\n<p>\u201eZusammenfassend kann man sicherlich sagen, dass eine relevante Anzahl m\u00f6glicherweise verhinderbar w\u00e4re. Die genaue Prozentzahl mag von Region, Land, Kultur auch ein bisschen unterschiedlich sein\u201c, betonte Caspers.\u00a0<\/p>\n<p>Die Idee sei, aus diesen individuellen Faktoren eine individuelle Prognose f\u00fcr das Demenzrisiko zu entwickeln. Besteht dann ein erh\u00f6htes Risiko, ist das Ziel, m\u00f6glichst individuelle Interventionen zu entwickeln, sowohl f\u00fcr die Einzelpersonen als auch f\u00fcr die Umgebung, also ein Zusammenspiel von Verhaltenspr\u00e4vention und Verh\u00e4ltnispr\u00e4vention. \u201eUnser Anliegen war zu vermitteln: ich kann etwas tun\u201c, so Caspers.<\/p>\n<p>Unser Anliegen war zu vermitteln: ich kann etwas tun.<\/p>\n<p>Prof Dr. Svenja Caspers<\/p>\n<p>Prof. Dr. Joachim L. Schultze, Direktor des Forschungsbereichs Systemmedizin am DZNE in Bonn und Autor der Stellungnahme, stellte Handlungsans\u00e4tze zur F\u00f6rderung datengetriebener Demenzpr\u00e4vention vor:<\/p>\n<p>Gesundheitsdatennutzung erleichtern und ausbauenWissenschaftskommunikation zu Demenz f\u00f6rdernBegleitende Verh\u00e4ltnispr\u00e4vention, um Rahmenbedingungen zu verbessern und somit eine gesunde Lebensweise zu f\u00f6rdernForschung intensivierenApp-Entwicklung zur Demenzforschung und Pr\u00e4vention vorantreibenNationale Demenzstrategie ab 2026 als \u201eDekade f\u00fcr Gehirngesundheit\u201c fortf\u00fchrenVorhandene Gesundheitsdaten nutzen<\/p>\n<p>Die Stellungnahme komme zum richtigen Zeitpunkt, sagte Prof. Dr. Steffi G. Riedel-Heller, Direktorin des Instituts f\u00fcr Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health, Universit\u00e4tsklinikum Leipzig. Riedel-Heller verwies einerseits auf die demografische Entwicklung, andererseits auf die Evidenz zu den Risikofaktoren und zu den Multi Domain Interventionen.<\/p>\n<p>Den richtigen Zeitpunkt der Stellungnahme hob auch Dr. Steffen He\u00df, Leiter des Forschungsdatenzentrums Gesundheit (FDZ Gesundheit), Bundesinstitut f\u00fcr Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), Bonn, hervor. He\u00df erinnerte daran, dass die Daten \u201ezum Teil schon vorhanden\u201c sind und verwies auf die Abrechnungsdaten der gesetzlichen Kassen, auf bildgebende Daten an Universit\u00e4tskliniken und an Spezialregister.<\/p>\n<p>Was fehle sei eine vernetzte Struktur. \u201eDie Demenzpr\u00e4vention ist eines der ersten Beispiele, die wirklich sehr stark von einem Gesundheitsdaten\u00f6kosystem profitieren k\u00f6nnte. National w\u00e4re schon ein gro\u00dfer Fortschritt, international noch besser\u201c, sagte He\u00df.<\/p>\n<p>Die Demenzpr\u00e4vention ist eines der ersten Beispiele, die wirklich sehr stark von einem Gesundheitsdaten\u00f6kosystem profitieren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Dr. Steffen He\u00df<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnte ein niederschwelliges Screening aussehen?<\/p>\n<p>Schultze spricht von zu entwickelnden Apps, die beispielsweise auf bildgebenden Verfahren aufbauen, die genau zeigen, welche Bereiche sich im Gehirn in fr\u00fchen Stadien der Alzheimer-Krankheit ver\u00e4ndern. Mit diesen Apps w\u00fcrden dann Funktionen abgefragt, die in diesen Regionen normalerweise lokalisiert sind.<\/p>\n<p>\u201eDiese Apps m\u00fcssen gebaut und in Studien getestet werden, bis sie auch in der Realwelt ausgerollt werden k\u00f6nnen. Einen solchen Stufenplan m\u00fcssen wir entwickeln\u201c, betonte Schultze. Es reiche nicht aus zu sagen: Esst ges\u00fcnder, treibt ein bisschen mehr Sport. Das sei alles richtig, \u201ewird aber so nicht funktionieren, weil nicht jeder Patient das gleiche Risikoprofil aufweist\u201c, erkl\u00e4rte Schultze.<\/p>\n<p>Und wie sollen zu viele falsch positive Befunde verhindert werden? \u201eNiederschwellig hei\u00dft nat\u00fcrlich trotzdem, dass die Screeningtools spezifisch sein m\u00fcssen\u201c, betonte Schultze. Bestimmte Wearables oder Apps, die eine geringere Aktivit\u00e4t anzeigen oder zeigen, dass sich die Sprache ver\u00e4ndert hat, nutzten alleine nichts.<\/p>\n<p>Diese Beobachtungen m\u00fcssten mit der Biologie der Krankheit, mit dem fr\u00fchen Krankheitsstadium verbunden werden. \u201eDas geht nur, wenn man das mit exakter, hochqualitativer Forschung verkn\u00fcpft, damit wir wissen, dass wir auch die richtigen Apps nutzen.\u201c Dann lie\u00dfe sich die Zahl der falsch positiven Befunde auch einschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Das geht nur, wenn man das mit exakter, hochqualitativer Forschung verkn\u00fcpft.<\/p>\n<p>Prof. Dr. Joachim L. Schultze<\/p>\n<p>Demenzpr\u00e4vention beginnt schon in der Schule<\/p>\n<p>Die Stellungnahme \u201eDatengetriebene Demenzpr\u00e4vention\u201c geht dabei \u00fcber den Lancet-Bericht, der 14 modifizierbare Risikofaktoren auflistet und das Pr\u00e4ventionspotenzial auslotet, hinaus. So greift die Stellungnahme das Potenzial von Vakzinen f\u00fcr die Pr\u00e4vention auf \u2013 Stichwort Impfung gegen Herpes Zoster.<\/p>\n<p>Ein weiterer Aspekt ist der Faktor Genetik. \u201eWir wissen heute aus der Grundlagenforschung, dass Risikogene wie APOE4 eine ganz wesentliche Rolle haben, deshalb m\u00fcssen wir auch unterschiedliche Pr\u00e4ventionsprogramme entwickeln.\u201c Deshalb sei es so wichtig, datengetrieben vorzugehen, betonte Schultze. Die Situation sei sehr viel komplexer, als man vor ein paar Jahren dachte und die Behandlungen m\u00fcssten individueller sein, bekr\u00e4ftigte He\u00df. \u201eUm die Wirksamkeit trotzdem sicherzustellen, brauchen wir eine gro\u00dfe Datenbasis.\u201c<\/p>\n<p>Riedel-Heller weist daraufhin, dass Demenz vor Jahren als reine Alterserkrankung galt. Das hat sich grundlegend ge\u00e4ndert. \u201eWir wissen, dass Demenz eine lange Vorlaufzeit hat, wir m\u00fcssen eine Lebenslaufperspektive einnehmen\u201c, so Riedel-Heller. Das beginne in der Schule, im Sportunterricht, auch das mittlere Lebensalter sei wichtig f\u00fcr die Hirngesundheit. Riedel-Heller nannte Aufkl\u00e4rungskampagnen wie in den Niederlanden als gute Ans\u00e4tze.<\/p>\n<p>Wir wissen, dass Demenz eine lange Vorlaufzeit hat, wir m\u00fcssen eine Lebenslaufperspektive einnehmen.<\/p>\n<p>Prof. Dr. Steffi G. Riedel-Heller<\/p>\n<p>\u201eWir m\u00fcssen lernen: Gehirngesundheit begleitet uns von Anfang an bis ins hohe Alter und wir m\u00fcssen uns darum k\u00fcmmern als Gesellschaft, aber auch als Individuum\u201c, betonte Schultze.<\/p>\n<p>Datenschutz versus Nutzen f\u00fcr die Gesellschaft<\/p>\n<p>In der Stellungnahme wird dazu aufgerufen, die bestehende Nationale Demenzstrategie ab 2026 in eine \u201eDekade f\u00fcr Gehirngesundheit\u201c zu \u00fcberf\u00fchren: ressort\u00fcbergreifend, begleitet von einem Expertinnen- und Expertenrat und eingebettet in eine nationale Gesundheitsstrategie, die sich aus Verh\u00e4ltnis- und Verhaltenspr\u00e4vention zusammensetzt.<\/p>\n<p>Die B\u00fcndelung von Gesundheits- und Lebensstildaten \u00fcber eine Gesundheits-ID k\u00f6nnte aber auch die Gefahr erh\u00f6hen, dass Dritte, also beispielsweise Kassen, Versicherer oder Arbeitgeber detailliertere Risikoprofile ableiten und diese zur Risikodiskriminierung nutzen k\u00f6nnten. Eine Gefahr, so He\u00df, die ernst genommen werden m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Der Chaos Computer Club beispielsweise klagt bereits gegen die Erhebung von Abrechnungsdaten durch das FDZ. Laut Datenschutzgrundverordnung gelte rechtlich grunds\u00e4tzlich die Pr\u00e4misse, dass die zul\u00e4ssige Nutzung von Gesundheitsdaten immer vom Zweck abh\u00e4ngt. F\u00fcr das FDZ Gesundheit sei eine Nutzung zur Risikodiskriminierung gesetzlich explizit verboten. Gesetzliche Vorgaben seien besonders wichtig, es gebe verschiedene M\u00f6glichkeiten, wie gegen den Missbrauch von Daten vorgegangen werden k\u00f6nne.<\/p>\n<p>H\u00e4ufig werde aber der Nutzen vergessen: \u201eWenn wir die Daten ordentlich zusammenf\u00fchren, bringt das einen gro\u00dfen Mehrwert f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung\u201c, betonte He\u00df. Auch Schultze erinnerte daran, dass \u201ewir einen Riesenberg von zus\u00e4tzlichen Erkrankungen vor uns herschieben.\u201c Die Behandlung und Betreuung von Menschen mit Demenz sei sehr teuer f\u00fcr die Gesellschaft und f\u00fcr das Gesundheitssystem. \u201eWir m\u00fcssen als Gesellschaft \u00fcberlegen was uns wichtig ist, das ist eine gesellschaftliche Entscheidung.\u201c<\/p>\n<p>Wenn wir die Daten ordentlich zusammenf\u00fchren, bringt das einen gro\u00dfen Mehrwert f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Dr. Steffen He\u00df<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Im Jahr 2023 waren in Deutschland rund 1,8 Millionen Menschen von Demenzen betroffen, bis 2050 k\u00f6nnte die Zahl&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":77099,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[17],"tags":[4282,21578,11759,46,789,21582,21579,21581,21580,1002,10654,17602,17603,67,4667,21585,66,4668,16177,2402,17604,18354,21586,18353,21583,45,21584,44,6832],"class_list":{"0":"post-77098","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-gesundheit","8":"tag-alzheimer-krankheit","9":"tag-alzheimersche-krankheit","10":"tag-anatomie","11":"tag-ch","12":"tag-demenz","13":"tag-drei-tage-fieber","14":"tag-erythema-infectiosum","15":"tag-exanthema-subitum","16":"tag-fuenfte-krankheit","17":"tag-gehirn","18":"tag-genetik","19":"tag-genomik","20":"tag-genomische-medizin","21":"tag-gesundheit","22":"tag-guertelrose","23":"tag-haut-und-weichteilinfektion","24":"tag-health","25":"tag-herpes-zoster","26":"tag-hypertonie","27":"tag-impfung","28":"tag-medizin-genomisch","29":"tag-mit-dem-rauchen-aufhoeren","30":"tag-neurodegenerative-erkrankung","31":"tag-raucherentwoehnung","32":"tag-roseola-infantum","33":"tag-schweiz","34":"tag-sechste-krankheit","35":"tag-switzerland","36":"tag-vakzinierung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@ch_de\/116371691931889111","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77098","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=77098"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77098\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/77099"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=77098"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=77098"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=77098"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}