{"id":77463,"date":"2026-04-09T08:46:06","date_gmt":"2026-04-09T08:46:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/77463\/"},"modified":"2026-04-09T08:46:06","modified_gmt":"2026-04-09T08:46:06","slug":"die-schweiz-waechst-europa-schrumpft-und-beide-sind-unzufrieden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/77463\/","title":{"rendered":"Die Schweiz w\u00e4chst, Europa schrumpft \u2013 und beide sind unzufrieden"},"content":{"rendered":"<p>    <img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/174508455_highres.jpg\" width=\"1300\" height=\"867\" alt=\"Der Liegebereich in Z\u00fcrichs Badeanstalt Oberer Letten.\" loading=\"eager\" decoding=\"sync\" fetchpriority=\"high\"\/><\/p>\n<p>                Wohin nur mit dem Strandtuch? Das Standbad Oberer Letten in Z\u00fcrich versinnbildlicht das Bev\u00f6lkerungswachstum der Schweiz.            <\/p>\n<p>            Keystone \/ Ennio Leanza        <\/p>\n<p>        Der demographische Wandel und die Arbeitsmigration ver\u00e4ndern Europa und die Schweiz. Gewinner gibt es kaum, und auch keine tragf\u00e4higen Zukunftsvisionen. Dabei stehen die grossen Umbr\u00fcche erst bevor. Analyse.\n<\/p>\n<p>        Dieser Inhalt wurde am ver\u00f6ffentlicht    <\/p>\n<p>        08. April 2026 &#8211; 08:00\n<\/p>\n<p>Man spricht Deutsch in Schweizer Spit\u00e4lern, Hochdeutsch. Das Schweizer Gesundheitswesen w\u00e4re ohne ausl\u00e4ndische Fachkr\u00e4fte l\u00e4ngst nicht mehr organisierbar.<\/p>\n<p>\u00dcber <a href=\"https:\/\/www.srf.ch\/news\/schweiz\/aerztestatistik-2024-berufsverband-schlaegt-alarm-wegen-der-vielen-auslaendischen-aerzte\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">41 Prozent aller \u00c4rztinnen und \u00c4rzteExterner Link<\/a> haben ihr Diplom im Ausland erworben. An einigen Spit\u00e4lern liegt ihr Anteil weitaus h\u00f6her. So am Universit\u00e4tsspital Z\u00fcrich, wo \u00fcber 50 Prozent der \u00c4rzteschaft aus dem Ausland stammt, viele davon aus Deutschland.<\/p>\n<p>Der \u00ab\u00c4rzteklau\u00bb ist dabei nur das prominenteste Beispiel f\u00fcr das, was \u00d6konomen als \u00abImport von Humankapital\u00bb bezeichnen. Die Schweiz kann viele offenen Stellen nur dank der Zuwanderung aus dem EU-Raum besetzen.<\/p>\n<p>Und das auf verschiedenen Ebenen: \u00abCharakteristisch f\u00fcr die Schweiz ist ihre F\u00e4higkeit, sowohl F\u00fchrungskr\u00e4fte wie auch ungelernte Arbeiter gleichzeitig anzuziehen \u2013 f\u00fcr Stellen, die von Schweizern verschm\u00e4ht werden\u00bb, sagt Philippe Wanner, Professor f\u00fcr Demographie an der Universit\u00e4t Genf.<\/p>\n<p>Unzufriedenheit in der Schweiz<\/p>\n<p>Die Folge dieser Zuwanderung ist ein anhaltendes Bev\u00f6lkerungswachstum. Mit Ausnahme von einigen Kleinstaaten erlebte kein anderes Land in Europa seit der Jahrtausendwende <a href=\"https:\/\/www.iwp.swiss\/paper\/arbeitsmigration-in-die-schweiz\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">eine so starke NettozuwanderungExterner Link<\/a>.<\/p>\n<p>Das hat Auswirkungen auf Verkehr, Infrastruktur und den Immobilienmarkt und in der Schweiz eine Debatte \u00fcber den sogenannten Dichtestress ausgel\u00f6st. Staustunden, Mieten- und Wohneigentumspreise in der Schweiz sind in den letzten Jahren stark gestiegen.<\/p>\n<p>Der Politik ist es nicht gelungen, die Effekte der Zuwanderung gen\u00fcgend abzufedern \u2013 ein Vers\u00e4umnis, das der Demograph Wanner auch auf die Tr\u00e4gheit des f\u00f6deralistischen Systems zur\u00fcckf\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die wachsende Unzufriedenheit gipfelt in der Abstimmungsvorlage \u00fcber die \u00ab10-Millionen-Schweiz\u00bb, die im Juni vors Volk kommt. Die von der Schweizerischen Volkspartei (SVP) lancierte Initiative verlangt, die Einwohnerzahl bis 2050 unter 10 Millionen zu halten, selbst wenn das auf Kosten der Personenfreiz\u00fcgigkeit und damit der bilateralen Beziehungen mit der EU gehen sollte.<\/p>\n<p>\n    Mehr<\/p>\n<p>    <img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/454006733_highres_f166ae.jpg\" width=\"1091\" height=\"738\" alt=\"Dichtestress? Sommerliche Szene am Seeufer in Z\u00fcrich.\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" fetchpriority=\"auto\"\/><\/p>\n<p>        Mehr    <\/p>\n<p>        Schweizer Politik\n        <\/p>\n<p>        \u00abKeine 10-Millionen-Schweiz\u00bb: Soll die Schweiz ihre Bev\u00f6lkerungszahl begrenzen?    <\/p>\n<p class=\"teaser-wide-card__excerpt\">\n<p>                        Dieser Inhalt wurde am ver\u00f6ffentlicht                    <\/p>\n<p>                        08. Apr. 2026                    <\/p>\n<p>                Am 14. Juni stimmt die Schweizer Stimmbev\u00f6lkerung \u00fcber die SVP-Initiative \u00abKeine 10-Millionen-Schweiz\u00bb ab. Diese will die Zuwanderung deckeln.            <\/p>\n<p>    <a class=\"teaser-wide-card__link\" href=\"https:\/\/www.swissinfo.ch\/ger\/schweizer-politik\/keine-10-millionen-schweiz-soll-die-schweiz-ihre-bev%c3%b6lkerungszahl-begrenzen\/91165182\" target=\"_self\" rel=\"nofollow noopener\"><\/p>\n<p>            Mehr \u00abKeine 10-Millionen-Schweiz\u00bb: Soll die Schweiz ihre Bev\u00f6lkerungszahl begrenzen?<br \/>\n    <\/a><\/p>\n<p>Aktuell hat die Schweiz rund 9,1 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Das Bundesamt f\u00fcr Statistik rechnet bis 2050 mit 10,3 Millionen. Eigentlich w\u00fcrden die tiefen Geburtenzahlen ab 2035 zu einer Abnahme der Bev\u00f6lkerung f\u00fchren \u2013 die Fertilit\u00e4tsrate in der Schweiz betrug zuletzt rekordtiefe 1,29 Kinder pro Frau.<\/p>\n<p>Dieser Geburtenr\u00fcckgang wird durch die Zuwanderung aber \u00fcberkompensiert. Auch <a href=\"https:\/\/population.un.org\/wpp\/assets\/Files\/WPP2024_Summary-of-Results.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">die UNO sagt der SchweizExterner Link<\/a> ein anhaltendes Wachstum voraus, und zwar f\u00fcr den kompletten Prognosehorizont bis Ende des Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Die EU und ihre Binnenunterschiede<\/p>\n<p>Anders in der Europ\u00e4ischen Union: Hier hat die Bev\u00f6lkerung laut Eurostat 2026 ihren Zenit erreicht und wird von diesem Zeitpunkt an schrumpfen.<\/p>\n<p>Dies umso mehr, als die EU-ihre Aussengrenze mehr und mehr abschottet und die Geburten pro Frau im Mittel ebenfalls auf ein Rekordtief gesunken sind: <a href=\"https:\/\/ec.europa.eu\/eurostat\/web\/products-eurostat-news\/w\/ddn-20260306-1\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Mit 1,34 im Jahr 2024Externer Link<\/a> lag die Fertilit\u00e4tsrate auch im EU-Raum deutlich unter dem sogenannten Erhaltungswert von 2,1 Kindern pro Frau, bei dem eine Generation die n\u00e4chste vollst\u00e4ndig ersetzt.<\/p>\n<p>Allerdings gibt es je nach Land sehr unterschiedliche Dynamiken. In 14 von Eurostat in einem Vergleich erfassten L\u00e4ndern nimmt die Bev\u00f6lkerung heute bereits ab, w\u00e4hrend deren 25 noch steigende Einwohnerzahlen verzeichnen. Auch hier ist der Hauptgrund die Binnenmigration.<\/p>\n<p>Nebst den Kleinstaaten wie Luxembourg oder Malta geh\u00f6ren etwa Irland oder die Niederlande zu den Wachstumsl\u00e4ndern. Wie die Schweiz verfolgen sie eine offensive Steuerpolitik \u2013 und auch sie klagen \u00fcber Wachstumsschmerzen.<\/p>\n<p>Am schnellsten schrumpfen die Staaten im Baltikum, im Westbalkan und in Osteuropa. Aber auch Griechenland und Italien beklagen einen rasanten Bev\u00f6lkerungsverlust. Es entstehen demographische W\u00fcsten. Im S\u00fcden Italiens, der achtgr\u00f6ssten Volkswirtschaft der Welt, entleeren sich ganze Landstriche.<\/p>\n<p>\u00abMigration fungiert als Ausgleichsmechanismus f\u00fcr den Arbeitsmarkt\u00bb, sagt Leo van Wissen; er leitet das Projekt \u00abPremium EU\u00bb, das Migrationseffekte und ihre politische Bew\u00e4ltigung untersucht. Eine zentrale Erkenntnis des Niederl\u00e4nders ist, dass Migration nicht entlang von L\u00e4ndergrenzen verl\u00e4uft. Umw\u00e4lzungen finden auch subnational statt. Van Wissen empfiehlt der EU deshalb, Regionen und nicht L\u00e4nder mit Ausgleichsmassnahmen zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Regionale Effekte lassen sich auch f\u00fcr die Schweiz feststellen, wenn auch etwas andere. So verzeichnen s\u00e4mtliche Kantone eine Nettomigration aus dem Ausland.<\/p>\n<p>In den Wirtschaftszentren Z\u00fcrich und Genf sind der internationale Migrationsdruck und die Lebenskosten unterdessen so hoch, dass eine Verdr\u00e4ngung der Ans\u00e4ssigen stattfindet. Dementsprechend verzeichnen die Nachbarkantone Aargau und Freiburg die mit Abstand h\u00f6chste Binnenmigration \u2013 sie nehmen die Ausweichenden auf.<\/p>\n<p>\u00dcbersch\u00e4tzte Effekte der Arbeitsmigration<\/p>\n<p>Doch wie stark profitieren L\u00e4nder vom Import von Humankapital? Es ist in der Schweiz eine der grossen Fragen, gerade vor der Abstimmung im Juni.<\/p>\n<p>Eine Antwort gibt es auf Ebene des Bruttoinlandproduktes. Im Falle der Schweiz ist das BIP \u00fcber die letzten Jahre signifikant gestiegen. Kritiker wenden jedoch ein, dass die Schweiz nicht \u00fcberproportional von der Zuwanderung profitieren konnte.<\/p>\n<p>So entspricht das Wachstum des BIP pro Kopf in der Schweiz mit 23 Prozent in den Jahren 2000 bis 2022 dem Durchschnitt anderer westeurop\u00e4ischer L\u00e4nder \u2013 auch solchen mit deutlich geringeren Zuwanderungszahlen.<\/p>\n<p>Unbestritten ist, dass der Nachschub an Arbeitskr\u00e4ften das Problem der Sozialwerke entsch\u00e4rft, insbesondere der ersten S\u00e4ule der Altersvorsorge (AHV), die als Umlagesystem konstruiert ist: Jede arbeitst\u00e4tige Generation bezahlt die aktuell ausbezahlten Renten.<\/p>\n<p>Ohne Zuwanderung w\u00fcrde der AHV wegen der Pensionierung der Babyboomer der finanzielle Kollaps drohen. Das Problem ist aber nur aufgeschoben. Sobald die arbeitst\u00e4tige Bev\u00f6lkerung gegen\u00fcber den Pensionierten zur\u00fcckgeht, holt es die Schweiz wieder ein. Denn f\u00fcr die Zugewanderten entstehen neue Rentenanspr\u00fcche.<\/p>\n<p>Wettbewerb um junge Menschen<\/p>\n<p>Der Demograph Philippe Wanner sieht in der \u00abAbh\u00e4ngigkeit von hochqualifizierter Migration\u00bb eines der Hauptrisiken f\u00fcr die Schweiz. Da die nachfolgenden Generationen in allen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern kleiner w\u00fcrden, drohe diese Quelle auszutrocknen.<\/p>\n<p>\u00abNach klassischer Wirtschaftstheorie sollten sich durch die Pensionierung der Babyboomer in den Herkunftsl\u00e4ndern Chancen f\u00fcr junge Generationen und potenziell bessere Lohnbedingungen durch den Arbeitskr\u00e4ftemangel ergeben\u00bb, sagt Wanner. \u00abEs ist ungewiss, ob die Schweiz in Zukunft noch alle ben\u00f6tigten Arbeitskr\u00e4fte finden wird.\u00bb<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich sind viele Staaten nicht mehr bereit, den Brain-Drain hinzunehmen und haben Massnahmen ergriffen. Italien und Griechenland, deren Rentensysteme die \u00f6ffentlichen Haushalte heute schon massiv belasten, werben mit weitreichenden Steuererleichterungen daf\u00fcr, dass ausgewanderte Fachkr\u00e4fte zur\u00fcckkehren. Polen und Rum\u00e4nien setzen Steueranreize, um junge Arbeitskr\u00e4fte im eigenen Land zu halten.<\/p>\n<p>Daneben haben viele europ\u00e4ische Staaten auch ihre familienpolitischen oder teils pronatalistischen Massnahmen ausgeweitet. Die \u00dcberzeugung, dass die \u00dcberalterung zum Problem wird, hat sich in der Politik auf breiter Basis durchgesetzt.<\/p>\n<p>Im n\u00e4chsten Jahrhundert wird laut Prognosen der UNO nur noch die Bev\u00f6lkerung auf dem afrikanischen Kontinent wachsen, \u00fcberall sonst geht sie zur\u00fcck. F\u00fcr die EU-L\u00e4nder prognostiziert Eurostat bis 2100 einen Bev\u00f6lkerungsr\u00fcckgang gegen\u00fcber 2024 von 449 auf 419 Millionen \u2013 bei anhaltender Migration aus Drittstaaten. Der grosse demographische Umbruch in Europa ist erst angelaufen.<\/p>\n<p>Die unbekannte Variable<\/p>\n<p>Doch was diese Bev\u00f6lkerungsprognosen heute noch ausblenden, ist der Einfluss von K\u00fcnstlicher Intelligenz. Es ist bezogen auf die Zukunft eine der grossen Unbekannten.<\/p>\n<p>Einige Demografen wie auch \u00d6konominnen erwarten, dass die Produktionsgewinne durch KI die demographisch bedingten L\u00fccken im Arbeitsmarkt schliessen und die Finanzierung der Sozialwerke sichern k\u00f6nnten. Es ist die optimistische Lesart.<\/p>\n<p>In der pessimistischen beendet KI die \u00c4ra der Besch\u00e4ftigung f\u00fcr weite Teile der Bev\u00f6lkerung und hebt die politische und gesellschaftliche Ordnung aus den Angeln, mit weitreichenden Folgen f\u00fcr Geburtenraten und Migration.<\/p>\n<p>Vorderhand verst\u00e4rkt der demografische Wandel den Migrationsdruck \u2013 und in den gefragten Berufsgruppen die Dominoeffekte: Die in die Schweiz ausgewanderten \u00c4rzte werden in Deutschland durch Berufsleute aus Polen ersetzt, jene in Polen durch Fachkr\u00e4fte aus der Ukraine und Weissrussland. Und so geht es weiter.<\/p>\n<p>Die Kaskade endet in Zentralasien. In abgelegenen Regionen in Tadschikistan oder Kirgisien, wo weit und breit keine \u00c4rztin und kein Arzt zu finden sind.<\/p>\n<p>Wie sehen Sie das Schweizer Bev\u00f6lkerungswachstum? Diskutieren Sie hier mit:<\/p>\n<p>        Mehr    <\/p>\n<p>            Soll die Schweiz die Zuwanderung  begrenzen?        <\/p>\n<p class=\"teaser-wide-debate-card__text\">\n<p>                Wie erleben Sie die wachsende Bev\u00f6lkerung der Schweiz? Sehen Sie f\u00fcr den Fachkr\u00e4ftemangel eine Alternative zur Zuwanderung?  Ihre Meinung interessiert uns!\n        <\/p>\n<p>    <a class=\"teaser-wide-debate-card__link\" href=\"https:\/\/www.swissinfo.ch\/ger\/schweizer-politik\/zuwanderung-schweiz-wieviel\/48583508\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p>             Diskussion anzeigen<br \/>\n    <\/a><\/p>\n<p>Editiert von Balz Rigendinger<\/p>\n<p>        Artikel in dieser Story    <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wohin nur mit dem Strandtuch? Das Standbad Oberer Letten in Z\u00fcrich versinnbildlicht das Bev\u00f6lkerungswachstum der Schweiz. 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