{"id":81166,"date":"2026-04-13T03:34:07","date_gmt":"2026-04-13T03:34:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/81166\/"},"modified":"2026-04-13T03:34:07","modified_gmt":"2026-04-13T03:34:07","slug":"eine-lange-und-gefaehrliche-krankheit-menopause-genannt-diepresse-com","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/81166\/","title":{"rendered":"Eine \u201elange und gef\u00e4hrliche Krankheit\u201c, Menopause genannt \u2013 DiePresse.com"},"content":{"rendered":"<p>Die Wechseljahre machen sich in Wellen bemerkbar. Das betrifft nicht nur die Symptome, das betrifft auch die Thematisierung. Derzeit gibt es wieder einen Peak, im Vergleich zu fr\u00fcheren mit einem Novum.<\/p>\n<p>Auch in Romanen r\u00fcckt die Menopause n\u00e4mlich jetzt in den Mittelpunkt, besonders erfolgreich in den vergangenen Jahren: \u201eAuf allen Vieren\u201c von Miranda July. Die d\u00e4nische Filmemacherin Louise Unmack Kjeldsen wiederum sammelte Erfahrungsberichte und Expertenwissen in aller Welt und machte daraus ihren Dokumentarfilm \u201eMein neues altes Ich\u201c, der immer noch in manchen \u00f6sterreichischen Kinos zu sehen ist. Im Interview mit dem \u201eStandard\u201c erz\u00e4hlte sie, dass skurriler Weise das Thema Menopause, das immerhin die H\u00e4lfte der Menschheit irgendwann betrifft, f\u00fcr manche Sender \u201ezu nischig\u201c gewesen sei\u2026<\/p>\n<p>Trotzdem geht die Wahrnehmung der Wechseljahre als vernachl\u00e4ssigtes oder auch (aus patriarchalischen Gr\u00fcnden oder Scham) verdr\u00e4ngtes Tabuthema teilweise weit an der Realit\u00e4t vorbei. Die Geschichte des \u00f6ffentlichen Redens und Schreibens dar\u00fcber ist viel reicher und l\u00e4nger, als man meinen k\u00f6nnte. Auch wenn die Frauen selbst sehr sp\u00e4t begannen, daran teilzuhaben: Das geschah erst ab der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts, zun\u00e4chst im Kontext der b\u00fcrgerlichen Frauenbewegung, oft mit dem Anliegen, dieser beschwerlichen Phase (auch) etwas Positives, eine neue Freiheit abzugewinnen.<\/p>\n<p>In ihrem 1993 publizierten Manifest \u201eThe Change\u201c schrieb die australische Feministin Germaine Greer, sie habe in der Literatur fr\u00fcherer Zeiten nach Vorbildern f\u00fcr den Umgang mit der Menopause gesucht. Doch nicht einmal verschl\u00fcsselt habe sie Hinweise darauf gefunden. Kein Wunder. Dass die Wechseljahre in ferner Vergangenheit noch inexistent erscheinen, hat nat\u00fcrlich damit zu tun, dass Frauen ihre Lebenserfahrungen so gut wie nie schriftlich ausdr\u00fccken konnten und durften. Das Ende der weiblichen Fruchtbarkeit w\u00e4re aber wohl ohnehin kein gro\u00dfes Thema gewesen, da Frauen aufgrund der niedrigen Lebenserwartung diese Phase oft gar nicht erreichten.<\/p>\n<p>Was vor dem 19. Jahrhundert dar\u00fcber kursierte, war vor allem von fehlendem Wissen und misogynen Vorstellungen gepr\u00e4gt. Da wurde zum Beispiel noch im 18. Jahrhundert ein f\u00e4lschlich dem mittelalterlichen Dominikaner und Gelehrten Albertus Magnus zugeschriebener Text ver\u00f6ffentlicht, der behauptete, das Ende der Menstruation sei gef\u00e4hrlich f\u00fcr die Umwelt der Frau. Das sich stauende Blut w\u00fcrde n\u00e4mlich b\u00f6se Gem\u00fctsregungen in ihr hervorrufen und ihre Augen infizieren \u2013 und durch ihren Blick dann auch Menschen um sich herum.<\/p>\n<p>Den Wendepunkt brachte Paris. Ende des 18. Jahrhunderts war es das unbestrittene Zentrum der medizinischen Welt. An riesigen Krankenh\u00e4usern wie dem H\u00f4tel-Dieu oder der Maternit\u00e9 wurde zum ersten Mal systematisch Gyn\u00e4kologie gelehrt. \u00c4rzte befassten sich spezifisch mit dem Ende der Menstruation und ihren k\u00f6rperlichen und seelischen Begleiterscheinungen, f\u00fchrten das Thema zumindest in Fachkreisen aus der Schamzone heraus, ver\u00f6ffentlichten dar\u00fcber: und das ein halbes Jahrhundert fr\u00fcher als in anderen L\u00e4ndern wie England. Sie reagierten damit offenbar auch auf Bed\u00fcrfnisse ihrer an Beschwerden leidenden weiblichen Klientel aus den oberen Gesellschaftsschichten. Man kann sagen, die Menopause war bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts eine spezifisch franz\u00f6sische \u201eKrankheit\u201c. Der Fokus verschob sich dabei \u2013 auf die Gefahr f\u00fcr die Frau selbst.<\/p>\n<p>Von den \u201egro\u00dfen Gefahren, die dem Ausfall dieser Funktion vorausgehen, ihn begleiten und ihm folgen\u201c schrieb im Jahr 1805 der franz\u00f6sische Arzt L.J.S. Jallon in seiner Dissertation, und f\u00fcgte hinzu: \u201eDies ist zweifellos der Grund f\u00fcr die Bezeichnung ,kritisches Alter\u2019\u201c. Man sprach vom \u201ekritischen Alter\u201c, ja vom \u201egef\u00e4hrlichen Alter\u201c. Das war nichts anderes als die Entsprechung zum gebr\u00e4uchlichen Begriff \u201eKlimakterium\u201c, der aus der antiken Astrologie stammt und eine gef\u00e4hrliche, zu durchlebende Zeit bezeichnet.<\/p>\n<p>Diese gef\u00e4hrliche Phase wurde urspr\u00fcnglich f\u00fcr beide Geschlechter verwendet (mehr dazu sp\u00e4ter), nun r\u00fcckte die weibliche in den Fokus. Mit der Gefahr meinte man nun aber nicht die Gefahr f\u00fcr die Gesellschaft \u2013 das kam im 19. Jahrhundert teilweise wieder (weil die Frau in dieser Phase instabil, unberechenbar sei etc.). Die \u00c4rzte meinten vielmehr die negativen Auswirkungen der ausbleibenden Menstruation f\u00fcr die Frau selbst; man assoziierte diese Umstellung mit vielen physischen und psychischen Leiden. Der franz\u00f6sische Aufkl\u00e4rer Denis Diderot etwa beschrieb die Wechseljahre als \u201elange und gef\u00e4hrliche Krankheit\u201c.<\/p>\n<p>Dabei hatten die franz\u00f6sischen Mediziner zwar noch falsche Erkl\u00e4rungen (wie das sich verh\u00e4ngnisvoll im K\u00f6rper stauende Blut). Doch die Symptome der Frauen, die sie beschreiben, klingen zum Teil frappierend heutig: Von Hitzewallungen (\u201eFeuer und Hitze im K\u00f6rper\u201c) \u00fcber Schlaflosigkeit, Schmerzen im ganzen K\u00f6rper, bis zu \u201eTraurigkeit\u201c und \u201eMelancholie\u201c. Sp\u00e4ter kommen auch Reizbarkeit, Unruhe, Stimmungsschwankungen in den Beschreibungen vor (\u201eallerlei Bizarrerien\u201d, fasst das der deutsche Chirurg und Geburtshelfer Dietrich Heinrich Wilhelm Busch 1839 flapsig zusammen). Dabei waren die Autoren stark vom neuen Biologismus der Aufkl\u00e4rung gepr\u00e4gt: Die Schw\u00e4che und Unterlegenheit der Frau wurde nun nicht mehr religi\u00f6s, sondern biologisch begr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Mit dem \u201ekritischen\u201c oder \u201egef\u00e4hrlichen Alter\u201c wurden in Frankreich Begriffe geboren, die nachhaltigen Einfluss hatten. Noch wirksamer war der Begriff \u201eMenopause\u201c. 1816 schlug Charles Pierre Louis de Gardanne in seinem Werk \u00fcber die \u201eFrauen, die in das kritische Alter eintreten\u201c den Begriff \u201em\u00e9nespausie\u201c vor. In der zweiten Auflage 1821 wurde er durch das weniger sperrige \u201emenopause\u201c ersetzt, abgeleitet von den altgriechischen W\u00f6rtern \u201emenos\u201c f\u00fcr Menstruation und \u201epausis\u201c f\u00fcr Ende, Unterbrechung. Der Terminus verbreitete sich rasch in der medizinischen Literatur, auch in anderen Sprachen. Seitdem sind die Wechseljahre als eigene und wichtige Phase im weiblichen Leben etabliert.<\/p>\n<p>Und was ist mit dem Mann? Erstaunlich alt ist die Rede von der \u201em\u00e4nnlichen Menopause\u201c. Schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts begannen englische \u00c4rzte, den franz\u00f6sischen Terminus auch f\u00fcr M\u00e4nner zu verwenden. Die Idee einer m\u00e4nnlichen Menopause habe ihn begeistert, schrieb sp\u00e4ter etwa Sigmund Freud: Er vermutete, sie k\u00f6nne Ursache von Angstst\u00f6rungen bei M\u00e4nnern sein. Auch der ab dem f\u00fcnften Lebensjahrzehnt einsetzende Schwund der m\u00e4nnlichen Sexualhormone kann physische wie psychische Beschwerden verursachen (von Bauchfett und Muskelabbau bis zu depressiven Verstimmungen, Schlaflosigkeit und \u00c4ngstlichkeit). Da die Andropause aber anders als die Menopause langsam und kontinuierlich erfolgt, erhielten ihre Auswirkungen weit weniger Aufmerksamkeit \u2013 und das ist bis heute so. Auch M\u00e4nner k\u00f6nnten sich also durchaus diskriminiert f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Der weibliche Wechsel wiederum wurde die l\u00e4ngste Zeit vor allem (und nicht verwunderlich) als negative Lebensphase, als eine Art Krankheit, als Weg in den Mangel gesehen. Eine positive Sicht auf diese Zeit \u2013 als Um- im Sinne von Aufbruch \u2013 wurde erst propagiert, als Frauen gesellschaftlich nicht mehr auf die Rolle von Ehefrau und Mutter beschr\u00e4nkt waren, sich nicht mehr darauf festlegen lie\u00dfen.<\/p>\n<p>War dieser positive Spin fr\u00fcher ganz inexistent? Wohl nicht. Aus dem Frankreich des 17. Jahrhunderts etwa ist eine h\u00fcbsche Umschreibung f\u00fcr die Menopause \u00fcberliefert: \u201eDas Gesch\u00e4ft hat zu.\u201c Darin dr\u00fcckt sich nicht nur eine realistische Sicht auf die damalige Rolle der Frau als Geb\u00e4rmaschine aus, sondern auch Humor \u2013 und vermutlich eine gute Portion weibliche Erleichterung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Wechseljahre machen sich in Wellen bemerkbar. 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