{"id":82366,"date":"2026-04-14T11:10:09","date_gmt":"2026-04-14T11:10:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/82366\/"},"modified":"2026-04-14T11:10:09","modified_gmt":"2026-04-14T11:10:09","slug":"praezisionspsychiatrie-in-genf-gibt-es-das-arztrezept-bald-nur-noch-nach-einem-hirnscan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/82366\/","title":{"rendered":"Pr\u00e4zisionspsychiatrie in Genf: Gibt es das Arztrezept bald nur noch nach einem Hirnscan?"},"content":{"rendered":"<p>    <img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/069_Bsip_014082_078_CROP.jpg\" width=\"3000\" height=\"2035\" alt=\"Schizophrenie: MRT-Aufnahmen des Gehirns bei Schizophrenie mit Beginn im Kindesalter, die Bereiche mit Hirnwachstum und Gewebeverlust zeigen.\" loading=\"eager\" decoding=\"sync\" fetchpriority=\"high\"\/><\/p>\n<p>                Ein Scan, der Bereiche mit Hirnwachstum und Gewebeverlust bei einem Patienten mit im Kindesalter auftretender Schizophrenie zeigt.            <\/p>\n<p>            AFP        <\/p>\n<p>        In Genf experimentieren Psychiater:innen und Neurowissenschaftler:innen mit einer Kombination von personalisierter Hirnstimulation und KI. Ihr Ziel: Den Patient:innen langwierige und unwirksame Standardbehandlungen ersparen und schnell die am besten geeignete Therapie finden.\n<\/p>\n<p>        Dieser Inhalt wurde am ver\u00f6ffentlicht    <\/p>\n<p>        13. April 2026 &#8211; 10:17\n<\/p>\n<p>Bei psychischen Erkrankungen wie Depressionen dauert es heute oft Wochen, bis eine Behandlung anschl\u00e4gt. Bei anderen Krankheitsbildern wie Schizophrenie sind bestimmte Symptome noch gar nicht behandelbar. <\/p>\n<p>Oft braucht es mehrere Versuche, bis der richtige Wirkstoff in der richtigen Dosis gefunden wird. Die m\u00f6gliche Folge f\u00fcr Patient:innen: Nebenwirkungen durch falsche Behandlung und eine l\u00e4ngere Leidenszeit.\u00a0<\/p>\n<p>Am Universit\u00e4tsspital Genf und der Universit\u00e4t Genf versuchen Wissenschaftler:innen nun, durch die Kombination von Kernspintomographie (MRT) und K\u00fcnstlicher Intelligenz (KI) diejenigen Therapien zu identifizieren, die f\u00fcr die einzelnen Patient:innen am ehesten wirksam sind.\u00a0<\/p>\n<p>Anstatt auf der Suche nach der richtigen Behandlung m\u00fchsam herumzupr\u00f6beln, k\u00f6nnten Patient:innen in Zukunft ihr Hirn also mittels Bildgebung abkl\u00e4ren lassen. Anschliessend w\u00fcrde eine KI die Krankengeschichte und biologische Parameter auswerten und der behandelnden Fachperson Informationen dazu liefern, welche Art von Behandlung \u2013 Medikamente, Psychotherapie oder Hirnstimulation \u2013 am meisten Erfolg verspricht. <\/p>\n<p>Dieser Ansatz k\u00f6nnte die Diagnose und die Behandlung psychischer Erkrankungen grundlegend revolutionieren.\u00a0<\/p>\n<p>Vom Hirnscan zur massgeschneiderten Behandlung<\/p>\n<p>Seit Jahren versuchen Neurowissenschaftler:innen zu verstehen, wie das Gehirn funktioniert und welche Areale von psychischen St\u00f6rungen betroffen sind. \u00abMittels Bildgebung haben wir herauszufinden versucht, was im Gehirn genau passiert\u00bb, erkl\u00e4rt Stefan Kaiser, Professor f\u00fcr Psychiatrie der Universit\u00e4t Genf und Leiter der Psychiatrie am Universit\u00e4tsspital Genf. \u00abDieses neurologische Wissen k\u00f6nnen wir nun zur Optimierung der Behandlung nutzen.\u00bb<\/p>\n<p>F\u00fcr Matthias Kirschner, Psychiater und Forscher am Universit\u00e4tsspital Genf, besteht das \u00fcbergeordnete Ziel darin, \u00abden Austausch zwischen Forschung und Klinik zu verbessern.\u00bb Am Campus Biotech, wo er seine Patient:innen empf\u00e4ngt, finden sich die klinische Psychiatrie, Neuro- und Datenwissenschaft unter einem Dach. <\/p>\n<p>Im neuen Zentrum, das im Dezember er\u00f6ffnet wurde, sollen innovative Therapien nicht nur getestet, sondern durch den engen Austausch zwischen Forschung und Klinik laufend weiterentwickelt werden.<\/p>\n<p>Neues Forschungsfeld<\/p>\n<p>Elena Beanato ist f\u00fcr die Zusammenarbeit und die reibungslose Kommunikation zwischen den rund 50 Fachpersonen innerhalb der neuen Struktur zust\u00e4ndig. \u00abDer Campus Biotech ist seit Jahren ein Zentrum f\u00fcr neurowissenschaftliche Forschung\u00bb, h\u00e4lt Beanato fest. <\/p>\n<p>\u00abNun haben wir das Projekt um die Konsultationen zu Gehirnerkrankungen und psychischer Gesundheit erweitert. Dadurch ist nun ein Forschungsumfeld entstanden, von dem Patient:innen und Wissenschaft profitieren.\u00bb<\/p>\n<p>\n    Mehr<\/p>\n<p>    <img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/93773980_highres.jpg\" width=\"1300\" height=\"830\" alt=\"Ein schl\u00e4ger\u00e4hnliches Ger\u00e4t in der N\u00e4he des Kopfs einer behandelten Person\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" fetchpriority=\"auto\"\/><\/p>\n<p>        Mehr    <\/p>\n<p>        Innovationen im Gesundheitswesen\n        <\/p>\n<p>        Das Comeback der Elektrostimulation in der Psychiatrie    <\/p>\n<p class=\"teaser-wide-card__excerpt\">\n<p>                        Dieser Inhalt wurde am ver\u00f6ffentlicht                    <\/p>\n<p>                        29. Apr. 2025                    <\/p>\n<p>                Weil die Entwicklung neuer Behandlungsformen bei psychischen Krankheiten stagniert, erleben \u00e4ltere Methoden wie die Elektrostimulation ein Revival.            <\/p>\n<p>    <a class=\"teaser-wide-card__link\" href=\"https:\/\/www.swissinfo.ch\/ger\/innovationen-im-gesundheitswesen\/das-comeback-der-elektrostimulation-in-der-psychiatrie\/89231576\" target=\"_self\" rel=\"nofollow noopener\"><\/p>\n<p>            Mehr Das Comeback der Elektrostimulation in der Psychiatrie<br \/>\n    <\/a><\/p>\n<p>Auch KI soll in diesem Modell eine Schl\u00fcsselrolle \u00fcbernehmen. Im Dezember schloss sich das Zentrum mit dem AI-Hub von Campus Biotech zusammen.\u00a0\u00abIn Zukunft k\u00f6nnten die Daten aus der klinischen Konsultation, von Gehirnscans und aus Forschungsprotokollen analysiert und so Muster erkannt werden, die eine Prognose zur Wirksamkeit einer Behandlung zulassen\u00bb, erkl\u00e4rt Kirschner. <\/p>\n<p>Dadurch m\u00f6chte man von allgemeinen Diagnosekategorien wegkommen und pr\u00e4zisere Behandlungen erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Personalisierte Neuromodulation<\/p>\n<p>Eines der vielversprechendsten Instrumente der Pr\u00e4zisionspsychiatrie ist die Neuromodulation mittels transkranialer Magnetstimulation (TMS). Kirschner beschreibt diese Methode als Stimulation von Hirnarealen \u00fcber Magnetfelder.<\/p>\n<p>TMS wird in vielen L\u00e4ndern bereits zur Behandlung von Depressionen eingesetzt und ist auch in der Schweiz als Behandlung zugelassen. Allerdings ist Neuromodulation nicht \u00fcber die Grundversicherung gedeckt und muss von den Patient:innen selbst bezahlt werden.<\/p>\n<p>Im Hub k\u00f6nnen Patient:innen nun im Rahmen einer Studie zur Behandlung von Motivationsverlust bei Schizophrenie von dieser neuartigen Therapie profitieren. Von den angestrebten 70 Personen haben bereits 30 an der Studie teilgenommen,\u00a0 eine umfangreichere Studie ist f\u00fcr 2027 geplant.<\/p>\n<p>Alternative zum Standardverfahren<\/p>\n<p>\u00abWenn die Studie schl\u00fcssige Erkenntnisse liefert, k\u00f6nnte ein Zulassungsantrag bis 2030 ins Auge gefasst werden\u00bb, meint Studienleiterin Indrit B\u00e8gue. Transkraniale Magnetstimulation ist ein nicht invasives Verfahren. \u00abBei TMS wirken Magnetfelder auf spezifische Hirnareale ein. Dadurch werden die Schaltkreise von Nervenzellen angeregt und ein therapeutischer Effekt erzielt.\u00bb<\/p>\n<p>Neu ist in Genf nicht nur die Technik selbst, sondern auch ihre Anwendung. Bis anhin wurden bei allen Patient:innen mittels Neuromodulation die gleichen Hirnregionen stimuliert. In Genf testet man nun Alternativen zu diesem Standardvorgehen.<\/p>\n<p>\u00abDas menschliche Gehirn kann die unterschiedlichsten Formen und Gr\u00f6ssen annehmen. Regen wir bei allen Patient:innen die gleichen Regionen an, erhalten wir heterogene Resultate, und in einigen F\u00e4llen auch gar keine\u00bb, erkl\u00e4rt B\u00e8gue.<\/p>\n<p>Stattdessen verfolgt das Forschungsteam nun einen patientenspezifischen Ansatz: \u00abWir erstellen f\u00fcr alle unsere Patient:innen ein MRI ihres individuellen Hirnschaltkreises, um die ideale Zielregion zu identifizieren\u00bb, so B\u00e8gue. \u00abDie Stimulationsparameter werden dann entsprechend angepasst.\u00bb<\/p>\n<p>    <img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/154358455_highres.jpg\" width=\"1300\" height=\"870\" alt=\"Ein Forscher beobachtet eine Frau, die sich unter Hypnose einer transkraniellen Magnetstimulation (TMS) unterzieht.\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" fetchpriority=\"auto\"\/><\/p>\n<p>                Ein Forscher beobachtet eine Frau, die sich unter Hypnose einer transkraniellen Magnetstimulation (TMS) unterzieht.             <\/p>\n<p>            Keystone        <\/p>\n<p>Behandlung von Apathie bei Schizophrenie<\/p>\n<p>Die Studie befasst sich prim\u00e4r mit Schizophrenie, namentlich ihren negativen Symptomen wie Apathie und Mangel an Motivation.<\/p>\n<p>Halluzinationen und Wahnvorstellungen k\u00f6nnen mit Medikamenten meist gemildert werden. \u00abBei Apathie schlagen diese Wirkstoffe jedoch kaum an\u00bb, erkl\u00e4rt Kaiser.<\/p>\n<p>Das Team um Studienleiterin Indrit B\u00e8gue hat bei schizophrenen Patient:innen eine Verbindung zwischen dem Kleinhirn und dem Belohnungszentrum entdeckt. \u00abDas Kleinhirn wirkt im Belohnungszentrum wie ein Dirigent\u00bb, erkl\u00e4rt B\u00e8gue.<\/p>\n<p>Durch die Stimulierung dieses Schaltkreises \u00fcber f\u00fcnf Tage versuchen die Forscher:innen nun, die mangelnde Motivation bei Patient:innen wieder anzukurbeln. Die Schaltkreise sollen dadurch wieder \u00abzur\u00fcckgesetzt\u00bb und eine l\u00e4ngerfristige Besserung erzielt werden.<\/p>\n<p>Zu den Ergebnissen der laufenden Studie kann B\u00e8gue noch nicht Stellung nehmen, h\u00e4lt jedoch fest: \u00abUns stimmt bei diesem Ansatz zuversichtlich, dass die Patient:innen die Behandlung gut vertragen\u00bb.<\/p>\n<p>Das Risiko f\u00fcr Nebenwirkungen ist bei der personalisierten Neuromodulation minimal, weshalb sie langfristig als Erg\u00e4nzung oder Alternative zu psychoaktiven Wirkstoffen eingesetzt werden k\u00f6nnte. Zudem k\u00f6nnte der Genfer Ansatz laut Forschungskreisen auch bei anderen St\u00f6rungen zur Anwendung kommen, z. B. bei bestimmten Formen von Depressionen.<\/p>\n<p>Prognose mittels KI<\/p>\n<p>Wenn die personalisierte Neuromodulation in der Lage ist, ein Verfahren in der Psychiatrie zu ver\u00e4ndern, k\u00f6nnte KI die gesamte Entscheidungsfindung grundlegend umkrempeln.<\/p>\n<p>Heute werden in der Psychiatrie standardm\u00e4ssig verschiedene Behandlungen nacheinander ausprobiert. \u00abDas Ganze l\u00e4uft ein bisschen nach dem Trial-and-Error-Prinzip\u00bb, konstatiert Kaiser.<\/p>\n<p>Im neuen KI-Hub am Campus Biotech m\u00f6chte man Instrumente entwickeln, die Daten aus Klinik und Bildgebung auswerten und pr\u00e4zisere Patientenprofile erstellen. Langfristig m\u00f6chte man damit vorhersagen k\u00f6nnen, welche Art von Behandlung bei welcher Person am ehesten anschl\u00e4gt.<\/p>\n<p>\u00abPsychotherapie wirkt nicht bei allen Patient:innen, und gleiches gilt auch f\u00fcr Medikamente und Neuromodulation\u00bb, gibt B\u00e8gue zu bedenken.<\/p>\n<p>Ihr schwebt vor, dass \u00c4rzte aufgrund von Krankengeschichte, Verhaltensdaten und Hirnscans von Anfang an die am besten geeignete Behandlung empfehlen k\u00f6nnen \u2013 sei es Stimulation, Psychotherapie, Medikamente oder eine Kombinationstherapie.<\/p>\n<p>Labor f\u00fcr Pr\u00e4zisionspsychiatrie<\/p>\n<p>\u00abPsychische Erkrankungen k\u00f6nnen in so vielen Facetten auftreten. Depression beispielsweise ist ein Sammelbegriff f\u00fcr unterschiedlichste Auspr\u00e4gungen\u00bb, erl\u00e4utert Kaiser. Die Pr\u00e4zisionspsychiatrie anerkennt diese Vielfalt und setzt entsprechend auf eine gezielte Behandlung.<\/p>\n<p>F\u00fcr Patient:innen mit Gehirnerkrankungen heisst das, dass sie weniger Zeit mit unwirksamen Behandlungen verlieren: Anstelle einer Standardbehandlung k\u00f6nnten sie vielmehr von massgeschneiderten L\u00f6sungen profitieren.<\/p>\n<p>\u00dcbertragung aus dem Englischen mithilfe von KI: Lorenz Mohler; Editiert von Virginie Mangin\/ts<\/p>\n<p>        Mehr    <\/p>\n<p>            Wie werden psychische Krankheiten in Ihrem Land behandelt?        <\/p>\n<p class=\"teaser-wide-debate-card__text\">\n<p>                In der Schweiz werden immer mehr Menschen mit Elektrotherapien oder Psychotherapien mit Psychedelika behandelt. Kennen Sie \u00e4hnliche Ans\u00e4tze?\n        <\/p>\n<p>    <a class=\"teaser-wide-debate-card__link\" href=\"https:\/\/www.swissinfo.ch\/ger\/innovationen-im-gesundheitswesen\/wie-werden-psychische-krankheiten-in-ihrem-land-behandelt\/89264528\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p>             Diskussion anzeigen<br \/>\n    <\/a><\/p>\n<p>        Artikel in dieser Story    <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein Scan, der Bereiche mit Hirnwachstum und Gewebeverlust bei einem Patienten mit im Kindesalter auftretender Schizophrenie zeigt. 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