{"id":83779,"date":"2026-04-15T17:01:13","date_gmt":"2026-04-15T17:01:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/83779\/"},"modified":"2026-04-15T17:01:13","modified_gmt":"2026-04-15T17:01:13","slug":"riesiges-magmareservoir-unter-der-toskana-entdeckt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/83779\/","title":{"rendered":"Riesiges Magmareservoir unter der Toskana entdeckt"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Toskana in Mittelitalien ist nicht nur ein beliebtes Urlaubsziel, sie ist auch f\u00fcr gute Geothermie-Bedingungen bekannt. Jetzt haben Geologen den Grund daf\u00fcr entdeckt: Unter der Toskana liegt ein zuvor unerkanntes Reservoir glutfl\u00fcssigen Gesteins. Die durch seismische Messungen aufgesp\u00fcrte Magmakammer umfasst rund 6000 Kubikkilometer Magma. Das ist \u00e4hnlich viel wie bei bekannten Supervulkanen wie dem Yellowstone-Vulkangebiet in den USA oder dem Taupo-Supervulkan in Neuseeland. Die riesige, in acht bis 15 Kilometer Tiefe liegende Magmakammer erkl\u00e4rt die gro\u00dfe geothermische Hitze unter der Toskana. R\u00e4tselhaft ist allerdings noch, warum von diesem Supervulkan-Magmareservoir bisher keine gro\u00dfe Eruption bekannt ist. Die Forschenden spekulieren, dass es an der speziellen Zusammensetzung des Magmas liegt.<\/p>\n<p>Ob Yellowstone in den USA, die Campi Flegrei bei Neapel oder der Toba in Indonesien: Supervulkane wie diese sind die Giganten unter den vulkanischen Ph\u00e4nomenen unseres Planeten. Ihre Magmakammern fassen tausende Kubikkilometer glutfl\u00fcssigen Gesteins, ihre Eruptionen rei\u00dfen gewaltige Krater \u2013 Calderen \u2013 in den Untergrund und k\u00f6nnen ganze Kontinente mit Asche und anderen vulkanischen Ablagerungen \u00fcberziehen. Von ihrer Pr\u00e4senz zeugen neben der bis zu hundert Kilometer gro\u00dfen Caldera meist nur Gasaustritte, Geysire und Bodenverformungen \u2013 einen \u201eFeuerberg\u201c wie bei normalen Vulkanen gibt es nicht. Wenn jedoch eine Caldera und typische Eruptionsspuren fehlen, kann es schwierig sein, solche Supervulkane zu identifizieren \u2013 vor allem, wenn sie schon seit langem nicht mehr ausgebrochen sind.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wissenschaft.de\/wp-content\/uploads\/2\/6\/26-04-15-toskana2.jpg\" rel=\"attachment wp-att-343265 nofollow noopener\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-343265\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/26-04-15-toskana2-300x241.jpg\" alt=\"Wellenlaufzeiten\" width=\"300\" height=\"241\"  \/><\/a>Geschwindigkeitsanomalien seismischer Wellen unter der Toskana. \u00a9 Lupi et al.\/ Communications Earth &amp; Environment, <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-nd\/4.0\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">CC-by-nc-nd 4.0<\/a>Gebremste Wellen unter der Toskana<\/p>\n<p>Genau dies ist in der Toskana der Fall, wie ein Team um Matteo Lupi von der Universit\u00e4t Genf entdeckt hat. In dieser Region im Westen Mittelitaliens liegt zwar die sogenannte Toskanische Magmatische Provinz (TMP), von ihr waren aber bislang weder gr\u00f6\u00dfere Eruptionen bekannt noch Magmakammern oder aktive Vulkane. Einzig einige kleinere Fundorte von vulkanischen Ablagerungen und Gesteinen lieferten Hinweise, au\u00dferdem eine besonders gro\u00dfe Hitze im Untergrund. \u201eWir wissen schon l\u00e4nger, dass diese Region geothermisch aktiv ist\u201c, erkl\u00e4rt Lupi. Im toskanischen Larderello versorgt diese unterirdische Hitze eines der \u00e4ltesten Geothermie-Kraftwerke der Welt. Doch trotz dieser Hinweise konnten Bohrungen und seismologische Messungen bisher kein Magma in der Erdkruste unter der Toskana nachweisen \u2013 auch, weil es an ausreichend pr\u00e4zisen und dichten seismischen Messtationen fehlte.<\/p>\n<p>Deshalb haben Lupi und sein Team zur Untersuchung der \u201eUnterwelt\u201c der Toskana im Jahr 2020 ein Netzwerk von 60 Breitband-Seismometern in dieser Region installiert. Die Sensoren registrierten nicht nur Erdbeben, sondern auch schw\u00e4chere Ersch\u00fctterungen durch nat\u00fcrliche Prozesse wie Meereswellen, Wind oder menschliche Aktivit\u00e4ten. Mithilfe dieser Hintergrundvibrationen und speziellen Analysen konnten die Forschenden die Laufzeiten seismischer Wellen in der oberen und mittleren Erdkruste unter der Toskana erstmals genauer kartieren. Tats\u00e4chlich zeigten die Auswertungen eine Auff\u00e4lligkeit: In etwa acht bis 15 Kilometer Tiefe waren die seismischen Wellen deutlich verlangsamt. \u201eDie Wellengeschwindigkeit war in rund zehn Kilometer Tiefe um rund 1,25 Kilometer pro Sekunde verringert \u2013 das entspricht einer Verlangsamung um 40 Prozent \u201e, berichten die Geologen. \u201eEin so geringes Tempo geht g\u00e4ngiger Annahme nach auf das Vorhandensein von Magma oder partiellen Schmelzen zur\u00fcck.\u201c<\/p>\n<p>Magmavolumen entspricht Yellowstone und Co<\/p>\n<p>Konkret zeigten die Messdaten: Unter der Toskana liegt eine riesige Magmakammer \u2013 ein unterirdisches Reservoir voll glutfl\u00fcssigen Gesteins. \u201eUnsere Resultate zeigen, dass das Kerngebiet unter Lardarello einen Anteil fl\u00fcssiger Schmelze von mehr als 80 Prozent aufweist\u201c, schreiben Lupi und seine Kollegen. \u201eIm \u00e4u\u00dferen, st\u00e4rker auskristallisierten Bereich liegt der Anteil der Schmelze noch bei rund 20 Prozent.\u201c Die Geologen sch\u00e4tzen, dass das aus zwei miteinander verbundenen Zonen bestehende Magmareservoir unter der Toskana insgesamt rund 6000 Kubikkilometer Magma enth\u00e4lt. \u201eDas gesch\u00e4tzte Magmavolumen der Toskanischen Magmatischen Provinz hat damit die gleiche Gr\u00f6\u00dfenordnung wie die einiger der gr\u00f6\u00dften eruptiven Systeme weltweit, darunter der Yellowstone-Supervulkan, das Long-Valley-Vulkangebiet und der Taupo-Supervulkan\u201c, so die Forschenden. Auch der im Untergrund der Toskana gemessene W\u00e4rmefluss sei vergleichbar mit dem des Yellowstone-Vulkans. Einige geophysikalische Merkmale der Toskana-Magmazone wie die seismische Aktivit\u00e4t, Gasaustritte und Fl\u00fcssigkeitsstr\u00f6me im Untergrund \u00e4hneln zudem dem aktiven Vulkangebiet der Campi Flegrei bei Neapel.<\/p>\n<p>Das Merkw\u00fcrdige jedoch: Anders als diese bekannten Supervulkane gibt es in der Toskana keinerlei Anzeichen f\u00fcr eine gr\u00f6\u00dfere Eruption. \u201eDer Grund, warum diese enorme Menge an schmelzfl\u00fcssigem Magma dort nie zu einem Ausbruch f\u00fchrte, ist r\u00e4tselhaft und strittig\u201c, erkl\u00e4ren Lupi und sein Team. Sie vermuten, dass die besondere geochemische Zusammensetzung des Magmas daf\u00fcr eine Rolle spielte. Ihren Analysen zufolge muss die toskanische Gesteinsschmelze sehr z\u00e4hfl\u00fcssig und eher k\u00fchl sein. \u201eSolche Magmen k\u00f6nnen sich in der oberen Kruste ansammeln und eine visk\u00f6se Barriere bilden, die den weiteren Aufstieg von Schmelzen verhindert\u201c, erkl\u00e4ren sie. Dies w\u00fcrde erkl\u00e4ren, warum es in der Toskana zwar Geothermie und hei\u00dfe Fl\u00fcssigkeiten im Untergrund gibt, aber weder eine Caldera noch Ablagerungen einer vergangenen Supervulkan-Eruption. Nach Einsch\u00e4tzung der Forschenden sorgt diese spezielle geologische Struktur daf\u00fcr, dass auch in naher Zukunft kein Ausbruch dieses Magmareservoirs zu bef\u00fcrchten ist.<\/p>\n<p>Quelle: Matteo Lupi (Universit\u00e4t Genf) et al., Communications Earth &amp; Environment, <a href=\"https:\/\/www.nature.com\/articles\/s43247-026-03334-0\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">doi: 10.1038\/s43247-026-03334-0<\/a><\/p>\n<p class=\"entry-meta meta-small\"> \u00a9 wissenschaft.de &#8211; Nadja Podbregar<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Toskana in Mittelitalien ist nicht nur ein beliebtes Urlaubsziel, sie ist auch f\u00fcr gute Geothermie-Bedingungen bekannt. 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