{"id":86771,"date":"2026-04-17T12:09:08","date_gmt":"2026-04-17T12:09:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/86771\/"},"modified":"2026-04-17T12:09:08","modified_gmt":"2026-04-17T12:09:08","slug":"in-aller-freundschaft-war-herztransplantation-realistisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/86771\/","title":{"rendered":"\u201eIn aller Freundschaft\u201c: War Herztransplantation realistisch ?"},"content":{"rendered":"<p class=\"initial richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">In TV-Seriengeschichten erzeugt das Sterben einer Hauptfigur einen emotionalen Schock in der Zuschauergemeinde. Tr\u00e4nendr\u00fcsen werden vors\u00e4tzlich gemolken. Manchmal wird ein Tod mitsamt seinen Folgen aber auch unter Fachleuten diskutiert.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Gewiss d\u00fcrfte der Anteil von \u00c4rzten, die sich die Krankenhausserie \u201eIn aller Freundschaft\u201c zu Gem\u00fcte f\u00fchren, gering sein. Doch wurde soeben bei der Tagung \u201eHerzmedizin 2026\u201c in Mannheim die Serienentwicklung der j\u00fcngsten Vergangenheit zum Pausenthema: Die Kardiologin Prof. Maria Weber (Annett Renneberg) ist an einem Hirntumor erkrankt, an dem sie bald sterben wird. Lebensverl\u00e4ngernde Ma\u00dfnahmen w\u00fcnscht sie nicht, ihre Organe hat sie vorab zur Transplantation freigegeben.<\/p>\n<p>Zu viele Schicksalsf\u00fcgungen im TV?      <\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Nach einem Bootsunfall <a href=\"https:\/\/www.ardmediathek.de\/video\/in-aller-freundschaft\/folge-1131-koennen-wunder-geschehen\/mdr\/Y3JpZDovL21kci5kZS9zZW5kdW5nLzI4MTA2MC8yMDI2MDMxNzIwMDAvaWFmLWVyc3RhdXN0cmFobHVuZy1pbS1lcnN0ZW4tc3RhZmZlbC1uZXVudW5kendhbnppZy1mb2xnZS0xMDA\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">kurz nach ihrer Hochzeit (in Folge 1131) <\/a>ist sie hirntot, ihr weiterhin schlagendes Herz wird ausgerechnet in die Brust eines Patienten verpflanzt, der in der Leipziger \u201eSachsenklinik\u201c auf der Intensivstation liegt. Dieser Patient ist Jakob Heilmann, der Sohn von Maria Webers TV-Arztkollegen Dr. Roland Heilmann (Thomas R\u00fchmann). Kann das? Darf das? Wie realistisch oder wie absurd ist eine solche Schicksalsverkn\u00fcpfung? Kardiologen sind gegen Herzschmerz in der Regel gefeit, aber das hier war einigen zu viel.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Der positive Aspekt ist die schauspielerische Leistung. Annett Renneberg kennen viel von ihrer fr\u00fcheren Rolle als Signorina Elettra in den \u201eCommissario Brunetti\u201c-Verfilmungen von Donna Leon, nun hat sie an Reife und Tiefe gewonnen. \u00dcber Wochen spielte sie famos ihre Zerrissenheit: zwischen der Todesangst, dem Schmerz, ihre Familie zur\u00fccklassen zu m\u00fcssen, ihren neurologischen Ausf\u00e4llen und ihrem Vorsatz, ihre Erkrankung m\u00f6glichst geheim zu halten, sogar vor ihrem Lebenspartner und Klinikkollegen Dr. Kai Hoffmann (Julian Weigend). Am Ende heiraten beide, viel Blumen, viel Weichzeichner, doch das Gl\u00fcck ist \u2013wie gesagt: der Bootsunfall \u2013 nicht von langer Dauer.<\/p>\n<p>Gro\u00dfe Themen: das Leben, der Tod und die Medizin      <\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Die Episode wird damit zu einem Lehrst\u00fcck \u00fcber Grenzziehung. Sie erinnert daran, dass jedes Leben nur begrenzt erweitert werden kann und dass die Akzeptanz dieser Grenze nicht Niederlage, sondern Selbstbehauptung ist. Weber, die im Laufe ihrer Serienbiografie immer wieder um Verantwortung und Professionalit\u00e4t gerungen hat, entzieht sich am Ende einem System, das oft auf Verl\u00e4ngerung ausgelegt scheint. Ihr Tod setzt damit ein Zeichen gegen das zuweilen apodiktische Fortschrittsdenken der Medizin: Er erinnert daran, dass Sterben Teil des Menschseins bleibt \u2013 und dass gerade die Aufrichtigkeit des Verzichts die W\u00fcrde des Einzelnen bewahrt.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\"><a href=\"https:\/\/www.ardmediathek.de\/video\/in-aller-freundschaft\/folge-1132-das-leben-geht-weiter\/mdr\/Y3JpZDovL21kci5kZS9zZW5kdW5nLzI4MTA2MC8yMDI2MDMzMTIwMDAvaWFmLWVyc3RhdXN0cmFobHVuZy1pbS1lcnN0ZW4tc3RhZmZlbC1uZXVudW5kendhbnppZy1mb2xnZS0xMDQ\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Die Herztransplantation in Folge 1132 <\/a>bietet den erz\u00e4hlerischen Kulminationspunkt. In der medizinischen Realit\u00e4t wie in der Fiktion ist sie ein Akt h\u00f6chster Ambivalenz: Sie verwandelt den Tod in die Bedingung des Weiterlebens. Der Transplantationsprozess verlangt dabei mechanische und moralische Genauigkeit zugleich \u2013 das Herz darf nur entnommen werden, wenn der Hirntod festgestellt ist, wenn klare Zustimmung in Form eines Spenderausweises oder einer Angeh\u00f6rigenentscheidung vorliegt. Die Serie nutzt das, um in symbolischer Dichte das Spannungsfeld zwischen pers\u00f6nlicher Trauer und kollektiver Ethik zu beleuchten.<\/p>\n<p>Wie realistisch war die Herztransplantation?      <\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">In der Regel behandelt \u201eIn aller Freundschaft\u201c medizinische Sachverhalte sorgf\u00e4ltig. In den aktuellen Folgen erlebt man zuverl\u00e4ssige Diagnostik und Therapieman\u00f6ver bei einem Fall von Morbus Fabry (einem Enzymdefekt) oder bei dem anfangs unerkl\u00e4rlichen Fieberschub eines Patienten, der einen Afrika-Aufenthalt in der Klinik unerw\u00e4hnt lie\u00df; nun hat er Malaria.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Doch wie pr\u00e4zise und realistisch schildert Folge 1132 die Herztransplantation? Unsere Redaktion bat Professor Udo Boeken, Herzchirurg am Universit\u00e4tsklinikum <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/duesseldorf\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">D\u00fcsseldorf<\/a> und dort Bereichsleiter f\u00fcr die Herztransplantationen, sich die Folge anzuschauen. Sein Fazit: \u201eEiniges ist korrekt recherchiert, vieles aber auch falsch und total unrealistisch.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Jener Jakob Heilmann, der Empf\u00e4nger, liegt also auf der Intensivstation. Warum? Seit langer Zeit ist er schwer herzkrank und wartet dringend auf eine Transplantation. Als sich sein Zustand verschlechtert, bekommt er ein LVAD-System, ein sogenanntes linksventrikul\u00e4res Unterst\u00fctzungssystem. Es handelt sich um eine mechanische Pumpe, die in einer Operation implantiert und an das Herz des Patienten angeschlossen wird. Ein Kunstherz ist es nicht; das LVAD unterst\u00fctzt lediglich das Herz dabei, mehr Blut mit weniger Kraftaufwand zu pumpen. Es kann \u00fcber Monate seine Arbeit tun.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Eine dramatische Serienbeschleunigung tritt nun ein, als die Kan\u00fcle von Jakobs LVAD-System einen schweren Infekt in der linken Herzkammer hervorruft, an der er unbehandelt \u201enach wenigen Stunden\u201c verst\u00fcrbe, wie die Fernseh\u00e4rzte bef\u00fcrchten. Boeken bezweifelt dieses Zeitintervall, zumal \u201ewenn das LVAD sonst gut l\u00e4uft. Solche Patienten warten bei uns in der Uniklinik oft Monate im Status HU (high urgent = sehr dringend).\u201c Gewiss sei eine solche \u201eflottierende Struktur im linken Ventrikel wie in diesem Fall durchaus lebensbedrohlich, aber in der Regel f\u00fchrt sie nicht zum Tod in wenigen Stunden oder auch Tagen. Das l\u00e4sst sich mit Antibiotika und auch Blutverd\u00fcnnung meist gut unter Kontrolle halten, aber nie ausheilen \u2013 deshalb die H\u00f6herstufung in den Status HU.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Ein Beispiel f\u00fcr haneb\u00fcchene Abl\u00e4ufe, so Boeken, sei die Szene mit dem Telefonanruf, um die fiktive Organisation \u201eNeotransplant\u201c zu informieren, dass Jakob Heilmann wegen seiner massiven Verschlechterung mit hoher Priorit\u00e4t wieder auf die Liste m\u00fcsse. Boeken: \u201eDas geht nie per Telefon, sondern immer per Eingabe vieler Parameter in eine Datenbank bei Eurotransplant. Ebenso funktioniert die Status-H\u00f6herstufung auch nur mit Eingaben und Mail-\u00dcbermittlung; danach gibt es eine mehrst\u00fcndige Begutachtung durch drei Auditoren.\u201c<\/p>\n<p>Unstimmigkeiten zugunsten der Fernsehtauglichkeit      <\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Dass das Herz von Maria Weber ausgerechnet in der Brust von Jakob Heilmann weiterschlagen darf, findet Boeken fachlich problematisch: \u201eNormalerweise w\u00fcrde man f\u00fcr einen gro\u00dfen kr\u00e4ftigen m\u00e4nnlichen Empf\u00e4nger, zumal mit LVAD, niemals ein Spenderherz einer zierlichen weiblichen Spenderin nehmen. Dabei handelt es sich um ein sogenanntes Gr\u00f6\u00dfen-Mismatch, das geht meist schief.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Sehr verk\u00fcrzt und vereinfacht im Sinne der Fernsehtauglichkeit sei die gemeinsame Ankunft der sogenannten Entnahmeteams aus unterschiedlichen St\u00e4dten. Boeken: \u201eDie reisen niemals gemeinsam an. Au\u00dferdem kommt jedes Team mit einem gro\u00dfen Equipment und nicht nur mit einer einzelnen traurigen Transportbox. Diese Styroporboxen sind auch gar nicht mehr Standard.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Weiterhin hadert Boeken mit den drastischen Verk\u00fcrzungen bei den Abl\u00e4ufen. V\u00f6llig unrealistisch sei es, dass die Entnahmeteams die medizinischen Voraussetzungen f\u00fcr die Organentnahme \u201evorgelesen bekommen, w\u00e4hrend sie sich steril waschen\u201c. In Wirklichkeit m\u00fcssen alle Protokolle, Dokumente und medizinischen Daten vorab ausf\u00fchrlich studiert werden. Solche Gr\u00fcndlichkeit ist in 45 Minuten Sendezeit gewiss unm\u00f6glich, aber in Folge 1131 entsteht der Eindruck, als sei eine solche Entnahme ein fl\u00fcchtiger Vorgang zwischen T\u00fcr und Angel.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\"><a href=\"https:\/\/www.ardmediathek.de\/video\/in-aller-freundschaft\/folge-1135-flammen-der-hoffnung\/mdr\/Y3JpZDovL21kci5kZS9zZW5kdW5nLzI4MTA2MC8yMDI2MDQyMTIxMDAvaWFmLWVyc3RhdXN0cmFobHVuZy1pbS1lcnN0ZW4tc3RhZmZlbC1uZXVudW5kendhbnppZy1mb2xnZS1mdWVuZi0xMDA\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Daf\u00fcr geht Folge 1135 \u00fcbertrieben auf Nummer sicher: <\/a>Da ist bei einer Herzkatheteruntersuchung eine Narkose\u00e4rztin anwesend. Das ist an der Realit\u00e4t v\u00f6llig vorbei und bereitet echten Kardiologen (die diesen Eingriff ja stets allein durchf\u00fchren) ziemliche Herzschmerzen. Nun, die \u201eSachsenklinik\u201c hat medizinisch in diesem Detail ebenfalls ihre eigenen Leitlinien. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"In TV-Seriengeschichten erzeugt das Sterben einer Hauptfigur einen emotionalen Schock in der Zuschauergemeinde. Tr\u00e4nendr\u00fcsen werden vors\u00e4tzlich gemolken. 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