{"id":88808,"date":"2026-04-19T01:04:10","date_gmt":"2026-04-19T01:04:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/88808\/"},"modified":"2026-04-19T01:04:10","modified_gmt":"2026-04-19T01:04:10","slug":"nahrungsmittelunvertraeglichkeit-intoleranz-oder-allergie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/88808\/","title":{"rendered":"Nahrungsmittelunvertr\u00e4glichkeit: Intoleranz oder Allergie?"},"content":{"rendered":"<p>Paris \u2013 \u00a0Unerw\u00fcnschte Reaktionen auf Lebensmittel sind nicht selten. Sie \u00e4u\u00dfern sich in einer Vielzahl an Beschwerden. \u00c4rzte unterscheiden zwischen toxischen und nicht-toxischen Reaktionen.<\/p>\n<p>Toxische Reaktionen entstehen beispielsweise durch verdorbene oder kontaminierte Lebensmittel. Nicht-toxische Reaktionen umfassen vor allem Nahrungsmittelintoleranzen und Nahrungsmittelallergien.<\/p>\n<p>Auf den Journ\u00e9es francophones d\u2019h\u00e9pato-gastroent\u00e9rologie et d\u2019oncologie digestive 2026 (JFHOD) vom 19. bis 22. M\u00e4rz 2026 erl\u00e4uterte Dr. Gilles Macaigne aus Montfermeil die Unterschiede zwischen Intoleranzen und Allergien. Er betonte, wie wichtig eine klare Abgrenzung f\u00fcr eine angemessene Versorgung sei [1].\u00a0<\/p>\n<p>Nahrungsmittelintoleranzen: Unterschiedliche Mechanismen<\/p>\n<p>Nahrungsmittelintoleranzen beruhen auf nicht-immunologischen Reaktionen. H\u00e4ufig liegen den beschwerden Enzymdefekte zugrunde, etwa ein Laktasemangel, der zu einer Laktoseintoleranz f\u00fchrt.\u00a0<\/p>\n<p>Ein Teil der Intoleranzen steht zudem mit der Aufnahme biogener Amine in Zusammenhang, insbesondere von Histamin. Dieses kann direkt \u00fcber histaminreiche Lebensmittel wie Meeresfr\u00fcchte oder Sauerkraut aufgenommen werden. Daneben gibt es Nahrungsmittel, die die Freisetzung von Histamin im K\u00f6rper f\u00f6rdern, etwa Schokolade oder bestimmte Zusatzstoffe.<\/p>\n<p>Eine vergleichsweise neue Form der Intoleranz ist die nicht-z\u00f6liakische Weizensensitivit\u00e4t. Dabei scheinen nicht nur Gluten, sondern auch andere Getreideproteine aus Weizen, Roggen oder Gerste sowie sogenannte FODMAPs eine Rolle zu spielen. FODMAPs sind kurzkettige, schlecht resorbierbare Kohlenhydrate, die im Darm Wasser binden und von Darmbakterien vergoren werden, was Bl\u00e4hungen und Bauchbeschwerden beg\u00fcnstigt.<\/p>\n<p>Die Beschwerden \u00e4hneln h\u00e4ufig dem Reizdarmsyndrom: Nach dem Verzehr treten neben Verdauungsproblemen auch Beschwerden au\u00dferhalb des Darms auf, die sich bei Verzicht auf die ausl\u00f6senden Lebensmittel wieder bessern. Die Diagnose erfolgt, nachdem sowohl eine Z\u00f6liakie als auch eine IgE-vermittelte Weizenallergie ausgeschlossen wurden.<\/p>\n<p>IgE-vermittelte Allergien<\/p>\n<p>Nahrungsmittelallergien sind immunologisch bedingte Reaktionen. Man unterscheidet zwischen IgE-vermittelten und nicht-IgE-vermittelten Formen.<\/p>\n<p>IgE-vermittelte Allergien entsprechen einer unmittelbaren Typ-I-\u00dcberempfindlichkeit. Beim 1. Kontakt mit dem Allergen kommt es zur Sensibilisierung des Immunsystems. Bei erneutem Verzehr l\u00f6st das Allergen dann die allergische Reaktion aus.<\/p>\n<p>Die Beschwerden treten meist rasch auf \u2013 innerhalb von Minuten bis wenigen Stunden nach dem Essen. M\u00f6glich sind Verdauungssymptome wie Bauchschmerzen, Erbrechen oder Durchfall. H\u00e4ufig kommen Hautreaktionen, Atemwegsbeschwerden oder allgemeine Symptome hinzu. In schweren F\u00e4llen kann es zu einem anaphylaktischen Schock kommen.<\/p>\n<p>Orales Allergiesyndrom\u00a0<\/p>\n<p>Das orale Allergiesyndrom ist eine IgE-vermittelte Allergie, die durch Kreuzreaktionen zwischen Nahrungsmitteln und inhalativen Allergenen, insbesondere Pollen, entsteht. Betroffen sind vor allem Pollenallergiker, die bestimmte rohe Obst- oder Gem\u00fcsesorten verzehren.<\/p>\n<p>Die Beschwerden setzen meist schnell ein, h\u00e4ufig innerhalb von etwa 15 Minuten nach dem Essen. Typisch sind Symptome im Mund- und Rachenraum wie Juckreiz, Kribbeln, Lippen\u00f6deme oder Schluckbeschwerden. In seltenen F\u00e4llen kann es zu einer systemischen Reaktion bis hin zu einem anaphylaktischen Schock kommen.<\/p>\n<p>Die Behandlung basiert vor allem auf einer gezielten Ern\u00e4hrungsanamnese, um die zugrunde liegende Kreuzreaktion mit Pollenallergenen zu erkennen. In ausgew\u00e4hlten F\u00e4llen kann eine allergenspezifische Immuntherapie oder Desensibilisierung in Betracht gezogen werden.<\/p>\n<p>Weizenabh\u00e4ngige, anstrengungsinduzierte Anaphylaxie<\/p>\n<p>Bei der weizenabh\u00e4ngigen, anstrengungsinduzierten Anaphylaxie (WDEIA) handelt es sich um eine seltene, aber potenziell schwere Nahrungsmittelallergie. Typischerweise wird sie durch den Verzehr weizenhaltiger Lebensmittel in Kombination mit anschlie\u00dfender k\u00f6rperlicher Belastung ausgel\u00f6st.<\/p>\n<p>Ursache ist meist eine IgE-vermittelte Allergie gegen die Omega-5-Gliadin-Fraktion des Weizens. Die Reaktion tritt auf, wenn Patienten innerhalb weniger Stunden nach dem Weizenkonsum k\u00f6rperlich aktiv sind. Die Erkrankung gilt als selten, wird jedoch seit etwa einem Jahrzehnt h\u00e4ufiger beobachtet. Die weltweite Pr\u00e4valenz liegt bei rund 0,08%. Etwa die H\u00e4lfte der Betroffenen weist zudem einen atopischen Hintergrund auf.<\/p>\n<p>Bestimmte Kofaktoren k\u00f6nnen das Risiko zus\u00e4tzlich erh\u00f6hen, darunter Alkohol, nichtsteroidale Antirheumatika, starke Hitze oder K\u00e4lte. Die Symptome treten meist etwa 3 Stunden nach dem Verzehr bei nachfolgender Belastung auf. M\u00f6glich sind zun\u00e4chst Verdauungsbeschwerden, gefolgt von systemischen Reaktionen bis hin zum anaphylaktischen Schock.<\/p>\n<p>Die Diagnose basiert auf der Anamnese, auf Hauttests sowie auf dem Nachweis spezifischer IgE-Antik\u00f6rper. In unklaren F\u00e4llen kann ein oraler Provokationstest unter station\u00e4ren Bedingungen erforderlich sein. Zur Vorbeugung empfelne \u00c4rzte, bis zu 3 Stunden nach einer weizenhaltigen Mahlzeit auf k\u00f6rperliche Anstrengung zu verzichten.<\/p>\n<p>Alpha-Gal-Syndrom<\/p>\n<p>Das Alpha-Gal-Syndrom ist eine Allergie gegen ein bestimmtes Zucker\u00admolek\u00fcl (Oligosaccharid), das im Fleisch von S\u00e4ugetieren vorkommt. Das Molek\u00fcl kann auch in einigen biologischen Arzneimitteln wie Cetuximab sowie in einzelnen tierischen Produkten medizinischer Herkunft vorkommen; eine Relevanz bei Heparin ist m\u00f6glich, aber nicht konsistent.<\/p>\n<p>Die Sensibilisierung entsteht meist nach einem Zeckenstich, der zur Bildung spezifischer IgE-Antik\u00f6rper f\u00fchrt. Beim sp\u00e4teren Verzehr von rotem Fleisch oder verarbeiteten Fleischprodukten tritt die allergischen Reaktion auf. Die Symptome beginnen meist 2 bis 6 Stunden nach dem Essen. Sie reichen von Haut- und Verdauungsbeschwerden bis hin zur Anaphylaxie reichen.<\/p>\n<p>Experten raten Betroffenen, Fleisch von S\u00e4ugetieren konsequent zu meiden. Zudem sind Vorsichtsma\u00dfnahmen bei bestimmten medizinischen Anwendungen erforderlich, etwa bei Xenotransplantaten wie Herzklappen sowie bei der Verwendung von Medikamenten wie Heparin oder Cetuximab.<\/p>\n<p>Nicht-IgE-vermittelte Nahrungsmittelallergien<\/p>\n<p>Nicht-IgE-vermittelte Nahrungsmittelallergien entsprechen einer verz\u00f6gerten Typ-IV-\u00dcberempfindlichkeit. Dabei kommt es zu einer entz\u00fcndlichen Reaktion der Darmschleimhaut, die durch Eosinophile oder Lymphozyten vermittelt wird.<\/p>\n<p>Die Beschwerden treten nicht sofort auf, sondern erst mehrere Stunden bis Tage nach dem Verzehr des ausl\u00f6senden Lebensmittels. Klinisch zeigt sich meist eine Enteropathie mit anhaltenden Verdauungsbeschwerden. Diese k\u00f6nnen chronisch werden und die Lebensqualit\u00e4t deutlich beeintr\u00e4chtigen.<\/p>\n<p>Eosinophile gastrointestinale Erkrankungen<\/p>\n<p>Zu den wichtigsten eosinophilen gastrointestinalen Erkrankungen mit m\u00f6glicher Nahrungsmittelassoziation z\u00e4hlen die eosinophile \u00d6sophagitis und die eosinophile Enterokolitis. H\u00e4ufig besteht eine atopische Veranlagung, die bei etwa 30 bis 75% der Betroffenen nachweisbar ist.<\/p>\n<p>Die eosinophile \u00d6sophagitis tritt deutlich h\u00e4ufiger auf als die eosinophile Enterokolitis. Ihre Pr\u00e4valenz wird mit etwa 10 bis 57 F\u00e4llen pro 100.000 Einwohner angegeben.<\/p>\n<p>Die Diagnose der eosinophilen \u00d6sophagitis erfolgt durch eine Biopsie der Speiser\u00f6hre. Dabei wird eine vermehrte eosinophile Infiltration der Schleimhaut nachgewiesen, in der Regel mit mehr als 15 Eosinophilen pro Gesichtsfeld. Zuerst werden alle anderen Ursachen einer gastrointestinalen Eosinophilie ausgeschlossen. Dazu z\u00e4hlen Parasitosen, medikament\u00f6se Ausl\u00f6ser wie Rifampicin oder NSAR, Autoimmunerkrankungen, Tumoren sowie ein hypereosinophiles Syndrom mit dauerhaft erh\u00f6hten Eosinophilenwerten \u00fcber 1.500\/mm\u00b3 \u00fcber mindestens 6 Monate.\u00a0<\/p>\n<p>Therapeutisch verordnen \u00c4rzte zun\u00e4chst Protonenpumpenhemmer. Bei unzureichendem Ansprechen kommen topische Kortikosteroide wie Budesonid zum Einsatz.\u00a0<\/p>\n<p>Food-Protein-induced-Enterocolitis-Syndrom<\/p>\n<p>Das Food-Protein-induced-Enterocolitis-Syndrom (FPIES; Nahrungsmittel-induziertes Enterokolitis-Syndrom) ist eine nicht-IgE-vermittelte Nahrungsmittelallergie, die auf den Magen-Darm-Trakt beschr\u00e4nkt bleibt und in der Regel ohne typische systemische allergische Symptome verl\u00e4uft. Ausl\u00f6ser k\u00f6nnen grunds\u00e4tzlich alle Nahrungsproteine sein. Oft handelt es sich um Kuhmilch, Soja und Getreide bei S\u00e4uglingen sowie Fisch oder Meeresfr\u00fcchte bei \u00e4lteren Kindern und Erwachsenen.<\/p>\n<p>Bei FPIES kommt es zu wiederholtem, starkem Erbrechen 1 bis 4 Stunden nach dem Verzehr des ausl\u00f6senden Lebensmittels. Diese k\u00f6nnen zu ausgepr\u00e4gter Dehydratation und einem schweren Krankheitsbild f\u00fchren.<\/p>\n<p>Die Diagnose st\u00fctzt sich vor allem auf klinische Kriterien. Entscheidendes Hauptkriterium ist die zeitliche Abfolge des Erbrechens nach der Nahrungsaufnahme. Hinzu kommen mehrere Nebenkriterien, die die Schwere der Symptomatik ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p>Die Behandlung umfasst in der Akutphase beispielsweise Ondansetron gegen das Erbrechen sowie die konsequente Vermeidung des ausl\u00f6senden Lebensmittels.<\/p>\n<p>Diagnostisches Vorgehen bei Verdacht auf Nahrungsmittelallergie<\/p>\n<p>Wie sollten \u00c4rzte beim Verdacht auf eine Allergie oder Intoleranz vorgehen? Im Mittelpunkt der Abkl\u00e4rung steht zun\u00e4chst die Anamnese. Dabei sollten insbesondere ein pers\u00f6nlicher oder famili\u00e4rer atopischer Hintergrund, ein zeitlicher Zusammenhang zwischen Nahrungsaufnahme und Beschwerden sowie das Auftreten gastrointestinaler Symptome mit oder ohne Allgemeinsymptome erfasst werden.<\/p>\n<p>Die weiteren Untersuchungen richten sich nach dem vermuteten Mechanismus. Bei Verdacht auf eine IgE-vermittelte Allergie werden Pricktests und die Bestimmung spezifischer IgE-Antik\u00f6rper durchgef\u00fchrt. Besteht der Verdacht auf eine nicht-IgE-vermittelte Form, eignen sich endoskopische Untersuchungen mit gastrointestinalen Biopsien.\u00a0<\/p>\n<p>Als Goldstandard zur Best\u00e4tigung einer IgE-vermittelten Allergie gilt der orale Provokationstest. Bei nicht-IgE-vermittelten Allergien k\u00f6nnen Eliminationsdi\u00e4ten hilfreich sein, ihre Interpretation ist jedoch h\u00e4ufig schwierig.<\/p>\n<p>Schnittstellen zwischen Gastroenterologie und Allergologie<\/p>\n<p>Die Aufgabe von Gastroenterologen ist laut Macaigne, bei entsprechenden Symptomen eben auch an eine Nahrungsmittelallergie zu denken. Besteht der Verdacht auf eine IgE-vermittelte Allergie, sollte zur weiteren Abkl\u00e4rung eine \u00dcberweisung zum Allergologen erfolgen.<\/p>\n<p>Nicht-IgE-vermittelte Erkrankungen geh\u00f6ren dagegen h\u00e4ufiger in den Bereich der Gastroenterologie. Dazu z\u00e4hlen insbesondere eosinophile gastrointestinale Erkrankungen, die prim\u00e4r gastroenterologisch diagnostiziert und behandelt werden.<\/p>\n<p>Der Artikel ist im Original erschienen auf <a href=\"https:\/\/www.univadis.fr\/index.php\/viewarticle\/jfhod-2026-allergies-alimentaires-comment-distinguer-chez-2026a100097v\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Univadis.fr<\/a>.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Paris \u2013 \u00a0Unerw\u00fcnschte Reaktionen auf Lebensmittel sind nicht selten. 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