{"id":9276,"date":"2026-02-17T22:28:11","date_gmt":"2026-02-17T22:28:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/9276\/"},"modified":"2026-02-17T22:28:11","modified_gmt":"2026-02-17T22:28:11","slug":"viele-kleine-gene-erhoehen-risiko","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/9276\/","title":{"rendered":"Viele kleine Gene erh\u00f6hen Risiko"},"content":{"rendered":"<p>Angst erf\u00fcllt eine biologische Funktion: Sie sch\u00fctzt uns vor Gefahren und hilft, Risiken einzusch\u00e4tzen. Problematisch wird es, wenn Angst den Alltag bestimmt, ohne erkennbaren Anlass auftritt oder sich kaum kontrollieren l\u00e4sst, wie es bei einer Angstst\u00f6rung der Fall ist. \u00dcber 4 Prozent der Weltbev\u00f6lkerung sind laut <a href=\"https:\/\/www.who.int\/news-room\/fact-sheets\/detail\/anxiety-disorders\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">WHO<\/a> davon betroffen. Das entspricht 359 Millionen Menschen. Die Frage nach den Ursachen besch\u00e4ftigt Betroffene, Angeh\u00f6rige und \u00c4rzte seit Jahrzehnten. <\/p>\n<p>Lange dominierten Erkl\u00e4rungen, die stark auf Pers\u00f6nlichkeit, Erziehung oder belastende Lebensereignisse setzten. Inzwischen r\u00fcckt die Forschung einen anderen Faktor in den Mittelpunkt. Eine der gr\u00f6\u00dften genetischen Untersuchungen zu diesem Thema zeigt, dass Angstst\u00f6rungen nicht pl\u00f6tzlich entstehen. Vielmehr bringen manche Menschen von Geburt an eine erh\u00f6hte biologische Anf\u00e4lligkeit mit. Diese Erkenntnis ver\u00e4ndert den Blick auf die Erkrankung \u2013 und sie er\u00f6ffnet neue Wege f\u00fcr Pr\u00e4vention und Therapie.<\/p>\n<p>Was Gene mit Angst zu tun haben<\/p>\n<p>An der k\u00fcrzlich in der Fachzeitschrift Nature Genetics ver\u00f6ffentlichten <a href=\"https:\/\/www.nature.com\/articles\/s41588-025-02485-8\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">Studie<\/a> waren Forschungsteams aus den USA, Kanada, Gro\u00dfbritannien und Deutschland beteiligt, darunter auch das <a href=\"https:\/\/www.uni-wuerzburg.de\/aktuelles\/pressemitteilungen\/single\/news\/genstudie-angststoerungen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">Universit\u00e4tsklinikum W\u00fcrzburg<\/a>. Analysiert wurden genetische Daten von mehr als 120.000 Menschen mit diagnostizierten Angstst\u00f6rungen sowie von rund 730.000 Personen ohne entsprechende Diagnose. Insgesamt flossen 36 unabh\u00e4ngige Datens\u00e4tze in die Auswertung ein.<\/p>\n<p>Das zentrale Ergebnis f\u00e4llt eindeutig aus: Es gibt kein einzelnes Gen, das Angstst\u00f6rungen ausl\u00f6st. Stattdessen wirken viele genetische Varianten zusammen. Jede einzelne erh\u00f6ht das Risiko nur minimal. In ihrer Gesamtheit k\u00f6nnen sie jedoch erkl\u00e4ren, warum manche Menschen besonders anf\u00e4llig sind. Fachleute sprechen von einem polygenen Risiko, also einem Zusammenspiel vieler kleiner genetischer Effekte.<\/p>\n<p>\u201eAngsterkrankungen und ihre zugrunde liegenden genetischen Risikofaktoren sind bislang nur unzureichend erforscht worden\u201c, sagt Studienleiter Prof. <a href=\"https:\/\/medicine.tamu.edu\/faculty-listings\/hettema.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">John Hettema<\/a> von der Texas A&amp;M University. Die neue Analyse schlie\u00dft nun eine wichtige L\u00fccke.<\/p>\n<p>Warum Angstst\u00f6rungen oft mit anderen Problemen einhergehen<\/p>\n<p>Ein besonders aufschlussreicher Befund betrifft die \u00dcberschneidung mit anderen psychischen Erkrankungen. Die genetischen Muster von Angstst\u00f6rungen \u00e4hneln stark denen von Depressionen, posttraumatischen Belastungsst\u00f6rungen und bestimmten Pers\u00f6nlichkeitsmerkmalen wie Neurotizismus. Auch Verbindungen zu Suizidversuchen fanden die Forscher.<\/p>\n<p>Diese genetischen Gemeinsamkeiten liefern eine biologische Erkl\u00e4rung f\u00fcr Beobachtungen aus der Praxis. Angst tritt selten isoliert auf. Viele Betroffene k\u00e4mpfen gleichzeitig mit <a href=\"https:\/\/smartup-news.de\/gesundheit\/warum-viele-psychisch-kranke-mehrere-erkrankungen-entwickeln\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">mehreren psychischen Belastungen<\/a>. Die Studie zeigt, dass diese Kombinationen kein Zufall sind, sondern tief in der Biologie verankert liegen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Einordnung sind drei Punkte besonders wichtig:<\/p>\n<p>Die Gene bestimmen nicht, ob jemand erkrankt, sondern wie hoch die Anf\u00e4lligkeit ist.<\/p>\n<p>Umweltfaktoren wie Stress, Traumata oder Krankheiten bleiben entscheidend.<\/p>\n<p>Die genetische Ausstattung erkl\u00e4rt, warum \u00e4hnliche Belastungen bei Menschen sehr unterschiedliche Folgen haben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Bekannte Wirkmechanismen und neue biologische Pfade<\/p>\n<p>Die Forscher identifizierten insgesamt 58 genetische Varianten, die mit Angstst\u00f6rungen in Verbindung stehen. Viele davon waren bislang unbekannt. Best\u00e4tigt wurden zugleich <a href=\"https:\/\/smartup-news.de\/gesundheit\/unser-stoffwechsel-lenkt-die-alterung-der-zellen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">Gene<\/a>, die am sogenannten GABAergen Signalweg beteiligt sind. GABA ist ein zentraler Botenstoff im Gehirn. Er wirkt d\u00e4mpfend auf Nervenzellen und spielt eine Schl\u00fcsselrolle bei der Regulation von Angst.<\/p>\n<p>Mehrere g\u00e4ngige Medikamente gegen Angstst\u00f6rungen setzen an diesem System an. Dass die Genstudie diesen Mechanismus best\u00e4tigt, st\u00e4rkt das Vertrauen in bestehende Therapien. Gleichzeitig weist die Analyse auf weitere biologische Signalwege hin, die bisher kaum beachtet wurden.<\/p>\n<p>Prof. <a href=\"https:\/\/www.med.uni-wuerzburg.de\/en\/epidemiologie\/institut\/mitarbeitende\/prof-dr-deckert-juergen-senior-professor\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">J\u00fcrgen Deckert<\/a> aus W\u00fcrzburg erkl\u00e4rt dazu: \u201eDie Ergebnisse liefern Hinweise auf bisher unbekannte molekulare Signalwege in der Entstehung von Angstzust\u00e4nden.\u201c Diese neuen Ansatzpunkte gelten als besonders spannend f\u00fcr die Entwicklung zuk\u00fcnftiger Medikamente.<\/p>\n<p>Keine Gentests, aber neue Chancen f\u00fcr die Behandlung<\/p>\n<p>Trotz der detaillierten genetischen Ergebnisse warnen die Forscher vor falschen Erwartungen. Die Daten eignen sich nicht f\u00fcr Gentests zur Diagnose von Angstst\u00f6rungen. Daf\u00fcr sind die einzelnen Effekte zu klein. Der praktische Nutzen liegt an anderer Stelle.<\/p>\n<p>Die Erkenntnisse helfen, Angstst\u00f6rungen besser zu verstehen. Sie zeigen, dass es sich um medizinische Erkrankungen mit klaren biologischen Grundlagen handelt. Dieses Wissen kann Stigmatisierung abbauen und den Zugang zu Hilfe erleichtern. Zudem unterst\u00fctzt es die Entwicklung gezielterer <a href=\"https:\/\/smartup-news.de\/gesundheit\/forscher-beobachten-alzheimer-plaques-im-lebenden-gehirn\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">Therapien<\/a>, die an unterschiedlichen biologischen Mechanismen ansetzen.<\/p>\n<p>Langfristig k\u00f6nnten die Ergebnisse auch dabei helfen, besonders gef\u00e4hrdete Personen fr\u00fcher zu erkennen. Prof. <a href=\"https:\/\/www.kcl.ac.uk\/people\/thalia-eley\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">Thalia Eley<\/a> vom King\u2019s College London sagt: \u201eIn einer Zeit, in der Angstzust\u00e4nde bei jungen Menschen zunehmen, ist es entscheidend zu verstehen, was Menschen biologisch anf\u00e4llig macht.\u201c<\/p>\n<p>Forschung mit langer Tradition in W\u00fcrzburg<\/p>\n<p>Die Beteiligung des Universit\u00e4tsklinikums W\u00fcrzburg an der Studie ist kein Zufall. Dort besteht seit rund 20 Jahren ein Forschungsschwerpunkt zu Angst, Furcht und Angsterkrankungen. Medizin, Psychologie und Neurobiologie arbeiten eng zusammen. Nationale F\u00f6rderprogramme unterst\u00fctzten diese Arbeit \u00fcber viele Jahre hinweg.<\/p>\n<p>Diese interdisziplin\u00e4re Ausrichtung erm\u00f6glichte es, klinische Erfahrung mit moderner Genforschung zu verbinden. Die jetzt ver\u00f6ffentlichte Studie kn\u00fcpft an diese Tradition an und erweitert sie um internationale Daten in bislang ungekanntem Umfang.<\/p>\n<p>Was Betroffene aus der Studie mitnehmen k\u00f6nnen<\/p>\n<p>F\u00fcr Menschen mit Angstst\u00f6rungen liegt der wichtigste Gewinn im ver\u00e4nderten Blick auf die eigene Erkrankung. Angst entsteht nicht aus <a href=\"https:\/\/smartup-news.de\/gesundheit\/depression-ist-keine-schwaeche-staerke-betonen-hilft-betroffenen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">Schw\u00e4che<\/a> oder falschem Verhalten. Sie hat biologische Wurzeln, die niemand selbst gew\u00e4hlt hat. Dieses Verst\u00e4ndnis kann entlasten und den Weg in eine Behandlung erleichtern.<\/p>\n<p>Gleichzeitig macht die Studie deutlich, warum es keine einfachen L\u00f6sungen gibt. Angstst\u00f6rungen entstehen durch das Zusammenspiel von genetischer Veranlagung und Lebensumst\u00e4nden. Dort setzen moderne Therapien an \u2013 mit dem Ziel, individuelle Risiken besser zu ber\u00fccksichtigen und Behandlungen weiter zu verbessern.<\/p>\n<p>Kurz zusammengefasst:<\/p>\n<p>Angstst\u00f6rungen haben klare biologische Ursachen: Eine gro\u00dfe Genstudie zeigt, dass viele kleine genetische Faktoren gemeinsam die Anf\u00e4lligkeit erh\u00f6hen, nicht ein einzelnes \u201eAngstgen\u201c oder pers\u00f6nliche Schw\u00e4che.<\/p>\n<p>Gene erkl\u00e4ren auch Begleiterkrankungen: Die genetischen Muster \u00fcberschneiden sich stark mit Depressionen und anderen psychischen St\u00f6rungen, weshalb Angst selten allein auftritt.<\/p>\n<p>Das Wissen hilft der Behandlung: Gentests eignen sich nicht zur Diagnose, doch das bessere Verst\u00e4ndnis biologischer Signalwege er\u00f6ffnet neue Ans\u00e4tze f\u00fcr gezieltere Therapien und fr\u00fchere Hilfe.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens: Angst l\u00e4sst sich im Gehirn offenbar gezielt d\u00e4mpfen, wenn das Gleichgewicht bestimmter Nervenzellen wieder stimmt \u2013 Experimente zeigen, wie stark sich Verhalten dadurch ver\u00e4ndert. Wie Forscher Angst an ihrer biologischen Schaltstelle beeinflussen, mehr dazu in unserem <a href=\"https:\/\/smartup-news.de\/wissen\/wie-die-balance-im-gehirn-angst-beeinflusst\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">Artikel<\/a>.<\/p>\n<p>Bild: \u00a9 <a href=\"https:\/\/www.freepik.com\/free-photo\/depressed-woman-having-psychotherapy-session-doctor-s-office_26644295.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">Freepik<\/a><\/p>\n<p>\t\tPost navigation<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Angst erf\u00fcllt eine biologische Funktion: Sie sch\u00fctzt uns vor Gefahren und hilft, Risiken einzusch\u00e4tzen. 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