{"id":96141,"date":"2026-04-24T08:33:12","date_gmt":"2026-04-24T08:33:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/96141\/"},"modified":"2026-04-24T08:33:12","modified_gmt":"2026-04-24T08:33:12","slug":"1864-als-genf-unter-vormundschaft-gesetzt-wurde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/96141\/","title":{"rendered":"1864: Als Genf unter Vormundschaft gesetzt wurde"},"content":{"rendered":"<p>    <img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Genf-1864-Illustration-Le-Monde-BdG.webp.jpeg\" width=\"1600\" height=\"1200\" alt=\"Illustration, die die Unruhen in Genf im Jahr 1864 zeigt\" loading=\"eager\" decoding=\"sync\" fetchpriority=\"high\"\/><\/p>\n<p>                Im Jahr 1864 l\u00f6ste die Wahl zum Staatsrat in Genf heftige Unruhen aus. Zeichnung aus der Zeitschrift \u201eMonde illustr\u00e9\u201c vom 3. September 1864.            <\/p>\n<p>            Biblioth\u00e8que de Gen\u00e8ve        <\/p>\n<p>        Nach den Genfer Staatsratswahlen von 1864 kam es in den Strassen der Calvinstadt zu gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzungen. Schliesslich musste die Eidgenossenschaft eingreifen und Genf f\u00fcr mehrere Monate milit\u00e4risch besetzen.\n<\/p>\n<p>        Dieser Inhalt wurde am ver\u00f6ffentlicht    <\/p>\n<p>        24. April 2026 &#8211; 09:00\n<\/p>\n<p>Swissinfo publiziert regelm\u00e4ssig Artikel aus dem\u00a0<a href=\"https:\/\/blog.nationalmuseum.ch\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Blog des NationalmuseumsExterner Link<\/a>, die historischen Themen gewidmet sind. Die Artikel sind immer in deutscher und meistens auch in franz\u00f6sischer und englischer Sprache verfasst.<\/p>\n<p>Nachdem sie sich geweigert hatte, die Aufl\u00f6sung des Sonderbunds zu unterst\u00fctzen, st\u00fcrzte James Fazy 1846 die Genfer Oligarchie. Von da an \u00fcbernahm seine Partei, die <a href=\"https:\/\/blog.nationalmuseum.ch\/2023\/10\/demokratie-sozialismus\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">RadikalenExterner Link<\/a>, dauerhaft die Macht.<\/p>\n<p>Das Fazy-Regime f\u00fchrte eine repr\u00e4sentative Demokratie ein, schuf 1847 eine Verfassung und bestimmte das Schicksal Genfs bis 1861.<\/p>\n<p>In diesen Jahren ver\u00e4nderten tiefgreifende Umw\u00e4lzungen das Gesicht der Stadt, darunter die zunehmende S\u00e4kularisierung und der Abriss der alten Befestigungsanlagen, um Platz f\u00fcr neue Stadtviertel zu schaffen.<\/p>\n<p>    <img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/fotoportrat-james-fazy.webp.jpeg\" width=\"1200\" height=\"1616\" alt=\"Ein Mann mit Schnauz im Anzug\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" fetchpriority=\"auto\"\/><\/p>\n<p>                Fotoportr\u00e4t von James Fazy, gemacht in den 1870er-Jahren.<\/p>\n<p>            Mus\u00e9e national suisse        <\/p>\n<p>Eine Niederlage erlitt Fazy 1861. Seine autorit\u00e4re F\u00fchrung stiess einer Gruppe von Unabh\u00e4ngigen, Konservativen und Liberalen sauer auf. Sie isolierten ihn politisch und erreichten schliesslich, dass James Fazy nicht mehr in den Staatsrat gew\u00e4hlt wurde.<\/p>\n<p>Da er jedoch weiterhin die St\u00fctze und treibende Kraft seiner Str\u00f6mung blieb, zog der revolution\u00e4re Redner trotzdem in den Grossen Rat ein, wo er Einfluss auf die Genfer Politik nehmen konnte.<\/p>\n<p>Auch, weil sich der Staatsrat nach seinem Ausscheiden erneut ausschliesslich aus M\u00e4nnern seiner Partei zusammensetzte: Adolphe Fontanel, Mo\u00efse Jacques Piguet, Mo\u00efse Vautier, Marc Mottet, Jacques Fol-Bry und Jean-Jacques Challet-Venel, der sp\u00e4tere Bundesrat.<\/p>\n<p>Die Wahlniederlage war f\u00fcr James Fazy zwar eine Schmach, Aufgeben war jedoch nicht sein Wesen. Der Genfer hatte vor, so schnell wie m\u00f6glich ins Machtzentrum der Calvinstadt zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n<p>    <img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/stadtansicht-genf-1862-nationalbibliothek.webp.jpeg\" width=\"1200\" height=\"722\" alt=\"Darstellung von Genf im Jahr 1862\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" fetchpriority=\"auto\"\/><\/p>\n<p>                In den 1860er-Jahren befand sich Genf im Umbruch. Blick auf die Stadt in dieser Zeit.<\/p>\n<p>            Biblioth\u00e8que de Gen\u00e8ve        <\/p>\n<p>In einem Klima heftiger Auseinandersetzungen zwischen Radikalen und Unabh\u00e4ngigen wurde im Juni 1862 erneut eine verfassungsgebende Versammlung gebildet, um die Genfer Verfassung zu revidieren. Das Vorhaben scheiterte an einer Volksabstimmung.<\/p>\n<p>Vor diesem sehr angespannten Hintergrund fanden die Wahlen vom 21. August 1864 statt. Ihr Ergebnis, mitten im Hochsommer, schlug ein wie eine Bombe.<\/p>\n<p>James Fazy, der in den Staatsrat zur\u00fcckkehren wollte, scheiterte erneut. Der von den Mitgliedern seiner Partei mit grosser Mehrheit unterst\u00fctzte Konservative Arthur Chenevi\u00e8re wurde mit 337 Stimmen zum Sieger erkl\u00e4rt, nur wenige Stimmen vor Fazy.<\/p>\n<p>    <img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/portrat-arthur-cheneviere-1146x1800-1.webp.jpeg\" width=\"1146\" height=\"1800\" alt=\"Ein Mann mit Schnauz im Anzug\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" fetchpriority=\"auto\"\/><\/p>\n<p>                Arthur Chenevi\u00e8re schnappte sich im Sommer 1864 mit knappem Vorsprung den Sitz von Fazy im Genfer Staatsrat. Das Bild von Chenevi\u00e8re entstand um 1870.<\/p>\n<p>            Biblioth\u00e8que de Gen\u00e8ve        <\/p>\n<p>Der knappe Vorsprung erhitzte die Gem\u00fcter der hartn\u00e4ckigsten Radikalen, und ihre Mitglieder, welche die Wahlkommission kontrollierten, erkl\u00e4rten die Wahl bereits am n\u00e4chsten Tag wegen Wahlbetrugs f\u00fcr ung\u00fcltig.<\/p>\n<p>Bald schm\u00fcckten Plakate die Genfer W\u00e4nde der Stadt, auf welchen die Radikalen zur Mobilisierung aufriefen.<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\">\u00abVolk von Genf! Das Grosse B\u00fcro, einziger souver\u00e4\u00adner Richter \u00fcber die Wahl des General\u00adrats [\u2026] hat die soeben stattge\u00adfun\u00adde\u00adne Wahl nicht f\u00fcr g\u00fcltig erkl\u00e4rt. Die radikalen B\u00fcrger und alle Freunde der Verfas\u00adsung sind aufgeru\u00adfen, sich zu versam\u00admeln, um die Verfas\u00adsung und die Gesetze im Rahmen der souver\u00e4\u00adnen Entschei\u00addung des Grand Bureau zu verteidigen.\u00bb<\/p>\n<p class=\"has-text-align-center\">(Aufruf der Radikalen nach der Ung\u00fcltigerkl\u00e4rung der Wahl)<\/p>\n<p>Die Anschuldigung war zu viel. Diese letzte Beleidigung, die als missbr\u00e4uchlich, ja sogar tyrannisch empfunden wurde, galt den Unabh\u00e4ngigen als Kriegserkl\u00e4rung, woraufhin sie zum Aufstand schritten.<\/p>\n<p>Dieser griff auf zahlreiche Strassen der Stadt \u00fcber und war so be\u00e4ngstigend, dass \u00c9lie Ducommun, der sp\u00e4tere Friedensnobelpreistr\u00e4ger und damalige Staatskanzler von Genf, beschloss, dem Bundesrat einen Eiltelegramm zu senden.<\/p>\n<p>Doch es war schon zu sp\u00e4t: Am 22. August 1864 kurz nach 13 Uhr wurde in Genf ein Alarm ausgel\u00f6st. Beide politischen Lager befanden sich zur gleichen Zeit auf der Strasse; die Unabh\u00e4ngigen st\u00fcrmten das Arsenal und griffen die Staatsr\u00e4te an, was die Radikalen dazu veranlasste, zu den Waffen zu greifen.<\/p>\n<p>Um 16.30 Uhr brach in der Rue de Chantepoulet eine Schiesserei aus, bei der mehrere Menschen in einem konservativen Zug ums Leben kamen.<\/p>\n<p>    <img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/bdg-august-1864-konflikt-genf.webp.jpeg\" width=\"1200\" height=\"701\" alt=\"Darstellung des Aufstands in Genf am 22. August 1864\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" fetchpriority=\"auto\"\/><\/p>\n<p>                Genf, 22. August 1864: Auf der Rue de Chantepoulet kommt es einer Schiesserei, bei der mehrere Menschen sterben.<\/p>\n<p>            Biblioth\u00e8que de Gen\u00e8ve        <\/p>\n<p>Ironie des Schicksals: Am selben Tag wurde im Rathaus der Calvinstadt die erste Genfer Konvention zur Verbesserung des Loses der Verwundeten und Kranken der Streitkr\u00e4fte im Feld von 16 Staaten unterzeichnet.<\/p>\n<p>Es ist deshalb wenig verwunderlich, dass die Bundesbeh\u00f6rden sofort reagierten und den Waadtl\u00e4nder Bundesrat Constant Fornerod, zust\u00e4ndig f\u00fcr das eidgen\u00f6ssische Milit\u00e4rdepartement, zum Kommissar f\u00fcr Genf ernannten.<\/p>\n<p>Einen Tag sp\u00e4ter, am 23. August, marschierten eidgen\u00f6ssische Truppen in der Calvinstadt ein und stellten die Ordnung wieder her. Die Hauptakteure wurden in der Folge rasch gefunden und festgenommen.<\/p>\n<p>    <img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/unterzeichnung-genfer-konvention-1864-gemalde.webp.jpeg\" width=\"1200\" height=\"844\" alt=\"Gem\u00e4lde, das die Unterzeichnung der ersten Genfer Konvention im Jahr 1864 darstellt\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" fetchpriority=\"auto\"\/><\/p>\n<p>                Unterzeichnung der ersten Genfer Konvention am 22. August 1864. Gem\u00e4lde von Edouard Armond-Dumaresq.            <\/p>\n<p>            Wikim\u00e9dia        <\/p>\n<p>Der Genfer Aufstand hatte in der Schweiz f\u00fcr grosse Aufregung gesorgt und die Massnahme, den Kanton unter eidgen\u00f6ssische Vormundschaft zu stellen, war konsequent und schien vern\u00fcnftig.<\/p>\n<p>Doch damit war der Eingriff noch nicht zu Ende. Am 2. September 1864 best\u00e4tigte die Eidgenossenschaft die Wahl von Arthur Chenevi\u00e8re.<\/p>\n<p>Ein Fall f\u00fcr das Bundesgericht<\/p>\n<p>Schliesslich wurde das Bundesgericht, das erst ab 1875 einen permanenten Sitz in Lausanne hatte, einberufen. Unter dem Vorsitz des Waadtl\u00e4nder Staatsrats Victor Ruffy versammelten sich eine Riege von Richtern: Louis Mercanton, Gemeindepr\u00e4sident von Cully (VD), der Berner Uhrmacher Victor Chappuis, der ebenfalls aus Bern stammende Notar Victor Bernard, Henri-Vincent Masson, Gemeindepr\u00e4sident von Ecublens (VD) sowie die beiden Waadtl\u00e4nder Jean-Louis Loup und Fran\u00e7ois Vignier.<\/p>\n<p>Die Untersuchung dauerte drei Monate und f\u00fchrte nach Anh\u00f6rung von mehreren hundert Zeugen zur Anklage von 54 Personen. Nach einer Reduktion durch die Anklagekammer standen schliesslich im Dezember 14 von ihnen vor Gericht.<\/p>\n<p>Dieses wurde im Palais \u00e9lectoral in Genf abgehalten. Das Geb\u00e4ude war gross genug f\u00fcr das zahlreich erscheinende Publikum, das gespannt den vom Generalstaatsanwalt der Konservativen, <a href=\"https:\/\/blog.nationalmuseum.ch\/2024\/11\/turrettini\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">William TurrettiniExterner Link<\/a>, vorgebrachten Anklagepunkten lauschte.<\/p>\n<p>Angesichts der Schwere der Ereignisse und der Spannungen, welche die Stadt ersch\u00fcttert hatten, schickte die Eidgenossenschaft Anfang Dezember 1864, kurz vor Prozessbeginn, erneut ein Berner Bataillon unter dem Kommando von Major Luginb\u00fchl in die Calvinstadt, um die Ordnung aufrecht zu erhalten, falls sich die Gem\u00fcter erneut erhitzen sollten.<\/p>\n<p>Dazu kam es jedoch nicht, und das Gericht konnte sein Urteil ohne gr\u00f6ssere Probleme f\u00e4llen, wobei mehrere M\u00e4nner zu Gef\u00e4ngnisstrafen verurteilt wurden.<\/p>\n<p>    <img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/ch-de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/bundesgericht-genf-1864-bdg-druckgrafik.webp.jpeg\" width=\"1200\" height=\"756\" alt=\"Darstellung des Prozesses gegen die Anf\u00fchrer des Genfer Aufstands von 1864\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" fetchpriority=\"auto\"\/><\/p>\n<p>                Im Dezember 1864 fand der Prozess gegen die Verantwortlichen des Genfer Aufstands im Palais \u00e9lectoral statt. Das Publikumsinteresse war gross.            <\/p>\n<p>            Biblioth\u00e8que de Gen\u00e8ve        <\/p>\n<p>Die Bundesarmee zog sich im Januar 1865 zur\u00fcck, nachdem sie die Stadt vier Monate lang besetzt gehalten hatte. An diese Ereignisse denkt man in Genf kaum noch. Viel lieber erinnert man sich an glorreichere historische Episoden wie beispielsweise die <a href=\"https:\/\/blog.nationalmuseum.ch\/2020\/12\/escalade-genf\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener nofollow\">EscaladeExterner Link<\/a>.<\/p>\n<p>Die Vormundschaft \u00fcber Genf zeigte einerseits, dass sich die noch junge bundesstaatliche Autorit\u00e4t durchsetzen konnte. Andererseits war eine klare innere Konsolidierung erkennbar.<\/p>\n<p>Knapp 17 Jahre nach dem Sonderbundskrieg waren die Bestrebungen gross, einen politischen Konflikt nicht wieder in einen gesamtschweizerischen B\u00fcrgerkrieg eskalieren zu lassen.<\/p>\n<p>In Genf f\u00fchlten sich zwar viele B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger gedem\u00fctigt, das Eingreifen eidgen\u00f6ssischer Truppen hatte aber ohne Zweifel zur Stabilisierung der Stadt beigetragen und vielen vor Augen gef\u00fchrt, dass sich die Calvinstadt noch st\u00e4rker in das bundesstaatliche System einf\u00fcgen musste.<\/p>\n<p>                Der Autor            <\/p>\n<p>Christophe Vuilleumier ist Historiker und Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft f\u00fcr Geschichte. Er hat verschiedene Beitr\u00e4ge zur Schweizer Geschichte des 17. und 20. Jahrhunderts publiziert.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.nationalmuseum.ch\/2026\/04\/genf-unter-vormundschaft\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Der Originalartikel auf dem Blog des Schweizerischen NationalmuseumsExterner Link<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Im Jahr 1864 l\u00f6ste die Wahl zum Staatsrat in Genf heftige Unruhen aus. 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