Die Wahlen stellen den größten Test für Labour seit ihrem klaren Sieg bei den Parlamentswahlen im Juli 2024 dar, der 14 Jahre konservative Regierungszeit beendet hatte. Starmers Beliebtheit ist nach wiederholten Fehltritten seit Amtsbeginn stark gesunken. Seine Regierung hat Mühe, das versprochene Wirtschaftswachstum zu erzielen, die maroden öffentlichen Dienste wiederherzustellen und die Lebenshaltungskosten zu senken.

Durch den Krieg der USA und Israels gegen den Iran, der die Öllieferungen durch die Straße von Hormus zum Erliegen gebracht hat, werden die Aufgaben noch erschwert. Die Wähler und Wählerinnen „sehen den Wandel, für den sie 2024 gestimmt haben, nicht kommen, also wenden sie sich anderen Parteien zu“, sagte Melanie Garson, Professorin am Institut für Politikwissenschaft der UCL in London.

Starmer als „Symbol für Enttäuschung“

„Keir Starmer ist zum Symbol für die Enttäuschung und Desillusionierung der Menschen geworden“, sagte Luke Tryl vom Meinungsforschungsinstitut More in Common. Die Mandelson-Affäre hat den Premier zusätzlich belastet: Starmer hatte seinen Parteifreund Peter Mandelson zum Botschafter in Washington ernannt – trotz dessen Verbindungen zum Sexualstraftäter Jeffrey Epstein und trotz erfolgter Warnungen vor dem Schritt.

Nigel Farage (Reform UK) mit Kaffee und Kuchen umgeben von Anhängern

AP/Kirsty Wigglesworth

Farage steht vor einem Durchbruch in weiten Teilen des Vereinigten Königreichs

Jahrzehntelang wären Verluste der Labour-Partei eine gute Nachricht für ihren Hauptkonkurrenten, die Konservative Partei, gewesen. Doch die Torys haben während ihrer langen Regierungszeit viel an Strahlkraft verloren. Bei diesen Wahlen dürften die rechtspopulistische Partei Reform UK, die linken Grünen sowie nationalistische walisische und schottische Parteien die Hauptgewinner sein.

Farage vor Höhenflug

Bisher war Reform UK unter Farage vor allem in England populär, nun fasst sie auch in Schottland und Wales Fuß. Umfragen zufolge könnte sie dort zur stärksten Oppositionskraft gegen die Regionalparteien SNP und Plaid Cymru aufsteigen, sie vielleicht sogar überflügeln. In Schottland wird ein Stimmenanstieg von 0,2 auf etwa 20 Prozent erwartet, in Wales von rund einem auf fast 30 Prozent. Auch in landesweiten Umfragen für die nächste Unterhauswahl bis 2029 liegt Reform deutlich voran.

Ein heikles Problem für Reform UK bleibt die Überprüfung der eigenen Kandidaten. Trotz verschärfter Verfahren zogen sich in Schottland und Wales kürzlich 15 von über 160 Bewerbern zurück, oft wegen rassistischer Onlineinhalte. So tauchten bei einem walisischen Kandidaten Hitlergruß-Bilder auf, ein schottischer Bewerber nannte den Ex-Regierungschef einen „islamistischen Idioten“.

Farage selbst sieht sich Fragen zu einer Spende in Höhe von fünf Millionen Pfund (knapp 5,8 Millionen Euro) von dem Kryptomilliardär Christopher Harborne gegenüber, die er 2024 angenommen hat – kurz bevor er, entgegen ursprünglicher Dementi, bekanntgab, das er bei den Parlamentswahlen im selben Jahr kandidieren werde. Offengelegt hat Farage die großzügige Spende nicht, seinen Worten zufolge sei sie für seine persönliche Sicherheit bestimmt gewesen.

Zack Polanski  (Vorsitzender der britischen Grünen)

APA/AFP/Oli Scarff

Grünen-Chef Zack Polanski brachte die Partei in den vergangenen Monaten Umfragen zufolge voran

Grüne gewinnen an Stärke

Starke Zugewinne werden auch den Grünen prophezeit: Der 43-jährige Zack Polanski übernahm vergangenen September die Parteispitze in England und Wales und verfolgt seitdem eine prononciert linke Agenda. Er setzt sich für eine stärkere Besteuerung der Reichen ein, für Solidarität mit Gaza und für den Wiedereintritt in die EU. Speziell in London könnten die Grünen Umfragen zufolge Hunderte von Sitzen gewinnen.

Auch der Wahlkampf der Grünen verlief aber nicht friktionsfrei, mehrere Kandidaten wurden wegen antisemitischer Äußerungen entlassen, Polanski wurde vorgehalten, sich fälschlicherweise als einstiger Rot-Kreuz-Sprecher ausgegeben zu haben.

Besonderes Augenmerk am Donnerstag gilt der Abstimmung in Wales, wo Labour zum ersten Mal seit der Gründung vor 27 Jahren die Kontrolle über das Regionalparlament verlieren könnte. Die Meinungsforscher des Instituts YouGov rechnen in Wales mit einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Reform UK und der Mitte-links-Partei Plaid Cymru, die die Unabhängigkeit von Wales anstrebt.

Wahlplakate in Wales

Reuters/Toby Melville

In Wales könnte Plaid Cymru erstmals Labour als stärkste Kraft ablösen

Auch in Schottland befürchtet die britische Regierungspartei ein demütigendes Ergebnis. Und auch hier könnten sich mit der Scottish National Party (SNP) Unabhängigkeitsbefürworter als stärkste Kraft erweisen. Mit einem Sieg von Plaid und SNP würden drei der vier Teile des Vereinigten Königreichs von Souveränitätsanhängern geführt werden. Nordirland wird von der irisch-nationalistischen Partei Sinn Fein im Rahmen einer Koalition mit der probritischen Democratic Unionist Party regiert.

Parteienlandschaft erweitert

Die Dominanz von zwei Parteien in Großbritannien scheint jedenfalls der Vergangenheit anzugehören, Wechselwähler und -wählerinnen geben inzwischen den Ausschlag. Das Mehrheitswahlrecht wirkt unter diesen Verhältnissen angegraut. Ob das noch Starmers Sorge sein muss, bleibt abzuwarten. Fachleuten zufolge wird der Ruf nach seinem Rücktritt bei einer Wahlschlappe von Labour lauter werden, an einer baldigen Ablöse herrschen allerdings Zweifel.

In britischen Medien kursieren Gerüchte, dass die ehemalige stellvertretende Premierministerin Angela Rayner oder Gesundheitsminister Wes Streeting versuchen könnten, Starmer zu verdrängen, doch keiner der beiden scheint über genügend Rückhalt zu verfügen. Steven Fielding, Labour-Experte an der Universität Nottingham, „wettet“ darauf, dass Starmer im Amt bleiben wird, da er „die derzeit am wenigsten schlechte Option“ sei.