Die Ankündigung des Biotech-Unternehmens BioNTech, bis Ende 2027 etwa 1.900 Stellen zu streichen und alle Standorte von CureVac zu schließen, hat in Tübingen für große Betroffenheit gesorgt. BioNTech hatte das Tübinger Unternehmen erst Ende vergangenen Jahres übernommen.

OB Palmer ist bestürzt über Schließung

Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (parteilos) reagierte mit großer Bestürzung und scharfer Kritik auf die Ankündigung des Unternehmens. „Das ist ein schwerer Schlag für Tübingen, für Baden-Württemberg und vor allem für die vielen hochqualifizierten Beschäftigten, die CureVac über Jahre getragen haben“, so Palmer. Er fordert BioNTech auf, so viele Arbeitsplätze wie möglich zu erhalten und Forschung und Produktion in Tübingen zu sichern.

Die Stadt werde alles tun, um die Beschäftigten, den Betriebsrat und den Standort zu unterstützen. „Ich erwarte von BioNTech, dass keine unumkehrbaren Fakten geschaffen werden, bevor ernsthaft über Alternativen verhandelt wurde.“

Erst kaufen, dann killen, das geht so nicht. Die Universitätsstadt Tübingen steht bereit für Gespräche – aber wir erwarten auch Bereitschaft zur Verantwortung.

CureVac-Betriebsrat war nicht in Entscheidung eingebunden

Der Betriebsrat von CureVac in Tübingen und Wiesbaden hat mitgeteilt, dass er diese Entscheidung „weder fachlich noch inhaltlich“ mittrage. Erst im Dezember vergangenen Jahres sei der Standort mit der Zusage übernommen worden, dass ein starker und zukunftsorientierter mRNA-Forschungsstandort entstehen solle.

Der Betriebsrat sei außerdem auch nicht in die Entscheidung mit einbezogen worden. In seiner Stellungnahme forderte der Betriebsrat das Unternehmen auf, Lösungen für die betroffenen Mitarbeiter zu schaffen. Es gehe aber nicht nur um den Standort Tübingen, sondern auch um eine Schlüsseltechnologie in Deutschland.

Mitarbeiter in Reinraumkleidung in der Produktion von BiontechPfizer, Reinbek.


Corona-Impfstoffproduktion
Mögliche Engpässe durch BioNTech-Rückzug?

Nach der verkündeten Schließung der Produktionsstätten von BioNTech in Deutschland wird vor möglichen Engpässen gewarnt. Scharfe Kritik kommt auch vom CureVac-Gründer.

CureVac-Gründer ist wütend über die Schließung

Einer von drei Gründern CureVacs ist der Tübinger Biologe Ingmar Hoerr. Er sagte im SWR-Interview, er vermute eine Strategie hinter dem Vorgehen von BioNTech. Auf ihn wirke es, als sei die ganze Übernahme von Anfang an „abgekartet“ gewesen. „Mir tut es vor allem für die Mitarbeiter leid, die seit Anbeginn dabei sind, die extrem viel geleistet haben“, sagte Hoerr. „Das ganze Know-how wird sozusagen auf die Müllkippe geschmissen. Das tut mir am meisten weh. Damit wird alles vernichtet, was über Jahre hinweg aufgebaut war. Und da bin ich wirklich wütend.“

IHK Reutlingen: „Schwerer Schlag für den Standort“

„Die Schließung von CureVac in Tübingen ist ohne Zweifel ein schwerer Schlag für den Standort“, heißt es in einer Stellungnahme der Industrie- und Handelskammer Reutlingen (IHK). Mit der Schließung des Unternehmens gehe „technologisches Know-how in Form von klugen Köpfen, Patenten sowie Forschungs- und Entwicklungsergebnissen verloren“, warnt die IHK. Um Zukunftstechnologien in der Region zu halten, müsse man die Rahmenbedingungen verbessern, fordert die Wirtschaftsorganisation. Beim Zugang zu Wachstumskapital oder schnelleren Genehmigungsverfahren zum Beispiel bestehe Handlungsbedarf.