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Laut Oberst Reisner herrscht auf der taktischen Ebene im Ukraine-Krieg eine Pattsituation. Im Sommer könne sich die Lage schnell ändern. Ein Interview.
Kiew – Weder der russische Präsident Wladimir Putin noch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erzielen im Ukraine-Krieg zurzeit wesentliche Gebietseroberungen. Laut Oberst Markus Reisner liegt das unter anderem an einer bis zu 50 Kilometer breiten Grauzone. Die Lage könne sich allerdings jederzeit ändern, sagt der bekannte TV-Experte der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.
Krieg gegen Putins Russland: Ukraine-Soldaten trainieren bei Donezk. © IMAGO / Anadolu Agency / Pablo Miranzo
Wie ist die aktuelle Lage an der Front?
Wenn wir auf die Ukraine blicken, müssen wir die Situation immer aus drei Ebenen betrachten: aus der strategischen, operativen und taktischen. Auf der taktischen Ebene sehen wir gerade eine Pattsituation.
Ukraine und Russland setzen Tausende Drohnen ein
Warum?
Beide Seiten setzen Tausende Drohnen ein, sodass es kaum möglich ist, größeres Gelände mit militärischen Manövern in Besitz zu nehmen. Wir sehen sogar, dass die Ukraine es geschafft hat, sich im Vergleich zum letzten Jahr in diesem Bereich besser aufzustellen. Durch einen Zufluss an Drohnensystemen ist die ukrainische Armee in der Lage, die angreifenden Truppen entsprechend zu erkennen und abzuwehren.
Wie entwickelt sich die operative Ebene?
Dort erkennt man, dass die Russen versuchen, den Druck zu erweitern, um für die Sommeroffensive die Möglichkeit zu schaffen, die Ukraine an ausgedünnten Stellen anzugreifen. Druck erweitern heißt, dass wir beispielsweise russische Aktivitäten in den Räumen Charkiw und Sumy sehen. Dort überschreiten Russen die Grenzen, damit die Ukraine Truppen aus dem Donbass abzieht, wodurch im Donbass ausgedünnte Stellungen entstehen. Ob das gelingt, sei dahingestellt. Zudem sehen wir auf operativer Ebene, dass beide Seiten in der Lage sind, den Gegner tief im Hinterland mit Drohnen anzugreifen, was sich direkt auf die Logistik und Gefechtsstände auswirkt.
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Was passiert auf strategischer Ebene?
Die strategische Ebene ist geprägt von der Luftkriegsführung. Die Ukraine hat einen harten Winter hinter sich gebracht und wir sehen, dass Russland die Intensität der Luftangriffe mit Drohnen, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen gesteigert hat.
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Wie hoch ist die Intensität?
Russland fliegt circa zwei- bis dreimal pro Monat einen schweren Angriff. Aber die Ukraine hat bei Luftangriffen teilweise gleichgezogen. Die Ukraine ist in der Lage, strategische Luftkampagnen durchzuführen. Das zeigen auch Bilder von brennenden Ölraffinerien. Diese Erfolge sind vor allem das Ergebnis westlicher Unterstützung. Weniger von europäischen Staaten, mehr von Rüstungsunternehmen, die der Ukraine gezielt Bauteile liefern. Zusammenfassend sehen wir im fünften Kriegsjahr einen weiteren Abnutzungskrieg, in dem die Seite erfolgreicher ist, die die beste Unterstützung erhält.
Oberst Markus Reisner im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau zur Lage in der Ukraine. © Screenshot
Zuletzt gab es vereinzelte Berichte über taktische Erfolge der ukrainischen Armee. Warum kann die Ukraine zurzeit regelmäßig Erfolge vermelden?
Man muss verstehen, dass sich beide Seiten kaum in Schützengräben gegenüberstehen. Wir haben eine bis zu 50 Kilometer breite Grauzone, in deren Bereich Bewegungen aufgrund der vielen Drohnen kaum möglich sind. Im Frühjahr können sich Soldaten kaum vorwärtsbewegen, erst im Sommer, wenn die Sicht für Drohnen durch Pflanzen und Laubdächer schlechter ist. Weil die Ukraine sich als Verteidiger nicht exponieren muss, hat sie einen Vorteil. Allerdings sehen wir, dass die Grauzone keine durchgehende Verteidigungsstellung darstellt. Dafür gibt es oft kleine Stützpunkte mit oft großen Distanzen. Daher kann es schnell passieren, dass wenige Stützpunkte schnell überrannt und so ein paar Quadratkilometer Gelände erobert werden. Diese Erfolge sind aber keine Durchbrüche.
Sehen Sie die russische Frühjahrsoffensive als gescheitert an?
Eine Offensive wird häufig als Gebietseroberung verstanden. Aber: Eine Frühjahrsoffensive kann auch bedeuten, dass die Russen in bestimmten Gebieten so oft mit Drohnen angreifen, damit die Ukraine ihre Drohnen-Abwehrmechanismen verbraucht. Dann könnten in einer Sommeroffensive russische Infanteristen vorstoßen und Raumgewinne erzielen.
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Und das versucht Russland zurzeit?
Ja, und neben dieser Abnutzungsstrategie sehen wir, dass die Russen auch günstige Geländeabschnitte in Besitz nehmen – wie Flussübergänge. Das sind wichtige Voraussetzungen für eine Sommeroffensive.
Könnten die ukrainischen Erfolge dazu führen, dass Russland keine große Sommeroffensive starten kann?
Die Front ist in drei Abschnitte unterteilt. Der Nordabschnitt sind die Räume Sumy und Charkiw bis nördlich von Kupjansk. Der Mittelabschnitt zieht sich von Kupjansk über den Donbass bis nach Dobropillja. Der Südabschnitt geht von Saporischschja bis nach Cherson. Und wir sehen eindeutig, dass sich Russland auf den Mittelabschnitt konzentriert, grob vom berühmten Festungsgürtel bei Kostjantyniwka bis zu Slowjansk. Der Grund: Die Russen wollen die dortige Oblast Donbass in Gänze erobern. Sie wollen hinter den Festungsgürtel kommen.
Wie sieht die dortige Lage aus?
Im Spätsommer bis beginnenden Winter 2025 hatten die Russen versucht, bei Saporischschja in Richtung Westen vorzustoßen. Aber: Die Ukraine konnte zu Jahresbeginn durch einen gut geführten Vorstoß an der nördlichen russischen Flanke Gelände in Besitz nehmen und die Russen zwingen, ihre Angriffsanstrengungen zu ändern, um dem ukrainischen Vorstoß zu begegnen. Daher konnten die Russen nicht weiter in westliche Richtung vorstoßen. Der Offensivansatz der Russen ist eigentlich gescheitert. Nichtsdestotrotz verschlechtert sich die Lage der Ukraine immer mehr im Raum Kostjantyniwka.
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Inwiefern?
Dort wird vor allem im urbanen Raum gekämpft, wo Angreifer weniger auf natürliche Tarnungsmöglichkeiten angewiesen sind. Hier ist der Druck enorm, weil die Russen es geschafft haben, die Ukrainer quasi zu isolieren, indem man die Logistik mit weitreichenden Drohnen unterbrochen hat. Allerdings kann auch immer eine unerwartete Nebenfront entstehen, wo sich plötzlich eine Lücke auftut. Das werden wir erst im Sommer sehen.
Glauben Sie an eine erfolgreiche russische Sommeroffensive?
Im Moment muss man sagen, dass die Vorzeichen für einen Erfolg geringer sind als im Vorjahr. Die Ukraine hat es geschafft, sich durch den Einsatz von Drohnen zu konsolidieren und Druck auf die Russen auszuüben.
Verschiedene Analysten sagen, dass die ukrainischen Streitkräfte in diesem Jahr immer mehr Bodendrohnen einsetzen werden können. Stimmen Sie zu und wie könnte sich das auf den Krieg auswirken?
Aus meiner Sicht trägt das die Handschrift des neuen jungen ukrainischen Verteidigungsministers. Er hat erkannt, dass die Ukraine mit einem Soldatenmangel kämpft. Russland kann mit seiner größeren Bevölkerung auf mehr Soldaten zurückgreifen. Diese Differenz will die Ukraine nun mit unbemannten Systemen kompensieren, vor allem mit Bodendrohnen. Mir berichten ukrainische Soldaten, dass Bodendrohnen bereits knapp 80 Prozent der logistischen Aufgaben übernehmen. Sie versorgen vor allem Soldaten in ihren Stützpunkten. Aber es gibt bei aller Euphorie ein Problem.
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Und welches?
Auch wenn mit bewaffneten Bodenrobotern mittlerweile ein gewisser Druck erzeugt werden kann, braucht es noch immer Infanteristen, die eine gegnerische Stellung in Besitz nehmen, diese säubern und kontrollieren. Das ist die Herausforderung. Wir sehen jetzt oft ein Niemandsland, wo Boden- und Flugroboter gegeneinander kämpfen, was sehr dystopisch wirkt. Aber wir dürfen nicht vergessen: Es braucht Menschen, um diese Gebiete zu erobern.
Die russische Armee scheint derzeit unter enormen Druck zu stehen. In den vergangenen Wochen konnte die Ukraine immer wieder Öl-Infrastruktur – teilweise tief – auf russischem Staatsgebiet treffen. Gleichzeitig gibt es Berichte, dass Putin erstmals in diesem Krieg weniger Soldaten rekrutieren als er an der Front verliert. Könnten all diese Faktoren die Kriegsdynamik zugunsten der Ukraine verändern?
Das kann ich im Prinzip sehr einfach beantworten. Diese Erfolge oder Misserfolge müssen immer messbar sein. Jede militärische Aktion muss messbar sein. Das ist das Entscheidende. Also: Konnte eine Seite bei einer Offensive tatsächlich ein Gebiet erobern? Kann die Ukraine trotz russischer Angriffe weiterhin ihre kritische Infrastruktur betreiben? Kann man messen, dass die russischen Ölverkäufe wegen der Angriffe zurückgegangen sind? Aus meiner Sicht kann man diese Fragen derzeit noch nicht mit messbaren Fakten beantworten. (Interview: Jan-Frederik Wendt)