Verboten abgestellt: Der Abschleppdienst wird an die Seelbergstraße bestellt. Foto: Christine Bilger
Frühlingsfest und Volksfest bedeuten Stress für Cannstatts Straßen. Wir haben eine Schicht der Verkehrsüberwachung begleitet.
Auch das gibt es. „Danke, dass Sie da sind“, sagt der Mann. Er wohnt mitten in Bad Cannstatt. Jeden Abend das gleiche Bild, sagt er: „Wenn ich heim komme und schnell rein fahren will, hinten drin die Kinder, die Hunger haben, und dann steht einer davor. An neun von zehn Abenden ist das so“, berichtet er. Eigentlich gehört er zu den wenigen Glückspilzen, die in der Stadt einen Stellplatz haben. Und nicht nur während der Frühlingsfestzeit ist die Zufahrt öfter blockiert als frei.
Die Frauen, denen der Dank gilt, hören das auch nicht alle Tage. „Das ist schön“, sagt Melissa Holtz. Denn das bestätigt ihr, dass ihre Arbeit geschätzt wird. „Wir wollen ja niemanden ärgern oder schikanieren. Wir setzen ja nur das geltende Recht um“, sagt sie. Bei der Verkehrsüberwachung arbeiten die zwei Frauen schon lange zusammen. Seit 2022 sind Ramona Nötzel und sie ein Team, dass die „schweren Fälle“ bearbeitet: Die Falschparker sucht und findet, bei denen man abschleppen muss. „Da, wo es gefährlich ist und andere behindert“ – und deswegen verboten, das sind die Kernkriterien für das Eingreifen.
Melissa Holtz fertigt ein exaktes Protokoll der Situation an – einschließlich vorliegender Schäden am Wagen. Foto: Christine Bilger
Darf ich dableiben und zuschauen?“ fragt der Passant mit den Gartenhandschuhen. Klar, kann er – wann sieht man schon mal einen großen Abschleppwagen in Cannstatts engen Gassen. „Das habe ich noch nie gesehen“, fügt er hinzu. Und er wartet. Fünf Minuten, zehn, zwanzig. Dann kurz vorm Ablauf der halben Stunde kommen zwei Männer um die Ecke. Sie ahnen, was die Anwesenheit der zwei Frauen in Warnwesten und das Auto mit dem gelben Warnblinklicht auf dem Dach bedeutet, und beschleunigen ihren Schritt. Glück gehabt. Das Auto ist noch da. Teuer wird es trotzdem. Denn falsch geparkt entgegen der Fahrtrichtung haben die Freunde. Und der Abschleppwagen schlägt mit einer sogenannten Leerfahrt zu Buche. Die natürlich bezahlt werden muss.
0 bis 90 Autos finden sie locker an einem Festwochenende auch jenseits des Neckars an der Ulmer Straße. Dort beginnt ein Stück vor der Ampel an der Gaisburger Brücke die Rechtsabbiegespur nach Bad Cannstatt. Davor wird alles zugeparkt, sodass die Spuren nicht mehr zu erkennen sind. Diese Autos müssen weg. Ein reines der Reihe nach Abarbeiten geht nicht – denn die Autos kommen auf massive Abschleppwagen. Die muss man über die Länge der illegalen Parkreihe verteilen. Vorne – Mitte – hinten. Am Mittwochabend ist es hier aber leer. Zeit, sich in den anliegenden Wohngebieten umzusehen. Eine Frau mit Hund fuchtelt und weist auf einen Wagen hin, der auf dem Gehweg steht. Gerade so kommt eine Person zwischen Blech und Hausmauer durch. Ein Verwarnungsfall – das machen die beiden Beschäftigten der Verkehrsüberwachung neben der Suche nach abzuschleppenden Fahrzeugen auch.
Wird ein Wagen ausfindig gemacht, der definitiv weg muss, gibt es eine klare Routine. So auch bei einem roten Polo an der Selbergstraße. Denn es muss zügig und vor allem zuverlässig ablaufen. Die Frauen steigen aus, das gelbe Licht auf dem Dach leuchtet. Warnweste an, Mütze auf: Eine dokumentiert, ob das Auto irgendwelche Kratzer hat. Denn sonst könnte sich hinterher jemand beschweren, das Auto sei beim Abschleppen beschädigt worden. Die andere Mitarbeiterin der Verkehrsüberwachung fängt sofort an, die Verwarnung auszustellen und Fotos von der Situation zu machen. An diesem Abend ist das Ramona Nötzel, denn sie ist dieses Mal die Fahrerin. Die Jobs verteilen die Damen in ihrem eingespielten Team nach Fahrerin und Beifahrerin, so läuft alles immer gleich und ohne Missverständnisse ab. Melissa Holtz macht eine Halterabfrage. Dabei versucht sie auch, mittels Telefonnummer oder Adresse anzurufen oder zu klingeln, um Halterin oder Halter zu erreichen. „Es gilt: Immer das mildeste Mittel“, erläutert sie. Also ausfindig machen vor Abschleppunternehmen anrufen. „Wir sind nicht da, um die Menschen zu bestrafen, sondern um für Sicherheit zu sorgen“, fügt sie hinzu.
In diesem Fall ist die Suche erfolglos. Die Einsatzleitzentrale wird verständigt, ein Abschleppunternehmen bestellt. Dann läuft die Uhr. Fünf Minuten lang läuft eine Kulanzzeit. Wer in dieser Zeit kommt und sein Auto wegfährt, kommt nur mit der Verwarnung davon. Dann beginnt Phase zwei: Eine halbe Stunde bis zum Eintreffen des Abschleppfahrzeuges. Wer in dieser Zeit auftaucht, zahlt die sogenannte Leerfahrt plus die Verwarnung. Kommt der Abschlepper und lädt auf, muss auch der Transport bezahlt werden.
Die zwei Frauen arbeiten eine Straßenliste ab. Während des Frühlingsfestes stehen die Kegelen- und die Elwertstraße ganz oben. Denn sie dienen im Falle eines gefährlichen Zwichenfalles der Entfluchtung des Wasengeländes. Angrenzende Straßen wie Seelbergstraße und Daimlerstraße gehören dazu. Aber die Falschparker finde man auch weiter weg. Entweder wollen sie das Geld für den Wasenparkplatz sparen, oder deiser ist voll. „Aber oft trifft es auch Auswärtige, die sich nicht auskennen“, fügt Melissa Holtz hinzu.
Am langen Wochenende vom 1. Mai, der auf einen Freitag fiel, bis zum Sonntag waren es in diesem Frühjahr lediglich vier Fahrzeuge, die abgeschleppt wurden – insgesamt schon 50 seit Beginn des Frühlingsfestes.