Dass Regierungsparteien nach einem Erdrutschsieg zunächst Stimmen verlieren, ist per se nichts Ungewöhnliches. Skandale und wirtschaftlicher Druck dämpfen die anfängliche Euphorie. Ähnliches war in den Nullerjahren bei Tony Blair und in den 1980ern bei Margaret Thatcher zu beobachten.

Doch Keir Starmer sollte sich nichts vormachen. Die Zukunft – nicht nur für seine Labour-Partei, sondern auch für ihn als Premier – könnte derzeit kaum prekärer sein. 

Am heutigen Donnerstag werden das walisische und schottische Parlament sowie rund 5.000 Gemeindesitze in England neu gewählt. Labour drohen in allen Bereichen schwere Verluste.

In Wales dürfte Labour nicht nur die Führung an Plaid Cymru verlieren, sondern sogar hinter Reform UK auf Platz drei landen. Auch in Schottland, wo SNP an der Macht bleiben dürfte, könnte die Reform-Partei Labour auf den dritten Platz verdrängen. 

Überholen links und rechts der Mitte

Doch mehr als die Verluste in Schottland und Wales machen Premierminister Keir Starmer die regionalen Wahlen in England zu schaffen. Laut britischem Meinungsforscher Robert Hayward könnte Labour 1.850 Gemeinderatssitze verlieren. Den Großteil davon dürfte sich Nigel Farages Reform-Partei sichern; die Grünen – unter Parteichef Zack Polanski auf Aufholkurs – könnten immerhin 500 neue Plätze gewinnen. 

Auch in London könnte die bislang überwiegend rote (Labour) und blaue (Konservative) politische Landkarte am 8. Mai deutlich durchmischter ausfallen. Von den aktuell rund 1.156 Sitzen dürfte Labour laut Guardian 741 verlieren; ein Großteil wird laut Umfragen an Reform UK und die Grünen gehen.

Für Labour wäre das nicht nur realpolitisch, sondern auch symbolisch dramatisch. Denn auf Parlamentsebene, erörterte BBC-Journalist Nick Robinson, vertritt jeder siebte Labour-Abgeordnete einen Wahlkreis in der Hauptstadt. Darunter fallen etwa der Premierminister selbst, ebenso wie sein Stellvertreter David Lammy, Gesundheitsminister Wes Streeting oder Wohnminister Steve Reed. 

Zersplitterung britischer Politik

Und doch ist auf Umfragen diesmal weniger Verlass denn je: Die fünf beliebtesten Parteien – Reform, Labour, Grüne, Konservative, Liberaldemokraten – pendeln zwischen 26 und 12 Prozent. Entsprechend haben kleine Verschiebungen große Auswirkungen. 

Gleichzeitig, argumentiert Meinungsforscher John Curtice in der BBC, seien diese Wahlen der erste große Test für eine Entwicklung, die sich seit Längerem abzeichne: „die Zersplitterung der britischen Politik“. Die Zeiten, in denen die Arbeiterklasse Labour und die Mittelschicht die Konservativen wählte, seien vorbei. Vielmehr werde sich wohl auch bald in England zeigen, was in Europa längst Usus ist: ein buntes Bouquet an Parteien im Parlament und Regierungen, die aus Koalitionen gebildet werden. 

Während die Richtung der englischen Parteienlandschaft ungewiss sein mag, sehen die Meinungsforscher bei Starmers Zukunft weniger Spielraum. Robert Hayward prophezeit Labour „einen kollektiven Nervenzusammenbruch“; für John Curtice ist Starmers Abdanken nur mehr eine Frage der Zeit

Zu laut ist seit Wochen die Kritik rund um seine Bestellung des früheren britischen Botschafters Peter Mandelson, nachdem Details zu dessen Verbindung zu Jeffrey Epstein bekannt wurden. Erst vergangene Woche ist Starmer nur knapp einer Untersuchung des Privilegienausschusses entkommen. 

Manchmal ist der Rückgang der Unterstützung gar keine Zwischenflaute, sondern der Anfang eines langfristigen Abstiegs.