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Putin hat das Weltkriegsgedenken in einen Siegeskult verwandelt. Der könnte dieses Jahr einen „GAU“ bringen, meint Experte Thomas Jäger. Eine Analyse.
Köln/München – Wenig ist gewiss in Zeiten des Krieges. Aber das Szenario steht im Raum: Womöglich wird für Wladimir Putin ausgerechnet seine „Siegesparade“ am 9. Mai zu einem Moment des sichtbaren Niedergangs. Nicht nur, dass am Samstag zum ersten Mal seit 19 Jahren mit der Parade keinerlei Panzer durch Moskau rollen werden – die Sorge des Kreml vor einem symbolträchtigen Schlag der angegriffenen Ukraine scheint mit Händen zu greifen. Und die Gegenmaßnahmen schüren offenbar Ärger in Russlands mit harter Hand ruhiggestellten Metropolen.
Seine Parade zum „Tag des Sieges“ (hier Soldatinnen bei der Ausgabe im Jahr 2020) könnte für Wladimir Putin (re.) zum Problem werden. (Montage) © Montage: Kay Nietfeld/Vadim Savitsky/Russian Defense Ministry Press Service/dpa/AP/Alexander Kazakov/Pool/AFP
Das Problem liegt auf der Hand: Die Ukraine hat zuletzt ihre Fähigkeiten zu Luftangriffen tief im russischen Hinterland stark ausgebaut. Einschläge gab es wiederholt an Raffinerien und Öl-Infrastruktur, aber auch Moskau ist betroffen. Thomas Jäger, Professor für Internationale Politik an der Universität Köln, sieht Russlands Flugabwehr überfordert, wie er dem Münchner Merkur von Ippen.Media sagt. Möglich ist aus seiner Sicht eine „PR-Katastrophe für Putin“ am 9. Mai. Die Option eines Angriffs sei allerdings auch für die Ukraine zwiespältig.
Putins Parade: „Vielleicht regnet es Flugblätter“ – Russland fürchtet nun die Ukraine
„Putin hat nicht nur Probleme, den Krieg gegen die Ukraine zu gewinnen, was er militärisch nicht mehr kann“, urteilt Jäger, „er kann auch Ziele in Russland nicht ausreichend schützen lassen.“ Dass der Kreml einen Anschlag im Umfeld der Parade fürchte, könne als sehr plausibel angenommen werden. Dafür sprächen die Sicherheitsvorkehrungen: der weitgehende Verzicht auf Militärtechnik, die Ausrufung einer Waffenruhe zum 8. und 9. Mai – oder eine Drohung mit drastischen Gegenschlägen. Für den Fall eines Angriffs hat Moskau „massive“ Schläge auf Kiews Zentrum angekündigt. Sergej Lawrows Außenministerium forderte ausländische Diplomaten sogar auf, die Hauptstadt der Ukraine zu verlassen.
Offen ist, ob Wolodymyr Selenskyjs Armee oder Geheimdienste tatsächlich einen solchen Schlag im Sinne haben. Und ob ein solcher eine gute Idee wäre. „Einerseits wäre es eine PR-Katastrophe für Putin, falls eine Drohne über die Parade fliegt“, meint Jäger. Dazu brauche es noch nicht einmal Sprengstoff: „Die Bilder hätten Sprengkraft genug“, erklärt der Experte.
Putins Parade in Moskau: Russland feiert „Tag des Sieges“ mit gigantischer Militärparade
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Es gebe aber auch ein „Andererseits“. So könne Putin einen ernsthaften Angriff für eine weitere Mobilisierung im Ukraine-Krieg nutzen, vor der er bislang zurückschrecke. „Auch die Unterstützer der Ukraine würden dies nicht alle begrüßen“, fügt Jäger hinzu. Seiner Ansicht nach hätte ein „PR-Erfolg ohne Gewalt“ das beste Ergebnis: „Vielleicht regnet es Flugblätter auf dem Roten Platz.“
Ob es so kommt, bleibt abzuwarten. Wenig wahrscheinlich scheint, dass aus Anlass des Gedenkens an die Kapitulation Nazi-Deutschlands ein auch nur kurzzeitiger Frieden einkehrt. Putins Angebot einer Waffenruhe werteten Beobachter eher als öffentlichkeitswirksames Manöver, womöglich als Versuch, die Parade zu schützen. Die Ukraine konterte mit einer schon am Mittwoch (6. Mai) begonnenen Waffenruhe, wohl um Russland vor den Augen der Welt auf die Probe zu stellen. Russland setzte nach Angaben aus Kiew seine Attacken aber fort. Die Ukraine will „symmetrisch“ kontern.
Putin deutet Gedenken um – nun könnte die Militär-Parade zum „Super-GAU“ werden
Schon jetzt kann die geplante Parade wie ein Moment der Schwäche wirken – und als Rückschlag für Putin im eigenen Land. Erst Putin selbst hatte das traditionelle Gedenken am 9. Mai ab 2008 in eine Militärparade verwandelt. In diesem Jahr beschneidet er die Demonstration militärischer Macht. Zu den Sicherheitsmaßnahmen gehört zudem offenbar eine zeitweilige Abschaltung des mobilen Internets in Moskau und St. Petersburg, wo ebenfalls paradiert wird. Der Guardian berichtete von Chaos im Alltag: So hätten Taxifahrer Probleme, Bezahlung entgegenzunehmen; Lieferdienstleute fragten Anwohner um WLAN-Zugang, um Bestellungen als abgeschlossen zu markieren.
Einschnitte in Online-Dienste – etwa Messenger und Soziale Medien – sorgten zuletzt bereits für Unmut in Russland. Auch auf diese eher banale Weise wird der von Putin entfesselte Angriffskrieg in den wichtigen Metropolen spürbar. Am „Tag des Sieges“ könnten die Probleme für den Machthaber doppelt unangenehm sein. Putin habe das einstige „Fest mit Tränen in den Augen“ gezielt instrumentalisiert, sagte die Slawistin Daria Khrushcheva unserer Redaktion vergangenes Jahr. Als Aufruf zum Kampf gegen vermeintliche „Faschisten“ – und als einendes „Bindeglied“ für die Menschen in Russland.
Nun bereitet der martialisch umgedeutete Feiertag Probleme. Und er könnte den Russinnen und Russen auf größtmöglicher Bühne die Folgen der eigenen „Spezialoperation“ vor Augen führen. „Putin verkauft den Krieg gegen die Ukraine im Kontext des Gedenkens an den Sieg im Zweiten Weltkrieg. Beide Male sei gegen die Nazis gekämpft und gesiegt worden“, sagt auch Jäger. „Der Super-GAU für Putin wäre, wenn noch sichtbarer würde, dass Russland den Krieg nicht gewinnt und die propagandistische Verbindung zwischen beiden Kriegen gekappt würde.“ (Quellen: Thomas Jäger, Daria Khrushcheva, The Guardian, dpa, eigene Recherchen)