Um den wirklich alles andere als stereotypen Fußballer, Fußballprofi und Menschen Niklas Süle etwas besser zu verstehen, hilft eine Episode weiter, die er gerade in dem Podcast „Spielmacher“ über sich selbst erzählt hat. „Lustige Sache“, kündigt er die Geschichte an, bis ihm im Laufe des Erinnerns auffällt, dass sie in Wahrheit nicht nur lustig ist, sondern das Dilemma seines Sportlerlebens beschreibt. Eigentlich, stellt er dann fest, sei das „ja gar nicht witzig“.

Die Anekdote stammt aus Süles Zeit beim FC Bayern 2017/2018, als der späte Jupp Heynckes sein Trainer war. „Ein Riesenlehrer für mich. Er hat mich extrem gemocht und ich ihn auch.“ Aber Heynckes achtete bekanntlich streng auf Ordnung und Disziplin, und das bedeutete für den damals 23 Jahre alten Süle, dass sein Lebenswandel, seine Essgewohnheiten und sein Kampfgewicht immer wieder kritisch zur Sprache kamen. Er wusste aber damit umzugehen, wie er in der Podcast-Sendung berichtete: „Einmal die Woche hatten wir Wiegen. Immer am Donnerstag. Dann habe ich am Mittwoch den ganzen Tag nichts gegessen, bin abends noch in die Sauna, mit Regenjacke … am nächsten Tag zweieinhalb Kilo weniger: Okay, jetzt passt’s wieder, jetzt können die mir nichts sagen.“

Borussia Dortmund

:Eine sinnbildliche Süle-Szene

Bei der Niederlage in Hoffenheim verdreht sich der Verteidiger das Knie und verursacht dabei einen Elfmeter. Doch Süle bekommt womöglich die Chance, sich angemessen aus Dortmund zu verabschieden.

Heute weiß Niklas Süle, dass er nicht nur den Lehrer Heynckes überlistet hatte, sondern auch sich selbst. Mittwochs habe er gefastet, aber die anderen sechs Tage habe er gelebt „wie … wie … ach, ich will’s gar nicht sagen“.

Süles Gespräch mit dem Journalisten Sebastian Hellmann, geführt unter der Obhut seiner Kölner Berateragentur Sports 360, ist gleichzeitig eine Lebensbeichte wie ein Abschiedszeugnis. Im Sommer wird der frühere Nationalspieler nicht nur Borussia Dortmund verlassen, wo sein Arbeitsvertrag ausläuft, sondern mit 30 Jahren auch seine Karriere beenden. Angebote und Anfragen hatte es einige gegeben, speziell Klubs aus der amerikanischen MLS hätten ihm gern einen Platz für die Fortsetzung der Karriere geboten. Aber Süle will nicht länger Profifußballer sein, schon lange trägt er den Gedanken ans Aufhören in sich. Die Familie soll Vorrang haben. Der endgültige Entschluss fiel neulich nach einem Spiel in Hoffenheim, als er sich scheinbar schwer verletzt hatte.

Ein Schlüsselerlebnis für ihn: „Was ich am Samstagabend empfunden habe, als unser Doc in der Kabine in Hoffenheim den Schubladentest gemacht hat (ein Test, um einen möglichen Kreuzbandriss festzustellen, Anm. d. Red.), den Physio anschaute und den Kopf schüttelte, der Physio es ebenfalls gemacht hat und auch keinen Anschlag gemerkt hat, da bin ich in die Dusche und habe zehn Minuten geweint. In der Situation dachte ich wirklich: ‚Fuck, das ist gerissen.‘“ Als er anderntags nach dem MRT Gewissheit erhielt, dass die Bänder doch noch stabil geblieben sind, „da war für mich zu tausend Prozent klar, dass es vorbei ist“. Der Gedanke, einen dritten Kreuzbandriss therapieren und verarbeiten zu müssen, versetzte ihn innerlich sofort in den Ruhestand.

Niklas Süle mit Bundestrainer Joachim Löw beim Confederations Cup 2017 in Russland.Niklas Süle mit Bundestrainer Joachim Löw beim Confederations Cup 2017 in Russland. Artyom Korotayev/imago/ITAR-TASS

Niklas Süle beendet eine Karriere der Gegensätze. Er hat in Hoffenheim, beim FC Bayern, bei Borussia Dortmund und in der Nationalmannschaft gespielt, laut eigener Zählung 15 Klubfußball-Titel gewonnen, und er galt in seinen besten Jahren – die jüngsten Zeiten bei der Borussia gehören nicht dazu – als einer der talentiertesten deutschen Verteidiger. Aber die Widersprüche zwischen dem Menschen und dem Leistungssportler gerieten dem Versprechen immer wieder in den Weg. Auch die Verletzungen häuften sich. Süle ist sich seiner professionellen Defizite bewusst: „Wie ich meine Karriere sehe: Das meiste habe ich mit meinem Talent geregelt. Das ist mein Glück gewesen. Ich hatte teilweise 110 Kilo und bin trotzdem 35 Kilometer (pro Stunde, Anm.) gelaufen.“ Er sei „ein Grenzgänger“.

Das wäre durchaus ein Grund zum Hadern mit sich selbst. Was hätte das für eine strahlende Laufbahn werden können, wenn er seine Neigungen dem Profisport untergeordnet hätte? Nun, Niklas Süle ist zwar selbstkritisch („ich habe nicht alles investiert“), aber nicht gewillt, sich selbst zu geißeln. „Ich mag, wie ich bin“, sagt er.

Sein Fazit fällt, wie könnte es anders sein, gemischt aus. Einerseits: „Ich weiß, dass ich es besser hätte machen können.“ Andererseits: „In der Karriere war sehr viel mehr gut als schlecht.“ Am Freitagabend, im Heimspiel mit Dortmund gegen Eintracht Frankfurt, könnte sich der Kreis entsprechend schließen:  „Vielleicht habe ich Glück und Niko (Kovac) bringt mich noch mal für eine Minute. Dann mache ich die 300 voll.“ Er meint: 300 Bundesliga-Einsätze.