Kürzungen in der Eingliederungshilfe

„Wir können die Kinder doch nicht einfach verloren geben“

07.05.2026 – 16:26 UhrLesedauer: 4 Min.

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Schulbegleitung bei der Arbeit (Symboldbild): Viele Schulkinder brauchen spezielle Förderangebote. (Quelle: Vladimir Wegener)

Geplante Kürzungen in der Eingliederungshilfe treffen Familien mit behinderten Kindern hart. Zwei Mütter aus der Städteregion Aachen berichten, was auf dem Spiel steht.

108 Seiten umfasst das sogenannte „Vorschlagsbuch“ der Bundesregierung aus dem Frühjahr 2026. Das Dokument trägt den offiziellen Titel „Effizienter Ressourceneinsatz bei Leistungsgesetzen“. Darin enthalten sind mehr als 70 konkrete Ideen, um den Sozialstaat zu „reformieren“.

Die Ideen zielen hauptsächlich auf Kürzungen im sozialen Bereich ab. Besonders betroffen: die Kinder- und Jugendhilfe sowie die Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderungen. Diese Kürzungen verunsichern viele Menschen auch in der Städteregion Aachen. t-online hat mit zwei Betroffenen gesprochen.

Annett Schmitz lebt mit ihrem Sohn Alexander in Aachen. Alexander besucht zur Zeit das Gymnasium und hat vor einiger Zeit die Diagnose Asperger-Syndrom erhalten. Das ist eine Variante des Autismus, die sich vorwiegend durch Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion sowie eingeschränkten Interessen und sensorischen Besonderheiten bemerkbar macht.

Als der Arztbrief mit der Diagnose kam, fühlte sich Familie Schmitz erst einmal alleine gelassen. Denn Therapieangebote oder Alltagsunterstützung gab es zunächst nicht. Nicht zu wissen, wie man mit der Krankheit umgehen könne und was sie überhaupt bedeutet, das gehe sowohl Kind als auch Eltern „an die Psyche“, sagt Annett Schmitz.

In der Schule habe Alexander oft bemerkt, dass er nicht schaffe, was für andere selbstverständlich sei: Kommunikation mit anderen Kindern und Lehrern etwa. Es habe ihm nicht gutgetan, immer wieder zu merken, dass er „nicht richtig dazugehöre“, sagt seine Mutter. Das Gefühl, immer außen vor zu sein, habe bei ihm auch dazu geführt, dass er sich nicht mehr getraut habe, in der Schule nachzufragen, wenn er etwas nicht verstanden habe. „Er wollte sich nicht die Blöße geben. Dadurch sind leider immer größere Wissenslücken entstanden.“

Familie Schmitz hat sich deswegen um Eingliederungshilfe bemüht und diese auch bewilligt bekommen. Ein spezialisierter Autismus-Therapeut hilft dem Schüler heute, seine Krankheit kennenzulernen, seine speziellen Bedürfnisse zu verstehen und trotz Autismus für sich einzustehen.

Ein ausgebildeter Jugendhelfer unterstützt ihn dabei auch im Schulalltag. Annett Schmitz ist dankbar dafür. Denn viele der Lehrer seien zwar sehr bemüht, würden sich aber wenig mit dem Krankheitsbild auskennen. „Die Lehrer brauchen auch Hilfe im Umgang mit autistischen Kindern“, sagt sie. Aber auch in der Kommunikation im Freundeskreis unterstütze der Jugendhelfer. Denn auch für Gleichaltrige sei es nicht immer leicht zu verstehen, warum ihr Sohn so reagiere, wie er reagiere.

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Die Lehrer brauchen auch Hilfe im Umgang mit autistischen Kindern.

Annett Schmitz