Beim People Connect Club in Stuttgart diskutieren Wirtschaftsbosse und Wissenschaftler über Deutschlands KI-Zukunft – zwischen Angst und Aufbruch.

 Künstliche Intelligenz (KI): Fluch oder Segen? Sind wir in Deutschland bereit, mit KI den Weg aus der Krise zu schaffen oder überwiegt die Angst vor neuen Technologien? Die L-Bank und das Unternehmen Flip hatten in die Stuttgarter Innenstadt geladen, um im Rahmen des People Connect Club über diese und viele weitere Fragen mit Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft zu sprechen.

„Die Angst geht um“, sagt Benedikt Brand, CEO und Co-Gründer von Flip. Das sei auch nicht verwunderlich, wenn Leute wie Dario Amodei, CEO des KI-Unternehmens Anthropic, behaupten würden, dass durch die KI die meisten White-Collar-Arbeitsplätze (Büroangestellte) künftig wegfallen würden. Bis zum Jahr 2030 könnten es rund 50 Prozent aller Einstiegs-Bürojobs sein, in den Bereichen Technologie, Finanzen, Recht und Consulting, meint Amodei. Das sei übertrieben, sagt Brand. „Auf jeden Fall wird uns die KI unfassbar effizienter machen.“ Ob es dabei um den Faktor zwei oder zehn geht, hänge von einigen Umständen ab. „Wichtig ist, dass wir uns mit KI beschäftigen, uns der Angst stellen und gemeinsam die Zukunft formen. Es könnte unser Indien-Moment sein, wo wir das Festnetz überspringen und gleich das Mobiltelefon nutzen.“

Kerstin Stier, Gründerin und CEO von Engomo, einer Firma, die anderen Unternehmen bei der Digitalisierung hilft, ist sich sicher, dass die erste Angst vor der KI in der Wirtschaft überwunden ist: „Bei mittelständischen Unternehmen mit industriellem Kontext ist die KI alternativlos. Die Digitalisierung ist dort bislang häufig zu langsam vorangeschritten. Und nun wissen die Unternehmer, dass sie den Weg gehen müssen oder es für sie keine Zukunft gibt.“

Joachim Dorfs, Chefredakteur von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten, hatte hierzu ein paar Zahlen parat: Laut Bitkom nutzen 41 Prozent der deutschen Unternehmen ab 20 Mitarbeiter KI, 48 Prozent planen KI künftig zu nutzen oder diskutieren darüber (Stand 2025). Die Zahlen steigen. 2024 hatten nur 17 Prozent KI im Einsatz und 40 Prozent hatten es vor. Da sei noch Luft nach oben, betont Christian Kirschniak, Managing Director und Partner bei der Boston Consulting Group: „Ich glaube, es gibt niemanden, der das Thema nicht auf der Tagesordnung hat. In vielen Fällen ist aber der Wille für Veränderung noch nicht groß genug.“

Die Führungsetage muss voran gehen

Vieles stehe und falle mit dem Mut und dem Enthusiasmus der Chefetage, waren sich die Gäste auf der Bühne einig. Susan-Stefanie Breitkopf, Verwaltungsrätin beim Bildungsverlag Cornelsen und bei dem Kunststoffhersteller Rehau: „Wenn die Eigentümer des Unternehmens sich als Vorbild vorne hinstellen und die Angst vor der KI mit Mut ausstatten, dann kommt da gleich eine ganz andere Bewegung rein.“ Die Mitarbeitenden müssten das Feuer und die Euphorie spüren. Dann würden sie bei der Transformation und Digitalisierung auch mitmachen.

Das kann Kerstin Stier nur bestätigen: „Bei unserem Kunden Trigema funktioniert das sehr gut. Wolfgang Grupp Junior nimmt seine Mannschaft toll mit. Dadurch ist ein sehr innovationsfreundliches Klima im Unternehmen entstanden.“ Viel Fingerspitzengefühl erfordere so ein Prozess, ergänzt Susan-Stefanie Breitkopf: „Man muss sich überlegen, wie man mit den Menschen im Unternehmen umgeht, bei denen sich viel verändert. Sie dürfen sich nicht entwertet fühlen.“ Natürlich spiele bei den Mitarbeitenden auch der Gedanke eine Rolle, durch KI den Arbeitsplatz zu verlieren. Christian Kirschniak: „Die Sorge ist nicht unberechtigt. Aber es ist notwendig den Weg nach vorne zu gehen. Wer stehen bleibt, sich dem Thema nicht öffnet, wird nicht effizient genug sein und auf der Strecke bleiben.“

Hacker-Angriffe nehmen zu

German Angst oder German Ambition? Wo stehen wir gerade? Für Professorin Jivka Ovtcharova, Professorin am Karlsruhe Institute of Technology für Informatik und KI, ist eines klar: „Wir brauchen mehr Mut. German Angst ist auch nicht mein Problem. Ich bin gebürtige Bulgarin. Wir ticken etwas anders“, sagt sie und lacht. Spaß beiseite. In Baden-Württemberg und Deutschland gebe es exzellente Universitäten, tolle Professoren und Studierende. „Ich bin stolz auf die junge Generation“, sagt Jivka Ovtcharova. Und zitiert Karim Lakhani, Professor an der Harvard Business School: „KI wird Menschen nicht ersetzen – aber Menschen mit KI werden Menschen ohne KI ersetzen.“

Professorin Jivka Ovtcharova und die Gastgeber Johannes Heinloth (L-Bank) sowie Benedikt Brand von Flip (von links) Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Dass die Digitalisierung auch die „dunkle Seite der Macht“ auf den Plan ruft, berichtet Markus Bentele, CIO und Mitglied des Aufsichtsrats bei Mahle. Täglich gebe es Bedrohungsszenarien und das sei kein Film, sondern Realität. „Auch in Baden-Württemberg gibt es namhafte Firmen, die massiv durch Cyberattacken geschädigt wurden.“ Natürlich habe man durch die Digitalisierung enorm an Effizienz gewonnen, aber dadurch auch Schwachstellen und Angriffsflächen geschaffen. Allein in den vergangenen zwölf Monaten habe es rund 11.000 kritische Angriffe auf Mahle gegeben – vor allem durch Phishing. „Deshalb penetrieren wir alle unsere 47.000 IT-User in der Firma jeden Monat mit einer Phishing-Simulation und beobachten das Darknet. Eine einzige E-Mail kann den Exodus unseres Unternehmens bedeuten“, betont Bentele. Vor etwa zwei Jahren habe es einen Angriff gegeben, für den die Hacker fünf Millionen Euro im Darknet investiert haben. Das Ziel sei gewesen, Mahle zu erpressen. „Wir versuchen alles, aber am Ende wird es auch uns erwischen.“ Und wenn es soweit sei, müsse man vorbereitet sein. Dann sollte man in der Lage sein, sein komplettes System wiederherstellen zu können. Daran arbeite man.

Trotz dieser beängstigenden Zahlen und Schilderungen wollte das Vorstandsmitglied der L-Bank, Johannes Heinloth, Zuversicht und positives Denken beim Thema KI versprühen: „KI ist auch längst bei uns angekommen. Wir versuchen kreative, junge Unternehmen zu unterstützen.“ Knapp 1 Milliarde Euro habe man 2025 in den Mittelstand investiert. Und das soll noch lange nicht das Ende der Fahnenstange sein. Vor ein paar Wochen habe das Land die BW-Capital GmbH gegründet. Sie soll künftig gezielt Risikokapital für technologieorientierte Start-ups, Scale-ups sowie innovative Mittelstandsunternehmen bereitstellen. Damit möchte das Land in neue Ideen, neue Unternehmen und neue Chancen investieren, um konkurrenzfähig zu sein.