• Bei den britischen Kommunalwahlen heute stehen über 5000 Sitze zur Wahl – und das traditionelle Zweiparteiensystem steht unter Druck.
  • Labour und die Tories kommen laut aktuellen Umfragen gemeinsam nur noch auf unter 40 Prozent der Stimmen – 2019 waren es noch 76 Prozent.
  • Reform UK unter Nigel Farage, die Green Party unter Zack Polanski und die neue Partei Restore Britain von Rupert Lowe gewinnen an Zulauf.

Am Donnerstag wird in weiten Teilen Grossbritanniens gewählt. Dabei geht es um mehr als 5000 Sitze in Kommunalparlamenten und Gemeinderäten. Die Wahlen gelten als erster grosser Stimmungstest für Premierminister Keir Starmer seit dem Regierungswechsel. Sie sind aber auch Gradmesser für den Aufstieg junger Parteien, die das bisherige Zweiparteiensystem stürzen könnten.

Obwohl im Vereinigten Königreich offiziell rund 400 Parteien registriert sind, wurde die britische Politik jahrzehntelang von zwei Kräften dominiert: der sozialdemokratisch geprägten Labour Party und den konservativen Tories. Noch bei der Parlamentswahl 2019 erhielten beide Parteien zusammen 76 Prozent der Stimmen. Laut aktuellen Umfragen kommen sie inzwischen jedoch gemeinsam auf weniger als 40 Prozent.

Viele Wählerinnen und Wähler zeigen sich frustriert über steigende Lebenshaltungskosten, ungelöste Migrationsfragen und das Gefühl politischer Stagnation. Davon profitieren kleinere Parteien am rechten und linken Rand des politischen Spektrums. Besonders Reform UK, die Green Party und die neue Bewegung Restore Britain gewinnen an Aufmerksamkeit. Wer sind die Männer hinter den Parteien – und womit überzeugen sie ihre Wähler?

Reform UK: Nigel Farage

Nigel Farage führt mit Reform UK eine Partei, die in Umfragen teilweise bereits vor Labour und den Tories liegt.Nigel Farage führt mit Reform UK eine Partei, die in Umfragen teilweise bereits vor Labour und den Tories liegt.DPA/Stefan Rousseau

Nigel Farage (62) gilt als das Gesicht des Brexit und ist die prägendste Figur des rechten politischen Lagers in Grossbritannien. Der ehemalige Rohstoffhändler aus der Londoner Finanzbranche begann seine politische Karriere einst bei den konservativen Tories. Heute führt er mit Reform UK eine Partei, die in Umfragen teilweise vor den Konservativen liegt. Laut einer aktuellen Ipsos-Umfrage kommt Reform UK auf 25 Prozent Zustimmung, Labour und die Tories liegen jeweils bei 19 Prozent. Schon früh vertrat Farage eine harte Linie gegen Migration und zeigte sich skeptisch gegenüber der Europäischen Union.

Kritiker werfen ihm Populismus vor. Die Bezeichnung «rechtsextrem» weist Reform UK zurück. Farage selbst bezeichnet die Partei stattdessen als «Mitte-rechts». Seit längerem wird darüber spekuliert, ob er Ambitionen auf das Amt des Premierministers hat. Aus den eigenen Reihen kam zuletzt jedoch Kritik: Farage versuche, moderater aufzutreten, um ein breiteres Wählerspektrum anzusprechen.

Green Party: Zack Polanski

Green-Party-Chef Zack Polanski setzt auf Klima-, Sozial- und Protestpolitik und spricht damit vor allem junge und progressive Wähler an.Green-Party-Chef Zack Polanski setzt auf Klima-, Sozial- und Protestpolitik und spricht damit vor allem junge und progressive Wähler an.Imago/Avalon.red

Zack Polanski (43) spricht als Parteichef der Green Party gezielt junge, urbane und progressive Wähler an, die sich von Labour enttäuscht fühlen. Neben klassischen Umweltanliegen setzt die Partei unter Polanski verstärkt auf soziale Themen wie ein bedingungsloses Grundeinkommen. Auch der Gaza-Krieg rückte stärker in den Fokus der Partei. Damit sprechen die Greens insbesondere muslimische Wähler sowie linke Labour-Kritiker an.

Polanski stammt aus Manchester, studierte Schauspiel in Grossbritannien und den USA und arbeitete später unter anderem als Hypnosetherapeut. Politisch aktiv wurde er zunächst bei den Liberal Democrats, bevor er 2017 zur Green Party wechselte. Während seines Wahlkampfs versprach er eine «öko-populistische» Bewegung, die Wählerinnen und Wähler emotional ansprechen solle.

Als Jude wurde Polanski bereits Opfer antisemitischer Anfeindungen. Gleichzeitig werfen Kritiker ihm und anderen führenden Mitgliedern der Green Party vor, israelfeindliche Positionen zu relativieren oder antisemitische Tendenzen innerhalb der Partei nicht klar genug zu verurteilen.

Restore Britain: Rupert Lowe

Rupert Lowe positioniert sich mit seiner neuen Partei Restore Britain rechts von Nigel Farage und fordert eine noch härtere Migrationspolitik.Rupert Lowe positioniert sich mit seiner neuen Partei Restore Britain rechts von Nigel Farage und fordert eine noch härtere Migrationspolitik.Imago/Zuma Press Wire

Rupert Lowe (68) positioniert sich rechts von Nigel Farage. Der Multimillionär wurde 2024 für Reform UK ins britische Parlament gewählt, geriet später jedoch öffentlich mit Farage aneinander. Lowe äusserte etwa Zweifel an Farages Eignung für das Amt des Premierministers. Dieser wiederum warf Lowe eigene politische Ambitionen vor. Im Februar kündigte Lowe an, seine politische Organisation Restore Britain in eine offizielle Partei umzuwandeln.

Der Geschäftsmann und Landwirt war früher Vorsitzender des Fussballclubs Southampton FC. Politisch setzt er vor allem auf eine harte Migrationspolitik. Restore Britain fordert unter anderem die Abschiebung aller illegalen Einwanderer im Vereinigten Königreich. Zudem definiert die Partei britische Identität stärker über Herkunft und christlichen Glauben als etwa Reform UK. Lowe spricht damit insbesondere Wählerinnen und Wähler an, denen die Forderungen von Farages Partei nicht weit genug gehen.

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Shirin Camenisch

Shirin Camenisch (sca) arbeitet seit 2025 als Praktikantin im Ressort News, Wirtschaft & Videoreportagen.