Bielefeld/Rheda-Wiedenbrück. Zunächst rein pflanzlich gestartet, haben manche Restaurants und Cafés nun Fleisch in ihr Sortiment aufgenommen. In ländlichen Supermärkten wird es teilweise schwerer, bestimmte vegane Produkte zu bekommen. Seit drei Jahren wird in Deutschland wieder mehr Fleisch gegessen. Erlebt Fleisch ein Comeback?
Nach Angaben des Bundesinformationszentrums Landwirtschaft (BZL) sei der Fleischverzehr in Deutschland in den vergangenen drei Jahren auf nun 54,9 Kilogramm pro Kopf angestiegen. Der Aufwärtstrend gehe vor allem auf Geflügelfleisch zurück. Der Geflügelverzehr pro Kopf liege 2025 bei rund 14,7 Kilogramm. Das sei ein neuer Höchstwert und mache knapp 27 Prozent des gesamten Fleischverzehrs aus.
Dennoch: Der aktuelle Anstieg sei aus Sicht der Verbraucherzentrale NRW „eher eine kleine Gegenbewegung, aber keine grundsätzliche Trendwende“. Trotz des jüngsten Zuwachses hat sich der Fleischverzehr in Deutschland über das letzte Jahrzehnt insgesamt eher verringert. 2011 seien es zum Beispiel 63,8 Kilogramm pro Kopf gewesen.
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Markt für Veggie-Produkte wächst weiter
So habe auch der gestiegene Fleischkonsum keinen negativen Einfluss auf den Markt an Fleischersatzprodukten – im Gegenteil: Der Markt wächst weiter, wie Frank Waskow von der Verbraucherzentrale NRW berichtet. Für 2025 wird von einem Umsatz von etwa 756 Millionen Euro ausgegangen. 2024 waren es noch 647 Millionen Euro.
Die Premium Food Group, ehemals Tönnies, in Rheda-Wiedenbrück ist der größte Fleischproduzent in Deutschland.
| © picture alliance / dpa
Zwar bleibt der Anteil fleischloser Ernährung klein – in Deutschland essen laut Ernährungsreport 2025 des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat lediglich zwei Prozent vegan und sieben Prozent vegetarisch – aber ihre Produkte werden Waskow zufolge auch von Flexitariern verzehrt.
Letztere werden von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung als flexible Vegetarier bezeichnet. Sie verzichten zwar nicht auf Fleisch, aber reduzieren ihren Konsum bewusst. Oftmals zählen Tierschutz, Umwelt und Gesundheit zu ihren Motiven. Laut Ernährungsreport ernähren sich 37 Prozent flexitarisch. Die Zahlen zu den Ernährungsformen bewegen sich seit Jahren auf einem ähnlichen Niveau.
Fleischproduzenten aus OWL spüren größere Nachfrage
Über den gestiegenen Fleischverzehr freuen sich die Fleischproduzenten aus OWL: Sowohl die Premium Food Group, ehemals Tönnies, in Rheda-Wiedenbrück als auch Bauerngut, ein Unternehmen der Edeka Minden-Hannover, berichten von einer stärkeren Nachfrage. Nach Angaben einer Unternehmenssprecherin von Edeka Minden-Hannover habe das allerdings keine Auswirkungen auf die Herstellung fleischloser Produkte. Auch das pflanzliche Sortiment in den Edeka-Filialen bleibe „in der gewohnten Vielfalt bestehen“.
Produkt aus Rheda-Wiedenbrück: Tönnies bringt Hybrid-Hackfleisch auf den Markt – was hat es damit auf sich?
Ähnlich äußert sich Kai von Stockum, Sprecher der Premium Food Group. Das Unternehmen, das zugleich der größte Fleischproduzent Deutschlands ist, wolle den „gesellschaftlichen Trend zum ’Flexitarismus’ aktiv mitgestalten“. Daher wird das Sortiment an vegetarischen und veganen Produkten „kontinuierlich erweitert“.
Der Markt der pflanzlichen Ersatzprodukte steigt weiter. Nicht nur Vegetarier oder Veganer greifen auf die Produkte zurück.
| © picture alliance / SvenSimon
Allerdings fügt Frank Waskow von der Verbraucherzentrale NRW einschränkend hinzu, dass vom Anstieg der Fleischnachfrage besonders Erzeuger und Verarbeiter im EU-Ausland profitieren würden. So sei der Fleischimport insgesamt um fast elf Prozent auf 3,6 Millionen Tonnen angestiegen. Währenddessen hätte die inländische Erzeugung nur einen „sehr geringen Zuwachs“ verzeichnet.
Proteinhype führt zu gestiegenem Fleischverzehr
Zur aktuellen Gegenbewegung tragen vor allem auch jüngere Menschen bei. Sie greifen wieder häufiger zu Fleisch und insbesondere Geflügel. Die Ernährungssoziologin Jana Rückert-John von der Hochschule Fulda sieht dabei einen Zusammenhang mit dem aktuellen Proteintrend, bei dem viele auf tierische Proteinquellen setzen.
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Dies steht im Kontrast dazu, dass ausgerechnet in dieser Altersgruppe vegetarische und vegane Kost weiterhin am weitesten verbreitet ist. So treffen einige Vorannahmen über Vegetarier und Veganer weiterhin zu: Sie sind laut Verbraucherschützer Waskow überwiegend jung, weiblich, großstädtisch, haben höhere Bildungsabschlüsse und ein höheres Einkommen.
Der Verzehr von Geflügelfleisch ist auf einem neuen Höchststand.
| © picture-alliance/ dpa
Soziologin: Krisenzeiten bremsen Ernährungswandel
Die Ernährungssoziologin Rückert-John sieht neben dem Hype um Protein aber noch einen weiteren Grund für den gestiegenen Fleischverzehr: Die sich häufenden gesellschaftlichen und politischen Krisen hätten einen Einfluss auf unsere Ernährungsweise. „Essen war in unsicheren Zeiten schon immer ein Identitätsanker und kann Ordnung und Sicherheit vermitteln.“
Denn: Veränderung in den Ernährungsgewohnheiten zu mehr pflanzenbasierten Lebensmitteln muss man sich auch leisten können – nicht nur finanziell, sondern auch mental: Wenn die steigenden Lebenshaltungskosten und Kriege die ganze Aufmerksamkeit binden, haben Menschen Rückert-John zufolge weniger Kapazitäten, sich mit der eigenen Ernährung aus moralischen Gesichtspunkten wie Tier- und Umweltschutz auseinanderzusetzen.
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