Wer heute durch das Loch im Zaun an der Hobrechtsfelder Chaussee 100 in Berlin-Buch schlüpft, findet sich in einer anderen Welt wieder: verwaiste Operationssäle mit Kacheln in Stasi-Grün, ein leeres Schwimmbad, Graffiti an den Wänden, Gestrüpp auf dem Vorplatz. Und irgendwo tief darunter ein Atombunker mit voll ausgestatteten OP-Sälen, der das Überleben der DDR-Führung nach einem Atomschlag sichern sollte.

Willkommen im ehemaligen Regierungskrankenhaus der SED. Einer der absurdesten Orte Berlins – und möglicherweise bald zu verkaufen.

Ein Krankenhaus, das offiziell nicht existierte

1976 eröffnete das DDR-Regierungskrankenhaus in Berlin-Buch, ausschließlich für die Staatsführung um Erich Honecker, Diplomaten und ausgewählte Funktionäre. Normale Bürger? Falsche Klasse. Dabei mangelte es in der DDR oft genug an Antibiotika und Röntgengeräten – nicht so hier.

Ab Mitte der 1980er-Jahre stand in Buch einer von in der DDR extrem seltenen Computertomografen. Normale DDR‑Bürger warteten jahrelang auf einen CT-Termin. Für die Politprominenz in Buch ging es deutlich schneller.

Fehlende Medikamente? Kein Problem, wenn man die Staatssicherheit als Kurierdienst nutzen kann. Kardiologe Dr. Uwe Jens Jürgensen erinnerte sich im MDR: Wenn etwas gebraucht wurde, „sagten wir es unserer Hausapotheke. Die schickte einen Stasi-Mann mit der Aktentasche nach West-Berlin. Und dann war das Medikament in zwei Stunden bei uns.“

58 Ärzte, 115 Pflegekräfte – und ein Atombunker

Der Aufwand war erheblich. Im Regierungskrankenhaus selbst arbeiteten 58 Ärzte und 115 Pflegekräfte, 85 Zimmer mit Telefon und TV sowie eine Schwimmhalle und eine Entbindungsstation standen bereit. Unterhalb des Komplexes befand sich ein Atombunker mit OP-Sälen für den nuklearen Ernstfall.

Direkt nebenan, ebenfalls im Bucher Wald und ebenfalls streng abgeschirmt, betrieb das Ministerium für Staatssicherheit sein eigenes Krankenhaus – ein separater Komplex mit rund 300 Betten und 650 Mitarbeitern, nur für Stasi-Angehörige ab einem bestimmten Dienstgrad. Zusammen bildeten beide Einrichtungen den bestgehüteten Medizinkomplex des Ostblocks. Das Wachregiment „Feliks Dzierzynski“ sicherte das Areal.

Honecker wurde sein Tumor verschwiegen

Die Klinik erlebte ihren dramatischsten Moment 1989: Noch kurz vor dem Mauerfall wurde Erich Honecker in Buch an der Gallenblase operiert. Dabei fanden die Ärzte einen Tumor – und schwiegen darüber. Ob aus Loyalität, aus Angst oder aus kaltem Kalkül, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Honecker erfuhr von seiner Krebserkrankung erst später, als er die DDR schon hinter sich gelassen hatte.

Nach der Wende verlor die Klinik ihre Sonderrolle. Im Frühjahr 1990 wurde sie dem städtischen Klinikum Berlin-Buch angegliedert. 2007 wurde sie endgültig geschlossen.

Seitdem verrottet das Gelände – nicht immer still. 2019 wurden auf dem Areal des ehemaligen Stasi-Krankenhauses Tausende Patientenakten entdeckt, die bis in die 1960er-Jahre zurückreichten, komplett mit Namen, Geburtsdaten, Diagnosen und Operationsberichten. Dass die Dokumente so lange unbemerkt blieben, hatte am Ende einen eher banalen Grund: Sie stammten wohl nicht aus dem Stasi-Betrieb selbst, sondern aus der Orthopädie des städtischen Klinikums Buch und waren beim Umzug 2007 schlicht vergessen worden. Weniger Geheimdienst, mehr Berliner Schlamperei – aber für die Betroffenen kaum ein Trost.

Das ehemalige DDR Regierungskrankenhaus hat bessere Tage gesehen.

Das ehemalige DDR Regierungskrankenhaus hat bessere Tage gesehen.

© IMAGO/Jürgen Ritter

210 Millionen Euro für die Sanierung – oder 86 Millionen für den Abriss

Inzwischen hat die Romantik des Verfalls ihren Preis. Die Sicherung des Areals verschlingt Hunderttausende Euro jährlich. Das Land Berlin, das das Gelände über die landeseigene Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) verwaltet, steckt in einem klassischen Berliner Dilemma: Laut Machbarkeitsuntersuchung kostet eine Komplettsanierung rund 210 Millionen Euro brutto – ein Abriss käme auf rund 86 Millionen Euro. Wobei: Im Abrissszenario ist der Rückbau der Bunkeranlage noch nicht eingerechnet. Was darunter liegt, hat seinen Preis.

Laut einem Bericht der B.Z. soll der BIM-Aufsichtsrat einem Bieterverfahren zugestimmt haben – ohne Mindestpreis, Zuschlag an den Meistbietenden. Als Wunschnutzung favorisiert Berlin ein Rechenzentrum auf dem Areal.

Die BIM selbst bremst: Auf Anfrage der Berliner Zeitung heißt es, die Berichterstattung könne „so nicht bestätigt“ werden, einen entsprechenden Aufsichtsratsbeschluss gebe es nicht – zunächst stehe die Clusterung des Grundstücks durch den Portfolioausschuss aus. Erst danach könnten nächste Schritte beschlossen werden.

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