Ein Minischweine in einem Stall.

AUDIO: Hannover – Hoffnung für Organtransplantierte? (2 Min)

Stand: 07.05.2026 14:47 Uhr

Transplantierte müssen ihr Leben lang Medikamente einnehmen, die das Immunsystem dämpfen, damit das neue Organ nicht abgestoßen wird. Die allerdings können auch krank machen. Ein Mediziner aus Hannover will das ändern.

von Christina Harland

Auf dem Gelände der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) würde man sie nicht vermuten. Acht Mini-Schweine, die zufrieden im Stroh spielen. Sie sind für den Transplantationsmediziner Rainer Blasczyk zu kleinen Hoffnungsträgern geworden – der lebende Beweis, dass seine Idee funktioniert. Am Tier und – da ist er sicher – bald schon auch bei Menschen. Vor acht Jahren ließ Blasczyk den Schweinen Lungenflügel transplantieren, die er zuvor genetisch manipuliert hatte. Nur in den ersten Wochen bekamen die Schweine Immunsuppressiva, seitdem sind sie völlig frei von Medikamenten. Dass es so gut funktioniert, hatte der Mediziner nicht erwartet: „Aber gerade deshalb fühlen wir uns verantwortlich, das auch in die Klinik zu bringen.“

Immunsuppressiva belasten den Körper

Jens Gottlieb, Pneumologe an der MHH.

Betroffene leiden sehr unter der Einnahme von Immunsuppressiva, sagt Jens Gottlieb, Pneumologe an der MHH.

Bislang dämpfen schwere Medikamente die natürliche Abwehrreaktion des Körpers nach einer Organtransplantation. Und diese Immunsuppressiva haben es in sich. Sie können Darmprobleme, Hauterkrankungen, Diabetes oder Tumore auslösen. Fast immer schwächen sie die Nieren, sagt Jens Gottlieb, Pneumologe an der MHH. Der Professor betreut Lungentransplantierte und sieht die Folgen, die Immunsuppressiva bei seinen Patienten haben: „Wir wissen, dass die Nierenfunktion im ersten Jahr der Transplantation gegenüber dem Wert vor der Transplantation um 50 Prozent abnimmt.“

„Tarnkappe“ für Spenderorgane

Seit 23 Jahren forscht sein Kollege Blasczyk mit seinem Team daran, wie man verhindern kann, dass ein Spenderorgan nach einer Transplantation vom Immunsystem des Empfängers abgestoßen wird. Die Idee: Nicht das Immunsystem wird manipuliert mit schweren Medikamenten, sondern das Spenderorgan mit einem gentechnischen Kniff, der es „unsichtbar“ macht. Das heißt: Das Immunsystem erkennt das Spenderorgan nicht als Fremdkörper an und stößt es nicht ab. Diese genetische „Tarnkappe“ wird direkt zwischen Entnahme und Transplantation eingebaut. Mit einem sogenannten Vektor, ein Virus, der die genetischen Informationen in die Organzellen schleust.

Vom Tierversuch zur klinischen Studie

Transplantationsmediziner Rainer Blasczyk.

Transplantationsmediziner Rainer Blasczyk hat mit der Hochschule für sein Vorhaben ein Start-up gegründet.

Schon kommendes Jahr soll der erste Mensch im Rahmen einer Studie mit einer quasi unsichtbaren Lunge transplantiert werden. In acht bis zehn Jahren könnte das Verfahren dann in Europa und den USA zugelassen werden. Bis dahin braucht es enorm viel Geld: 50 bis 100 Millionen Euro. Blaszczyk hat dafür mit der Hochschule ein Start-up gegründet. Jetzt muss er Investoren von seiner Idee überzeugen – Forschungsförderung gibt es in solcher Größenordnung üblicherweise nicht.

Forschungsgeld bleibt nicht in Deutschland

Was den Mediziner ärgert: Das meiste Geld fließt ins Ausland, in Deutschland darf er an den vergleichsweise wenigen menschlichen Spenderorganen in der Regel nicht forschen, das geschieht in den Niederlanden. Es mangelt nicht nur an Spenderorganen. Es fehlen bei den Organen in der Regel die ausdrücklichen Erklärungen der Spender, dass sie ihre Organe auch für Forschungszwecke zur Verfügung stellen. Tierversuche hat Blasczyk nach Dänemark ausgelagert, weil sie dort schneller genehmigt werden. Die Gentechnik für die unsichtbaren Organe entsteht in Großbritannien. Und die Organversuche an Hirntoten – kann er nur in den USA machen.

Wissenschaftler beklagt Hürden für die Forschung

„Wir haben enorme Hürden in Deutschland, weil wir hohe Standards haben. Das betrifft Tierversuche, das betrifft ethische Standards und das betrifft die Gentechnik“, klagt der Mediziner. Ohne die Untersuchungen im Ausland könnten die Wissenschaftler die Geschwindigkeit nicht erreichen, die nötig sei, um Investoren zufriedenzustellen. Nur so käme die Wissenschaft in Deutschland an das Geld, das sie brauche, um ihre Ergebnisse in die Praxis umzusetzen.

Ein Organspendeausweis und ein Personalausweis stecken in einer Brieftasche.

Die Ärztekammer Niedersachsen hat eine Resolution verabschiedet – und fordert vom Bund mehr Tempo beim Gesetzgebungsverfahren.

Eine Frau hält einen Organspendeausweis in die Höhe.

Organspenden retten Leben. Doch viele Menschen sind bei dem Thema unsicher. Wer darf Organspender sein und wer nicht?

Eine Person im grünen Ganzkörperschutzanzu sitzt an einem beleuchteten Labortisch.

Die Zellen kontrollieren die Reaktion des Immunsystems und verhindern Schäden durch Selbstangriffe. Forschende arbeiten daran, sie zur Therapie einzusetzen.