Zwei Frauen biegen um die Ecke, schauen sich suchend um. „Wir suchen eine Wohnung“, sagt die eine, schon fast vorwurfsvoll im Ton. „Wo kann man sie anschauen?“, fragt die andere. Das kleine Grüppchen, das vor einem der Stuttgarter Mart-Stam-Häuser in der Weissenhofsiedlung steht, schaut sich ratlos an.

Hier gibt es Wohnungen und Häuser zu mieten, aber aktuell ausgeschrieben ist nichts. Schon gar nicht in einem der frisch in kräftigem Blau erstrahlten Reihenhäusern des niederländischen Architekten. Die Bauten im Stil des Neuen Bauens werden gerade vom Fotografen dieser Zeitung von mehreren Perspektiven aus aufgenommen, auch Details, das kleine Treppchen rechts neben dem Eingang, die blau lackierten Briefkästen.

Ikonisches Haus des Neuen Bauens in Stuttgart

Die Mieter der Stam-Häuser haben über viele Monate ohne Fenster, dafür mit Gerüst vorm Haus und Baggern im Vorgarten gewohnt. Jetzt, da alles fertig ist, werden sie vermutlich erst recht bleiben. Frank Riethmüller, Leiter Baumanagement Bestandswohnungen der Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG), ist der erste, der versteht, was die Frauen wollen. „Ah, die Wooohnung!“, sagt er, lächelt und weist den Weg. Geradeaus, dann links und die Treppen hinunter, dann können sie sich eine der architektonisch herausragendsten Wohnungen des 20. Jahrhunderts anschauen – die von Le Corbusier im Weissenhofmuseum.

Frohe Mienen, die zwei Frauen sind offensichtlich Touristinnen, sie spazieren beschwingten Schrittes weiter. Derlei trägt sich in einer der berühmtesten, architektonisch bedeutsamen Mietersiedlung Stuttgarts – sogar der Welt – immer wieder zu. Weshalb einige der hier Wohnenden manchmal Blickkontakte meiden, wenn sie einfach nur ihre Einkäufe ins Haus tragen und nicht Wegweiser spielen wollen, während orientierungslose oder auch aufdringlich neugierige Menschen vor ihren Türen herumstehen.

Großsanierung in der Stuttgarter Mietersiedlung

Ein kleines Holzschild auf der zart sprießenden Rasenfläche weist darauf hin, dass dies ein Privatweg ist. Die zwar hässliche, doch auch abschirmende Mülltonnenformation ist verschwunden, die hat die SWSG im Zuge der jüngst abgeschlossenen Großsanierung weiter entfernt ordentlich eingehaust. Wenn die Grünpflanzen weiter wachsen, wird der Müllplatz nicht mehr so prominent wie jetzt sichtbar sein.

Der niederländische Architekt Mart Stam hat die Reihenhäuser in der Stuttgarter Weissenhofsiedlung entworfen. Foto: gemeinfrei

Um die drei Reihenhäuschen herum ist nun wieder alles offen einsehbar. So wie damals, im Jahr 1927, als die Werkbund-Ausstellung „Die Wohnung“ Hunderttausende Menschen anlockte. Damals waren die Wohnungen und Häuser im Stil des Neuen Bauens zwar eingerichtet – Mart Stam möblierte seine Bauten mit den von ihm entworfenen Freischwingern –, aber natürlich waren sie nicht bewohnt.

Die vom Architekten und künstlerischem Leiter Ludwig Mies van der Rohe zu Beginn der 1920er Jahre damit beauftragten Herren sollten ihre Ideen für zeitgemäßes Wohnen auf einer Obstwiese im Stuttgarter Norden verwirklichen. Bei Stams Haus ist die Konstruktion „als ein Eisenskelettsystem mit Schlackenstein-Füllwänden ausgebildet, sie ermöglicht ein sehr schnelles Bauen“, ist in dem vom Werkbund herausgegebenen Buch zur Siedlung „Bau und Siedlung“ zu lesen.

Schnell Wohnraum schaffen war in Stuttgart auch 1927 Thema

Wohnraum war damals wie heute Mangelware. Allerdings waren die Wohnungen und Häuser kleiner als heute. 105 Quadratmeter auf drei Stockwerke verteilt, inklusive drei Schlafzimmer, WC, Bad, Wohn-, Ess- und Küchenbereich – und Kellerräume. 111 Quadratmeter misst das Haus ganz rechts, das zusätzlich über eine herrliche Sonnenterrasse verfügt. „Man muss seine Ansprüche einschränken, aber demgegenüber hat man das Recht, für das ausgegebene Geld ein Höchstmaß an Brauchbarkeit, an Bequemlichkeit zu fordern“, notierte der Architekt im Essay zu seinem Entwurf.

Zäune haben die 17 eingeladenen Architekten für ihre Ein- und Mehrfamilienhäuser nicht entworfen, auch keine Mülltonnen-Plätze. Mülltrennung war 1927 noch kein Thema. Selbst Hausnummern hielten sie für verzichtbar.

Rückwärtige Seite der Mart-Stam-Häuser in der Stuttgarter Weissenhofsiedlung – vom Hölzelweg aus gesehen. Dort wird gerade eine Mauer saniert. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko Abrissstadt Stuttgart

Knapp hundert Jahr später wird dies bei der Sanierung der Häuser von Mart Stam und Co. zum Problem. Denn: Inzwischen steht die komplette Siedlung unter Denkmalschutz. Aus guten Gründen. Einige Architekturjuwele wurden nicht nur im Zweiten Weltkrieg zerstört, sondern, wiewohl bewohnbar, in den 1950ern abgerissen. Auch das Haus von Adolf Rading direkt neben den Stam-Häusern. Abrissstadt Stuttgart eben.

Die SWSG will es besser machen. Daher sitzen an einem Februartag 2024 Frank Riethmüller und SWSG-Projektleiter Björn Hakenbeck in der kleinen Weissenhofwerkstatt im benachbarten Haus Mies van der Rohe und haben jede Menge Akten und Pläne auf einem Tisch ausgebreitet, nachdem sie wieder mal eine Besichtigung vor Ort absolviert hatten.

39 Fenster müssen aufgearbeitet werden

Der Lack ist ab am Reihenhausriegel. Mäuerchen rissig, Treppen schadhaft, der fahle graublaue Putz bröckelig. Muss alles überholt werden. Das Dach, die Eingangstüren, die 39 Fenster. Eine Million Euro wird die Sanierung für das Mart-Stam-Gebäude am Ende gekostet haben.

Seit 2023 arbeiten sie an der Sanierung des Mart-Stam-Ensembles. Ein Jahr lang dauerte die „Grundlagenermittlung“, Untersuchungen und Sichtungen, jedes Haus wird einzeln untersucht. Die Farbgebung wurde intensiv diskutiert, Pläne studiert, Türen auf Fotos recherchiert, in Archiven Texte und Bilder begutachtet. 111 Seiten Recherche sind zusammengekommen.

Ausgiebige Recherche zu dem Stuttgarter Haus von Stam

„Vieles ist nicht mehr im Originalzustand“, sagt Riethmüller. Die Metallfenster etwa sind keine Originale mehr, das Haus wurde in den 1980ern stark saniert. In der kleinen Ausstellungsgalerie im Haus Mies van der Rohe berichten davon, dass sie und die Architekten des Stuttgarter Büros Kaestle & Ocker, außerdem Mitarbeitende der Wüstenrot Stiftung als unterstützende Connaisseure in Sachen Denkmalschutz sowie Vertreter der Denkmalbehörde in regelmäßigen Abständen beisammensitzen.

Für jegliche Veränderungen an den Originalbauten und den Ersatzbauten müssen Anträge beim Denkmalamt gestellt werden. „Die regelmäßigen Treffen sind sehr hilfreich und fruchtbar“, sagt Riethmüller. „Und auch wenn nicht alles zu hundert Prozent in Dokumenten belegt ist, haben wir nach langen Beratungen immer gemeinsam Entscheidungen treffen können. Was gut ist, sonst kommt man nicht voran.“ Damit es bei der nächsten Sanierung flotter geht, werden bei der jetzigen Umbauarbeit für alle Maßnahmen Dokumentationen und Produktdatenblätter angeheftet.

Was ist das passende Blau?

Recht leicht fiel die Entscheidung, was mit den Hausnummern passieren soll. Sie kommen seitlich am Windfang an die Wand, das wirkt eindeutig wohnlicher als zuvor, als die Zahlen gefühlt fabrik- oder knastmäßig aufs Türblatt gemalt waren.

Lange nicht abschließend geklärt ist eine, wenn nicht die wichtigste Frage: Was ist das passende Blau? 1927 wurde in Schwarz-Weiß fotografiert, da aber auch damals schon die Fotografen Bilder bearbeiten, bieten die Schattierungen keine ausreichende Orientierung. Gespräche mit einem der Beteiligten der letzten Sanierung in den 1980ern, der damals Farb- und Putzuntersuchungen gemacht hatte, waren bedingt hilfreich. Und Richard Döcker, Architekt und Bauleiter der Siedlung, hat auch nicht alle Details des Baus in den Unterlagen vermerkt.

„Beim Putzabklopfen“, wird Riethmüller einige Monate später beim nächsten Baustellenbesuch berichten, während am eingerüsteten Haus gerade kein Blau mehr an der Fassade zu sehen ist, dafür Fensterflächen mit Sperrholzplatten verdeckt sind. „Als wir an den Häusern die Sockel freigelegt haben, haben wir gehofft, im Boden original Putzreste zu finden.“ Vergebens. Geeinigt hat man sich am Ende auf dies: Ultramarin hell, KEIM Soldalit „MT 8052052 PQ“ – eine Sondermischung. Und an den anderen Häuserwänden ist es ein gelbliches Weiß geworden: „NCS S 0005 – Y20R“.

Auch beim Abtragen der seitlichen Mauer war nicht ein blaues Bröckchen zu finden, dafür kam anderes zum Vorschein. Die Mauer war bei einer früheren Sanierung einfach um einen Meter nach hinten versetzt worden. Keiner weiß, warum. „Beim Rückbau haben die Handwerker Fundamentreste entdeckt“, sagt Florian Christl, SWSG-Projektleiter der Weissenhofsiedlung, nun im Frühjahr 2026.

Überraschender Fund im Boden der Stuttgarter Siedlung

Einerseits schön, weil man weiß, dass die Originalpläne also korrekt sind. Andererseits schwierig, weil die Fundamente natürlich auch unter Schutz stehen und der Maueraufbau dadurch komplizierter wurde. „Es musste eine Winkelstützwand entwickelt werden, weil man nicht in die Tiefe gehen konnte“, erklärt es der Architekt laienfreundlich. Nun führt ein Treppchen in den Garten, der Sockel ist frisch bepflanzt.

Die Mauer wurde an den ursprünglichen Platz versetzt, das neue Treppchen mit Tür führt in den Garten. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Das renommierte Büro Köber Landschaftsarchitektur ist fürs Grüne in der Siedlung zuständig – und muss sich mit dem Denkmalschutz abstimmen. Und die SWSG muss Rücksicht auf ihre Mieter nehmen. Die Sanierung findet im lebenden Objekt statt, die Siedlung ist kein Museum, Menschen leben da zur Miete.

Gartengestaltung und Architektur – eine Gratwanderung

Eine Gratwanderung. Denn: Die Architekten damals haben sich um Bepflanzung weniger Gedanken gemacht. Und dass das Grün immer heißer werdenden Sommern möglichst standhalten sollte, war damals auch kein Thema. „Wir wollten den Bewachs mit Fingerspitzengefühl überarbeiten. Wir versuchen so gut wie möglich auf die Wünsche der Mieter einzugehen und vieles bewahren“, sagt Riethmüller.

Würde man auf der Wiederherstellung der Originalpläne bestehen, müssten einige Bepflanzungen radikal entfernt werden. So weit geht der Denkmalschutz nicht, „das wollen wir den Mietern nicht zumuten“, sagt Riethmüller. Denn dann gäbe es wieder ein nur eingeschottertes und bekiestes Terrassenumfeld wie 1927.

Das Stuttgarter Reihenendhaus rechts verfügt auch noch über eine Terrasse. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Und eine Menge Obstbäume müssten wieder her – zumindest zeigt eines der Fotos in dem Weissenhof-Buch eine Aussicht von einem der Räume ins Freie auf Bäume. Das ist natürlich nicht geschehen. Geht man einmal ums benachbarte Behrens-Gebäude und biegt in den Hölzelweg, hat man nun aber doch etwas freiere Sicht auf die in heller Farbe gestrichene Putzfassade der Stam-Häuser auf der Hinterseite.

Ebenso wie vorne sind die Metallränder der Fenster frisch gestrichen, alle 137 Glaselemente der 39 Fenster wurden ausgetauscht, das Dach saniert. „Ein großer energetischer Effekt ist nicht erwartbar“, sagt Riethmüller. Aber es ist alles dicht und bereit fürs Weiterleben. Ein Haus sei nicht zum Angeben da, befand der Niederländer Mart Stam: „Für den, der redlich und klar denkt, ist das Haus Gebrauchsgegenstand.“ Angesichts der Forderung nach bloßer praktischer „Brauchbarkeit“ wirkt das knallende Lavendelblau an der Vorderfront fast ein bisschen exzentrisch. Wie schön.

Bilder von der Sanierung finden sich in der Bildergalerie.

Info

SWSG und Weissenhofsiedlung
Die 2019 hatte die stadteigene Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG) die Siedlung vom Bund übernommen. Kostengünstiges, funktionales, normiertes Bauen ist auch ihr Thema. 86 Wohnungen hat die SWSG in der Weissenhof- und angrenzenden Beamtensiedlung vermietet.

Denkmalschutz
Rund 2.200 Wohnungen im SWSG-Bestand stehen unter Denkmalschutz. Im vergangenen Jahr 2025 hat die SWSG im Wohnungsbestand rund 180 Millionen Euro (Instandhaltung, Modernisierung und Neubau) investiert.