Von Kerstin Heinrich, Bezirksreporterin
07.05.2026, 18:07 Uhr

Der Mord an Hanno Klein machte 1991 bundesweit Schlagzeilen: Durch eine Briefbombe wurde der Berliner getötet. Zuvor hatte er für den Bausenator die großen Deals eingefädelt. Waren es Linksterroristen? Waren es Geschäftsleute aus der Baubranche, die für den Erfolg bereit sind, über Leichen zu gehen? Bis heute ist der Cold Case ungelöst.

Berlin, 12. Juni 1991: Es ist ein leicht verregneter Mittwochabend in der kürzlich wiedervereinigten Hauptstadt. Hanno Klein, der Referatsleiter des Berliner Bausenators, der in der Aufbruchszeit nach 1989 millionenschwere Grundstücksdeals und Milliardenprojekte managte, kehrt nach einer Vernissage spät in seine Altbauwohnung in der Pariser Straße 62 in Wilmersdorf zurück. Seine Lebensgefährtin legt sich am anderen Ende der Wohnung schlafen, als Klein noch nach der Post greift und sich in sein Arbeitszimmer zurückzieht.

Kurz vor Mitternacht zerreißt eine Explosion die Stille. Dennoch wird der Tote erst am nächsten Tag blutüberströmt auf dem Fußboden vor seinem Schreibtisch gefunden. Die Polizei riegelt die Wohnung ab, die Spurensicherung nimmt ihre Arbeit auf. Doch schnell zeigt sich: Dieser Fall stellt die Ermittler vor Probleme. Wer hat Hanno Klein umgebracht?

Mord an Hanno Klein: Die Fakten zum Fall im Überblick

Fall Briefbomben-Attentat auf Hanno Klein Tat-Zeitpunkt 12. Juni 1991 am späten Abend Tatort Pariser Straße 62 in Berlin-Wilmersdorf Status bis heute ungelöst Besonderheit Opfer war Mitarbeiter des Berliner Bausenators

Hanno Klein sollte in Ost-Berlin die Bau-Politik unterstützen

Um den Fall zu verstehen, muss man gut ein Jahr vor der Tat ansetzen, genauer gesagt im Mai 1990 in Ost-Berlin. Nach den ersten freien Kommunalwahlen sandte damals der Westberliner Bausenator Wolfgang Nagel (SPD) seinen Mitarbeiter Hanno Klein in den Osten der Stadt, um den dortigen sozialdemokratischen Baustadtrat Ekkehard Kraft zu unterstützen. Der hochgewachsene, ein wenig stämmige Klein galt unter seinen Mitarbeitern als ehrgeiziger Mann; arbeitssüchtig, hochintelligent, eitel und begeisterungsfähig, aber auch hilfsbereit und lebensfroh. In Senatsdiensten stieß Klein im Berlin der Nachwendezeit auf ein rechtliches und machtpolitisches Vakuum, das er auszufüllen begann.

Der „Investorenbeauftragte“ der Senatsbauverwaltung betreute Bauwettbewerbe, vom Kulturforum bis zu Daimler-Benz am Potsdamer Platz; er bereitete wichtige Investitionsprojekte vor und die Vergabe von Baugrundstücken – wurde zum Nadelöhr für die Neuplanung der zusammenwachsenden Stadt. An ihm kam kaum ein großer Investor vorbei, der von der Wildweststimmung auf dem Berliner Baumarkt Anfang der 90er-Jahre profitieren wollte. Klein leitet die Stabsstelle Innovation mit drei Büros in Berlin. Stand er am Ende jemandem im Weg, der wenig Skrupel hatte, den Referatsleiter beseitigen zu lassen?

True Crime Das dunkle Berlin Hanno Klein

Hanno Klein wurde 1991 ermordet. Bis heute ist der Fall ungelöst.
© picture alliance | SFB

Mit Sprengstoff präparierte VHS-Attrappe explodiert in Kleins Büro

Zurück zur eigentlichen Tat: In der Nacht vom 12. auf den 13. Juni 1991 öffnete Hanno Klein in seiner Wohnung einen wattierten, an ihn adressierten Briefumschlag. Der Umschlag trug den Absender „Büchergilde Gutenberg“. Was Klein nicht wusste: Der Absender war gefälscht, der Poststempel möglicherweise auch – und der Inhalt des Päckchens, eine VHS-Videokassette, war nur eine Tarnung. Klein ahnte nichts von dem gefährlichen Inhalt, der mit viel Aufwand heimtückisch in die Kassette eingearbeitet worden war.

Der Tag hatte für den Berliner Referatsleiter wie gewohnt begonnen. Um acht Uhr früh traf er sich in seinem Büro in der Behrensstraße in Berlin-Mitte mit Vertretern aus der Baubranche; es ging um ein Projekt am S-Bahnhof Frankfurter Allee. In seinem Terminkalender stand auch ein Treffen mit dem Klingbeil-Geschäftsführer Axel Guttmann, um Details zu einem geplanten Bürohaus in Prenzlauer Berg zu besprechen. Nebenbei fand Klein Zeit, die nächste Sitzung des Koordinierungsausschusses für innerstädtische Investitionen (KOAI) vorzubereiten, bei dem es um eines seiner Lieblingsprojekte ging: die 1,8 Milliarden D-Mark schwere Bebauung eines 24 Hektar großen Areals am Spreeufer durch die kanadische Firma Horsham.

Aus unserer True-Crime-Serie „Das dunkle Berlin“

Explosion in Wilmersdorf: Hanno Klein ist sofort tot

Klein telefonierte mit Journalisten und seiner Lebensgefährtin Doris H., hielt dann Audienz mit weiteren Investoren. Am Abend besuchte er eine Ausstellung, die seine Partnerin eröffnete, trank gut gelaunt ein wenig Wein und verließ die Vernissage mit seiner Freundin und einem befreundeten Architekten, um ein Restaurant zu besuchen. Erst gegen 22 Uhr kehrte das Paar in seine Altbauwohnung in Wilmersdorf zurück, wo Klein die Post in sein Arbeitszimmer mitnahm, während sich Doris H. am anderen Ende der Siebenzimmerwohnung schlafen legte. Endlich ein wenig Zeit für sich. Als Klein den wattierten Briefumschlag dicht vor seinem Gesicht öffnet, detoniert die versteckte Bombe.

Dem Sprengstoff waren Splitter beigemengt, die wie Schrapnell durch das Arbeitszimmer flogen. Einer der Metallsplitter drang durch das Auge des Referatsleiters in sein Gehirn. Er war sofort tot. Obwohl einige Nachbarn später angaben, die Detonation gehört zu haben, wurde die Leiche Kleins erst am nächsten Morgen entdeckt. Eine Sonderkommission nahm sofort die Ermittlungen auf.

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Zuerst wurde Doris H. überprüft. Wie war es möglich, dass sie die Explosion nicht gehört hatte? Doch Untersuchungen ergaben, dass dies in der geräumigen Wohnung möglich war – und es fehlte das Motiv. Das traf auch auf die Ehefrau von Hanno Klein zu, von der er seit Jahren getrennt lebte, mit der er sich aber bestens verstand. Im Laufe der Ermittlungen sortierten die Strafverfolger nach und nach Tatverdächtige im persönlichen Umfeld des Ermordeten aus. Man konzentrierte sich nun auf das Arbeitsumfeld.

Briefbomben-Attentat auf Hanno Klein: Kein Fan von deutschen Baufirmen

Freunde hatte die schillernde Persönlichkeit Hanno Klein viele – Feinde noch mehr. Der Sohn aus reichem, hanseatischem Hause lenkte das Bauwesen der Hauptstadt „autokratisch“, wie seine Kritiker murrten. Behutsame Stadterneuerung? Klein hatte oft andere Prioritäten. Wenig konfliktscheu galt der Kunstliebhaber und Porschefahrer in Ost-Berlin für viele als Mann der Treuhand, die wertvolle Filetgrundstücke an Privatinvestoren verscherbelte. Für den „Ausverkauf der DDR“ wurde der Mann aus Niedersachsen gehasst. Ärger brachte sich Klein auch ein, weil er von den Berliner Baufirmen, der sogenannten „Westberliner Betonmafia“, nicht allzu viel hielt. Für seine großstädtische Vision von Berlin viel zu provinziell.

Klein gab meist ausländischen Investoren den Vorzug; öffnete so den Markt für internationale Akteure. Klein hatte sich viele Feinde gemacht und nie ein Problem damit, anzuecken: mit der Berliner Betonmafia etwa, oder der Ost-Baudirektion, einem Zusammenschluss von DDR-Architekten, die die Prunkbauten der SED betreut hatten. Kein Wunder, dass nach dem Attentat zahlreiche Theorien zur Urheberschaft der Bombe kursierten. Von Anfang an ebenfalls ganz oben auf der Liste der Ermittler: linksautonome Gruppen.

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Mit seinen Bauprojekten in Berlin machte sich Hanno Klein Freunde, aber auch viele Feinde.

Bild: © IMAGO | Gueffroy

Briefbomben-Attentat auf Hanno Klein: Ein Mord „für den Kommunismus“?

Hanno Klein hatte in einem Spiegel-Interview drei Monate vor seinem gewaltsamen Tod davon gesprochen, dass Berlin eine neue Gründerzeit mit „Markanz und Brutalität“ brauche. Auch „Denkmalschutz für Sozialstrukturen“ dürfe es nicht länger geben. Zwar hatte er sich als Stadtplaner früher erfolgreich für den Erhalt von Altbestand in Kreuzberg eingesetzt und meinte, vom Spiegel falsch zitiert worden zu sein. Die Worte waren aber in der Welt und tauchten nicht lange vor dem Attentat in Flugblättern der linksautonomen Szene auf.

Ein Mord mit dem Motiv Gentrifizierung? Dafür sprach, dass fünf Tage nach dem Attentat, am 17. Juni 1991, ein Bekennerschreiben bei der Deutschen Presse-Agentur (dpa) einging, in dem die Tat laut den Ermittlern als „Aktion gegen die Umstrukturierung Berlins zum Nachteil der Kiezbewohner:innen“ bezeichnet wurde. Gezeichnet: „Für den Kommunismus“. Doch es gab begründete Zweifel an der Authentizität des Schreibens.

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Eine Briefbombe sei für einen Anschlag aus der linken Szene ungewöhnlich, meinten Experten des Bundeskriminalamtes (BKA). Zudem: Das Schreiben enthielt kein Täterwissen, der Aufbau der Bombe war nicht korrekt beschrieben und im „Interim“, einem Forum der autonomen Gruppen in Berlin, distanzierte man sich von der Tat. Und das, obwohl man dort kein Problem damit hatte, frühere Taten nicht nur zu rechtfertigen, sondern auch dem linken Spektrum zuzuordnen. Und es gab einen konkreten Hinweis, der in Richtung Investoren zielte. Einen Tag nach dem Mord hatte eine Berliner Tageszeitung einen Anruf eines zuverlässigen Informanten aus der Baubranche erhalten: „Auf ein Bekennerschreiben von Terroristen braucht ihr nicht zu warten, das war jemand aus der Branche“, hieß es.

Alle Spuren wurden professionell verwischt

Eine Sonderkommission der Kriminalpolizei untersuchte nach der Tat alle Hinweise und Spuren im Arbeitszimmer des Getöteten. Nachforschungen über die Herkunft der Videokassette ergaben, dass der in Frankreich hergestellte Kassettentyp in ganz Europa vertrieben wurde. Rückschlüsse auf den Täterkreis ergaben sich dadurch nicht. Auf dem zerfetzten Briefumschlag fanden sich keine Fingerabdrücke oder andere Spuren des Täters. Die aufgeklebten Briefmarken stammten aus einem Automaten und waren nicht mit Speichel befeuchtet worden. Der Absender „Büchergilde Gutenberg“ war gefälscht. Als interessant erwies sich der – möglicherweise auch gefälschte – Poststempel. Er datierte vom Abend zuvor, vom Postamt 11 in der Möckernstraße in Kreuzberg.

Auf welchem Weg der Brief vom Postamt zur Wohnungstür Kleins gelangte, konnten die Ermittler nicht rekonstruieren. Der zuständige Postbote versicherte, er habe den Brief nicht zugestellt. Nach Aussagen von Nachbarn, die den im Türschlitz klemmenden Brief gesehen hatten, wurde er zwischen 15 und 16 Uhr am Nachmittag platziert. DNA-Analysen waren Anfang der 1990er-Jahre noch nicht verbreitet. Eine nachträgliche Spurenuntersuchung an Resten der Briefbombe aus dem Jahr 2003 konnte kein Genmaterial sicherstellen. Die Akteure des Anschlags hinterließen kaum verwertbare Spuren – ein Indiz für professionell und methodisch vorgehende Täter?

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Eine Aufnahme von Hanno Kleins Schreibtisch am Morgen nach der Tat.
© picture alliance | Peter Kneffel

Viele Theorien – keine Antworten

In den Dunstkreis der Spekulationen rund um den Tod des Referatsleiters gerieten auch Seilschaften ehemaliger Stasimitarbeiter. Klein war an der Verwertung von Grundstücken SED-naher Organisationen beteiligt gewesen. Darunter Liegenschaften, die sich in der Nachwendezeit noch im Besitz von Ex-Stasimitarbeitern befanden, deren technische Expertise sich sicher auch auf den Umgang mit Sprengstoff erstreckte. Die Handschrift des Briefbomben-Attentats erinnerte zudem an frühere Fälle, in denen von einer Stasi-Beteiligung ausgegangen wird, wie dem Mordanschlag auf einen Fluchthelfer 1982 in Bad Tölz mittels einer mit Metallsplittern versehenen Briefbombe.

Aber auch im Umfeld der Berliner Baubranche gab es ähnliche Taten. Bereits 1985 hatte es aus Kreisen der Baumafia in Berlin einen Mordversuch an einem Immobilienmakler durch einen professionellen Killer gegeben – ein Fall, der als „Schüsse in der Tiefgarage“ durch die Presse ging. Und einige Akteure in der Baubranche waren es eben auch, die am meisten vom frühzeitigen Ableben Kleins profitierten. Unmittelbar nach dem Mord wurden verschiedene Projekte nicht in dessen Sinne fortgesetzt, internationale Firmen, mit denen Klein eng kooperierte, durch heimische Baufirmen ausgebootet.

Die Ermittler des Staatsschutzes hatten nach dem Mord Kleins Büro durchsucht, waren dort allerdings wenig erfolgreich. „Die haben die vielen Akten mit staunenden Augen angeguckt, aber fast nichts mitgenommen“, erzählte einer von Kleins Mitarbeitern später. Die Abteilung Wirtschaftskriminalität der Kriminalpolizei stellte die Ermittlungen schon nach wenigen Tagen ein.

Die haben die vielen Akten mit staunenden Augen angeguckt, aber fast nichts mitgenommen.

Mitarbeiterin von Hanno Klein über die Ermittlungen des Staatsschutzes

Waren es am Ende doch Linksterroristen? Zwar hatte selbst der Staatsschutz den Bekennerbrief kurz nach der Tat als „nicht echt“ eingestuft, beispiellos waren aber auch aus diesem Kreis Mordanschläge nicht. Zehn Wochen vor Hanno Kleins Tod etwa wurde der Präsident der Treuhandanstalt, Detlev Rohwedder (58), von einem Scharfschützen der RAF in seinem Wohnhaus in Düsseldorf erschossen. Fast zwanzig Jahre nach dem Mord an Hanno Klein meldete sich 2009 ein Hinweisgeber bei der Familie, der sagte, er kenne den Mörder. Dieser sei auch am Sprengstoffanschlag der RAF 1985 auf die US-Airbase in Frankfurt beteiligt gewesen. Die Berliner Staatsanwaltschaft nahm die Ermittlungen auf – doch der Verdacht erhärtete sich nicht.

Wer hat Hanno Klein getötet? Der „Cold Case“ bleibt ungelöst

Bis heute wurden der Urheber sowie mögliche Hinterleute des tödlichen Anschlags, der Hanno Klein mit 48 Jahren gewaltsam aus dem Leben riss, nicht gefunden. Der Staatsschutz legte sich trotz anfänglicher Zweifel 1991 darauf fest, den bei der dpa eingegangenen Bekennerbrief als echt zu betrachten. Im selben Jahr wurde die Tat im Verfassungsbericht Berlins der linksautonomen Szene zugerechnet, ohne dass sich bis heute verdichtende Spuren zu einer konkreten Tätergruppe ergeben hätten. Der oder die Täter bleiben im Dunkeln.

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Hanno Klein hat Berlin durch seine Bau-Politik verändert. Wer ihn getötet hat, ist bis heute unklar.
© picture alliance/ZB | Bern Settnik

Die Ermittlungen wurden vier Jahre nach dem Briefbomben-Attentat, am 29. März 1995, durch die Staatsanwaltschaft eingestellt. Da Mord nicht verjährt, bleibt das Verfahren nach Angaben der Berliner Generalstaatsanwaltschaft aber „weiter anhängig“. Dabei erfolgt alle drei Jahre „eine Wiedervorlage, um zu überprüfen, ob sich neue Ermittlungsanhalte ergeben“, so der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft, Sebastian Büchner. Die Möglichkeiten, ohne Hinweise auf neue Ermittlungsansätze zu stoßen, gebe es derzeit allerdings nicht. Sie hat eine Gedenkseite für Hanno Klein mit weiteren Details zu dem Fall eingerichtet. Dort können sich Hinweisgeber auch melden.