Der Vormittag dürfte für Münsterkantor Vincent Knüppe recht wuselig gewesen sein. Insgesamt 87 Kinder aus drei Grundschulklassen der Vitus-Schule hat er nacheinander in drei Gruppen zur Orgelführung im Münster begrüßt. Im Gespräch mit den jungen Gästen hat er gezeigt, wie die Chororgel im Altarraum funktioniert. Später bestiegen alle die Orgelempore im hinteren Kirchenraum. „Die Resonanz war fantastisch. Die Kinder sind sehr offen und neugierig auf die Orgel gewesen“, schwärmt der Kantor. Die Vorstellung der Königin der Instrumente hat ihm offenbar ebenso viel Freude bereitet wie der jungen Zuhörerschaft.

Mittags empfängt er mit dem Vokalensemble der Bischöflichen Marienschule und dessen Leiterin Charlotte Mayer eine musikalisch gut vorgebildete Gruppe. Tags zuvor hat der Chor zur Erstkommunion im Münster gesungen. In den Wochen zuvor nahmen Oberstufenschüler und -schülerinnen des Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Gymnasiums sowie die Kommunionkinder aus der Pfarre an einer Orgelführung teil. Damit haben bisher rund 150 Kinder und Jugendliche das Angebot als Teil eines perspektivisch angelegten Projekts erlebt.

Schulen sollen mit den Kindern Musik erleben

Knüppe will darüber die Verbindung zwischen den Schulen in der Innenstadt und der Pfarre St. Vitus stärken. Er hofft, so junge Menschen für die Orgel sowie für das musikalische Leben zu begeistern und vielleicht auch Verstärkung für die Gladbacher Singschule zu gewinnen.

Die besteht als Kooperation zwischen der Pfarre und der Musikschule Mönchengladbach. Er wolle keine Monologe halten. Daher sei ihm wichtig, die Inhalte in Gesprächen zu entwickeln, sagt der Münsterkantor. So ließen sich Aspekte aus dem Schulunterricht einbeziehen. Als Themen böten sich etwa Musiktheorie, -geschichte und -praxis an wie auch Funktionen der Orgel in der Liturgie, als Soloinstrument und in der Chorbegleitung.

Nach einer Stippvisite an der Chororgel besteigt auch das Vokalensemble der Marienschule die Empore zur Rieger-Orgel. Einem Mädchen fällt sogleich das umgekehrte Verhältnis von schwarzen und weißen Tasten auf. Sie erfährt, dass dieser Rückgriff auf eine früher verbreitete Aufteilung beim Bau der Orgel eine Geschmacksfrage war.

Die Gruppe interessiert sich für die Register. Die Jugendlichen nicken zustimmend zur Erklärung, dass die langen Pfeifen tief klingen und der Ton umso höher klingt, je kleiner die Pfeife ist. Eine Jugendliche vermutet zu Recht, dass dies mit den Schallwellen zu tun hat. Knüppe bespielt das Pedalwerk mit hellen Sneakern an den Füßen. Ein Teil seiner Gäste weiß auch ohne Erklärung, dass er üblicherweise spezielle Orgelschuhe trägt.

Der Kirchenmusiker zeigt, wie er Klangfarben durch die Kombination von Registerzügen und dem Spiel auf den Manualen beeinflusst. Er lässt mehrere Register zusammenspielen, legt ein paar Obertöne obendrauf und steigert schließlich zum vollen Orgelklang. Er lässt die sogenannten Horizontaltrompeten eine festliche Fanfare schmettern. „Die Orgel ist wie ein riesiger Farbtopf. Der Organist muss schauen, dass die richtigen Farben zusammenkommen“, sagt er. Die Jugendlichen erfahren, dass jede Orgel ihren Stil hat, der auch vom Zeitgeschmack abhänge.

Hannah ist begeistert von den Orgeln im Münster

„Jeder Orgelbau ist eine bewusste Entscheidung“, so der Kantor. In welchem Alter er zum Orgelspiel gefunden habe, wird der Musiker gefragt. „Mit 13 Jahren. Vorher habe ich bereits Klavierunterricht gehabt.“ Der Kantor der Heimatpfarre habe ihn „angefixt“, lautet die Antwort. Zum Ende hin bittet Knüppe um Vorschläge für eine Improvisation. Gewünscht werden der Hochzeitsmarsch und ein Vivaldi-Thema.

Vom Ergebnis sind alle begeistert, so auch Hannah. Sie hat Vivaldi vorgeschlagen. Sie spielt seit sechs Jahren Geige, seit etwa vier Jahren außerdem Klavier und seit Februar auch Orgel. „Mir hat die Orgelführung sehr gut gefallen. Besonders die Improvisation“, schwärmt die Gymnasiastin. Sie habe eine Menge dazu gelernt über die Orgelpfeifen und den gesamten Aufbau der Orgel. „Wenn du Lust hast, mal auf der Orgel zu spielen, kannst du gerne kommen“, bietet Knüppe ihr an. Vielleicht wird auch Hannah eines Tages von einer prägenden Begegnung mit einem Kantor berichten.