Aufatmen am Landgericht Stuttgart: Es fällt das – zumindest vorerst – letzte Urteil, das mit der Schuss-Serie im Raum Stuttgart zu tun hat. Angeklagt ist ein 26-Jähriger. Er soll Ende Januar 2025 in einem Imbiss in Stuttgart-Möhringen auf einen anderen Mann geschossen haben. Dieser wurde unter anderem im Bauchbereich verletzt. Das Opfer soll einer der beiden Gruppierungen angehören, die sich seit 2022 in der Region Stuttgart gewaltsam bekämpfen. Der mutmaßliche Schütze wird der anderen Gruppierung zugerechnet.
Angeklagter verteilt Kusshändchen
Mit Handschellen kommt der Angeklagte am vorletzten Verhandlungstag in den Gerichtssaal. Er winkt in Richtung Zuschauerbereich, verteilt Kusshändchen. Die meisten Prozessbeobachtenden sind vermutlich Verwandte und Freunde von ihm.
Das letzte Wort des Angeklagten fällt kurz aus: „Ich schließe mich meinem Verteidiger an.“ Der hat für seinen Mandanten Freispruch gefordert. Die Staatsanwaltschaft will den Angeklagten wegen versuchten Mordes für neun Jahre hinter Gitter sehen.
Stuttgart

Noch nie wurde im Land so lange ermittelt: Seit zwei Jahren jagt das LKA zwei Stuttgarter Banden. Über 120 Jahre Haft wurden verhängt – aber die Schuss-Serie geht weiter. Warum?
Do.3.4.2025
20:15 Uhr
Zur Sache! Baden-Württemberg
SWR BW
Zwei gewaltbereite Gruppen bekämpfen sich
Es beginnt im Sommer 2022: In der Region Stuttgart bekämpfen sich zwei multi-ethnische Gruppierungen bis aufs Blut. Die Polizei geht von mehr als 550 jungen Männern aus. Der Auslöser der Attacken? Beim Landeskriminalamt (LKA) vermutet man, dass es irgendwann wohl zu persönlichen Ehrverletzungen gekommen sei. „Und man dann so aus einer falsch verstandenen toxischen Männlichkeit raus und aus so kruden Ehrvorstellungen dann angefangen hat, einander anzugreifen“, sagt LKA-Sprecherin Lisa Schröder.
Es sind keine straff organisierten Banden, die sich bekämpfen, sondern eher diffuse Gruppen, in denen man sich von früher kennt. Gemeinsam ist ihnen nach LKA-Einschätzung offenbar ein besonderes Motto: Crime as lifestyle.
Verbrechen als Lebensgefühl, da werden Ideale aus Gangster-Rap und und so weiter ausgelebt.
Der Konflikt wird auf offener Straße ausgetragen – in Stuttgart und den Landkreisen drum herum. Immer wieder sind Gaststätten oder Bars der Schauplatz, weil die Täter dort Mitglieder der Gegengruppierung vermuten. Ein Mann stirbt, viele andere werden zum Teil schwer verletzt. Ein Opfer ist querschnittgelähmt, ein anderes im Wachkoma.
Handgranatenwurf und tödliche Schüsse
Die meisten Verletzten – mindestens 15 – gibt es bei einer Beerdigung in Altbach (Kreis Esslingen). Dort schleudert im Juni 2023 ein Mann eine Handgranate auf eine Trauergesellschaft von rund 300 Menschen. Wäre die Handgranate nicht von einem Baum abgelenkt worden, hätte es vermutlich viele Tote gegeben.
Im Oktober 2024: Überfall mit einer Maschinenpistole auf eine Bar in Göppingen (Kreis Göppingen). Die Aktion dauert nur rund zehn Sekunden. Ein Mann stirbt, zwei weitere werden verletzt. Sie haben mit der gewalttätigen Auseinandersetzung nichts zu tun. Der Schütze hat den Getöteten offenbar mit einem Mitglied der gegnerischen Bande verwechselt.
Schuss-Serie: Razzien und viele Festnahmen
Die Gewalt versetzt viele Menschen in der Region Stuttgart in Angst und Schrecken. Polizei und LKA reagieren mit Razzien und vielen Festnahmen auf die Schuss-Serie. Teilweise sind bis zu 200 Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte mit diesem Phänomen beschäftigt.
92 Männer werden festgenommen. „Momentan ist es so, dass wir durch unsere Ermittlungserfolge die Rädelsführer im Wesentlichen hinter Schloss und Riegel haben und sich deswegen die Lage mal ganz massiv beruhigt hat“, bilanziert Lisa Schröder vom LKA.
Landgericht Stuttgart: Über drei Jahre lang Prozesse
Schwerstarbeit auch am Landgericht Stuttgart. Dort landen die meisten Fälle im Zusammenhang mit der Schussserie. Seit März 2023 finden dort 21 Verfahren in erster Instanz mit insgesamt 43 Angeklagten statt. Es gibt fast 240 Verhandlungstage. Viele Richterinnen und Richter sind überlastet, beklagt Gerichtssprecher Timur Lufullin. „Das mussten dann andere Kolleginnen und Kollegen auffangen, das wiederum riss Lücken dort auf.“
Auch die anderen Justizmitarbeitenden stoßen durch die Prozesse an ihre Grenzen. „Wir hatten hier viele Tage, da gab es dann zwei oder drei Verhandlungen gleichzeitig“, erklärt Gerichtssprecher Timur Lufullin. „Es saßen dann Angehörige der verfeindeten Gruppierungen unten in der Gewahrsamszelle, teilweise Tür an Tür nebeneinander.“ Großeinsatz deshalb für die Wachtmeisterinnen und Wachtmeister am Gericht, teilweise war auch noch Polizei zur Absicherung da.
Strafen: Insgesamt rund 140 Jahre Gefängnis
Das Landgericht verhängt insgesamt rund 140 Jahre Freiheitsstrafe. Am meisten bekommt der Handgranatenwerfer von Altbach: zwölf Jahre. Der Todesschütze von Göppingen wird zu einer Jugendstrafe von acht Jahren und neun Monaten verurteilt. Einige Angeklagte werden freigesprochen – man kann nicht mit Sicherheit nachweisen, dass sie bei den Angriffen dabei waren.
Denn ähnlich wie bei der Mafia gilt offenbar auch bei den multi-ethnischen Gruppierungen eine Art Schweigegelübde – für Täter und Opfer. Die letzten Worte „Ich schließe mich meinem Verteidiger an“, sind da fast schon eine Ausnahme.